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Was ist Ehre? Wenn ich meinen neunjährigen Sohn frage, dann antwortet er: „Na, zum Beispiel bei einem König: Wenn man was für den machen kann, einen Goldschatz aufbewahren oder so, dann ist das eine große Ehre!“ Wie recht er hat… Aber im Ernst: Was verstehen wir heute noch unter der Ehre? Spielt sie eine Rolle? Brauchen wir sie? Was bedeutet sie uns – und wieviel Einfluss hat sie heute noch auf unser Verhalten? Fragen über Fragen. Also versuchen wir doch mal systematisch, an die Sache heranzugehen.

Die Ehre, griechisch hieros, definierte Cicero als den „herrschenden ritterlichen Wert“, also eine Art Verhaltenskodex für den Mann, der von Reden machen lassen will.
Würde man einen Historiker fragen, dann knüpft eine historisch bedeutsame Antwort sicher an die Definition von Cicero an, denn der Ehrenkodex spielte sowohl im Mittelalter bei den Rittern und Minnesängern, als auch bis ins 20. Jahrhundert hinein beim Adel eine Rolle. Eine typisch männliche Verhaltensweise, die in Deutschland immerhin bis 1918 praktiziert wurde, war das Duell, das ganz bestimmten Regeln und Normen folgte. Heute ist davon nicht viel übrig geblieben.
Selbst die Räuber in den Wäldern besaßen einen Ehrenkodex, den wir heute bei Verbrechern kaum noch finden. Die allgemeine Verrohung und steigende Gewaltbereitschaft auch gegen Schwache, nicht mehr „Mann gegen Mann“, zeigt sich beispielsweise sehr deutlich bei Delikten und Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund.
Ehre dem, dem Ehre gebührt. Nach diesem Sprichwort muss man sich Ehre verdienen. Ehre ist nichts, was man automatisch besitzt. Sich ehrenhaft verhalten, sich anständig verhalten, sich so verhalten, dass einem Ehre zusteht, dass ist offensichtlich eine Kunst, die es zu erlernen gilt, wenn man ein ehrenhafter Mensch sein will. Und es braucht eine Portion Ehrfurcht, um sich Ehre zu verdienen. Aber wo findet man heute noch Menschen, die Ehrfurcht besitzen? In der Politik folgt der Trend eher den Fernsehkameras, als der Ehrfurcht vor dem Amt, welches man inne hat. Sich als Diener des Staates zu sehen, seine Aufgabe in Ehren verfolgen – das ist doch kein Politiker-Jargon, der noch gesprochen wird heutzutage. Schade eigentlich… So mancher Skandal, so einige Steueraffären und Amtsmissbräuche könnten vermieden werden, wenn die Amts-Ehre noch von Bedeutung wäre.

In der Wirtschaft sieht es ein wenig anders aus: da gibt es einen Trend zum „sauberen Geschäft“, da darf man sich (wieder) brüsten mit Wohltaten und Ehrenämtern. Und in den Management-Etagen angesagter Wirtschaftszweige finden sich Controller, die folgsame Manager darauf schulen, mitmenschlich fit zu sein und eigenes Tun zu reflektieren, um sich ein möglichst hohes Maß an Anerkennung zu verdienen. Und da geht es nicht mehr um den Drill von Autorität und Durchsetzungsvermögen, sondern um klare Ziele wie flache Hierarchien, Sozialkompetenz und „gute Menschenführung“.

In anderen Kulturen färbt uralte Tradition immer noch auf das Geschäftsleben ab und ein japanischer Manager, der seine Firma in die Pleite reitet, hat tatsächlich noch heute „sein Gesicht verloren“. In weiten Teilen Europas sind wir da mittlerweile sehr viel nachsichtiger, was man an den zahlreichen Start-Up-Kampagnen für Jung-Unternehmer, von denen es nicht viele bis nach oben schaffen, erkennen kann.

Ehre hat kulturhistorisch in anderen Ländern nicht nur in Politik und Wirtschaft eine andere Bedeutung. So ist ganz allgemein das Verständnis von Ehre bei den Amerikanern nicht zu vergleichen mit der Ehre der Deutschen.

Auch religiöse Hintergründe beeinflussen Menschen in ihrem Verständnis von Ehre. Jüngster Fall in Schweden: ein 56-jähriger Kurde ermordet seine 26-jährige Tochter, weil diese sich kontinuierlich weigerte, ihrer Zwangsverheiratung zuzustimmen und sich darüber hinaus öffentlich für die Gleichstellung junger muslimischer Frauen einsetzte. Die schwedische Frauenbewegung war begeistert – die Männer in ihrer Familie dagegen fühlten sich in ihrer Ehre verletzt. Die junge Frau wurde von ihrem eigenen Vater erschossen. In Anbetracht dieses Mordes fällt der erforderliche Respekt gegenüber den Moralvorstellungen und den religiös begründeten Traditionen einer anderen Kultur nicht gerade leicht. Ein Menschenleben wird geopfert, um die Ehre der Familie zu retten. Das erfordert schon tiefstes Verständnis einer uns eher fremden Auffassung von Ehre und Ehrerhaltung.

Nicht nur in diesem Fall gilt die Frau als „Trägerin“ der Ehre. Auch bei den Arabern ist die Frau noch heute diejenige, die ihre Freiheiten nur in den Schranken der ihr vorgegebenen Strukturen und Dogmen auszuleben hat.

„Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Nicht erst mit Simone de Beauvoir lernten Frauen ihren Wert kennen, ihre Würde, ihren Status in der Gesellschaft. Die Emanzipation der Frau ist Ende und Ergebnis der Erfindung des Patriarchats. Staat und Kirche hatten lange Zeit ihr eigenes Interesse daran, die Frau in ihrer gesellschaftlichen Rolle klein zu halten. Es funktionierte, könnte man(n) sagen. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Frau in Familie und Beruf hat somit Tradition und birgt aus der Sicht des Mannes gewisse Vorteile – 2002 scheint das alles weit weg zu sein. Wir genießen in Mitteleuropa eine irgendwie festzustellende Gleichberechtigung, die in ihren Grenzen funktioniert und noch lange nicht ihr Optimum erreicht hat – aber die Töchter der heutigen Generation schlagen sich nicht mehr mit Dingen herum, für die ihre Mütter und Großmütter auf die Barrikaden gegangen sind. Fabrikarbeiterinnen boykottierten, Studentinnen demonstrierten – wir leben bereits fast selbstverständlich mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die sich daraus für uns Frauen ergeben haben.

Wie ist es nun mit der persönlichen Ehre? Schlägt die Ehre sich im Alltag des Einzelnen nieder? Handeln wir im Privaten nach einer Idee, einer Vorstellung, mit einer inneren Überzeugung, die stets Respekt und Achtung vor der Ehre des Anderen zeigt?

In der Liebe, sagt Daphne Rose Kingma, sollte es für uns eine Ehre sein, sich in den Augen des Geliebten widergespiegelt zu sehen. Wir sollten hoffen, so Kingma weiter, dass wir in seinen Augen „die Brillanz sehen, die in uns wohnt.“ Und da das nicht funktioniert, ohne dass wir an uns selbst arbeiten, appelliert Kingma an uns alle: „Wachsen Sie über sich selbst hinaus, werden Sie mehr als das, was Sie jetzt sind, damit Sie in den Augen des Menschen, den Sie lieben, immer Stolz, Erstaunen, Ehre, Genuß und Freude sehen können.“
        
Das ist ein Appell, den wir uns auf der Zunge zergehen lassen sollten: Innerer Wachstum für die Erhaltung der Ehre in der Liebe! Wir würden es vielleicht mit unseren eigenen Worten anders formulieren, aber es läuft doch auf die Formel hinaus, dass man etwas tun muss, um in den Augen des Anderen Respekt entgegengebracht zu bekommen. Gerade in der Liebe geht dieses Geheimnis oft verloren, weil man sich so nah kommt und so gut kennt, jede einzelne Schwäche des Anderen so vertraut ist wie sein Aussehen, sein Duft, seine Art, sich morgens Cornflakes in die Schüssel zu kippen – da kann der Respekt für den Anderen verloren gehen wie ein Socken, der nicht auftauchen will – obwohl wir schwören könnten, dass er gestern noch da gewesen ist…

Achtung und Anerkennung in der Liebe – das finden wir auch in der modernen Psychologie, bei Familienaufstellungen, in der Eheberatung und im Scheidungsfall bei der Mediation (Konfliktvermittlung).

Familie ist offensichtlich ein Ort, in dem die Ehre des Einzelnen ebenso eine Rolle spielt wie die Ehre der ganzen Sippe. Und die Familie ist auch der Ort, wo wir lernen, was Ehre bedeutet: Wir sind geprägt durch das, was wir in der Familie als geltende Werte und Wertvorstellungen von den Familienmitgliedern vorgelebt bekommen haben. Und in der Regel übernehmen wir derart herrschendes Recht von unseren Eltern und geben es 1:1 an unsere Kinder weiter. Das muss nicht immer zum Vorteil sein und eine genaue Beschäftigung mit den Auffassungen unserer Eltern kann es uns ermöglichen, den Eltern für das zu danken, was sie uns gegeben haben, sie zu ehren für ihre Mühe und ihren Einsatz, nicht aus Anstand, sondern um für uns selbst Frieden zu finden mit unseren familiären Wurzeln und frei zu sein von Glaubenssätzen, die uns schaden und/oder behindern.

„Tadelt eure Eltern nicht zu sehr!… Es gibt nur einen Weg, ihrem Einfluss zu entfliehen, er besteht darin, sich mit sich selbst zu befassen… Man ist nie frei, bis man jemand für das Schlimme und das Gute in sich getadelt und gepriesen hat.“ (Katherine Mansfield)

„Das Gesicht wahren! Wie wichtig ist das doch! Aber wie viele von uns vergessen es immer wieder! Wir trampeln rücksichtslos auf den Gefühlen der andern herum, wenn wir unsern Kopf durchsetzen, den Finger auf die Fehler der andern legen, Drohungen ausstoßen und wenn wir Kinder und Erwachsene in Gegenwart anderer tadeln, ohne je daran zu denken, wie sehr wir ihren Stolz verletzen! Dabei würden ein bißchen Nachdenken, ein rücksichtsvolles Wort und ein wenig Verständnis für die Lage des andern der ganzen Situation die Schärfe nehmen!“ Der Autor, Dale Carnegie, findet hier klare Worte. Und es ist klar definiert, wie wir respektvoll mit der Ehre eines anderen Menschen umgehen können: mit Nachdenken, Rücksicht und Verständnis.

Diese Einsicht sollte uns begleiten, egal woran wir gerade scheitern: am Unverständnis unseres aufbrausenden Chefs, an der Macken unserer Liebsten oder an der menschenverachtenden Ungerechtigkeit in den allgemeinen Wirren von Krieg, Streit und Fremdenhaß auf dieser Welt. „Ein bißchen Nachdenken, ein rücksichtsvolles Wort und ein wenig Verständnis…“ (Dale Carnegie)

Buchtipps:

„Ehrenmänner. Das Duell im 19. Jahrhundert.“ von Ute Frevert

„Die Gewalt der Ehre – Erklärungen zu einem türkisch-deutschen Sexualkonflikt“ von Werner Schiffauer

„Der nächste Schritt der Menschheit“ von Joseph Chilton Pearce

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