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„Und er sprach: Ihr wachst in Eurem Schlaf, und reicher ist euer Leben, wenn ihr träumt. Denn alle eure Tage verbringt ihr mit Danksagung für das, was ihr in der Stille der Nacht erhalten habt.
Oft nennt ihr die Nacht eine Zeit der Ruhe; in Wirklichkeit ist sie die Zeit des Suchens und Findens. Der Tag schenkt euch Wissen und lehrt eure Hände die Kunst des Empfangens ; doch es ist die Nacht, die euch zur Schatzkammer des Lebens führt. Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht. Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.“
Khalil Gibran

Ich überschlage mich mit meinem offenen Auto, werde rücklings auf das Pflaster geschleudert, das mich beim Aufprall sanft wie eine Hängematte auffängt. Am Straßenrand begrenzen grau und gelb gestrichene Pylonen die Fahrbahn.
Dieses war mein erster in einer langen Reihe von aufgezeichneten Träumen, die ich, auf der Intensivstation liegend, handschriftlich niederschrieb. Ich hatte mit 49 Jahren einen Herzinfarkt erlitten und stand nun vor der Frage, ob und wie es weitergeht.

Erst Freud und dann C.G.Jung waren damals meine ständige Lektüre – immer wieder ein ungewohntes Bild für die Ärzte und Pfleger, wenn sie an mein Krankenbett traten. Ich konnte nicht ahnen, dass ich mit diesen ersten Aufzeichnungen den Grundstein legte für einen total neuen Lebensabschnitt, der mich im Nachhinein diese Krise als die wichtigste Phase meines Lebens erkennen ließ.
Damals lernte ich die Psychotherapeutin Ortrud Grön kennen, die mir behutsam und liebevoll, dabei methodisch sehr präzise half, das Geheimnis der Traumbotschaften zu entschlüsseln. Ortrud Grön leitet eine Rehabilitationsklinik für Herz-Kreislauf- Erkrankungen an den Osterseen und hat sich seit über dreißig Jahren der Erforschung der Träume gewidmet. Ihre therapeutische Arbeit besteht hauptsächlich in einfühlsamen Fragen, und meine Antworten lösten bei jedem verstandenen Traum neue Aha – Prozesse und tiefgreifende Erkenntnisse aus.
Heute, nach jahrelanger Arbeit an den Träumen – es ist schwere, Konzentration erfordernde Arbeit von ca. 1 bis 2 Stunden pro Traum – kann ich mir den Tag ohne die Weisheit und Offenbarung der Nacht nicht mehr vorstellen.

Träume versteht man am ehesten, wenn man offenen Auges durch die Welt geht. Denn in der ganzen Schöpfung spiegelt sich der Mensch, oder auch die Schöpfung spiegelt in allen Facetten das Wunder, das in uns verborgen ist. Der Traum nutzt alle Phänomene der Wirklichkeit in seiner Gleichnissprache, die eine vielschichtige Sprache ist. Es ist daher wichtig, sie ausschöpfen zu lernen. Wasser, Luft, Sonne und Erde spiegeln in ihrem Zusammenwirken die lebendige Entwicklung des Menschen. „Der Mensch lebt offenbar davon, die Gesetze der Natur auf der geistigen Ebene nachzuvollziehen“, so Ortrud Grön in ihrem Buch „Das offene Geheimnis der Träume“.Das Farbspektrum, wie wir es in der Natur erleben, ist ein weiterer wichtiger Aspekt zum Verständnis unserer Träume. Was ist Rot? Zunächst ist Rot die Farbe unseres Blutes. Das nächste, was uns zu Rot einfällt, ist die rote Rose. Rot ist also das Leben, das Herz der Dinge, die Vitalität unserer Gefühle, der Eros. Blau, wie wir es am Himmel sehen, ist der Bereich, in dem sich unsere Ideen und Gedanken leicht, unbeschwert und beflügelt bewegen können. Grün ist die Farbe der Pflanzenwelt. Ohne Pflanzen gäbe es keinen Sauerstoff zum Atmen. Immer also wenn Grün im Traum eine Rolle spielt, geht es um das Aufnehmen von Sonnenlicht, um das Erkennen von Harmonie. Jedes Kind malt die Sonne mit einem kräftigen Gelb im Zentrum, von dem Strahlen ausgehen. Licht und Wärme vermitteln uns die Harmonie, die wir zum Leben brauchen. Bleibt die Sonne Tage lang verdeckt, hat das häufig einen spürbaren Einfluss auf unsere Stimmung. So steht Gelb für die Harmonie und Wärme, die wir in unserem Leben brauchen, um uns wohl zu fühlen.Die wohl bemerkenswerteste Entdeckung in Ortrud Gröns Traumarbeit war das Aufspüren einer in jedem Traum angelegten Struktur. Jeder Traum ist in aufeinander folgende Bilder aufgeteilt, meistens sind es drei. Konsequent und logisch entwickelt sich die Aufeinanderfolge der Bilder. Im ersten geht es immer um die Wahrnehmung des gestörten Lebensbereichs, um das Problemfeld, auf das der Traum antwortet. Im zweiten Bild wird präzisiert, worum es bei diesem Problem genau geht. Hier wird erkannt, welches Gefühl die Harmonie verhindert, wo unsere Ambivalenz liegt. Im dritten Bild verbirgt sich die Lösung unseres Dilemmas. Dabei geht es immer darum, unser Denken und Fühlen in Übereinstimmung zu bringen, um die Lösung zu finden. Das zieht im vierten Traumbild die Frage nach sich, in welcher Weise ich meinem neu erkannten Wunsch Gestalt geben könnte.

Das Wissen um diese innere Struktur ist eine große Hilfe beim Erfassen der Traumbotschaft. Der Traum gehört zu den Phänomenen unseres Lebens. Ihn zu missachten oder unberücksichtigt sein zu lassen, hieße einen Aspekt aus unserer Ganzheit auszuklammern. Das Schöne ist, dass jeder Mensch Zugang zu seinen Träumen hat und es nur der Wiederbelebung einer Traumkultur bedarf, damit jeder diesen untrüglichen Führer in seinem Inneren annehmen kann. Wer bewusst mit seinen Träumen umgeht, ist auf wohlmeinende Ratschläge anderer nicht mehr angewiesen. Noch nie hat sich ein Traum geirrt. Ihm liegt an unserer inneren Wahrheit und die ist unbestechlich.
 
Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es um Anhäufung von Spezialwissen geht. Längst hat niemand mehr einen ganzheitlichen Überblick, nicht einmal mal mehr, was sein Spezialgebiet betrifft. Was wir brauchen, ist nicht mehr Wissen sondern tiefes Wissen. Wo anders können wir es besser finden als in unserem eigenen Inneren?

Doch ich möchte Ihnen mein Verständnis des Eingangs zitierten Traums nicht vorenthalten.
Erstes Bild: Ich überschlage mich mit meinem offenen Auto …
Ich steuere mich unachtsam durchs Leben und provoziere dadurch einen Unfall, Herzinfarkt.

Zweites Bild: …werde rücklings auf das Pflaster geschleudert, dass mich beim Aufprall sanft wie eine Hängematte auffängt.
Der Infarkt erweist sich zwar als bedrohlich, aber ich werde aufgefangen und es wird weitergehen. Zurückliegende Verhaltensweisen haben mein Problem verursacht (Rücken!). Die Geborgenheit beim Sturz ist die andere Seite derselben Münze. Ich habe die Chance, durch die Erkrankung einen Heilungsprozess in Gang zu setzen
Drittes Bild: Am Straßenrand begrenzen grau und gelb gestrichene Pylonen die Fahrbahn. Grau und Gelb lassen erahnen, dass sie einen Abglanz von Silber und Gold darstellen. Diese kostbarsten Metalle sind seit jeher der Inbegriff königlicher und freiheitlicher Würde. Silber steht für Freiheit und Gold für Kreativität. Sie sind die Pfeiler unseres Menschseins. Da ich mich erst am Anfang eines langen Erkenntnisprozesses befand, erstrahlten beide Elemente noch nicht in ihrer vollen Pracht, aber sie markierten meinen Weg, den ich an mehr Freiheit und mehr Kreativität entlang gehen sollte.

Es bleibt zu ergänzen, dass die Therapeutin nach diesem ersten Traum sagen konnte: „Es wird alles gut“. Das Geschehen liegt heute 17 Jahre zurück und ich habe inzwischen viele Veränderungen und Entscheidungen in meinem Leben herbeiführen können, indem ich die Botschaften meiner Träume beherzigte. Diese gestaltende Kraft zur Selbstbefreiung können wir aber nur einsetzen, wenn wir in Beziehung zu uns selbst und zu unserer Umwelt wahrhaftig bleiben. Die Träume sagen uns schon, wo und wie wir beginnen abzuweichen, sie sind unbestechlich!

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