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Motor-City Detroit steht am Abgrund: Arbeitslosigkeit und leerstehende Gebäude zersetzen die Stadt. Von den einstmals zwei Millionen Einwohnern sind nur 900.000 geblieben. Ein Millionär möchte Detroit nun mit einer eigenwilligen Idee retten: Mitten in Detroit soll die größte urbane Farm der Welt entstehen.

John Hantz, ehemaliger Finanzmanager und einer der wenigen verbleibenden Millionäre Detroits, ist überzeugt, dass urbane Farmen der Stadt einen neuen Aufschwung bringen könnten. Die riesigen leerstehenden Fabrikkomplexe könnten in fruchtbare, produktive Flächen verwandelt werden, neue Jobs würden entstehen, regionale Märkte mit lokal erzeugtem, frischem Gemüse versorgt werden, die Farm würde Touristen aus aller Welt anziehen und der Immobilienmarkt Detroits durch die plötzliche Land-Knappheit einen Preis-Aufschwung erleben. Zudem wäre die Stadt endlich die leerstehenden Flächen los, die derzeit mit Steuergeldern vor der totalen Verwilderung bewahrt werden. Eine gute Idee?

High-Tech-Farmen

Hantz möchte selbst 30 Millionen Dollar in das Projekt investieren, alles Cash, keine Kredite. Sein Plan sieht sieben über die Stadt verteilte „Agrar-Seen“ vor, also keine zusammenhängende Riesenfarm. Um diese Seen herum, so hofft Hantz, könnte das neue Detroit entstehen.

Mit herkömmlicher Landwirtschaft werden die Farmen aber wenig zu tun haben: Hantz High-Tech-Gemüsefabriken werden aussehen, wie aus einem Science-Fiction-Film entflohen. Mit Kompost geheizte Glashäuser, Terrassenbeete, Hydrokulturen (nur Wasser, keine Erde) und Aerokulturen (nur Luft) sollen zeigen, wie die urbane Landwirtschaft der Zukunft aussehen könnte. Traktoren wird jedenfalls ganz sicher keine geben – das war gestern.

Angebaut werden zunächst wahrscheinlich Salat und Tomaten, geplant sind dann vor allem Früchte wie Pfirsiche, Pflaumen und Beeren.

Es könnt sofort losgehen, allerdings hat Hantz einige Forderungen: Für seine Investion will er von der Stadt kostenfreies Land und Steuervergünstigungen – dann würde er sofort damit beginnen Leute einzustellen und könnte schon im Frühjahr die erste Farm präsentieren. Die Verhandlungen laufen und seine Chancen stehen sicherlich nicht schlecht. Laut Stadt sind die Gespräche bisher „produktiv“.

Kritik aus dem Untergrund

Widerstand erhält Hantz vor allem von den autonomen Stadt-Farmern, die Detroit zu einer der führenden Städte in Sachen urbane Landwirtschaft gemacht haben – sie fürchten nun eine Übernahme und Kommerzialisierung durch das Riesenprojekt. Detroit hat mittlerweile etwa 900 selbstverwaltete Stadtfarmen und liegt damit an vorderster Front eines Trends, der sich in den USA immer weiter ausbreitet: nämlich Gemüse selbst lokal anzubauen und sich von den Agrar-Riesen unabhängig zu machen.

Diese Gärten sind jedoch weder auf Profit ausgelegt, noch schaffen sie Arbeitsplätze oder Steuereinnahmen. Dafür bieten sie gesundes Gemüse, eine befriedigende sinnvolle Arbeit für die chronisch Arbeitslosen und eine selbstverwaltete Struktur in einer zerfallenden Stadt.

Neben der Kommerzialisierung stößt es den selbstorganisierten Pionieren der urbanen Landwirtschaft sauer auf, dass Hantz bisher stets nur weiße Männer eingestellt hat – und das in einer Stadt in der 82% Farbige leben.

Zukunftsfarmen

Ob Hantz Pläne Wirklichkeit werden, ist derzeit noch unklar, seine Chancen stehen jedoch sehr gut, denn Detroit hat kaum Möglichkeiten sich auf irgendeinem anderen Gebiet zu positionieren und sie Stadtverwaltung kann die riesigen leerstehenden Flächen eigentlich längst nicht mehr unterhalten.

Zudem kommt Hantz mit seinem Projekt den Visionen vieler Stadtplaner entgegen, die für die Zukunft einen neuen Typ Stadt vorhersagen, in dem sich Ballungszentren mit Nutz-Gebieten abwechseln, in denen auch Landwirtschaft betrieben wird.

Es bleibt zu hoffen, dass dabei langfristig auch ein nachhaltiger Weg verfolgt wird – denn Hantz Pläne sind ebenso aufregend, wie sie zweifeln lassen und so mancher wünscht sich sicher eine naturbelassenere Form des Gemüseanbaus. Von solchen Zweifeln unabhängig: Sollte sein Vorhaben gelingen, könne aus den Ruinen der post-boom-Stadt Detroit ein Modell für eine Stadt der Zukunft entstehen und vielleicht auch eine High-Tech-Form von urbaner Landwirtschaft: hoch-platzsparend aber eben leider auch hoch-industriell.

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