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Warum wir wurden, was wir sind

Die Moderne ist gekennzeichnet durch die ­zunehmende Isolierung einzelner Menschen. Doch dieser Zustand ist nur eine Phase, die mit wachsender Bewusstheit der Menschen in eine neue Ebene der Verbindung mündet. Je ehrlicher wir uns zeigen, desto schneller zerbröseln unsere Masken, und Berührbarkeit entsteht. Rück- und Ausblicke von Ronald Engert.

 

In früheren Zeiten war die Sache klar. Man lebte im Clan, im Stamm oder in der Großfamilie und wusste, wo man hingehört. Man lebte in einer sicheren Geborgenheit. Erkauft war diese Sicherheit jedoch mit einem Ausgeliefertsein an eben diese Peer-Group, konnte man sie doch nicht verlassen, ohne unwiderruflich ins soziale Abseits zu geraten und den Verlust jeder sozialen Anbindung überhaupt zu riskieren. Großfamilien, Clans oder Stämme waren fest gefügte, kollektivistische Strukturen, in denen es keine Wahl gab, ob man dazugehören wollte oder nicht. Es war fast unmöglich, sie zu verlassen oder von außen als Fremder in sie einzusteigen.

Mit der Entdeckung des autonomen Ich, die das Verdienst der westlichen Philosophie der Aufklärung ist, trat die Menschheit aus der prä-egoischen Phase heraus und begann die egoische Phase, die durch Individualität und Freiheit geprägt ist.

Es fing in der europäischen bürgerlichen Klasse an. Diese war durch materiellen Wohlstand und zunehmende Bildung zu einer einflussreichen Bevölkerungsgruppe herangewachsen und emanzipierte sich von den mythischen Vorstellungen des Klerus und des Absolutismus. Der Kernsatz, in dem die Aufklärung sich verdichtet, ist Immanuel Kants „Sapere aude!“ – „Wage zu wissen!“

Kant entzauberte die Welt und machte den Glauben an eine göttliche Allmacht hinfällig. Es waren nicht mehr Gott und die Engel, die unser Schicksal bestimmten. Nein, wir Menschen selbst sollten unser Schicksal in unsere eigenen Hände nehmen. Vermöge unserer Urteilskraft und unserer Autonomie sollten wir selbst entscheiden, was wir für richtig und für falsch hielten. Das war die Geburtsstunde des Humanismus, der nicht theologisch gegründeten Ethik, und es war die Geburtsstunde des säkularen Rationalismus, die Einsetzung der menschlichen Vernunft als höchster Instanz unserer Sinnproduktion.

 

Selbstbestimmung!

Der Mensch war nunmehr frei, weltlich, modern, rational. Wie sehr schätzen wir doch heute unsere Freiheit, unsere Unabhängigkeit, unsere Selbstbestimmung! Niemand in unseren aufgeklärten westlichen Gesellschaften möchte sich dies wieder nehmen lassen.

Doch ein stilles, zähes Leiden bemächtigte sich unser – der Horror der Isolation. Je freier wir wurden, je mehr wir unsere Individualität und unser autonomes Ich verwirklichten, umso einsamer wurden wir. Wir waren frei und allein und konnten tun, was wir wollten. Aber irgendetwas fehlte. Die Beziehungen wurden immer brüchiger, die Familien zersplitterten sich, Generationenkonflikte, Scheidungen, Single-Existenzen wurden zum Alltag.

Wie das so ist: Immer wenn ein Pol zu stark wird, drängt der Gegenpol hervor und das Pendel schlägt auf die andere Seite. Die ganzheitliche, spirituelle ­Szene probt die Gegenbewegung: ­Gemeinschaftsbildung, alle Menschen werden Brüder, zurück zur Natur, Engel und kosmische Kräfte.

Manche Leute denken sich die Sache einfach: „Wir kehren wieder zurück zu unserer verlorenen Einheit.“ Das ist ein Sozialromantizismus von der heilen Welt, der die Moderne mit ihrer Technik und Rationalität ablehnt, eine versuchte Rückkehr in die „prä-rationale“ Phase.

In ihrer fortschrittlichsten Form ist die spirituelle Bewegung jedoch eine Synthese der gegensätzlichen Pole von Kollektivismus und Individualismus. Sie integriert die Aufklärung, das autonome Ich, mit einer auf der eigenen Erfahrung gründenden Spiritualität. Die spirituelle Erfahrung war im prä-egoischen Zeitalter durch die geistigen Autoritäten, die Priester und Eingeweihten, vorgegeben. Man folgte und glaubte blind. Heute machen wir unsere eigenen spirituellen Erfahrungen und beurteilen selbst, wie wir diese Erfahrung verstehen. Diese Synthese ist „trans-rational“, weil wir sowohl Rationalität als auch Spiritualität akzeptieren und mit unserer eigenen Vernunft die spirituelle Erfahrung beurteilen. Das Recht auf einen Gott nach unserem eigenen Verständnis ist unbegrenzt und ohne Einschränkung. Weil wir diese Freiheit haben, ist es wichtig, sehr ehrlich mit unserer spirituellen Erfahrung zu sein, um spirituell zu wachsen.

 

Von Ich zum Du

Die Autonomie und Emanzipation des Ich hat uns einerseits in Selbstermächtigung geführt, andererseits in eine abgrundtiefe Einsamkeit. Es wird schwieriger, die Kluft zwischen den Individuen zu überbrücken. Trösten wir uns zunächst mit dem Gedanken, dass es früher gar keine Individualität gab, man war nur ein Mitglied im Stamm. Trösten wir uns weiterhin mit der Tatsache, dass es kein Zurück zu dieser prä-egoischen Phase mehr gibt. Wir können nur nach vorne gehen.

Die Individualität ist in der Tat real. Wir sind individuelle Wesen. Die innere Dialektik hier ist: Nur indem ich mich abgrenze, finde ich Kontakt zum anderen und kann ihn berühren. Nur indem ich ich selbst bin und mich offen und ehrlich zeige, kann der andere mich erkennen und fühlen.

Das Gegenteil von Einsamkeit sind Beziehungen. Jeder Mensch sehnt sich nach Beziehungen. Menschen brauchen Menschen. Ohne Verbundenheit leiden wir Schmerz. Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, uns in unserer Herzensessenz zu zeigen, in unserer Authentizität. Wir stehen vor der Aufgabe, uns selbst zu finden. Die Einsamkeit beginnt schon in uns selbst, wenn wir uns vor uns selbst verbergen.

Je mehr wir wir selbst sind, umso mehr können wir in Verbundenheit und Beziehung sein. Das erfordert nichts Geringeres als eine Heilung unseres ganzen Wesens.

Es ist das Verbergen unserer selbst, die Leugnung und Maskierung unserer inneren Wahrheit aus Angst oder weil wir „etwas im Schilde führen“, die uns in die Einsamkeit führen. Das Gegenmittel zur Einsamkeit ist die Ehrlichkeit. Wenn wir uns ehrlich zeigen, sind wir berührbar und die Liebe kann fließen. Nur dann ist Verbindung möglich.


Abb: © dundanim – Fotolia.com

5 Responses

  1. Ekkehard Friedrich

    das mit dem ehrlich sein klingt einfacher als es ist – wer soll denn das Licht ins dunkle unserer Herzen bringen, damit wir sehen und erkennen wies wirklich darin aussieht???

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    • johanna senettin
      innere einkehr

      viele menschen suchen einen geistigen führer, der uns zeigt was mit uns im argen liegt aber der weg birgt die Gefahr in die irre zu geraten. wir als menschliche wesen haben glaube ich die Fähigkeit im innern unseres selbst diesen Navigator zu finden. oft dienen krisen in denen wir uns von unseren Mitmenschen verlassen werden dazu bei dieser inneren Instanz anzukommen. nennen wir sie Gott, höhere macht gewissen oder wie auch immer. der glaube an die Fähigkeit heiler zu werden ist wichtig. wir sollten ehrlich unsere schwächen erkennen und den glaube an einen inneren wandel anstreben. dabei können geistige Konzepte z.b. helfen.

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  2. yoku

    Alleinsein bedeutet nicht automatisch, sich einsam fühlen zu müssen. Die Arbeit am Selbst kann nur allein geschehen und findet ihre Fortsetzung in der Begegnung mit anderen. Alleinsein ist, sich erkennen zu können und auch zu ertragen mit allen Fazetten. Aber auch sich Zeit nehmen zu können, sich Fragen zu stellen. Woher kommen wir? Was ist unsere Geschichte. Ich lese gerade Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Ein starker Titel, aber er hat es mir möglich gemacht zu erkennen, welches Leid wir in die Welt gebracht haben durch Kolonisation, Sklavenhandel, Missionare etc. Unaufhaltsam verbreiten wir weiterhin dieses Leid, da wir nicht erkennen wollen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir aufhören wollen, Leid in die Welt zu bringen. Die Menschen der reichsten Länder wie Nigeria leben in größter Armut, weil unsere westlichen Regierungen und MultiCompanien wie Shell weiterhin deren Lebensgrundlage vernichten und mit den Oligarchien zusammenarbeiten, damit wir unseren Lebensstil und den einer kleinen Elite in den südlichen Ländern halten bzw. verbessern können. Das Alleinsein macht auch dies möglich, sich selbst und die Welt, wie sie ist, zu erkennen. Wir besaßen in der westlichen Welt kein Gold, kein Silber, kein Öl, kein Curry… Und doch, warum sind wir reicher als sie? Warum müssen wir nicht hungern sondern sie? Warum müssen sie sterben und nicht wir? Warum???? Möge sich jeder diese Fragen stellen und beantworten. Mögen Ignoranz und Arroganz endlich ersetzt werden durch Erkenntnis und Mitgefühl. Unser geschäftiges Tun! Dient es womöglich nur dazu, dass wir nicht selber denken müssen. Dass wir nicht erkennen müssen, dass wir wie Marionetten einer Elite dienen, die keine Vorstellung von Mitgefühl hat und nie gehabt hat. Ja, wir haben uns schuldig gemacht und Blut steckt an unseren Händen, doch nicht das eigene. Der Holocaust war nur ein Beispiel aus früher Geschichte. Das Leid an Ureinwohnern Amerikas oder Afrikas ist in Vergessenheit geraten. Europäer wollten Indianer nicht als Menschen anerkennen, damit sie sich nehmen konnten was sie wollten, auch deren Leben. Wieso benehmen wir uns in der westlichen Welt immer noch wie eine Herrenrasse, die alles sich unterwürfig macht, Menschen, Tiere, Pflanzen, Meere? Worin liegt der wirkliche Fortschritt? Wieso müssen wir fortschreiten, wohin und wofür?

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  3. yuko

    Alleinsein bedeutet nicht automatisch, sich einsam fühlen zu müssen. Die Arbeit am Selbst kann nur allein geschehen und findet ihre Fortsetzung in der Begegnung mit anderen. Alleinsein ist sich erkennen zu können und auch zu ertragen mit allen Fazetten. Aber auch sich Zeit nehmen zu können, sich Fragen zu stellen. Woher kommen wir? Was ist unsere Geschichte. Ich lese gerade Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Ein starker Titel, aber er hat es mir möglich gemacht zu erkennen, welches Leid wir in die Welt gebracht haben durch Kolonisation, Sklavenhandel, Missionare etc. Unaufhaltsam verbreiten wir weiterhin dieses Leid, da wir nicht erkennen wollen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir aufhören wollen, Leid in die Welt zu bringen. Die Menschen der reichsten Länder wie Nigeria leben in größter Armut, weil unsere westlichen Regierungen und Companien wie Shell weiterhin deren Lebensgrundlage vernichten und mit den Oligarchien zusammenarbeiten, damit wir unseren Lebensstil und den einer kleinen Elite in den südlichen Ländern halten bzw. verbessern können. Das Alleinsein macht auch dies möglich, sich selbst und die Welt, wie sie ist, zu erkennen. Wir besaßen in der westlichen Welt kein Gold, kein Silber, kein Öl, kein Curry… Und doch, warum sind wir reicher als sie? Warum müssen wir nicht hungern sondern sie? Warum müssen sie sterben und nicht wir? Warum???? Möge sich jeder diese Fragen stellen und beantworten. Mögen Ignoranz und Arroganz endlich ersetzt werden durch Erkenntnis und Mitgefühl. Unser geschäftiges Tun dient es womöglich nur dazu, dass wir nicht selber denken müssen. Dass wir nicht erkennen wie Marionetten einer Elite zu dienen, die keine Vorstellung von Mitgefühl hat und nie gehabt hat. Ja, wir haben uns schuldig gemacht und Blut steckt an unseren Körpern, doch nicht das eigene. Der Holocaust war nur ein Beispiel aus früher Geschichte. Indiginas wurden nicht einmal als Menschen anerkannt. Wieso benehmen wir uns in der westlichen Welt immer noch wie eine Herrenrasse, die alles sich unterwürfig macht, Menschen, Tiere, Pflanzen.

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  4. Andreas

    Sehr schöner theoretischer philosophischer Beitrag. Am besten hat mir gefallen:
    ‚Der Mensch war nunmehr frei, weltlich, modern, rational. Wie sehr schätzen wir doch heute unsere Freiheit, unsere Unabhängigkeit, unsere Selbstbestimmung! Niemand in unseren aufgeklärten westlichen Gesellschaften möchte sich dies wieder nehmen lassen.‘
    Der betse Witz den ich in letzter Zeit gehört oder gelesen habe.
    So lang es Regierungen, Finanzämter und Leute gibt, die uns ihre Produkte verkaufen wollen, muß sich niemand Sorgen machen, irgendwann allein zu sein. Ich wäre jedenfalls gern allein. In diesem Fall würde ich sogar die Einsamkeit in Kauf nehmen.
    Und was die Individualität angeht: Es gab Urvölker, da konnte man am Namen der Mitglieder einer sozialen Gruppe ihre jeweiligen Fähigkeiten und/oder besonderen Charaktereigenschaften erkennen. Heute habe ich eine Personenkennzahl, ohne die ich gar nicht existent wäre.

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