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oder: No condition is permanent

Der Narr kommt in den großen Arkanen (von lat. arcanum = Bogen) des Tarot zweimal vor: am Anfang mit der Zahl 0 und am Ende mit der Zahl 22. Er sitzt also genau an dem Punkt, an dem man sich die Frage stellen könnte: wo beginnt und wo endet ein Kreis? Ist der Kreis gemacht – gedacht oder eine Konstruktion des menschlichen Geistes? Ist er eine Illusion oder gibt es ihn wirklich? Genau da spielt der Narr und überlässt uns die Fragen und die Antworten. Er bewegt sich in einer Sphäre, die nichts sucht und nichts findet – nichts beabsichtigt und nichts will.

Jenseits der Uhrzeit zur Urzeit tanzend bewegt er sich seit Ewigkeiten zwischen den Welten. Weder männlich noch weiblich ist er der embryonale Anfang. Ein Seinszustand, indem es keine Trennungen gibt. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings bringt er die Luft in Bewegung. Er ist der kurze Moment zwischen Ein- und Ausatmen. Ein Raum, der frei ist von Vergangenheit und Zukunft. Er ist im Jetzt, immer in Bewegung, weder zu fassen noch zu fixieren. Sein Kleid ist ein bunt schillerndes, patchworkartiges Gewebe, bestickt mit Mustern und Symbolen, die ihn als Wanderer zwischen Kulturen und Kontinenten zeigt. Er ist Out- und Insider zugleich. In der Rolle des Grenzgängers ist er Projektionsfläche individueller und kollektiver Sehnsüchte, Süchte, Wünsche und Ausgrenzungen. Mit intuitiver Sicherheit legt er den Finger auf gesellschaftliche Tabus, spielt damit, chaotisiert festgelegte Ordnungen, hält uns einen Spiegel vor und verschwindet lachend, wenn wir aus Angst, unsere Individualität zu verlieren, an einem Bild aus der Vergangenheit klammern.

Manchmal werden wir unverhofft aus dem Nichts vom buntscheckigen Gewand des Narren gestreift: wenn uns beim Betrachten eines Bildes die Farben noch leicht zitternd und feucht erscheinen und wir uns das nicht erklären können, weil das Bild schon einige Jahre alt ist. Oder wenn wir beim Lesen eines Buches Zeit und Raum vergessen und selbst Teil der Geschichte werden. Oder beim Hören einer Musik selbst zur Klangschwingung werden und den Raum zwischen den Tönen fühlen können. Dann hat sie uns berührt, die vibrierende Existenz des Narren, die uns magisch anzieht und gleichzeitig kirre macht, weil wir sie weder beherrschen noch kontrollieren können.

In dem Wort „Alltag“ finden wir All – Weltraum – Weltall und den Kosmos, dessen Symbol die Zahl 0 ist. Wie uns das Wort „Alltag“ verheißt, ist die Schwingung des Narren allgegenwärtig. Hier tanzt er zwischen den Ereignislinien und sein Lebenselixier ist der Zufall. Wo sonst als im Alltag lässt er uns manchmal in närrische Situationen stolpern? Absurditäten und Grotesken, die wir meist im unmittelbaren Geschehen verwünschen, um uns später köstlich darüber zu amüsieren. Da macht er sich bemerkbar: als Seufzer der Erleichterung – als Gähnen, das den Körper mit frischer Luft belebt – als Schrecksekunde, wenn ein Auto mit quietschenden Reifen direkt vor dir hält und dich aus deinen Tagträumen reißt. Er ist der, der dich vor Scham erröten lässt, weil irgendetwas Unpassendes im falschen Moment an die Öffentlichkeit will. Der Schluckauf, der Rülpser oder gar der Furz, der dir vielleicht gerade in einer andächtig lauschenden Menschenmenge entwischt. Nein, nicht zu Hause, im gut verschlossenen privaten Käfig, sondern in der Öffentlichkeit, da, wo jeder teilnehmen kann, zeigt der Narr so auch eine soziale Facette. Da, wo wir uns besonders vorteilhaft darstellen möchten, wirft er uns die Bälle zu und jongliert mit unseren intimsten, innigsten Befindlichkeiten. Der Blackout, die Verwechslung, das Stottern – da, wo wir uns am liebsten winzig klein und unsichtbar wünschen, wo wir verletzlich, verwundbar, wunderbar sind, da reicht er uns die Hand und führt uns zum Tanz jenseits aller Gewohnheitsmuster und linearen Denkabläufe. Da ist seine Spielwiese: wo Freude und Schmerz gleichzeitig sind und du aufhörst, um irgendetwas zu kämpfen und dich eine Art Unbekümmertheit umhüllt.

Er ist das „OOOOOOHHHHH“, wenn du verwundert oder erstaunt bist, das „AAAAAAHHHHH“, wenn du begeistert und erfreut bist, das „IIIIIIEEEEEHH“, wenn du versehentlich in Hundescheiße getreten bist, das „Autsch“, wenn dich ganz unerwartet etwas sticht oder zwickt, das „Mmmmhhhh“, wenn etwas besonders köstlich ist. Und er ist das schulterzuckende „Na und?!“, wenn dir mal für einen Moment alles wurscht und egal ist.

Zwischen Ausrufe- und Fragezeichen hin und her hüpfend ist er der Punkt, das letzte Zeichen vor dem Nichts. Als Null und Kreis ist er der Kosmos, als die Zahl 22 mit der Quersumme 4 das Quadrat. Spielen wir mit diesen Symbolen und setzen sie zusammen, so entstehen Kreis und Quadrat, die Grundformen des Mandalas. Das Mandala ist eine Art Matrix, ein Bild der Heilung, denn hier wird der Geist über einen Zustand der Verwirrung zu Ordnung und Ruhe kommen.

Doch lassen wir den Narren noch einmal selbst zu Wort kommen und hören wir eine seiner zahlreichen Geschichten. Man möge ihm verzeihen, wenn die Geschichte nicht haargenau wiedergegeben wird, denn „haarscharf daneben“: so pulsiert auch sein Leben.

Ein junger Mann, tief sinnend und fragend nach dem Sinn des Lebens, hört von einer weisen Frau. Sie lebt weit weg und weit oben auf den höchsten Gipfeln der Berge. Er begibt sich auf eine Reise, um von der weisen Frau eine Antwort auf seine Frage zu bekommen. Es wird ein langer, mühevoller Weg, voller Entbehrungen, Gefahren, Begegnungen und Abenteuer. Endlich findet er die Wohnstätte der Weisen.

„Was wollt ihr?“ fragt die weise Frau. „Ich bin lange gewandert,“ antwortet er. „Ich möchte euch eine Frage stellen: was ist das Leben?“ Die Frau schaut ihn an und sagt: „Das Leben ist eine Schale Kirschen.“ Zornig schreit der junge Mann: „Dafür habe ich diese weite Reise gemacht und soviel Mühe auf mich genommen?!“

„Na, gut.“ lächelt die weise Frau. „Dann ist das Leben eben nicht eine Schale Kirschen.“

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