Anzeige

Abgrenzung ist eine allseits akzeptierte Methode, um Beziehungen zu stabilisieren. Funktioniert das? Bei näherer Betrachtung entpuppt sich Abgrenzung als Vermeidungsstrategie, die lebbare Kompromisse ermöglicht, aber unsere Lebendigkeit einschränkt.

Zu Beginn einer „normalen“ Liebesbeziehung hängt der Himmel voller Geigen. Wir fühlen uns wunderbar, schweben durch die Welt und genießen Gefühle von Verbundenheit und Einheit. Im weiteren Zusammensein mit dem geliebten Menschen schleicht sich dann in der Regel so etwas wie Abhängigkeit ein. Wir glauben, den anderen zu brauchen. Die Angst, er/sie könnte sich entfernen oder uns gar verlassen, bringt Eifersucht, Besitzansprüche, emotionale Erpressung, Vorwürfe, Verurteilungen etc. auf den Plan. Wir werden vorsichtig, misstrauisch und unlebendig und überlassen unserem Verstand mehr und mehr die Führung. Je nach Temperament und Konditionierung der Beteiligten wird die Beziehung, die uns anfangs so beflügelt hat, zu einem Schauplatz von Konflikten und Verletzungen oder zu einem sorgsam abgesicherten Arrangement mit dem Charakter einer Zweck-WG. Ob uns das gefällt oder nicht: Es liegt in der Natur der Sache, dass in einer intimen Liebesbeziehung unsere tiefsten und am meisten abgewehrten Gefühle und Ängste wach werden. Kein Wunder, dass es heute so viele Singles aus Überzeugung gibt.

Wer sich abgrenzt, fühlt weniger

Was passiert, wenn wir in der Beziehung bleiben? Höchstwahrscheinlich werden wir uns angewöhnen, uns „abzugrenzen“. Abgrenzung ist letztlich nichts anderes als ein Abwehrmechanismus, der uns davor bewahrt, zu viel und zu intensiv zu fühlen. Die Abgrenzung wird praktisch wie ein Riegel vor die schwer zu ertragenden Gefühle geschoben. Ich grenze mich von dir ab, damit ich meine Abhängigkeit nicht so spüre. Du grenzt dich von mir ab, um nicht das Gefühl der Ohnmacht zu erleben, das sich einstellt, wenn ich mich anders verhalte als du es möchtest. Wir grenzen uns ab, indem wir uns mit anderen verabreden, für räumliche Trennung sorgen, oder indem wir in die innere Emigration gehen. Wir suchen die Hingabe, die Verschmelzung und damit auch die Abhängigkeit – und fürchten uns zugleich davor. Dabei ist es doch ganz offensichtlich: Wir sind abhängig. Der Mythos der autarken Persönlichkeit ist eine Illusion. Sind wir nicht abhängig vom Sauerstoff, vom Bäcker um die Ecke, von warmer Kleidung und Heizung im Winter, von emotionaler Zuwendung und Anerkennung? Als kleine Kinder haben wir alle die Abhängigkeit in extremer Form erlebt. Wurden wir innerhalb dieser Abhängigkeit nicht in ausreichendem Maß geliebt, geschützt und abgesichert, so speichern wir alles, was nach Abhängigkeit klingt oder schmeckt, als negativ und bedrohlich ab. Später versuchen wir dann, Abhängigkeiten nach Möglichkeit zu vermeiden.

Der Nutzen ist kurzfristig…

Diese tiefere Motivation für Abgrenzung, also das Abwehren von Gefühlen, ist uns meist nicht bewusst. Wir merken nicht, dass wir mehr unserem Verstand als unserem Herzen folgen, dass wir uns emotional verschließen. Vielmehr sind wir davon überzeugt, dass es normal ist, sich immer mal „rar“ zu machen, dass zuviel Nähe ohnehin schadet, und dass es wichtig ist, „für uns zu sorgen“, was den anderen meist nicht einschließt. Der Akt der Abgrenzung gibt uns kurzfristig Energie – wer sich abgrenzt, fühlt sich nicht ausgeliefert, bestimmt selbst, wo es lang geht und wie weit es geht. Doch der Preis dafür ist hoch: Reduzierte Sensibilität, geringere Empfindungstiefe und Lebendigkeit zugunsten der Vorherrschaft des Denkens und Kontrollierens.

Was tun mit dieser Erkenntnis?

Offensichtlich suchen wir in unseren Liebesbeziehungen Freude, Hingabe, Verschmelzung und Verbundenheit. Auch viele Menschen, die sich dem sogenannten Aufwachen verschrieben haben, glauben, dass die Partnerschaft ein Ort sein sollte, an dem sie auftanken können, um fit zu sein für das Leben. Wir sehen das anders. Unser Vorschlag ist, Beziehungen in erster Linie als hervorragendes Medium zu begreifen, um wacher und bewusster zu werden! Das Erleben „unangenehmer“ Gefühle wie Angst, Abhängigkeit, Ärger, Missgunst usw. gehört hier natürlich dazu. Die Chance für Heilung liegt nicht im Entkommen durch Abgrenzung, sondern im Annehmen und Fühlen von allem, was in mir auftaucht.

Immer wieder: Annehmen, was ist

Zugegeben, das ist kein leichtes Unterfangen. Und – es lohnt sich! Denn so begegne ich auftretenden Schwierigkeiten mit einer anderen Haltung. Ich wehre mich nicht mehr dagegen, wenn etwas geschieht, was nicht meinen Vorstellungen entspricht. Die Energie, die ich vorher investiert habe, um meinen Gefühlen zu entkommen oder sie meinem Partner überzustülpen, habe ich jetzt zur Verfügung, um meine innere Entschlossenheit zu nähren, dem Leben ohne Kampf zu begegnen. Und das bedeutet nicht, zu allem Ja und Amen zu sagen. Es bedeutet vielmehr, dass ich Verantwortung für mich und auch für meine Beziehung übernehme. Stellen wir uns, als kleines Experiment, beim Lesen des folgenden Zitats aus „Gespräche mit Gott“ von D. Walsh unsere tiefsten Ängste vor: „Du kannst nicht verändern, was du nicht akzeptierst. Die Sache, der du dich widersetzt, die bleibt bestehen. Was du dir anschaust, das verschwindet. Das heißt, es verliert seine illusionäre Form. Du siehst es als das, was es ist. Was du leugnest, kannst du nicht beeinflussen, denn du hast behauptet, dass es nicht da ist. Deshalb hat das, was du leugnest, Kontrolle über dich. Der schnelle Weg der Evolution beginnt mit dem Eingeständnis und Akzeptieren dessen, was ist und nicht dessen, was nicht ist.“ („Gespräche mit Gott“, Bd. 3, S. 195)

Ist das nicht eine reizvolle Einladung? Lasst uns aufeinander zugehen, ungeschützt, unvorsichtig, mit unserer Verletzlichkeit, eben mit allem, was ist. Am Horizont, mal näher und mal weiter weg, ahnen wir ja ohnehin, dass Trennung eine Illusion ist… Daher am Schluss noch ein Zitat aus berufenem Mund: „Es gibt keine Trennung. Nicht voneinander, nicht von Gott, nicht von irgend etwas, das exis- tiert. Das ist das größte Geheimnis aller Zeiten. Das ist die Antwort, nach der der Mensch Jahrtausende gesucht hat. Handelt, als wäret ihr von nichts getrennt, und ihr heilt die Welt.“ („Gespräche mit Gott“, Bd.3, S.67)

    
Mittwochabend im rauchfreien Café… (*)

Lea: „Mir reicht’s jetzt. Ich gehe immer wieder auf ihn zu, mache Angebote, bin verständnisvoll – und er? Nimmt, was er kriegen kann, lässt sich verwöhnen und macht dann wieder tagelang dicht.“
Lotte: „So ein ignoranter Typ. – Aber du lässt es dir ja auch gefallen. Es wirkt so, als wärst du da ganz schön in eine Abhängigkeit geraten.“
Lea: „Ja! Und das macht mich besonders sauer!“
Lotte: „Weißt du, ich habe das Gefühl, du solltest dich mehr abgrenzen. Mach mehr dein eigenes Ding, dann bist du nicht so die Doofe.“
Lea: „Genau. Dann wird er schon sehen, was ihm fehlt.“

(*) Dieses Gespräch könnten natürlich auch Lothar und Leo geführt haben!

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Über den Autor

Avatar of Martin P. Rubeau

ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in Berlin seit 35 Jahren. Neben der Einzel- und Paartherapie gilt seine große ­Leidenschaft vor allem der Arbeit mit Gruppen, in der er Elemente aus zahlreichen therapeutischen Ansätzen sowie aus spirituellen und ­schamanischen ­Traditionen verbindet. Seit einigen Jahren nennt er seine Gruppen „Gefühlsschule“. In der Gefühlsschule laufen derzeit drei Abendgruppen sowie eine Wochenendgruppe.

Eine Antwort

  1. Gunter

    Abgrenzung ist normal, schon die Unterteilung in Ich und Du, Mann und Frau usw. sind Abgrenzungen. Der Einheitsbrei den ihr meint ist keine Liebe, da wird jemand von einem anderen vereinnahmt. Abgrenzung ist wie gesagt normal. Nur die Dosis ist entscheidend ob daraus ein kleiner Zaun mit Tür oder eine undurchdringliche Mauer wird.

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*