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Das Attentat auf das Redaktionsteam von Charlie Hebdo ist nun über eine Woche her. Die Vorstellung, dass zwei bewaffnete Irre am helllichten Tag einen Raum voller Karikaturisten und Journalisten stürmen und die Menschen darin erschießen, ist verstörend und entsetzt Millionen Menschen zu Recht. Und doch: Nach dem ersten Schrecken folgte bei mir direkt der zweite.

Lese ich die Zeitungsmeldungen und die entsprechenden Posts auf Facebook & Co. dazu, scheint es so, als würden einige Ruhe bewahren wollen. Als würden sie befürchten, dass der „normale Bürger“ aus dem angeblich religiös motivierten Anschlag die falschen Schlüsse zieht, schreiben sie „nein – die Attentäter sind keine Islamisten, sondern Terroristen“ und „nein, es ist nicht so, dass der halbe (oder gar der ganze) Islam hinter solchen Aktionen stünde“ und „nein, die in Deutschland und in anderen europäischen/westlichen Ländern lebenden Muslime sind genauso empört und entsetzt wie andersgläubige Mitbürger auch“ und „ja, vielleicht sind unsere muslimischen Mitbürger sogar noch entsetzter als wir, immerhin sehen sie sich – ähnlich wie nach 9/11 – mit dem neu entfachtem Misstrauen der westlichen Welt konfrontiert.“

Eine vernünftige Antwort auf das Attentat von Charlie Hebdo? – Mehr radikale Satiriker

Man will nicht pauschalisieren und nicht verallgemeinern. Auch Interviewpartner halten sich zurück. Tim Wolff, der Chefredakteur des deutschen Satiremagazins Titanic, fällt angenehm auf, als er dem ARD Nachtmagazin erklärt, dass seiner Ansicht nach deutsche Muslime sehr gut mit Satire umgehen können. Dass sie entweder darüber lachen oder sie ignorieren und dass er seiner Mannschaft nicht raten würde, massenweise Mohammed-Karikaturen zu zeichnen, dass hingegen das massenweise Zeichnen von Anti-Terror-Karikaturen die angemessenere Maßgabe wäre. Zudem sieht er keinen Sinn darin, Muslime absichtlich zu beleidigen, denn die würden in der Mehrzahl ja gar keine Satiriker umbringen wollen. Trocken fügt er hinzu, dass für jeden getöteten Satiriker selbstverständlich 100 nachwachsen sollten. Titanic eben. Aber auch mir sind radikale Satiriker lieber als die vielen Gesinnungs-Radikalen, die sich – ganz besonders seit dem Anschlag – in den Leserkommentaren tummeln. Es sind der Hass und die Verachtung darin, die mich fast noch mehr beunruhigen als der Terrorakt in Paris. Im Minutentakt kann man online mitverfolgen, wie sich politische Lager gegenseitig beschimpfen, wie sich die die Fronten immer weiter verhärten.

Islamisierung, Pegida und Verschwörungstheoretiker

Jetzt, nach „Charlie Hebdo“, gibt es anscheinend noch mehr „gute“ Gründe, für oder gegen etwas zu sein. Für die Menschen in Dresden, die montags gegen eine angebliche Islamisierung Deutschlands auf die Straße gehen, für die, die schon wieder eine Verschwörung wittern und für die „politisch korrekten“ Besserwisser, die den beiden erstgenannten Gruppen wahrweise den Schuss ins eigene Knie oder einen Alu-Hut empfehlen. Scheinbar bringen Angst und Schock bei einigen das Schlimmste hervor. Bewaffnet mit wilden Unterstellungen und Beleidigungen führen diese Internet-User einen Kleinkrieg über die Tastatur, der an Intoleranz kaum zu toppen ist. Angesichts dessen scheint der Rat von Tim Wolf – die Leute sollen sich radikalisieren und Satiriker werden – geradezu vernünftig.

Wohin soll das führen? Zur Umkehr? Ich bezweifle, dass es möglich ist, irgendeinen Menschen oder gar eine Gruppe zu bekehren, indem man sie ausbuht oder für dumm erklärt und ich frage mich, ob nicht nur in Dresden, sondern an sämtlichen beteiligten Fronten mit dem „Schwert der Ahnungslosigkeit“ (siehe die Youtube-Satire „Prince of Pegida“) gekämpft wird.

Versöhnen statt spalten – Je suis toi

Letztes Jahr geriet eine Freundin zufällig in die Oranienburger Gegendemo zum „Abendspaziergang für eine angemessene Asylpolitik“, bei dem ein Aufmarsch der rechten Szene befürchtet wurde. Die Gegendemonstranten hatten sich auf der linken Seite der Straße versammelt, die „Spaziergänger“ inklusive der sympathisierenden Nazis standen auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig und skandierten die üblichen Parolen. Meine Freundin beobachtete das Szenario eine Weile und fragte sich schließlich: „Warum gehen wir denn nicht rüber und reden mit denen?“ Aber sie fürchtete sich. Und nur wenige haben Lust auf eine direkte Konfrontation mit schwarz-gekleideten Glatzenträgern. Aber ist die Idee, des „miteinander Redens“ trotzdem lächerlich?

Christoph Sieber beklagt in seinem Videoblog vom 9. Januar völlig zu Recht, dass jetzt „die Kleinen über die Kleinen herfallen“ und „dass immer die Toleranz und Respekt einfordern, die selber am intolerantesten sind“. Er empfiehlt: Versöhnen statt spalten! – „Zur Not auch mit christlicher Nächstenliebe.“ Das kann man lustig finden, muss man aber nicht. Man kann es auch ganz ernst nehmen. Wenn man schon glaubt, den Durchblick zu haben, sollte man auch erkennen, dass Diffamierung und Ausgrenzung uns nicht weiter bringen. Dass damit ein Klima in unserem Land entstehen kann, das langfristig gefährlicher und beängstigender ist als ein Terroranschlag.

Ich jedenfalls wünsche mir – und mir ist gerade egal, wie naiv das klingt – dass wir anstatt Hass, Angst, Verachtung und Überheblichkeit wieder Mut, Verständnis und Humor in unsere Herzen lassen. Dass wir „rüber“ gehen, auf die andere Seite, dass wir zuhören und miteinander sprechen: Muslime, Pegida-Anhänger und auch Klugscheißer und Besserwisser. Dass wir in den Dialog gehen und nicht in den Kampf. Dann könnten wir anstelle von „Je suis Charlie“ und „Je suis Ahmed“ vielleicht einen neuen Satz, ein neues gemeinsames Bekenntnis kreieren.

Je suis… ja was? – In erster Linie ein Mensch, ein soziales Wesen, das sich ein Maximum an Frieden, Freiheit, Toleranz und Verständnis wünscht. Und das sind wir doch alle. Auch du.

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