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115 Jahre gemeinnützige Obstbaugenossenschaft

Im vegetarischen Restaurant „Ceres“ in Berlin-Tiergarten beschloss 1893 ein Kreis von 18 Lebensreformern, die „Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden“ zu gründen. Was damit begann, den Dung zwischen den Berliner Straßenbahnschienen aufzusammeln, um im kargen Sand westlich von Oranienburg den Traum vom selbstbestimmten, naturnahen Leben zu verwirklichen, gedieh bald zu einer florierenden Agrargenossenschaft. Besitz war hier ein Fremdwort; Erbpacht die Lösung, um sich aus alten Denkmustern zu befreien. Es war der Geist der Zeit, der die Gemeinschaft gedeihen ließ – kurz vor dem Ende eines großen wirtschaftlichen Zyklus, im Kondratjew-Winter, der mit der zwingenden Logik der Mathematik von Zins und Zinseszins zur Kreditklemme, zum Bankensterben, Massenarmut, in die Depression, zu Krieg und Hyperinflation führt.

Exakt einen Kondratjew-Zyklus später, aktuell zwischen Kreditkrise und Bankensterben, ist der Ruf wieder da. Viele träumen von der Flucht aus Berlin, manch einer hat sich schon seine Scholle im Umland gesichert, man beginnt sich zu vernetzen: ich Hühner und Kuh, du Gewächshaus, er Permakultur mit Fisch- und Krebszucht, wir tauschen.

Die gemeinnützige Obstbausiedlung Eden in Oranienburg hat zwei Weltkriege überlebt, die DDR, die Wende mit dem „Abbau“-Ost sowie die modernen Heuschreckenplagen – und zeigt damit, wie erfolgreich so eine Bewegung sein kann.
1900, sieben Jahre nach der Gründung, hegten die Genossen bereits 15.000 Obstbäume, 50.000 Beerensträucher, 3.000 Haselnusssträucher, 200.000 Erdbeerpflanzen und 20.000 Rhabarber­stauden. Die Produkte, deren Rezepte auf der eher strengen Ernährungsphilosophie der Gründerväter basierten, werden seit nunmehr 100 Jahren unter dem Markennamen „Eden“ deutschlandweit in Reformhäusern vermarktet. Aber auch das geistige Leben florierte und zog Größen wie Sylvio Gesell an: von 1911 bis 1916 lebte der Wirtschaftsvisionär, der für die Abschaffung des Zinssystems kämpfte, in Eden. 1927 kehrte er noch einmal – für die letzten drei Jahre seines Lebens – dorthin zurück. Heute umfasst die Genossenschaft 120 Hektar, aufgeteilt in 361 Grundstücke, die von 380 aktiven Mitgliedern bewirtschaftet werden.

Für alle, die heute davon träumen, den Schritt ins naturnahe eigenverantwortliche Leben zu tun, die sich in Zukunft lieber selbst versorgen möchten, als sich in den Tiefen der sich abzeichnenden Depression in Berlin an den Verteilungskämpfen zu beteiligen, könnte ein Besuch in Eden eine wirkliche Inspiration sein. Auch wenn über den meisten Gebäuden noch der Geist der tristen DDR-Ära schwebt und viele Genossen sich im Rentenalter befinden, hat die Gemeinschaft immer noch viel von ihrem ursprünglichen Geist bewahren können. Das beweisen unter anderem die Neubauprojekte, wie der 2002 fertiggestellte Kindergarten in Lehmbauweise, der im Herzen die größte Lehmkuppel Europas trägt und mit seinem begrünten Dach das Flair eines Hundertwasser-Gebäudes ausstrahlt. Aber mehr noch als die architektonische Wiederauferstehung, die sich von Gebäude zu Gebäude hangelt, überzeugt die Freundlichkeit der Einwohner. Wo sonst in unserer Republik findet man Gärtner, die aus purem Stolz auf ihre 60 seltenen Tomatensorten vorübergehende Gäste spontan zum Miternten einladen – und dann gleich kistenweise, und umsonst. Überfluss, können wir hier lernen, scheint nicht eine Funktion der Materie zu sein, sondern eine des Geistes.
Wer weiß… vielleicht liegt das, wo wir hinwollen, ja schon vor den Toren der Stadt.

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