Anzeige

Wir sind in einer Gesellschaft sexuell unglücklicher Menschen aufgewachsen. Woher sollten wir also wissen, was sexuelles Glück ist?
Klar, in den letzten Jahrzehnten hat sich vieles bewegt – von Wilhelm Reich bis Neotantra –, aber wirkliche tiefe Berührung in der Sexualität findet selten statt. Wie könnte also eine ­lebendige, selbstregulierte Sexualität aussehen, die ohne ein therapeutisches Modell und ohne aufgesetzte spirituelle Rituale auskommt?

 

Als ich meiner Partnerin begegnet bin, hat sie mich mit Barry Longs Buch „Sexuelle Liebe auf göttliche Weise“ konfrontiert und mit ihrem Wunsch, das in unserer Sexualität umzusetzen. Und ich konfrontierte sie mit Wilhelm Reich und seiner Lehre von der Funktion des Orgasmus, die für mich seit 30 Jahren als höchste, wissenschaftlich fundierte Wahrheit über die menschliche Sexualität galt. Und so standen sich diese beiden Systeme wie Machtblöcke gegenüber: Tantra kontra orgastischer Sex, Sexualität ohne Ziel kontra angestrebter Orgasmusreflex,  Emotionslosigkeit kontra freier Ausdruck der Emotionen.

Ich habe mich dann ausführlich mit Barry Long beschäftigt und ihn tief in mir verstanden. Ich fühlte, dass er einfach recht hat, auch wenn seine Lehre dem, was Wilhelm Reich über Sexualität sagt, erst einmal deutlich zu widersprechen scheint.

Meine über Jahrzehnte so sorgfältig aufgebaute Wahrheit über das Wesen der Sexualität musste ich fallen lassen, um diese andere Sexualität zu suchen und zu leben. Ich war bereit hinzusehen und hinter meinen Idealen vom perfekten Orgasmus die ziemlich schäbige Realität meiner tatsächlich gelebten Sexualität zu erkennen. Ich musste zugeben: Ich wusste nicht, was die Liebe – die körperliche Liebe – ist.

Ich musste mit Schrecken feststellen, dass ich anfangs nicht fähig war, diese andere, einfache Sexualität zu leben. Auch wenn ich bis zu einem gewissen Grad verstanden hatte, worum es geht – soweit man das überhaupt über den Verstand erfassen kann – hieß das lange noch nicht, dass ich es einfach umsetzen konnte. Der Wunsch nach emotioneller Befriedigung in der genitalen Vereinigung hat mich weiterhin mit Macht dahin gedrängt, einen Orgasmus zu machen. Ich habe erlebt, dass das Sexmachen, die Reibung, die Steigerung meiner Erregung, so sehr im Vordergrund meiner Empfindungen stand, dass ich damit die energetische Liebe nicht zulassen konnte. Ich fühlte mich wie ein Süchtiger, dem der Stoff entzogen wird.

 

Wilhelm Reich und der ­Orgasmusreflex

In den 70er Jahren, zur Zeit der sexuellen Revolution, waren die Theorien Wilhelm Reichs der Kern aller Hoffnungen.  Reichs Erkenntnisse mauserten sich zum erfolgreichen Therapiemodell.

Wilhelm Reich hatte als erster Arzt den menschlichen Orgasmus erforscht und war dabei auf die erschreckende Tatsache gestoßen, dass fast alle Menschen so sehr an neurotischen Erkrankungen leiden, dass sie zur natürlichen sexuellen Hingabe nicht fähig sind. Er nannte diese Störung „orgastische Impotenz“. Menschen  stellen die sexuelle Erregung durch gezielte Reibung, Anspannung und Pressatmung her, sie ficken. Sie wollen gegen den Widerstand muskulärer Blockaden das erreichen, was man in unserer Kultur als normalen Orgasmus erlebt. Da diese Sexualität keine tiefe Erfüllung bringt, wollen Männer immer wieder Sex und Frauen suchen darin vergeblich Nähe und Liebe. Reich stellte ein Gegenkonzept auf, den „genitalen Charakter“, der in der Lage ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen, der zur vollen sexuellen Hingabe im selbstregulierten Orgasmusreflex fähig ist.

Also war „Körpertherapie“ das Zauberwort. Aber die Resultate blieben aus. Ich bewege mich seit über 30 Jahren in der Reichschen Szene, aber mir ist bisher kein Mensch begegnet, der von sich behauptete, ein genitaler Charakter und zum Orgasmusreflex fähig zu sein, schon gar nicht durch irgendeine Therapie. Sollte der Sinn und Nutzen einer Methode nicht irgendwann nach überprüfbaren Ergebnissen bemessen werden?

Die Körpertherapieszene hat den hohen Anspruch nach und nach fallen gelassen und nun geht es meist nur noch um eine „Lockerung der Blockaden“. Der Hintergrund: Reichs  Therapiekonzepte konnten zum Gelderwerb genutzt werden und insofern waren sie sehr erfolgreich. Aber Reich selber hatte sich ab 1950 deutlich von der Individualtherapie distanziert und seine Therapieangebote sowie die Ausbildung eingestellt, was man konsequent ignoriert hat:

„Ich möchte, dass Sie verstehen, dass individuelle Therapie nutzlos ist. Nutzlos! Oh ja, von großem Nutzen, um Geld zu machen und hier und da zu helfen. Aber vom Standpunkt des sozialen Problems, vom Standpunkt geistig-seelischer Hygiene aus gesehen ist das nutzlos. Deshalb gab ich es auf.“ (Wilhelm Reich, Interview mit Dr. Eissler „Wilhelm Reich spricht über Sigmund Freud“, 1952, S. 30)

Was blieb, war die orgastische Potenz
als ein unerreichbares „bioenergetisches ­Nirvana“ und das Verständnis der sexuellen Revolution: „Orgasmus muss sein!“ ­Genau das hatte Reich nicht gewollt.

Neotantra und die Mystifizierung der Sexualität

In die Lücke unerfüllbarer sexueller Sehnsüchte brach der provokante Osho hinein. Von nun an  wurde sexuelle Freiheit als spirituelles Ritual praktiziert und Neotantra mauserte sich zu einem lukrativen Geschäftsmodell. Durch Neotantra hat es in den letzten zwanzig Jahren eine neue Betrachtung der Sexualität gegeben. Die Qualität der gelebten Sexualität wurde zum Thema. Die Kritik an der nur an Erregung und Befriedigung – sowie einer männlich-emotionalen Form der orgastischen Entladung – interessierten Sexualität nahm hier ihren Anfang.

Menschen, die Neotantra praktizieren, tun dies meist, weil sie genau die richtige Wahrnehmung haben: dass Sexualität wirkliche Erfüllung bieten kann, dass sie mehr sein kann, als dass Menschen sich selbst und gegenseitig zum Zweck der sexuellen Befriedigung benutzen. Aber leider wurde im Neotantra eine oft unerträglich süße, pseudo-spirituelle Soße aus hinduistisch angehauchten Ritualen über das Thema gekippt. Anstelle einer echten sexuellen Befreiung hin zu einer natürlichen, selbstregulierten Sexualität wurden neue esoterische und mystische Verschleierungen geschaffen. Die Menschen bleiben neurotisch und wenn der äußere Reiz des Exotischen nachlässt, kommen die alten Charakterstrukturen und damit die neurotischen Ängste und Verhaltensweisen zum Vorschein.

In den Tantrabüchern finden sich wieder diverse Beschreibungen, wie Lust gesteigert und Erregung und Befriedigung gemacht werden kann, wie Blockaden überwunden und Rituale zelebriert werden etc. Ich habe – bis auf die Bücher und Tapes von Barry Long – keinen Autor gefunden, der verstanden hätte, dass das Herstellen von Erregung, das Machen von Sexualität, das Erreichen-Wollen irgendwelcher Ziele oder Ergebnisse das eigentliche Problem darstellt. Die Tantra-Bücher sind voller Ratschläge, voller Stellungen, voller differenzierter und komplexer Übungen. Die Leser und die Teilnehmer an Workshops werden schier erschlagen vom Machen. Ich bekomme den deutlichen Eindruck, dass tantrischer Sex zu einer Art Leistungssport wird. Kein einziger sagt: „Lasst alles sein, lasst einfach eure Körper sich lieben und hört auf, Liebe zu machen“.

 

Barry Long und der Schmerzkörper

Meine Partnerin und ich konnten Barry Longs Vorschläge umsetzen, eine selbstregulierte energetische Sexualität zu leben, die nicht vom Verstand kommt, nicht aus Emotionen und Gefühlen. Es ist eine Sexualität, die das Lebendige leben will und selbstverständlich lebt, wenn wir es nur zulassen können. Die tiefe seelische Verbindung, die Intimität und Vertrautheit der energetischen Sexualität steht im deutlichen Gegensatz zum Sex, bei dem sich die beiden Partner gegenseitig benutzen, um das an kurzfristiger Befriedigung zu bekommen, was der emotionalisierte, also sexuell erregte Verstand glaubt zu brauchen.

Es geht eigentlich nur darum, in der sexuellen Umarmung jede künstliche Steigerung der Erregung zu vermeiden, also keinen Orgasmus mehr zu machen, jede mechanische, gewollte Bewegung sein zu lassen. Das heißt nicht, auf den Orgasmus zu verzichten, ganz im Gegenteil: Irgendwann kommt er als natürliche, selbstregulierte Entladung wieder – oder auch nicht. Das ist dann jedoch auch nicht mehr so schrecklich wichtig.

Was Barry Long jedoch nicht vermittelt, ist, wie wir mit den damit verbundenen Problemen zurechtkommen. Der Verzicht auf emotionelle sexuelle Erregung bedeutet nicht nur, vom Ziel des gewollten Orgasmus abzulassen, sondern auch, täglich und ohne sexuelle Lust im Vorfeld zur Liebe zusammen zu kommen. Dabei werden tief sitzende Ängste zum Vorschein gebracht. Wir konfrontierten uns mit dem „Schmerzkörper“ (Eckhart Tolle) und das ist dasselbe wie der „Charakterpanzer“ (Wilhelm Reich). Die Schmerzkörperarbeit befähigte mich und meine Partnerin, den „akuten“ Situationen zu begegnen, ohne therapeutische Absicht, den Schmerz wegzutherapieren, sondern ihn vielmehr als Gegenpol zur nicht-emotionellen, körperlichen Lust anzusehen und zuzulassen. Entweder wir sind im Schmerz und werden durch ihn aufgeweckt oder wir sind in der Lust und können die energetische Sexualität leben. Es ist so einfach, wie es klingt – und es ist unsagbar schwer, weil wir das Ego mit aller Macht herausfordern.


Abb: © fotoexodo – Fotolia.com

Weitere Informationen über Jürgen ­Fischer und sein ­neues Buch „Sexuelle Liebe im JETZT oder: Die zweite sexuelle Revolution“ (Januar 2011, Books on demand) mit ausführlicher Inhaltsangabe und Probekapitel unter www.orgon.de

 

 

 

 

 

 

Kontakt über
Tel.: 04284-926 948 oder info@orgon.de

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Über den Autor

Avatar of Jürgen Fischer

hat bereits viele ­Bücher über Wilhelm Reich und die ­Lebensenergie ­veröffentlicht. Mit www.orgon.de betreibt er seit 1994 eine der umfangreichsten Webseiten zur Orgonomie. Seit über 30 Jahren stellt er die Geräte her, die von Wilhelm Reich entwickelt wurden. Sein besonderes Thema ist die Anwendung der Lebensenergie für spirituelle Erkenntnis. Er lehrt die sinnliche Wahrnehmung der Lebensenergie und wie sie als Tor zur Gegenwärtigkeit genutzt werden kann.

5 Responses

  1. Jeremias Aeternus

    Lieber Jürgen,

    ich danke als 21-Jähriger über diesen wunderbar informativen und mitreißenden Artikel, eines Wunsch-Realität-Gefälle. Es wird hier auch der Widerspruch zwischen erzwungenen Handlungen und der reinen passiven Handlung des Erleben-Wollens sehr klar angeführt.

    Auch für mich steht in meiner sexuellen Beziehung eine Frage tief im Vordergrund, nämlich die Hoffnung und Vermutung, dass es 3 Wege gibt die innere Schwingung,das Gefühl nach Außen zu transportieren. Der erste Weg ist der immer wieder zum Scheitern verurteilte Versuch seine Gefühle für einen Anderen in Worte zu zwängen. Der zweite Weg der immer wieder zum Scheitern verurteilte Versuch seine Gefühle in den körperlichen Akt zu zwängen. Und der dritte Weg den ich weder begangen bin, noch von ihm gehört habe – nämlich der Hoffnung wahres Gefühl ohne Verzerrung transportieren zu können, ohne auf verbale und non-verbale Konzepte (des Wortes, des körperlichen Liebens) zurückzugreifen.

    Vielleicht wird mir als junger Suchender jemand eine Antwort geben können, oder ich werde selbst drüber stolpern. Es bleibt die Frage im Raum, gibt es einen Weg der unverfälscht die Gefühle transportiert und den Raum der Liebe in Zweisamkeit zeitlos erfasst?

    Alles Liebe,
    Carpe Diem,
    Jeremias

    Antworten
  2. Ronja

    Ich kann das abgebildete Bild bei Fotolia.com nicht finden, kann mir da jemand helfen?
    Z.B: ein keywort o.Ä. verraten?
    Wäre sehr nett!!!

    Antworten
  3. David Rotter

    Die Bücher und Talks von Barry Long sind auch in meiner Erfahrung das Beste, was es nach wie vor zum Thema gibt und ich kann sie aus vollem Herzen empfehlen. Beim Lesen stellte sich bei mir ein tiefes Wiedererinnern ein, eine Erkenntnis der Wahrheit von dem was da geteilt wurde, die jeneseits von Verstehen lag.

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*