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Das Geheimnis des goldenen Elixiers und die Suche nach der vollkommenen Vereinigung

Wilde Sexorgien? Absolute, hemmungslose Lust – oder reine und pure Kontrolle der Lebenskraft? Was genau macht eigentlich Tao oder Tantra aus? Udo Treide bringt für SEIN Licht ins Dunkel der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Schulen.

Das Wort „Tao“ finden wir in vielen Zusammenhängen, von „Tao der Physik“ bis „Tao-Massage“, doch nur wenige wissen, was es bedeutet. Dadurch kommt es häufig zu Verwechslungen mit „Tantra“, denn beide beschäftigen sich mit der Sexualität. Tao (auch Dao) bedeutet „der Weg“, entstammt der altchinesischen Kultur und meint den Weg der Natur und des Menschen, die Gesetze des Kosmos. Von Laotse ca. 500 v. Chr. in die chinesische Philosophie eingeführt, ist es eines der geheimnisvollsten Konzepte des menschlichen Geistes.

Tantra dagegen entstammt dem indisch-tibetischen Kulturkreis und bedeutet „das Gewebe“ und meint die Grundlage des Lebens. Diese Lebenslehre stand in Opposition zum orthodoxen Hinduismus, da Tantriker Dinge taten, die im Hinduismus verboten waren, zum Beispiel suchten sie durch Sex die Erleuchtung. Viel und langer, stark ritualisierter Sex soll die Lust zu ungeahnter Intensität steigern und das Paar in der Ekstase zu einer Einheit verschmelzen lassen. Die dabei wirkenden Kräfte heißen Shiva (männlich) und Shakti (weiblich). In der Folge wird das Leben für Sinnesfreude und Genuss geöffnet und von Sexualität durchtränkt. Diese Praxis hat Tantra zu einem der umstrittensten Lebenskonzepte gemacht.

Auch das Tao hat eine vom Üblichen abweichende Sicht auf die Sexualität. Das geheimnisvolle Prinzip „Dao“ bewirkt alles Sein. Mit Yin (weiblich) und Yang (männlich) werden die wirkenden Grundkräfte bezeichnet, aus deren Wechselspiel alles hervorgeht. Das taoistische Weltbild enthält damit eine Sexualmystik. Das Leben basiert auf der sexuellen Energie „Jing“ (Substanz), die kultiviert und in höhere Energien Qi (Lebensenergie) und Shen (Geist) durch Qigong-Übungen, Meditationen und bestimmte Sexualpraktiken umgewandelt werden soll.

 

Die Bewahrung der „Orgasmusenergien“

Besonders der Mann soll seine Sexualpraxis radikal verändern: er soll lernen, nicht mehr zu ejakulieren und dennoch einen Orgasmus haben. Dies muss erarbeitet („Sexual Kung Fu“) und mühsam geübt werden. Dadurch kann er multiorgasmisch werden, das heißt, er kann in einem Sexualakt mehrere Orgasmen haben, ohne seinen Samen zu verlieren. Die nicht nach unten und außen abgegebene Samen-Energie soll er durch bestimmte Atemtechniken und Muskelkontraktionen im Körper nach innen und oben lenken, so dass Organe und Gehirn gestärkt werden. Vermehrt um die Orgasmusenergie der Frau erreicht er strahlende Gesundheit, Jugendlichkeit und ein hohes Alter. Daher sollte der Mann lernen, die Frau zum Orgasmus zu führen. Außergewöhnliche Menschen sollen nach der Überlieferung auf diesem Wege „Unsterbliche“ geworden sein, zum Beispiel der mythische „Gelbe Kaiser“.

Dies gilt jedoch nicht nur für den Mann, sondern genau so für die Frau, vorausgesetzt der Mann kann seine Orgasmusenergie bewahren. Dann kann die Frau sie aufnehmen und zusammen mit ihrer eigenen Orgasmusenergie durch ihren Körper zirkulieren lassen. Frauen sollten deshalb darauf achten, dass ihre Partner die Kunst des Orgasmus ohne Ejakulation beherrschen. Ihre Ahnherrin ist die „Königin Mutter des Westens“, die durch die Orgasmusenergie von zahllosen jungen Männern unsterblich wurde.

 

Das goldene Geheimnis…

Diesen Prozess der doppelten Kultivierung der Orgasmusenergien von Mann und Frau nennt man „innere Alchemie“, da „Blei“ (sexuelle Energie Jing) in einem inneren Verschmelzungsprozess zu „Gold“ (geistige Energie Shen) umgewandelt wird. Mit dem entstehenden „goldenen Elixier“ schenken sich Mann und Frau gegenseitig Gesundheit, Jugendlichkeit und langes Leben. Dies ist das Ziel der dualen Kultivierung im Tao. Die entscheidende Methode dabei ist das „orgasmische Emporziehen“, d.h. die Lenkung der sexuellen Energie im „kleinen (oder himmlischen) Energiekreislauf“ ins Gehirn hinauf und von dort in alle Organe. Dabei verwandelt sie sich zu Lebens- und geistiger Energie, die den ganzen Menschen regeneriert. Gesundheit steht also an oberster Stelle bei allen Übungen und Methoden des Tao Yoga. Dabei ist die Arbeit mit der sexuellen Energie nur ein Aspekt der umfassenden Selbstheilungsarbeit des Tao. Im Zentrum aller Übungen steht die Entwicklung des kleinen Energiekreislaufs.

Im Tantra gibt es dagegen Schulen, die Yoga-Übungen ablehnen und sich ausschließlich der Pflege der sexuellen Rituale verschrieben haben. Hier ist Sinn und Ziel aller Übungen die Steigerung der sexuellen Lust. Durch Kontrolle des Orgasmus erreicht das Paar ungeahnte Intensität sexueller Erregung. In Ekstase verschmelzen Shiva und Shakti, für die Mann und Frau in der Vereinigung symbolisch stehen, zu einer vollkommenen Einheit. Das große Ziel ist, auf dem Weg von Freude und Lust, in der Vereinigung, nicht durch Entsagung und Askese, Erleuchtung zu erlangen.

 

Sexuelle Zügellosigkeit?

Selbstverständlich sind diese hohen Ziele, Unsterblichkeit und Erleuchtung, nicht durch Wochenendkurse und Urlaubsseminare in schönen Ländern zu erreichen. Doch auch dem weniger Anspruchsvollen haben Tao und Tantra viel zu bieten. Beide lehren in der Sexualität unbefangener zu werden und belastende Hemmungen abzulegen. Doch sprechen sie keineswegs der sexuellen Zügellosigkeit und dem Sich-gehen-Lassen das Wort. Im Gegenteil: Wer eine innere Umwandlung bewirken will, muss sich auf jahrelange Übungen und Rituale einlassen. Doch sowohl Tao als auch Tantra versprechen, dass dieser anstrengende Weg seine Belohnung in sich hat. Tao-Praktiker erleben einen ungeahnten Aufschwung ihrer Gesundheit, Lebensfreude und kreativer Aktivität. Das Leben ordnet sich. Süchte fallen ab, Gelassenheit, Heiterkeit und Dankbarkeit ziehen ein. Tantra-Schüler lernen, das Leben zu genießen und sich der Lust, Schönheit und Hingabe unbefangen zu öffnen.

 

Tao & Tantra heute

Die Tao- und Tantra-Angebote unserer Zeit unterscheiden sich trotz aller Ähnlichkeit in einigen Punkten erheblich. In einem Tao-Kurs zur Sexualität werden die Teilnehmer gemischter Gruppen ihre Kleidung nicht ablegen oder sich gegenseitig erotisch berühren. Dies ist in vielen Tantra-Gruppen jedoch der Fall bis hin zu Vereinigungen in der Gruppe. Die Tantra-Gruppen legen besonderen Wert auf Hemmungsabbau und den zwischenmenschlichen Kontakt zwischen Mann und Frau. Im Tao dagegen geht es primär um den innermenschlichen Energieprozess, den jeder für sich erlebt. Die sexuelle Begegnung bleibt der Privatsphäre vorbehalten. Beide Methoden haben ihre Anhänger. Viele Teilnehmer an Tantra-Gruppen suchen gerade den Thrill einer solch unkonventionellen Begegnung. Oft in der Hoffnung, endlich den vollkommenen Partner fürs Leben dort zu finden. Tao-Teilnehmer lernen dagegen ernsthaft die inneren Energieströme zu lenken und leiten.

 

Übung – „Morgengebet und Abendgebet“

„Meister des Weges“ empfehlen liebenden Paaren, sich morgens nach dem Erwachen und abends vor dem Einschlafen zu vereinen, ohne einen Orgasmus anzustreben.

Mann und Frau halten sich in enger Umarmung. Der Mann führt seinen Penis sanft und mit der geringsten möglichen Bewegung in die Vagina ein. Beide geben sich für einige wenige Minuten möglichst bewegungslos dem Pulsieren und Fluss der Energien hin.
Ein Zustand inniger Verschmelzung mit dem Liebespartner stellt sich ein.
Die liebende Vereinigung führt das Paar, wenn auch nur kurz, in einen meditativen Glückszustand, der den Tag und die Nacht erfüllt.


alle Abb: © Mantak Chia

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