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Ich bin völlig übermüdet und mein Rücken schmerzt vom tagelangen Sitzen, ich fühle mich verschwitzt und habe Hunger und – ich bin unendlich glücklich!
Alles ist wunderbar, so wie es ist. Es gibt in diesem Moment keinen Wunsch in mir, ich bin zu Hause angekommen und spüre glückselige Tränen meine Wangen runterkullern.

Keine Gruppe die ich je gemacht habe, hat’s mehr auf den Punkt als das „Awareness Intensive/Wer bin ich?“ – hier und jetzt, was anderes gibt es sowieso nicht.
Im Vorfeld von Workshops kriegt man oft Empfehlungen, was mitzubringen ist – zu dieser Gruppe gibt es eine Liste, was nicht mitzubringen ist: keine Süßigkeiten, keine Bücher oder Tagebücher, nichts zu schreiben, keine Kosmetik, kein Rasierzeug, keine Walkmans, keine Kuscheltiere…
Na, das kann ja heiter werden. Ich gehe in diese Gruppe mit einer merkwürdigen Mischung aus mulmiger Vorfreude.
Etwa 50 Menschen in einem großen Raum mit vielen Matratzen. Wir kriegen die Spielregeln für die kommenden drei Tage erklärt: außerhalb der Gruppenstruktur keinerlei Gespräche, kein Augen- und Körperkontakt, wir bekommen das Essen gebracht, eine leichte Diät ohne Zucker, Fett und Koffein, wir sollen nichts lesen, nichts schreiben…
Ich fühle mich unbehaglich, merke, daß es hier keine Möglichkeit mehr gibt, vor mir selber auszuweichen.
Und dann geht es auch schon los mit der ersten Sitzung: Wir sitzen uns immer zu zweit gegenüber, halten die ganze Zeit Augen- kontakt, der eine stellt die Frage „Sag mir, wer Du bist“ und der Gefragte anwortet – ein paar Minuten lang bis ein Gong ertönt, dann wird getauscht. Das ist eigentlich schon alles – aber was für innere Universen sich in dieser einfachen Struktur auftun!
Zuerst viel Unsicherheit … „Was soll ich denn erzählen drei Tage lang?! Na okay, also wer bin ich gerade jetzt: 1000 Gedanken im Kopf, mein Fuß juckt, ich komme mir komisch vor wie ich hier sitze…“
Und wenn ich zuhöre, soll ich völlig neutral bleiben, wie ein Spiegel – gar nicht so einfach. Ich merke, wie ich ständig versucht bin, dem anderen durch Kopfnicken und „mh, mh“ zuzustimmen und wie es mich selber verunsichert, keinerlei Reaktion zu erhalten, wenn ich was von mir erzähle.

Eine Sitzung dauert vielleicht eine Stunde, dann kurze Pause, einen neuen Partner suchen und weiter geht’s.
Es ist beeindruckend, was mir alles bewußt wird, nur dadurch daß ich einem „Spiegel“ alles erzähle, was mir gerade so in den Sinn kommt. Ich merke, wie oft ich versuche, interessant zu wirken, wieviele kleine Tricks ich anwende, damit der andere mich toll findet, daß ich einen ständigen Leistungsdruck im Hintergrund zu laufen habe, es beson- ders gut zu machen, wie oft ich irgendwas anders habe möchte als es gerade ist: wenn wir in der Sitzung sind, denke ich an’s Essen, sind wir dann beim Essen, denke ich an die Dusche, stehe ich unter der Dusche, will ich nur noch in’s Bett usw. usf. Und wie oft ich mich dafür verurteile, daß ich so bin wie ich gerade bin, und wie ich mich dann dafür verurteile, daß ich mich verurteile – mein Gott, was für ein Irrenhaus in meinem Kopf!

WER BIN ICH?

Mit dieser Frage setzt Du dich einem Partner gegenüber. Sei völlig präsent und offen für alles, was Du vorfindest, und benutze die Fragen als Deinen Focus. Sprich Deinem Partner gegenüber alles aus, was sich Dir bei genauer Betrachtung dieser Frage offenbart. Tu dies 12 Stunden täglich 3 Tage lang. Die eine Hälfte derZeit bist Du der aktive Partner, die andere Hälfte der Zuhörer. Während aller Aktivitäten ohne Partner wie sitzen, essen, ausruhen, gehen und schlafen wirst Du nicht sprechen und richtest Deine Präsenz und Deinen Fokus ganz auf Deine Frage. Geh immer weiter. Gehe durch alles hindurch, was für Dich nötig ist. Vertraue der Frage und laß Dich von Ihr führen.

Die Nacht verbringen wir auch alle zusammen im Gruppenraum. Ich habe Angst, nicht schlafen zu können mit so vielen Men- schen in einem Raum und vor lauter Aufregung. Trotzdem schla- fe ich sofort ein – und werde 5 Minuten später (jedenfallls kommt es mir so vor) geweckt mit den Worten „Setz Dich auf in Deinem Bett und erinnere Dich an Deine Frage: Wer bin ich?“
„Mein Gott, wie spät ist es? Es ist noch dunkel! Mir doch egal, wer ich bin, ich will nur schlafen.“ Aber die Leiter sind unerbittlich klar in ihren Anweisungen: „Du hast 15 Minuten Zeit, Dein Bettzeug wegzuräumen, auf die Toilette zu gehen, einen Schluck Wasser zu trinken und den Raum für die nächste Sitzung vorzubereiten.“
Meine Güte! Ich taumele auf’s Klo, alles besetzt – natürlich! Etwas Wasser ins Gesicht, ziehe mich um, doch endlich ein freies Klo, Bettzeug weg, und schon finde ich mich wieder einem neuen Gesicht gegenübersitzend.
Das Gemurmel von 50 Menschen, alle paar Minuten unterbrochen von lautstarkem Gezeter aus irgendeiner Ecke: „Ich mag nicht mehr! Ist doch alles blöd hier! Ich will hier raus!“ Anscheinend kommt jeder mindestens einmal an diesen Punkt. Hinterher höre ich, daß von 50 Leuten tatsächlich nur einer gegangen ist.

Das Faszinierende dabei: einerseits sind wir alle mit den gleichen Problemen beschäftigt, alle kämpfen irgendwie mit denselben Gefühlen und Gedanken rum. Und gleichzeitig: mit jedem, der mir gegenübersitzt ist es wieder völlig anders. Ich merke, daß mir mein jeweiliges Gegenüber umso sympathischer ist, je au-thentischer er oder sie ist. Eine authentische Wut ist viel schöner als ein gespieltes nettes Dahergerede.

„Wenn man sich selbst erkennt, stellt man fest, daß man eine Tür zur Welt und Unendlichkeit, zum Ewigen und zur Unsterblichkeit war. Es ist ein sehr eigenartiger Widerspruch, daß man in dem Moment, in dem man sich selbst erkennt, aufhört zu existieren; nur das Ganze ist. Der Tautropfen ist verschwunden und ringsumher ist der Ozean.“
Osho: Zen, The Language of Existence

Ja, und es gibt viele Knöpfe, wo meine Wut gedrückt wird, z.B. immer diese extrem knappen Pausen. Meistens komme ich als eine der letzten in den Raum zurück und habe dadurch nicht mehr viel Auswahl, wem ich mich gegenüber setze. Ich frage mich, wie die anderen das machen – haben die noch ein geheimes Klo entdeckt oder müssen womöglich niemals pinkeln gehen?
Nach anfänglichem Widerstand gegen „diese Bevormundungen“ irgendwann ein Gefühl der Erleichterung, mich um nichts, aber auch wirklich um gar nichts kümmern zu müssen. Was für ein Geschenk, 72 Stunden lang Zeit zu haben, mich selbst zu erkunden, ohne die geringste Ablenkung! Was passiert denn in mir, wenn ich mich noch nicht mal mit der Frage beschäftigen muß, wann ich Zähne putzen gehe und wenn wirklich mal alle „Trösterlies“ wegfallen?

Erfahrung einer Teilnehmerin:
„Ich spüre, daß ich ein neues Leben geschenkt bekommen habe und das berührt mich tief. Ich kann jetzt wirklich „Ja“ zu meinem Leben sagen. Ich habe jetzt auch mehr Selbstvertrauen. Ich spüre, daß ich ein Recht habe, ich selbst zu sein und das berührt mich sehr. Ich muß mich für nichts entschuldigen oder mich ändern. Ich bin wie ich bin und ich bin wunderbar. Das sind keine bloßen Worte, das kommt aus meinem tiefsten Inneren!

Irgendwann bin ich an einem Punkt totaler Resignation. „Was mache ich hier eigentlich – draußen scheint die Sonne. Es ist immer das gleiche: mal bin ich traurig, dann wieder gelangweilt, dann geht’s mir mal ‘ne Zeitlang gut, danach wieder Traurigkeit – was soll das alles? Ich will nicht mehr…“

Ich habe das Gefühl, mich im Kreis zu drehen und bitte um ein Einzelgespräch.
Das einzige, was mir aus diesem Gespräch noch genau in Erinnerung ist, ist der Satz „Ich habe den Eindruck, daß Du kurz vor einer ganz tiefen Entspannung stehst“. Mir schießen plötzlich die Tränen in die Augen – Tränen der Erleichterung, ich weine minutenlang. Ich weiß nicht, was eigentlich genau passiert ist – auf jeden Fall ist seit diesem 10-Minuten-Gespräch alles leichter, heller, gelöster. Irgendeine dieser Grund- wahrheiten, die ich schon so oft irgendwo gelesen habe, ist in mein Innerstes gesickert und hat mich wirklich erreicht. „Okay, ich ergebe mich… Die Zeit ist halt jedesmal extrem knapp, okay, ich bin manchmal müde oder hungrig – ich kann’s jetzt nicht ändern, außer ich steige aus der Gruppe aus. Also bringt es auch gar nichts, mich über diese Unabänderlichkeiten aufzuregen. Punkt. Es ist meine Entscheidung, ob ich mir das zur Qual oder zum Vergnügen mache.“
Ich merke, wieviel Energie ich damit verschwende, meine Masken aufrecht zu erhalten und zu kämpfen – gegen was eigentlich? Gegen das Leben…

Und mir wird eindringlich bewußt, daß wir alle unseren ganz eigenen Film zu laufen haben. Andere können etwas in mir berühren, mich an etwas erinnern, aber die Gedanken und Gefühle, die ich habe, sind einzig und allein meine eigenen – mit denen hat der andere absolut nichts zu tun. Wie ich mit meinem Innenleben umgehe, ist komplett meine eigene Verantwortung.
Meine Gefühle wechseln immer spontaner, wie als Kind: in der einen Sekunde bin ich traurig und in der nächsten muß ich lauthals lachen über die groteske Situation in der ich mich befinde. Auch wenn es erstaunlicherweise nach drei Tagen immer noch Einzelne gibt, die irgendwelchen Small Talk von ihrer Tante Ilse aus Oldesloe erzählen, scheinen sich doch die meisten mehr und mehr zu entspannen. Ich höre immer häufiger Gelächter. Und es ist wunderschön, wie vertraut und verbunden ich mich mit vielen fühle, ohne sie je berührt oder ein einziges direktes Wort mit ihnen gesprochen zu haben.
Und irgendwann bin ich in einem Zustand, wo Zeit keine Rolle mehr spielt, wo alles Kämpfen aufgehört hat und wo ich tatsächlich erlebe, daß es kein Ziel gibt – nur diesen Moment – ein riesengroßes JA in mir.
Der Gong ertönt ein letztes Mal, wir liegen uns alle gleichzeitig lachend und weinend in den Armen. Ich schaue mich um – wie wunderschön meine Weggefährten in diesen drei Tagen geworden sind!
Auch jetzt noch, Wochen danach, spüre ich eine große Dankbarkeit, daß ich Gelegenheit hatte, diese Gruppe zu machen.

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