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Schweizer Forscher entwickeln den Dental-Werkstoff der Zukunft für einen verträglichen Zahnersatz

Ob Holz, Bernstein, Eisen oder Metalle aller Art – seit Jahrtausenden sucht der Mensch nach dem idealen Stoff für einen verträglichen und gleichzeitig unverwüstlichen Zahnersatz – jetzt haben Schweizer Forscher das mundgerechte Material entdeckt, das die Zahnmedizin revolutioniert. Der Werkstoff Zirkonoxid ist weiß wie Schnee, fest wie ein Diamant und körperverträglich wie Quellwasser.

Dass ich jetzt wieder richtig zubeißen kann“, sagt Gisela Uhlich, „kommt mir beinahe wie ein Wunder vor.“ Dabei zeigt die Berliner Pensionärin ihr strahlendes Gebiss. Zehn Jahre lang hatte sie Abend für Abend kieselsaure Tonerde auf ihre geschwollene rechte Wange gelegt, damit die Schmerzen erträglich waren. Auslöser für das Martyrium waren zwei Metallbrücken im Oberkiefer. Als dann noch ein permanenter Piepton im Ohr dazu kam, reagierte Gisela Uhlich. Sie ließ sich das Metall entfernen und setzte auf eine High-Tech-Vollkeramik der neuen Art.

Die 70jährige ist eine der ersten Deutschen, die sich ihre Zähne mit einem brandneuen Werkstoff restaurieren ließ. Das Verfahren, das nach übereinstimmender Expertenmeinung das post-amalgame Zeitalter einläutet, kommt aus den Labors der Eidgenössischen Technischen Hochschule und zeichnet sich durch eine bisher bei keramischen Werkstoffen für Zahnersatz nicht dagewesene Festigkeit und Bruchzähigkeit aus.

„Das ist endlich die Lösung für die immer größer werdende Zahl von Menschen“, sagt Professor Peter Schärer, „die sich einen metallfreien, besonders bioverträglichen und gleichzeitig hochästhetischen Zahnersatz wünschen.“ Der frühere Leiter der Zahnersatzkunde an der Züricher Universitätszahnklinik machte den Einsatz der Hochleistungskeramik Zirkonoxid in der Zahnmedizin möglich.

Der ganz besondere Stoff für Extremsituationen ist in der Wissenschaft nicht unbekannt: er steckt beispielsweise in den Hitzeschilden des Space Shuttle, in den Bremsscheiben von Sportwagen oder in den Kugelköpfen von künstlichen Hüftgelenken. Dass die biegefeste und fast unzerstörbare Keramik jetzt vom Weltraum in den Mundraum wandern kann, ist einer computergestützten Bearbeitungstechnik zu verdanken, die das Team um Prof. Schärer in sechs Jahre langer Forschungsarbeit entwickelte. Der Hanauer Konzern Degussa Dental brachte dieses Verfahren nun zur Marktreife.

Dabei bestand die fast unlösbar erscheinende Aufgabe darin, eine Form aus einem extrem festen Material herauszuschneiden.
„Das ist, wie wenn ein Bildhauer einen Engel aus dem Stein holt“, wie es Degussa-Sprecher Ralf Gotter, ausdrückt, „nur viel schneller und präziser.“ Schärers Mannschaft löste die Herausforderung der besonders filigranen Strukturen im zahnmedizinischen Bereich auf elegante Art.

So wird die vergrößerte Rohform der zu schaffenden künstlichen Zähne aus einem kreideweichen Zirkonoxid-Rohling computergesteuert heraus gefräst. Anschließend wird das Kronen- oder Brückengerüst bei einer Temperatur von rund 1.350 Grad in einem Ofen zusammengebacken. Bei diesem „Sintern“ schrumpft die Brücke oder Krone exakt auf die gewünschte Größe. Während die bisher in der Zahnmedizin verwendeten Keramikgerüste meist nach einigen Jahren auseinanderbrachen, kann das extrem feste „weiße Gold“ auch die auftretenden hohen Kaukräfte im Front- und Seitenzahnbereich locker aushalten. „Wir sind jetzt endlich in der Lage“, freut sich der Berliner Zahnarzt Axel Meier, „äußerst stabilen Zahnersatz rein aus einer Vollkeramik anfertigen zu können.“
Meier war der erste Zahnmediziner zwischen Nordsee und Alpen, der das neue, rund 55.000 Euro teure Zirkonoxid-Verarbeitungssystem in sein Praxislabor integrierte.

Eine erfolgreiche Investition, so scheint es – denn inzwischen pilgern viele Patienten zum Teil aus hunderten Kilometern Entfernung in die Meiersche Praxis in die Neuköllner Schillerpromenade, um sich ihre metallenen Kronen und Brücken durch den neuen Dental-Werkstoff ersetzen zu lassen. Doch nicht nur die hohe Haltbarkeit, die Ästhetik und die reduzierte Plaqueanhaftung machen die Hochleistungskeramik so begehrt, sondern vor allem ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit.

„Im Gegensatz zum herkömmlichen Metall gibt es beim neuen Material weder einen Allergiefall zu verzeichnen noch eine krankmachende Wechselwirkung mit Metallen in bereits vorhandenem Zahnersatz“, betont Meier. Für den Arzt steht jetzt schon fest, dass „in fünf Jahren keiner mehr Metall im Mund haben will“.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde (DGÄZ) stößt ins gleiche Horn. „Wir gehen einer neuen Ära entgegen“, sagt deren Präsident Dr. Diether Reusch, „Metall wird verschwinden.“ Nicht nur für ihn sind Metalle wie Amalgam gefährliche Zeitbomben, die bei anfälligen Patienten schwerste Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson auslösen können. Nach Ansicht der Patientenhilfe „Dritte-Zähne“ e.V. kann metallener Zahnersatz von Kopfschmerzen über Zungenbrennen, stetige Müdigkeit, häufig wiederkehrende Infektionen bis zu Allergien eine ganze Palette von Krankheiten auslösen. „Deshalb“, so Sprecher Hans-Peter Keller, „müssen die Menschen dringend über alternative gesundheitsverträgliche Materialien informiert werden.“

Werkstoffexperten schwärmen derweil von der niedrigen Wärmeleitfähigkeit des Zirkonoxids. „Die Keramik wirkt exzellent isolierend“, meint Professor Klaus Dermann von der Freien Universität in Berlin. Daher müsse der Patient keine unangenehmen Empfindungen bei heißen oder kalten Speisen und Getränken befürchten.

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 Noch aber sind die Metalle vorherrschend in den deutschen Zahnarztpraxen. Die Bundesbürger, so seriöse Schätzungen, tragen rund 500.000 Kilogramm davon in ihren Gebissen. Acht von zehn Patienten haben Amalgam-Füllungen. „Bei manchen Patienten“, erzählt Axel Meier, „zähle ich bis zu zehn verschiedene Metalle in den Zähnen.“
Doch der Trend weg vom Metall ist klar erkennbar. Nach Angaben des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK Health Care verzeichneten die Zahnmetallhersteller in den letzten Jahren einen starken Rückgang. Demgegenüber stieg die Nachfrage für Keramik in den letzten fünf Jahren um etwa den gleichen Anteil.

Wer sich eine moderne Vollkeramik aus der Zukunft anschaffen will, muss bislang noch in die eigene Tasche greifen. Denn für die Krankenkassen ist der Zahnersatz aus dem „weißen Gold“ noch purer Luxus. „Wir sind sicher“, sagt Degussa-Sprecher Gotter, „dass die Patienten künftig bei entsprechender Aufklärung über den Nutzen aber auch selbst in dieses Mehr an Verträglichkeit investieren werden“.
Die Rechnung könnte langfristig aufgehen – denn die Patienten müssen bislang auch für eine herkömmliche Krone oder Brücke aus Metall in der Regel einen großen Anteil selbst bezahlen.

Die Zahnlaboratorien im Lande setzen jedenfalls mehr und mehr auf den unter Volldampf stehenden Zirkonoxid-Zug. Waren im Januar dieses Jahres gerade einmal 13 Cercon-Systeme im Einsatz, so kletterte die Zahl im Oktober auf über 200; Tendenz steigend.

Die Berliner Pensionärin Gisela Uhlich erfreut sich inzwischen ihres zahnmetallfreien Lebens. „Ich habe auf ein neues Auto verzichtet“, sagt die alte Dame, „und mir gerade ein völlig neues Gebiss aus Vollkeramik machen lassen.“

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