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Philosophischer HipHop? Gereimte Selbsterkenntnis? Wenn man das erste Mal Shaban und Käptn Peng hört, weiß man zunächst gar nicht genau, was einen da gerade getroffen hat. Der Körper groovt noch unwillkürlich nach, während der Kopf nach wie vor versucht, mit der Informationsdichte des Textes fertig zu werden. HipHop mit solcher philosophischen Tiefe und musikalischer Gewandtheit hat man im deutschen Sprachraum schon lange nicht mehr hören dürfen. Grund genug, den beiden mal ein paar Fragen zu stellen.

 

Eure Texte haben einen für den aktuellen deutschen Sprechgesang ungewöhnlichen philosophischen Tiefgang. Der Grund dafür liegt anscheinend vor allem in der Lebensgeschichte von Käptn Peng und einer Grenzerfahrung, die zu der Einsicht geführt hat, die er in OHA als: „Ich bin der Fluss, nicht das Floß!“ umschreibt. Kannst Du ein bisschen was dazu sagen?

Peng: Hm. Der Kollaps, der in dem Lied OHA beschrieben ist, geschah in meinem Leben eher schleichend. Er geschieht immer noch. Eine Art positiver Zusammenbruch der Identifikation mit meinem Verstand. Ein wenig als würde das Holodeck von StarTrek entdecken, dass es ein Holodeck ist und nicht der Inhalt, den es jeweils anzeigt.

 

Die im Text beschriebe Erfahrung, gab es also so gar nicht? Wie viel Biografie und wie viel Phantasie steckt denn überhaupt in deinen Texten?

Peng: Die Erfahrung gibt es schon, nur geschieht sie in Zeitlupe. Mein Verstand kündigte mich langsam.
Die Erkenntnis mit dem Fluss und dem Floss muss ich immer wieder machen, danach ist nicht der Knoten geplatzt und fertig ist meine Befreiung. Außerdem ist die Feststellung „ich bin der Fluss nicht das Floß“ von mir ja auch nicht ganz korrekt. Man kann ja auch nicht sagen Licht ist eine Welle und kein Teilchen. Es ist beides je nach Perspektive der Messinstrumente. So ist es mit mir auch. Aus der einen Perspektive bin ich Fluss aus der anderen Floß und aus wieder einer Andern beides und aus wiederum einer Anderen keins von beiden sondern der leere Raum dazwischen. All dass ist gleichzeitig gelogen und gleichzeitig wahr. Deswegen ist Hiphop über Selbst-Realisation auch eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen. Ich komme mir dabei auch nicht selten blöd vor. Auf der anderen Seite ist es großartig, weil ich mich damit im Grunde über mich selbst lustig machen kann. Und so etwas hilft mir, meine Struktur aufzuweichen und flexibler zu werden.

 

Es scheint tatsächlich immer mehr Menschen zu geben, die durch Grenzerfahrungen in der einen oder anderen Form aufwachen. Bestand bei dir schon vor der Erfahrung ein spirituell-philosophisches Interesse oder kam das erst mit dem Erlebnis?

Nein, zuerst hat sich nur mein Verstand mit all dem beschäftigt, durch Literatur z.B. Und der hat dann versucht meinen Körper zu überzeugen, auch mitzumachen.

 

Käptn PengGeht es dir musikalisch mehr darum, Erlebtes zu verarbeiten, oder soll eure Musik auch einen aufrüttelnden Charakter haben? Werbistich transportiert ja doch sehr offen die Aufforderung, aufzuwachen. Ist das der Soundtrack zur Bewusstseins-Revolution?

Peng: Werbistich ist eigentlich kein Aufruf an andere sondern ein Dialog, den ich mit mir selbst führe. Ich bin ja auch in dem Video zweimal vorhanden und fordere mich quasi selbst auf. Eigentlich rufe ich niemanden zu nichts auf. Ha. Das stimmt ja sogar im doppelten Sinne. Ich rufe zum Nichts auf. Auf der anderen Seite rufe ich natürlich alle auf, sofort damit anzufangen aufzuhören. Und zwar mit dem Mist. Hört mit dem Mist auf, echt. Mist ist mist. Viel toller ist das Tolle. Eigentlich recht simpel.

Shaban: Ehrlich gesagt denke ich bei diesem Projekt weniger an eine bestimmte Wirkung, die wir erzielen könnten. Die Arbeit an Peng macht wahnsinnig Spaß, und das steht an erster Stelle. Als wir angefangen haben die Sachen ins Netz zu stellen, war ich eher überrascht, dass es so gute Reaktionen gab.

Würdet ihr euch überhaupt als spirituelle Menschen bezeichnen? Glaubt ihr an sowas wie einen kollektiven/evolutionären Prozess der Menschheit – hin zu mehr Bewusstsein? Und wenn ja: Meint ihr, Kunst könnte in diesem Prozess als Katalysator wirken? Derzeit werden ja sehr wenig Inhalte transportiert.

Peng:Für mich ist Kunst Spiegel, Boxsack, Kerker, Befreiung, Nahrung, Selbstmord, Kontemplation, Schlachtfeld und Sex in einem. Am besten aber funktioniert Kunst für mich als Katapult. Ich setze mich hinein und löse die Seile, um mich ich mit 800kmh Schleudergeschwindigkeit über die Burgmauern des inneren Königreiches in die Nacktheit des eigenen Ausdrucks zu befördern. Dies ist so spaßig wie schmerzvoll.
Für mich gibt es 2 Arten von Kunst. Die Direkt-Kunst ohne denken und die Plan-Kunst mit denken. Entweder man plant und feilt daran, bis es stimmig ist. Oder man kackt in den Raum und formt eine Skulptur daraus um den Kreislauf der Energie zu verdeutlichen, der durch das Bewusstsein geformt wird. Dies gehört zur Direkt-Kunst, weil man es so unerhört schnell machen muss, dass man selbst nichts davon mitbekommt, da einen sonst der Verstand sagt, dass man sie nicht mehr alle hat. Wenn auch nur zwei Sekunden vergehen zwischen Idee und Ausführung, ist man schon umzingelt von Gedanken, die einem Beweisen, dass das ja wohl die bescheuertste Idee seit der Erfindung der Atombombe ist. Obwohl, die Erfindung der Atombombe war, wirklich eine wahnsinnig bescheuerte Idee. Und danach wurden auch noch die Wasserstoffbombe und die Zar-bombe erfunden, welche Ideen sind die in ihrer Essenz meiner Meinung nach so Maßlos bescheuert sind dass es fast schon wieder faszinierend ist. Auf jeden Fall ist Kunst nur dann Katalysator, wenn jemand das will. Ich kann noch so tolle Kunst machen. Wenn du keine Resonanz damit hast, rauscht das tollste Orchester an dir vorbei und gibt dir gar nichts.
Vielleicht auf feinstofflicher Ebene aber da bin ich noch nicht sensibel genug um so was zu beantworten.

Shaban: Ich würde mich als agnostisch bezeichnen, allerdings nicht im engen Sinne auf die katholische Kirche bezogen. Ich glaube viel, und ich versuche, neuen Theorien offen gegenüberzustehen, aber wenn mir einer erzählt, wie das genau aussieht mit der jeweiligen Spiritualität bin ich eher skeptisch, denn derjenige kann unmöglich alles genau wissen.
Ich glaube zum Beispiel gerne, als Optimist, dass der Mensch noch eine geistige, evolutionäre Stufe zu erklimmen hat und dass eine gute Chance besteht, dass er dies auch tut. Und ich denke, dass Kunst da auf jeden Fall helfen kann. Vor allem denjenigen, die sie schaffen.

 

Könnt ihr generell was zu eurem philosophischen Hintergrund sagen?

Peng: Mein Hintergrund ist nicht philosophisch sondern ausschließlich praktisch. Philosophie ist aber nun mal etwas ungemein Praktisches. Man kann mit ihr seine komplette Lage durch einen vergleichsweise kleinen geistigen Perspektivwechsel fundamental verändern.

Shaban: Mein Steckenpferd ist eher Geschichte. Aber ein Philosoph, der mich sehr beeindruckt hat, ist Robert Anton Wilson mit seinem „Cosmic Trigger“ – einer der Meister der Grenzgänge und -erfahrungen…

 

Die Musik vereint viele Einflüsse, die darauf schließen lassen, dass hier kein reiner Hip-Hop-Produzent am Werk ist. Was hast du vorher gemacht Shaban? Welche Einflüsse habt ihr?

Shaban: Meine Anfänge in der elektronischen Musik liegen nicht so weit weg von Hip Hop. Für mich war Drum`n´Bass die erste große Liebe. Allerdings hab ich irgendwann herausgefunden, dass Musik mehr ist als nur eine Richtung. Ich mach zum Beispiel Film- und Bühnenmusik. Da kann ich meine experimentelleren Triebe ausleben. Mein Traum als Komponist ist, mich möglichst vielfältig zu betätigen und mich immer neuen Herausforderungen zu stellen, Projekte, wo man am Anfang sagt „Gott das kann ich ja gar nicht“, und wo man sich immer wieder beweisen kann, dass man es eben doch kann und schafft.

Ihr seid ja fast schon ein Multimedia-Projekt: Eure Videos stehen vom Niveau her gleichwertig neben der Musik. Seht ihr euch auch so, oder ist der Fokus klar auf der Musik und die Videos sind eher ein Spaß-Projekt? Glaubt ihr, dass Kunst langfristig ganz generell multimedial wird?

Peng: Kunst verändert sich durch Youtube glaube ich schon. Ich kann da viel Positives darin sehen. Manche meinen, die schnelle Verfügbarkeit entkräftigt die Kunst, aber ich glaube, dass das eine Frage des Konsumenten ist. Man hat den Überfluss und muss seinen Konsum nun selbst dosieren. Verantwortung liegt eher bei einem Selbst als zu alten Fernsehtagen.

Shaban: Mutimedialität ist selbstverständlich ein wichtiger Faktor im Kunstschaffen geworden aber ich glaube nicht, dass es da absolut wird. Es wird auch immer maler geben die Bilder malen – ganz analog quasi – und damit nach wie vor Herzen berühren können oder den Maler beim Schaffen berührt haben und damit vollwertig „wichtige“ werke sind.

 

Ich habe euch über Facebook gefunden. Welche Rolle spielen soziale Netzwerke für euch?

Shaban: Für Leute wie uns sind Plattformen wie Myspace, Facebook und youtube ein großes Glück. Wir haben bis jetzt weiter nichts gemacht, als unsere Sachen dort online zu stellen und wir haben nur darüber Reaktionen und Einladungen zu Konzerten, ohne Management oder Label. Sicher ist die Flut von Angeboten riesig, aber man hat zumindest die Chance, gehört zu werden. Und man muss nicht immer ein Demotape mit sich rumschleppen für den Fall man trifft mal wen, man kann einfach seine url oder ein Schlagwort weitergeben und wer immer kann in Ruhe reinhören/-schauen, wenn’s passt und interessiert.

 

Die schauspielerischen Qualitäten von Herrn Peng in euren Videos sind nicht zu übersehen. Machst Du auch was in der Richtung?

Peng: Ja, ich spiele tatsächlich schau. Unter dem Synonym Robert Gwisdek.

 

Was habt ihr noch vor mit eurem Projekt?

Peng: Nichts. Das soll das Projekt mal schön selber machen.

 

Links:

Shaban & Käptn Peng auf Facebook

Shaban & Käpn Peng Videokanal auf youtube

 

3 Responses

  1. ich

    „HipHop mit solcher philosophischen Tiefe und musikalischer Gewandtheit hat man im deutschen Sprachraum schon lange nicht mehr hören dürfen.“ Besser kann man es nicht beschreiben 😉

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  2. YvA | Yvelle

    Wundergeiles Inter_View von dir latent durchwoben, Daniel. Gracias. An Euch alle drei Ausrufezeichen 😉 Und 1001 tiefste Grüsse an beide MusiKanten. Der Cover-Gutschein liegt noch in meiner Mühle 😉

    Und der letzte Satz von Peng ist ent_scheidend auf die Frage „Was habt ihr noch vor mit eurem Projekt?“ So Peng: Nichts. Das soll das Projekt mal schön selber machen.

    Ahhhh! Yes. Unterschrieben… mit meinem Sperma, Blut und meinem Schweiß. Ätherisch. YvA 010

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