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Das Streben nach Harmonie und Verschmelzung kann unsere Beziehungen – vor allem unsere Liebesbeziehungen – in tiefe Konflikte führen oder in Zuckerwatte ersticken. Offene oder unbewusste Ansprüche und Erwartungen sind ein idealer Nährboden für Co-Abhängigkeit, Streitmuster und Langeweile. Eine lebendige Partnerschaft mit Respekt, Leidenschaft und erfüllendem Sex ist aber erst möglich, wenn die Beziehung auch den Ausdruck der eigenen Bedürfnisse erlaubt.

Die Entstehung von Konflikten in Beziehungen

Heute ist ein wunderbarer Tag. Endlich habe ich diesen schwierigen Job beendet, den ich wochenlang vor mir hergeschoben hatte. Draußen scheint die Sonne und die Luft ist frühlingshaft mild. Fröhlich radele ich zum Ökomarkt und beschließe spontan, auf dem Rückweg den geliebten Mann zu besuchen. Wir sind zwar erst am nächsten Abend verabredet, aber ich bin so umwerfend gut gelaunt, dass ich die ganze Welt umarmen möchte – warum nicht bei ihm damit anfangen? Ich schicke ihm eine SMS und er antwortet, dass ich kommen könnte.

5 Minuten später öffnet er seine Haustür und schaut mich fragend an. Noch immer begeistert von der Wetterlage und von mir selber rufe ich „Ich hab den Job endlich fertig! Warst du schon draußen? Es ist total warm!“ Er lächelt verzweifelt und lässt sich umarmen. Seine Freude, mich zu sehen, hält sich in Grenzen. Es kommt mir sogar fast vor, als würde ich stören. Kann das sein? Meine Frühlingsstimmung beginnt zu bröseln…

„Naja… ich wollte dich nur kurz umarmen, wir sehen uns dann ja morgen…“ murmele ich enttäuscht. Müde sagt er „das ist schön“ und steht weiterhin im Flur, als wäre ich ein Postbote, der das Paket geliefert hat und nun wartet er darauf, dass der Postbote wieder verschwindet. Jetzt bin ich verärgert. Wir verabschieden uns knapp und gefrustet stapfe ich die Treppe hinunter. Na, toll. Das hätte ich mir sparen können. Auf dem Heimweg grüble ich darüber nach, warum dieser Mann niemals spontan sein kann und sich nicht mal freut, mich zu sehen. Auf unsere Verabredung am nächsten Tag hab ich eigentlich gar keine Lust mehr und überhaupt: Welche Frau kann denn mit so einem Miesepeter glücklich sein?!

Was ich während dieser kurzen Begegnung wahrgenommen hatte, bezog ich automatisch auf mich: Er freut sich nicht über meinen Besuch und dass ich diesen Job endlich erledigt hatte, interessiert ihn kaum. Ich empfand sein Verhalten als persönlicheZurückweisung und reagierte entsprechend gekränkt.

Später würde er mir erzählen, dass er an diesem Morgen mit Zahnschmerzen aufwachte und dass ihm kurz danach das begehrte Auto auf mobile.de durch die Lappen ging. Anschließend suchte er stundenlang erfolglos nach einem ähnlichen Auto. Sein Tag war kurzgesagt zum Kotzen, er ärgerte sich über sich selbst und in so einer Verfassung trifft er nicht gerne Menschen, auch mich nicht.

Was ist meine Insel?

Vor einigen Jahren war ich Teilnehmerin im Tantraseminar „Wünschen und Loslassen“ von Saleem Riek. Für eine Gruppenübung legten die Assistenten den Raum mit mehreren unterschiedlich angeordneten Matratzen aus und definierten die entstandenen Inseln wie folgt:

  • Silenzio: die Insel der Ruhe. Dort war den Teilnehmern nur Schlafen, Nachdenken, Meditation erlaubt – ohne Kontakt zu anderen Personen aufzunehmen.
  • Verbalis: die Insel der Sprache. Dort war nur Kommunikation in der Gruppe erlaubt – ohne Berührung und ohne Schweigepause.
  • Erotica: die Insel der Berührung und der Sexualität. Dort war nur körperlicher Kontakt erlaubt und nur in der Gruppe, nicht zu zweit und es durfte nicht gesprochen werden.
  • Einige Matratzen wurden einzeln im Raum verstreut, das waren die sogenannten „Separees“. Auf diesen durfte man sich zu zweit vergnügen – in welcher Form auch immer.
  • Und schließlich: Neurotica. Diese Insel wurde uns mit einem Augenzwinkern als letzte Zuflucht vorgestellt, die man immer dann aufsuchen sollte, wenn keine der anderen Inseln richtig schien. Wie wir alle während der ca. 2 Stunden dauernden Übung feststellten, war Neurotica eine ganz wunderbare und wichtige Insel.

Uns Teilnehmern wurde nun folgende Aufgabe gestellt: Zuerst sollte man in sich hineinhorchen, die Insel wählen, die dem momentanen Bedürfnis entsprach und sich dann dorthin begeben. Alle 7 Minuten ertönte eine Zimbel, woraufhin alle in dem, was sie gerade machten, innehalten und nachspüren sollten, ob die gewählte Insel noch immer die richtige war. Egal wo man sich gerade befand – beim Gruppenkuscheln, in einsamen Schweigen, beim Diskutieren oder in leidenschaftlicher Zweisamkeit im Separee – die Aufgabe der Übung war, alle 7 Minuten zu spüren, ob dieser Ort, diese Situation, diese Gesellschaft noch immer dem inneren Bedürfnis  entsprach.

Dem war oft nicht so. Erstaunt stellten wir fest, wie schnell sich unsere Bedürfnisse änderten und wie unfähig wir oft waren, trotz der klaren Übungsanweisung diesem Bedürfnis zu folgen. Viele gingen Kompromisse ein und blieben auf den gewählten Inseln, auch wenn klar war, dass es nicht mehr passte. Manche blickten die ganze Zeit sehnsuchtsvoll zu einer bestimmten Insel, aber trauten sich nicht hin, andere fürchteten, sie könnten Gefühle verletzen, wenn sie die gewählte Insel und damit den Kontakt zu einem bestimmten Teilnehmer verließen. Viele stellten fest, dass sie gar nicht wirklich wussten, wohin sie gehörten. Und alle erkannten, dass ein „hier nicht!“ einfacher zu spüren war, als ein „dort hin!“

Gottseidank gab es „Neurotica“. An diesem Ort war es ausdrücklich erwünscht, so zu sein, wie man es im Laufe der Übung oft war: verwirrt, unsicher, genervt, unentschieden, traurig, neidisch, gelangweilt, angeekelt, enttäuscht und verloren.

So musste beispielsweie Irene, die eben noch mit Frank in trauter Zweisamkeit gekuschelt hatte, mitansehen, wie er nach dem Läuten der Zimbel das gemeinsame Separee verließ und wieder zum Gruppenfummeln auf Erotica zurückkehrte. Zuerst versuchte sie, es gelassen zu nehmen. Da ihr dies nicht wirklich gelang, wechselte sie beim nächsten Läuten zu Neurotica, wo sie mit dem ebenfalls gefrusteten Günter ihren Ärger und ihre Verletzung spielerisch kämpfend los wurde.

Ich selbst wurde während der Übung mit meiner Kontrollsucht konfrontiert. Ungefragt machte ich mich zur Inselpolizei, beobachtete das bunte, teilweise chaotische Treiben der Teilnehmer um mich herum und regte mich über sämtliche Regelverstöße auf. Die Zimbel erklang sicherlich 5-mal, bis ich erkannte, dass auch ich die Regeln verletzte: Innerlich laut schimpfend saß ich die ganze Zeit auf Silenzio. Von stiller Einkehr konnte keine Rede sein. Das nächste Läuten brachte auch mich auf die einzige angemessene Insel für diesen Zustand. Auf Neurotica konnte ich motzen, schimpfen und grollen so viel und so lange ich wollte. Herrlich.

Die Inselübung machte drei Dinge deutlich:

  1. Unsere Bedürfnisse ändern sich ständig und oft bekommen wir das gar nicht mit, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, mit den anderen Inselbewohnern den Konsens zu wahren.
  2. Sogar wenn wir auf derselben Insel sind, kann es sein, dass wir dort nicht dasselbe wollen.
  3. Neurotisches Verhalten entsteht, wenn eine Gruppe oder eine einzelne Person nicht mit uns auf unserer Insel sein möchte bzw. wenn wir merken, dass wir nicht auf die Insel der anderen passen. Es ist uns anscheinend sehr wichtig, dass die Menschen, die wir mögen oder die uns wichtig sind, auf der gleichen Insel sein wollen wie wir.

Das Inselmodell im Alltag

Auch in unseren Alltagsbeziehungen machen wir die Erfahrung, dass der andere nicht immer die gleiche Vorstellung hat, wie man die gemeinsame Zeit verbringen will und ob man sie überhaupt in diesem Moment miteinander verbringen will. Die Bedürfnisse sind vielfältig und unterscheiden sich von Situation zu Situation. Die Konflikte – besonders in Liebesbeziehungen mit Verschmelzungstendenzen – entstehen aus dem Anspruch, dass der andere das gleiche Bedürfnis haben soll. Dass er möglichst auf der gleichen Insel sein soll wie wir selbst und dass er gefälligst die dort herrschenden Regeln befolgen soll. Regeln, die – bewusst oder unbewusst – wir selbst zuvor definiert haben.

Als erwachsene und verantwortliche Beziehungspartner sind wir aufgefordert, den Standort des anderen, seine Insel, zu sehen und anzuerkennen. Es nicht persönlich zu nehmen, wenn der Partner woanders ist. Und achtsam zu bleiben für das eigene Bedürfnis. Anstatt der Zimbel wäre dann eine bestimmte Körperwahrnehmung oder eine leise Irritation, die uns in manchen Momenten beschleicht, ein möglicher Weckruf. Enge-, Lähmungs- oder Unruhegefühle sind gute Hinweise, die aktuelle Situation zu überprüfen, in der wir uns mit dem Partner befinden. Will ich hier wirklich sein? Mit dir? Und wenn nicht – ist es ok, dass ich etwas anderes will, etwas anderes mache? Dieser ehrliche Ansatz erfordert Übung und Zwiegespräche.

Was aber, wenn das nicht gelingt? Was, wenn es mich verletzt, dass der Partner auf seiner Insel bleibt oder die gemeinsame Insel verlässt? Für das Ausleben unserer Neurosen steht uns in unserem Alltag leider kein Matratzenlager mit dem Namen „Neurotica“ zur Verfügung. Im Gegenteil: Im Alltag haben wir gelernt, diese Gefühle abzulehnen, zu verstecken oder auf den anderen zu projizieren. Dabei ist es wichtig und für beide entlastend, wenn auch die ungeliebten Gefühle und Gedanken einen Raum haben, in dem sie erlaubt sind – das kann ein Raum sowohl in uns selbst wie auch in der Beziehung sein.

Die Erkenntnis, dass wir manchmal selbst nicht genau wissen, wohin wir gehören und was wir eigentlich wünschen, dass wir oft auf unserer persönlichen Neuroseninsel gefangen sind, macht den Raum weit für Mitgefühl und für Gelassenheit, wenn der Partner auf einer Insel ist, die ein harmonisches Zusammensein gerade schwierig macht.

Das Wunder des Zufalls

Zur Verabredung am nächsten Tag kommt der geliebte Mann gutgelaunt in meine Wohnung. Ich zicke noch herum, habe die Abfuhr an seiner Tür vom Tag zuvor noch nicht verdaut und meine Begrüßung an der Haustür fällt entsprechend kühl aus. Wieder in der Küche schiebe ich stumm schmollend das Gemüse in der Pfanne herum. Nach einem kurzen, prüfenden Blick von der Seite setzt er sich an den Küchentisch. „Na, ich lass dich mal ein bisschen weiterköcheln“ sagt er milde und völlig ironiefrei und beginnt, den Parmesan zu reiben. Irgendwann komme ich mir blöd genug vor, um mein Neurotika zu verlassen. Mit gespieltem Rest-Trotz setze ich mich an den Tisch und schenke ihm ein Glas Rotwein ein. Er freut sich und ich staune: Er hat mir meine Rumzickerei nicht übelgenommen. Er war bei sich geblieben und vertraute darauf, dass wir uns an diesem Abend noch auf irgendeiner Insel finden werden – ob es Verbalis oder Erotica sein würde, war ihm egal. Der geliebte Mann hat das Inselmodell anscheinend gut verinnerlicht.

Tatsächlich ist das glückliche Zusammensein von zwei Menschen ein schöner Zufallstreffer, denn es setzt ein ähnliches und zeitgleiches Bedürfnis von zwei unabhängigen Individuen mit komplexen Gefühlshaushalten voraus. In der anschließenden Feedback-Runde zur Übung erklärte Saleem Rieck: „Wenn man dieses Modell einmal verstanden hat, ist es umso erstaunlicher, dass man sich mit einer Person tatsächlich auf derselben Insel trifft.“

Erwarten wir in unseren Liebesbeziehungen also eine permanente, symbiotische Interessensverbindung, machen wir uns vom Bedürfnis und von der Reaktion unseres Partners abhängig und schaffen innerhalb unserer Beziehung ein Gefängnis, in dem sich außer Konflikten und Dramen nicht mehr viel bewegt. Sobald aber die Bedürfnisse beider Partner einen gemeinsamen Raum kreieren, entstehen wunderbare Momente, die als solche wertgeschätzt werden sollten. Wir verstehen, dass wir die Inseln des anderen freiwillig betreten und auch jederzeit wieder verlassen dürfen. Wir begreifen, dass wir den Partner auf unsere Insel einladen und ihn auch wieder ziehen lassen können. Unter diesen Voraussetzungen sind auch gesunde Kompromisse möglich, die die Partnerschaft nicht ersticken. Beide können sich dann selbst – auch im gemeinsamen Erleben – treu bleiben. Sich auf den anderen einzulassen und dabei eigenständig zu bleiben, ist ein gutes Rezept. Es ist das Rezept für lebendige, lustvolle und spannende Beziehungen.

„Freiheit heißt nicht, sich vom anderen zu entfernen, sondern sich so zu steuern, dass in der Beziehung Raum für zwei Menschen ist.“ David Schnarch

 


Weiterführende Links

Saleem Matthias Riek – Schule des Seins
Interview mit David Schnarch zum Thema „Intimität und Verlangen“

 

Fotos im Text:
Neurose © RK by Uta Herbert pixelio
Blick auf’s Meer © R by Julien Christ pixelio

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