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Ein Resümee unserer sozialen Wirksamkeit

Das Verstehen der Gründe für die aktuelle politische, soziale und ökologische Krise ist eine Sache. Daraus die Lehren zu ziehen und auf neue Art zu handeln eine andere. Denn Konsequenz ist oft unbequem. Simon Junge legt den Finger auf diese Wunde und zeigt am Beispiel einer landwirtschaftlichen Versorgergemeinschaft auf, wie sich die Verzweiflung an gesellschaftlichen Gegebenheiten nutzen und in ein konkretes Projekt umsetzen lässt.

 

Sei es Verantwortungsgefühl für die Welt, Gerechtigkeitssinn, sei es das unbestimmte Bedürfnis, Widersprüche, wie sie im Leben allerorten auftreten, zu überwinden: Irgendeine Motivation wird der Leser brauchen, um mir in diese Ausführungen zu folgen. Es geht um Konsequenz. Konsequenz als soziale, praktische, lebensnotwendige Aufgabe – unangenehm, weil einen die Betrachtung der Konsequenz auch zur Erkenntnis der eigenen Inkonsequenz führt. Eigentlich geht es mir darum, einen Vorschlag für das gesellschaftliche Leben zu unterbreiten. Um das vorzubereiten, müssen wir erst mal der Frage nachgehen, ob unsere sozialen Ansprüche, unsere Fortschrittsgesinnung im Leben eine Berechtigung haben und wie weit es damit her ist.
Zunächst: Wir stehen alle in einer sozialen Struktur. Wir tragen an einer Kultur mit, die sich in hohem Maße auf Zerstörungsprozesse gründet. Schlaglichtartig zur Erklärung: Fundament unserer Industrie- und Konsumkultur sind Verbrennungsprozesse. Der Preis unseres Wohlstands ist krasse soziale Ungleichheit. Das Recht wird missbraucht, um die Ungleichheit zu erhalten. Der Charakter des modernen Konsums ist besinnungsloser Verschleiß. Verschleiß und Raubbau – an unserer Naturgrundlage, am Menschen selbst.
Diese Grundtendenz zur Zerstörung ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Wie sieht es demgegenüber mit unseren Idealen aus? Wie steht es um unsere Gesinnung? Sind wir nicht gerne sozial und ökologisch, lieben wir nicht die Gerechtigkeit? Gerade der Leser dieses Blattes wird sich – da bin ich mir sicher – eine fortschrittliche Gesinnung zugute halten. Wie greift nun diese Gesinnung tatsächlich ins Leben ein? Was kommt dabei heraus an sozialer Wirksamkeit? Klarheit erhalten wir hier, wenn wir uns folgende Fragen stellen:     
– Für wen arbeiten wir?
– Wem geben wir unser Geld?
– Womit verbringen wir unsere Zeit?

…hier ist eine Pause nötig, um zu bilanzieren. Bilanzieren Sie in aller Ruhe. Doch selbst wenn die eigene werte Persönlichkeit bei dieser Bilanzierung noch vorteilhaft abschneidet, so zeigt der Blick in die gesellschaftlichen Verhältnisse, dass dies wohl die Ausnahme ist. Oder kann tatsächlich jemand von sich sagen, dass er bewirkt, dass die Dinge eher “den Bach hinauf” als “hinunter” gehen?
Die Bilanz muss nüchtern sein. Sie spiegelt die uns umgebende Realität. Manch einer wird empört einwenden, ich solle doch nicht in Bausch und Bogen alles niedermachen. Doch es ist zum Verzweifeln. Man spürt die eigene Ohnmacht, wenn man sich den Verhältnissen “mit Bewusstsein” aussetzt. Nicht wenige haben darüber den Verstand verloren. Doch dieses Bewusstsein muss weh tun. Es soll uns mit schmerzhafter Vehemenz hinführen zu der Frage: Wie lässt sich die vorherrschende Dynamik umkehren? Wie tragen wir den Aufbau hinein in die Zerstörung? Ohne dass wir in irgendeiner Weise an dieser Frage leiden, werden wir nicht ins Handeln kommen.

 

Konstruktive Dynamik

Um jetzt diese Schrift nicht zum bloßen Aufsatz verkommen zu lassen, sei vorweggenommen, dass es mir eigentlich darum geht, einen Ansatz zu finden, in dem gerade erreicht werden kann, dass wir in eine konstruktive Dynamik kommen. Ich muss nur erst feststellen, dass zwischen unserer Gesinnung und unserem tatsächlichen Tun eine Lücke klafft. Dies ist ein Vorwurf! Wir sind Teil des Problems! Wir können die Ansprüche aus unserer Gesinnung im Alltäglichen nicht erfüllen. Wir sind sozial inkonsequent. Als Begründung sind wir gewohnt auf die Verhältnisse zu verweisen, die uns zwingen, so oder so zu handeln. Das will ich auch unumwunden zugeben: Ja, die Verhältnisse zwingen uns. Wir haben es nicht nur mit mangelndem Willen zu tun, sondern auch mit einer echten Not, mit einem Mangel an Alternativen. Über seine eigene Faulheit sei sich jeder selbst Rechenschaft schuldig. Hier soll es nur darum gehen, was man tun kann, wenn man bereits gewillt ist, sozial konsequent zu handeln.

 

Naturnahe und soziale Landwirtschaft

Zur Tat: Eine zentrale Rolle kommt der Landwirtschaft zu. Landwirtschaft kann man nicht nur so betreiben, dass man durch den sensiblen Umgang mit Boden, Tieren und Landschaft aufbauend und belebend wirkt, sondern auch durch die soziale Struktur, die sich um diese Prozesse bildet. Denn so, wie die aufmerksame ökologische Bewirtschaftung zum Boden und zur Landschaft gehört, gehört die Bildung von gemeinschaftlicher Verantwortung ins soziale Gewebe, das die Landwirtschaft umgibt. Aus dem Ersten entstehen Nahrungsmittel, die den Menschen gesunden lassen, aus dem Zweiten entstehen Kräfte, die heilend in der Gesellschaft wirken. Ein wenig nüchterner ausgedrückt: In der Landwirtschaft ist es verhältnismäßig leicht, Erzeuger-Verbrauchergemeinschaften zu bilden, (zunächst) Zweckgemeinschaften, die das verwirklichen, was die eigentliche Aufgabe der (Land-)Wirtschaft ist: die Versorgung mit Gütern ausgehend vom tatsächlichen Bedarf. Man möge sich bitte klar machen, dass der Drang zur persönlichen Bereicherung eine der wesentlichen Triebfedern in der unheilvollen Dynamik des heutigen Wirtschaftslebens ist. Aber die Aufgabe der Wirtschaft ist eine gemeinnützige! Dahin führt uns organisch eine Vereinigung der Interessen von Erzeugern und Verbrauchern. Beachtet man dies nicht, so führt das dazu, dass beide Seiten bestrebt sind, sich gegenseitig auszunutzen. Und wenn kein Nutzen mehr aus der Sache herauszuziehen ist, hört die Beziehung einfach auf. Das führt im Ernstfall zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die Wirtschaft, wie sie heute ist, wird einfach aufhören uns zu versorgen, wenn sie keinen Nutzen mehr aus uns ziehen kann! Sehen Sie aus dem Fenster: Diese Dinge kommen auf uns zu!

 

Gezielt Geld ausgeben

Es geht also nicht um Wohltätigkeit, mit der wir nach Feierabend unser erfrorenes Gewissen anwärmen, sondern darum, dass wir – sofern wir im Wirtschaftsleben wirksam sind – unser Geld, unsere Arbeit, unsere Zeit in eine nachhaltige Wirtschaft geben. Auf die Landwirtschaft bezogen heißt das: Wir leiten das Geld, das wir fürs Essen ausgeben, und die Zeit, die wir fürs Einkaufen verwenden, in sinnvolle Zusammenhänge um. Verschiedene Beispiele, zum Beispiel der Film „Farmer John“, zeigen, dass auf diesem Wege ein gesundes, tragfähiges Wirtschaftsleben entsteht. Die Landwirtschaft ist aber keine reine Wirtschaftsveranstaltung. In ihr wird Natur gepflegt und Kultur geschaffen. Wenn sich hier Gemeinschaft bildet, so ist dies der sicherste Ausgangspunkt für eine konstruktive gesellschaftliche Dynamik.
Wenn diese sinnvollen Zusammenhänge einmal da sind, kann aus ihnen durch Alltäglichkeiten eine konstruktive Dynamik entstehen. Einfach durch Entscheidung für die Alternative werden wir im angestrebten Sinne wirksam. Allerdings sind in weiten Bereichen der Gesellschaft keine oder nur Scheinalternativen vorhanden. Unter solchen Verhältnissen einen Anfang zu machen, ist schwer.

 

Verbindlichkeit wagen

Denken Sie an das Gesundheitssystem: Eine Kasse aufzubauen, bei der nicht die Maßnahme, sondern der Fortschritt zur Gesundung vergütet wird, ist unter den heutigen Gegebenheiten sogar unmöglich (obwohl ich darauf brenne, in dieser Ansicht korrigiert zu werden). Aus der Landwirtschaft heraus wird dieser Anfang am ehesten zu machen sein. Wenn wir eine neue Gesellschaft wollen – hier kann man ansetzen. Das muss man sich trauen am Anfang. Man muss sich trauen, zum Marktstand des kaltfüßigen Biobauern zu gehen und ihn zu fragen, ob er nicht gemeinsame Sache machen will mit seinen Kunden. Das heißt auch: Man muss sich festlegen. Die Freiheit, spontan gerade jetzt und gerade dort hineinzugehen und sich vom Überfluss der Ladenregale inspirieren zu lassen, muss man (ein Stück weit) aufgeben und sich auf eine Verbindlichkeit einlassen. Verbindlichkeit ist die Kraft des gemeinschaftlichen Impulses. Diese Möglichkeit gehört in das Bewusstsein jedes Einzelnen, und sie verlangt nicht Revolution, sondern sie fließt in den Alltag ein.


Simon Junge, geboren 1978 in Berlin, bewirtschaftet seit 2006 zusammen mit seinem Berliner Abnehmerkreis eine Gärtnerei in Pretschen (Spreewald). Diese sogenannte „Versorgungsgemeinschaft“ finanziert den Betrieb durch die monatlichen Beiträge der Teilnehmer (Richtsatz 70 Euro pro Haushalt). Eine gelegentliche Mithilfe bei der landwirtschaftlichen Arbeit ist Teil der Vereinbarung. Das Angebot erstreckt sich hauptsächlich auf Gemüse, aber auch Obst und Saft. Zudem laufen Bemühungen, die Dioscorea Batata (Lichtwurzel) im Anbau so weit zu bringen, dass sie regulärer Teil des Angebots wird. Anbauplan und Finanzierung werden gemeinsam erarbeitet und beschlossen. Die Erträge werden ohne weiteres Bezahlen oder Wiegen abhängig vom persönlichen Bedarf und der Verfügbarkeit untereinander verteilt. Hierzu sind von den jeweiligen Gruppen Ausgabestellen eingerichtet, an denen zu verabredeten Zeiten jeder seinen Teil abholen kann. Zur Zeit sind das im Wesentlichen zwei Gruppen in Berlin-Friedrichshagen und Berlin-Mitte. Mit dem Beginn des neuen Wirtschaftsjahres 2010 kann bei Bedarf durch entsprechende Planung auch eine größere Anzahl von Neueinsteigern aufgenommen werden. Es wird ohnehin angestrebt, das Angebot auf alle wesentlichen Bereiche der Ernährung zu erweitern (Getreidebau, Milchwirtschaft etc.) Hierfür wird dringend nach einem neuen Standort im Umland, vorzugsweise im Osten von Berlin gesucht, der Raum für vier oder mehr Familien bietet und mindestens fünf Hektar Nutzfläche hat.


Abb.: © OSCAR – Fotolia.com

Über den Autor

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arbeitete nach dem Abitur als Kurierfahrer, auf dem Bau und der Heilmittelherstellung, ab 2002 landwirtschaftliche Ausbildung (freie Ausbildung Demeter NRW) in NRW, Hessen und Sachsen, danach (2006) Betriebsgründung mit der Versorgungsgemeinschaft in Pretschen.

Wer dieses Jahr an der Versorgungsgemeinschaft teilnehmen – oder sich auch nur darüber informieren – möchte: Am 22.2. um 20 Uhr findet in der Tieckstr. 17, 1.HH, 1. OG beim Ichthys e.V. ein Treffen statt. Wir freuen uns über zahlreiche Teilnahme – je mehr Menschen sich der Sache anschließen, desto umfangreicher und zuverlässiger kann das Angebot (Gemüse, Obst, Brot) sein.

Nähere Informationen zum Projekt der landwirtschaftlichen Versorgungsgmeinschaft und zur Hofsuche
finden Sie im Internet

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