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Hallo Papi,
Auf dem Rückweg von euch nach Berlin habe ich viel an dich gedacht. Deswegen bin ich sofort nach der Ankunft in Berlin in ein Café gegangen, um dir einen Brief zu schreiben und dir mal alles zu sagen, was ich gerade denke und fühle – solange ich noch einen Vater habe.

Ich bin stolz, dass du mein Vater bist! Ich schätze deinen brillanten Geist, deine Art und Weise, Freude und Spaß am Leben zu haben und räumliche und geistige Grenzen zu erweitern! Ich erinnere mich, als ich mit dir im russischen Militärgebiet Pilze gesammelt habe und wir uns dann an den Waldrand geschlichen haben, wo eine Übung war und die Panzer rumgewurzelt sind…. oder erinnere dich einfach mal an die vielen Male, als wir (Vater und Söhne) Skat gespielt haben und vor Lachen fast geplatzt sind und nicht mehr atmen konnten… oder wie du in der Türkei Reiseleiter im Bus gespielt hast. Wenn du gut drauf bist, war es mir stets eine Freude, mit dir unterwegs zu sein, weil es immer was zu lachen gab.

Es macht mich traurig, wenn du sagst, dass du ein alter Mann bist. Da bekomme ich das Gefühl, dass du aufgegeben hast und keine Lust mehr zum Leben hast, weil ja alles keinen Sinn mehr hat.

Natürlich sehe ich, dass du angeschlagen bist und der Atem nicht mehr so richtig fließt. Aber warum sich der Angst hingeben? Wäre es nicht besser, sich zu öffnen für die Welt und die Menschen und zu überlegen, was du unternehmen könntest, um deinen Geist zu erfrischen und Spaß zu haben und den Menschen etwas von deiner Einzigartigkeit zu geben? Fühl doch einfach mal deine Hände, wie sanft und weich die sind….

Weißt du, wie viele keinen Vater haben oder keinen Kontakt mehr mit ihm?

Wäre es nicht schön, sich wieder für die einzigartige Schönheit und Vielfalt des Lebens und der Menschen zu öffnen – ruf mich beispielsweise an, setz dich Freitag in den Zug und komm mal übers Wochenende nach Berlin… einfach mal Neues zulassen, Positives im Gegenüber und dir selbst sehen.

Da fängt die Liebe an, die uns alle verbindet, die Liebe, die uns viele wunderbare Momente im Leben beschert hat. Durch diesen positiven Blickwinkel fällt es einem auch leichter, für sich selbst Liebe zu empfinden, egal was man jemals gemacht hat oder wie man aussieht.

Jeder Einzelne hat seine eigene Geschichte von Trauer, Leid und Schmerz – und davor habe ich Respekt. Ein Leben zu leben voller Freude und Spaß in Würde, Respekt und Selbstrespekt, ohne Vorurteile und ohne über andere zu urteilen, darüber, was richtig und falsch ist, ist eine große Herausforderung. Ich habe mich früher oft gefragt, warum ich euer Kind bin und warum ich an diesem Platz und in der Art und Weise aufgewachsen bin, wie es eben war. Manchmal im Leben war ich sehr wütend und auch sehr traurig und habe viele Tränen geweint und hatte auch Selbstmordgedanken, weil ich dachte, dass alles sinnlos ist.

Was meinst du, warum ich damals aus dem Elternhaus abgehauen bin? Es war der Schrei nach Freiheit. Ich wollte ich selbst sein und nicht andauernd bevormundet werden. Damals hatte ich aber keine Ahnung, was Freiheit wirklich bedeutet, dass es auch eine innere Freiheit gibt. Und innere Freiheit bedeutet Liebe… liebevoll aus dem Herzen zu leben und anzuerkennen, dass niemand für sich allein auf der Welt ist, dass jeder seinen einzigartigen Beitrag für das Leben im Ganzen hat, also mit den eigenen Stärken und Potenzialen zu einer Bereicherung aller beiträgt. Innere Freiheit bedeutet auch, frei zu sein von seelischen Verletzungen, von Schuld, Scham, Hass, Neid, Gier, Vorurteilen, Selbsterniedrigung etc. Anstatt den anderen zu kritisieren und rumzunörgeln, gilt es bei sich selbst anzufangen und sich verantwortungsvoll um sich selbst zu kümmern, sich selbst etwas Gutes zu tun und sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein. Denn jede Disharmonie ist ein unerfülltes Bedürfnis!

Ich bin stolz, dass ihr meine Eltern seid – und ich bin stolz, dass ihr noch zusammen seid. Viele andere haben sich die Köpfe gegenseitig eingeschlagen, haben sich in Zorn und Ärger getrennt und sprechen nicht mehr miteinander.

Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse des anderen zu respektieren und sich gegenseitig die Bedürfnisse zu erfüllen – was will ich, was willst du –, beispielsweise sich täglich gegenseitig zu massieren und liebevoll zu berühren.

Das Wichtigste jedoch ist, sich selbst zu vergeben und keine Schuldgefühle zu haben, egal, was der andere mal gesagt oder gemacht hat. Die Vergangenheit ist vorbei und es bringt nur Frust, an unschöne Dinge aus der Vergangenheit zu denken. Sich liebevoll zu begegnen fängt damit an, was ich denke und wie ich es ausspreche.

Heute, nach einer langen äußeren und inneren Reise, bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekommen – und das ist nicht selbstverständlich. Der Glaube an die Liebe hat mich mehrmals von der “Kante” zurückgeholt und mir die Kraft gegeben, die Liebe zu kultivieren und das Schöne in jedem Menschen zu sehen. Und das zu meinem Lebensmotto zu machen. Mit meiner Arbeit, der Verteilung des SEIN-Magazins in Berlin und Potsdam, leiste ich dazu meinen Beitrag, denn indem immer mehr Menschen nach innen schauen, um Liebe und Frieden im eigenen Herzen zu erkennen, desto mehr Liebe und Frieden kommt in diese Welt.

Ich bin dein Kind und ich bin durch deinen/euren Schöpferakt in dieses Leben gekommen. Haben wir uns über die Jahre Zeit genommen, um uns wirklich kennenzulernen? Weißt du, wer ich wirklich bin? Ich möchte, dass du stolz auf mich bist. Ich jedenfalls bin stolz auf dich. Wenn man mit dem eigenen Vater noch Spaß haben kann, ist das Leben wirklich lebenswert.

Mit lieben Grüßen
dein Klausi


Abb: © Roman Hense – Fotolia.com

4 Responses

  1. Sophia

    Hallo, der Text ist super 🙂 Ich hab eine frage. Ist dieser Text selbst ausgedacht oder aus einem Buch oder so kopiert? Und gibt es noch mehr solche Texte? Wäre wichtig das zu wissen. Danke jetzt schonmal an alle Antworten! Sophia

    Antworten
  2. ben

    Klausi mir kamen die tränen 🙂 mit deinem Brief sprichst du mir aus der seele….

    ganz ganz ganz toll…….

    mfg

    Antworten
  3. Yvonne

    Lieber Klaus,

    dem kann ich mich nur anschließen…einfach wunderbar, so berührend
    und echt ! Vielen Dank auch von mir für deine herzwärmende Offenheit.
    Eine ähnliche Situation hatte auch ich kürzlich …alte Wunden…
    ein Vater der nie gelernt hat Gefühle zu zeigen und ein Augenblick der Wut
    meinerseits ….am Ende konnte ich Verzeihen und Lieben und habe die Worte
    gefunden die zu sagen so wichtig waren.
    Ich fühle mich nun sehr gut !

    Sei im Geiste umarmt
    Yvonne

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  4. Verena

    Lieber Klaus!
    Ich danke dir von ganzem Herzen für dein offenes, reines Herz und dass du es hier mit uns allen teilst. Dein Brief an deinen Vater und deine Wahrhaftigkeit berühren mich sehr. Die Frau in mir, dankt dem Mann in dir, dass du den Mut hast den Weg der Liebe zu gehen.
    Alles Liebe
    Verena

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