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Ich sitze an einem sonnigen Tag an einer belebten Straße und genieße die Wärme und den Kaffee. Ich fühle mich entspannt und offen. Menschen streifen an mir vorbei, bunt und bewegt. Sie nehmen sich zur Kenntnis oder auch nicht, tanzen umeinander herum, gehen ihrer Wege. Dieses Bild spiegelt sich in mir und ich bin gleichzeitig Teil davon. Alles steht in einer lebendigen Verbindung, in einem magischen, kosmischen Tanz von Beziehungen, die unser Leben sind. Matthias Grimm über tantrische Begegnungen.

Beziehung ist Begegnung – Eine tantrische Begegnungsreise

Alte Weisheitslehren wissen um die Allverbundenheit. Die tantrischen Überlieferungen beispielsweise beschreiben den Tanz von Polaritäten, in den die Welt im Augenblick ihrer Manifestation tritt. In den polaren Wesenheiten SHIVA und SHAKTI befinden sich reine Energie und reines Bewusstsein in einem ständigen Wandel. Beide Pole bedingen einander und sind ohne diese Beziehung nicht erklärbar. Ihre Verbindung ist reine Liebe.

Tantra wird heute leider in seinem Reichtum als Erfahrungslehre verkannt und auf sexuelle Praxis reduziert. Im Grunde ist es jedoch eine allumfassende Achtsamkeitspraxis.

Tantriker verinnerlichen dies in der Vielfalt ihrer Rituale und Übungen. Der Begriff TanTra bedeutet in der Übersetzung Werkzeug zum Verweben – die Welt als ein magisches Gewebe von Verflechtung, Verbindung, Beziehung, das sich auch in uns selbst manifestiert. Ich möchte hier beispielhaft das tantrische Ritual1 der „Herzwelle“ skizzieren. In einem geschützten Raum treten wir dabei aus der Vereinnahmung unserer Alltage heraus und widmen uns dem Erkennen von Rollen, die wir spielen oder – oft aus Angst – ablehnen.

Sich gegenseitig spiegeln

Zwei Personen – die sich bereits kennen oder zwei Unbekannte – begegnen sich in diesem Ritual. Nennen wir sie Edgar und Rita. Sie verkörpern in diesem Ritual das männliche und das weibliche Prinzip. Nachdem sie den geschmückten Raum ihrer Begegnung betreten haben, sitzen sie sich gegenüber, schauen sich an, verneigen sich in Respekt und summen – vielleicht ein OM. Es ist ihr sehr intimer und geschützter Raum. Edgar beginnt mit einem persönlichen Gruß und einem Kompliment an Rita. Er teilt ihr mit, wie er sie wahrnimmt, was er an ihr in diesem Augenblick spannend findet und dass er sich auf diese Begegnung freut. Danach spricht er die Formel „Namasté, SHAKTI, ich begrüße dich als Vertreterin des universell weiblichen Prinzips und Spiegel meiner selbst“. Rita erwidert diese Begrüßung entsprechend: „Namasté, SHIVA, ich begrüße dich als Vertreter des universell männlichen Prinzips und Spiegel meiner selbst.“ Bereits in dieser Begrüßung treten beide auf verschiedenen Ebenen in eine sehr nahe Beziehung. Im Verlauf des Rituals werden sie durch den atmenden, tiefen Austausch ihrer Energien zu einer Einheitserfahrung geführt. Die „Herzwelle“ geht von einem polar entgegengesetzten Aufbau der männlichen und weiblichen Energiearchitektur aus, deren Anteile im Verlauf des Rituals erst erfahren und dann immer stärker verwoben werden. Die Energie zirkuliert dabei zwischen beider Basis- und Herzzentren und erfährt eine Aufladung und

Klärung. Es ist ein Entdecken und Vertiefen von Verbindung auf der individuellen wie auch der überpersönlichen Ebene der universellen Polarität. Beide erfahren in einem solchen Ritual viel über sich selbst aus dem Blickwinkel des Anderen – eine Grundübung der Beziehungskultivierung und in allen Fällen ein spannendes Ereignis mit Offenbarungsqualität. In fortgeschrittenen Gruppen wird dieses Ritual in eine größere Ebene eingebunden, die sich hier Puja nennt und in der die Teilnehmer mehrere solcher Begegnungen haben.

Lehrplan für Beziehungskultur

Während die „Herzwelle“ so etwas wie einen Lehrplan für die Beziehungskultur zweier Individuen darstellt, ist ein Puja- Ritual die hohe Schule der Begegnung. Dort begegnet der Einzelne sehr verschiedenen Menschen und hat in den meisten Fällen keine Wahl oder Kontrolle, wem er gegenübersteht. Die Regeln der Begegnung schreibt das Ritual, und die Teilnehmer treten ein in ein Spiel, in denen sie einer Reihe verschiedener Spiegel begegnen. Es ist ein sehr spannender Prozess und in seiner Konsequenz und Klarheit ein wirklicher Helfer der Persönlichkeitsentwicklung. Er setzt Mut, Neugier und eine Intelligenz des Herzens voraus. Es ist nicht immer gemütlich, was dem Einzelnen da begegnen wird, und gelegentlich landet man bei einem Gegenüber, das man absolut vermeiden wollte. Doch mit genügend Offenheit können genau das die fruchtbarsten und transformativsten Momente sein.

Ich kann mich an eine solche Runde in einem Jahrestraining erinnern. Die Gruppe war noch relativ am Anfang und die Ankündigung dieser unkalkulierbaren Begegnungsrunde bewirkte ziemliche Unruhe. Wir hatten drei Begegnungsstationen angekündigt. Es gab einen äußeren Kreis, in dem sich die Frauen, und einen inneren Kreis, in dem sich die Männer befanden. Die Frauen blieben an ihren Platz, die Männer sollten wandern.

Die Gruppe war, wie es manchmal vorkommt, im Mann-Frau-Verhältnis nicht ausgeglichen. Ein Mann erklärte sich bereit, sich in die Runde der Frauen einzureihen und sich darauf einzulassen, den weiblichen SHAKTI-Aspekt zu entdecken. Er war etwas aufgeregt, aber auch neugierig. Den teilnehmenden Männern war das ebenfalls nicht geheuer, möglicherweise in einer Begegnung mit einem Mann zu landen. Das Ritual begann. Alle stellten sich einem Partner gegenüber und es wurde angesagt, vier Positionen im Uhrzeigersinn zu wandern. Keine Chance für Verabredungen. Jeder stand jetzt seinem Partner für die erste Runde gegenüber. An einer Stelle im Kreis die zwei Männer. Sie ließen sich nieder, holperten durch die Begrüßung und gaben sich reichlich Mühe, durch das Ritual zu kommen. Es war deutlich, dass sie nicht so richtig zueinander fanden. Man konnte die vorsichtige Zurückhaltung spüren und beide waren froh, als diese Runde zu Ende gegangen war. In der zweiten Begegnungsrunde begann es an diesem Platz ähnlich. Beide Männer setzen sich, nahmen etwas befangen Kontakt auf. Begrüßung, dann der Handtanz, der auf die verbale Begrüßung folgt. Beider Handflächen nehmen Kontakt miteinander auf und beginnen, im Rhythmus von Musik Bewegungen auszuführen, die sich zunehmend harmonisieren sollen. In dieser Phase beginnt plötzlich einer der beiden Männer, sehr offen zu lächeln.

Mit diesem Lächeln war es, als ob ein Vorhang fiel, und beide begannen, sichtlich in einen gemeinsamen Fluss zu kommen. Sie hatten offenbar den Mut aufgebracht, sich in die Bewegung hineinzugeben, ihr Kopfkino auszuschalten und sich in der Begegnung wahrzunehmen. In der Atemphase schienen sie in einen versunkenen Zustand geraten zu sein. Eine tiefe Berührung war in ihren gelösten Gesichtern zu sehen. Zwei Männer, die einen Schlüssel für eine völlig neue Ebene der Begegnung entdeckt hatten. Sie waren, wie sie in der Feedbackrunde berichteten, selbst darüber ziemlich überrascht. Mir scheint, dieses Lächeln und vielleicht auch die fortschreitend vertrautere Energie im Raum konnten diese beiden Kerle in eine neue unverklemmte Sicht bringen. Sie konnten erleben, wie gerade auch Männer authentisch und offen miteinander umgehen können, ohne Vergleiche und Konkurrenzgehabe.

Den Anderen neu sehen

Wir erfahren im Spiegeln erst einmal neue Aspekte unserer selbst und können dann mit einem erweiterten Blick auch die anderen neu sehen. Denn unser Gegenüber, so wie wir es erst einmal gesehen und beurteilt haben, ist in diesem Moment nicht die ganze Wahrheit, es ist ein Bild. Unser Bild. Was es uns zeigt, sind Seiten von uns selbst. Die können wir aus den Tiefen unseres Unbewussten in dieser intensiven Begegnung in unser Sichtfeld bringen und werden möglicherweise dabei erstaunt sein. Es kann sein, dass wir unserer Angst begegnen, uns jemandem vollständig zu zeigen, oder der Angst, fehlerhaft und unperfekt zu sein, der Angst, nicht zu genügen. Vielleicht werden wir die Illusion hinter diesen Gedanken erkennen können und erstaunt sein, wie viele davon beginnen, sich in der Übung aufzulösen.

Es kann auch sein, dass wir eine ungekannte Liebenswürdigkeit entdecken und unsere kreativen Potentiale klarer sehen können. Dabei hat uns ein kleines Ritual mit seiner Form, unser Atem und die Verbindung zu unserem Herzen geholfen. Und ein anderer Mensch, der uns Spiegel war, wie wir ihm Spiegel waren. Wenn beide Partner dieses Ritual kennen, kann es auch ein wunderbares Übungsfeld in unserem Leben sein.

Ein persönliches Beispiel: Auf einer Fahrt zu einem Gruppentreffen war ich über die Programmplanung mit meiner Partnerin in eine ziemliche bittere Auseinandersetzung geraten. Wir hatten uns in unseren Argumenten verhakt und es kamen Dinge ins Spiel, die wir offenbar unter dem Teppich gehalten hatten. Es bewegte sich an der Grenze zu dem, was man als verletzend ansehen konnte. Ich fühlte mich überhaupt nicht verstanden und fürchterlich diskriminiert. Da saßen zwei selbstbewusste Naturen im Feuer ihres selbst kreierten Behauptungszirkus.

Es gab Zeiten, da hätte ich an dieser Stelle ziemlich sauer zugemacht, aber irgend etwas ließ mich auf den nächsten Parkplatz fahren und das Auto anhalten. Wir saßen knirschend und schweigend auf unseren Sitzen, schauten uns an. In einem hinteren Augenwinkel gab es aber einen Rest von Lächeln und Verstehen und wir begannen, immer tiefer und gleichmäßiger zu atmen. In diesem Auf und Ab der Atemwellen bewegte zunehmend jeder seine Hand vor seinem Körper. Schließlich gelang es uns, wie wir es viele Male praktiziert hatten, den Atemfluss in einen Austausch zu bringen: Ich atme aus, du atmest ein und so weiter. Unsere Hände berührten sich in den Bewegungen und wir fanden uns in der Herzwelle auf zwei Autositzen nebeneinander wieder. Wir kamen ohne Worte wieder in den gemeinsamen Klang von Geben und Nehmen, dankbar, dass der andere so war, wie er war. Kein heiliger, geschützter Seminarraum, kein geschmücktes Lager, sondern einfach ein profanes Auto auf einer lärmenden Autobahn und der Schatz gemeinsamer Erfahrung waren der Rahmen, die Energie der Auseinandersetzung auf ein unverhofft neues Level zu bringen. Mit einem herzlichen Lachen konnten wir schließlich unsere Fahrt fortsetzen und hatten sogar ein starkes Kernthema für die kommende Gruppe gefunden.

Entwicklungsgemeinschaft der Wesen

Das Ritual der „Herzwelle“ ist in unserer Arbeit immer wieder eine empfehlenswerte Praxis – vor allen Dingen für Paare. Sie können in diesen Prozessen die feinen Fäden ihrer Verbindung und Verstrickung kennenlernen und sie als Teil Ihrer gemeinsamen Geschichte annehmen.

Wir können in dieser kleinen Beschreibung eines tantrischen Rituals beispielhaft sehen, wie Beziehungsdynamik Form findet und welches ungeheure Potential für die persönliche Reifung dort drin steckt. Es wird sichtbar, dass wir uns auf vielen Ebenen begegnen. Wir sind eben nicht nur die abgegrenzte persönliche Ich-Einheit, die sich im Spiel befindet. Wir sind Ausdruck höherer und tieferer Ebenen, die sich suchen, abstoßen oder uns ganz neutral durchfließen. Jede Begegnung enthält eine Kernsubstanz für die Beteiligten, die entdeckt werden will. Es ist wie das gemeinsame Heben verborgener Schätze. Begegnungen in dieser Wachheit verändern ziemlich sicher den Blick auf unsere Rolle. Ja, wir sind Originale mit allen unseren Farben. Wir können uns als Teil eines lebendigen Netzwerkes von Energiefluss und Bewusstheit begreifen, auf der Suche nach unserem ganz eigenen Lied. Jede Stimme darin ist wichtig. Die Welt ist Klang.

Tantrische Begegnungen gehen unter die Haut

Wenn Paare sich finden, ist das sicher eine der intimsten Beziehungsaufnahmen. Nach dem Reiz des Anfangs teilen sich zwei Menschen zunehmend mehr Lebensbereiche und das ist, wie wir wissen, eine herausfordernde Aufgabe. Diese Begegnung geht eben sehr nah und im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Eine Menge Ego muss Federn lassen.

Es hat gute Gründe des Zusammenfindens gegeben. Irgendein magischer Magnetismus, ein Blick, ein innerer Ruf. Oder war es der Algorithmus einer Partnerbörse? Jede Paar-Beziehung hat da ihre eigene Geschichte, die sich lohnt immer wieder zu hinterfragen: Was hat uns zusammengebracht, was hält uns zusammen? Was ist unser gemeinsames Thema? Wer gibt wo und wer empfängt an welcher Stelle? Das feine Geflecht wachsender energetischer Verbindung ist keine Selbstverständlichkeit. Es will gesehen und gepflegt werden. Ein paar kleine Rituale wie das beschriebene können so etwas wie einen gemeinsamen neutralen Raum bauen, in den man aus den Nahzonen der Auseinandersetzung gemeinsam einen Schritt zurücktritt und offen schaut. Es ist der Raum der Liebe ohne Bedingungen. Paarsein ist Entwicklungsarbeit.

Auseinandersetzung, Leidenschaft und auch Streit sind Teil des Entwicklungsspiels Mensch. In der Rückbesinnung auf die spannende Arena dieses Tanzes ist der Spiegel ein hilfreiches Mittel, gerade in turbulenten Zeiten. Diese lebendige Menschenbühne ist auf der Herzebene gebaut. Sehen wir den Anderen mit seinem ganz persönlichen Ausdruck und erkennen wir uns darin. Jetzt, in diesem Moment, den wir füllen – mit was auch immer.

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