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Emotionen und authentisch sein: Was ist spirituell gesehen authentisch? Den Emotionen freien Lauf lassen? Oder wie ein ruhiger Buddha zu reagieren? 

Spiritualität und Emotionen

In einem spirituellen Vortrag habe ich mal gehört, der Planet Erde habe vor allem zwei Themen für die Seele: Zu lernen, mit Begrenzungen und Emotionen umzugehen. Ich habe keine Ahnung, ob das auch für andere gilt, aber für mich steckt da ein großes Körnchen Wahrheit drin.

Emotionen scheinen ein besonders schwieriges Thema zu sein, sobald wir uns auf spirituelles Terrain begeben. Mir begegnen hier vor allem zwei Lager von Menschen:

Das erste Lager ist der Ansicht, es sei gut, besonders emotional zu sein, da dies authentisch wäre und dem wahren Ausdruck des Herzens entspräche.

Das zweite Lager ist der Ansicht, Emotionen wären mehr oder weniger grundsätzlich Ego-Zeug und es sei für spirituelle Aspiranten angesagt, die Emotionen als neutraler Beobachter aus der Ferne zu kontrollieren und sie besonders gegenüber anderen nicht zu zeigen. Stattdessen solle nach der Devise „Was würde Buddha jetzt tun?“ stets mit völligem Gleichmut agiert werden.

Die erste Gruppe flattert in meiner Wahrnehmung wie ein hilfloses Fähnchen im Sturm ihrer Emotionen, während die Zweite Gruppe teilweise etwas blutleer im Äther einer spirituellen Blase schwebt, die früher oder später recht furios zu platzen droht oder zwischen Hochmut und Depression hin und her osszilliert.

Abgehoben

Irgendwie wirken also beide Herangehensweisen auf mich unvollständig und ungesund – wo liegt also die Authentizität?

Ich gehörte lange ganz deutlich zur zweiten Gruppe. Emotionen waren insgesamt eher ein bisschen unheimlich für mich, besonders wenn es darum ging, sie anderen Menschen gegenüber zu zeigen. Ich wurde darum recht perfekt darin, als abgehobener Zeuge zu leben, mit einer großen Distanz zu meinen Emotionen und einer extrem guten Affektkontrolle. Die Kosten: Irgendwann hatte ich mich so weit wegbeobachtet, dass ich stellenweise keine Ahnung mehr hatte, was ich überhaupt fühlte. Es war zwar sicher und ruhig da oben, aber auch recht flach und nicht gerade von vulkanöser Leidenschaft fürs Leben geprägt.

Die Ausrede, dass da halt keine Emotionen mehr seien und ich nunmehr im Zustand erwachten Gleichmuts verankert sei, hielt nur eine Beziehung lang – dann war klar, dass da noch eine Kleinigkeit unter dem Teppich wartete und alle weiteren Advaita-Betäubungsspritzen nur dazu führen würden, dass es irgendwann zu stinken anfängt.

Die Drei Phasen der Emotionen

Es begann also eine längere Erkundung des Themas Emotionen für mich, eine Reise, für die ich freiwillig kein Ticket gekauft hätte. Die ganze Mönch-Nummer war mit gundsätzlich schon immer sympathischer gewesen als die nach Schweiß und Tränen duftende Auseinandersetzung mit meiner Menschlichkeit. Mich anderen Menschen zu öffnen, Emotionen wirklich verkörpert zu erleben und auszudrücken, war völlig unsicheres Gelände und für mich der Spiritualität auch bisher entgegengesetzt.

Was nun tun mit den Emotionen? Einfach alle Emotionen raushauen, wie sie eben durchlaufen, schien mir auch keine gangbare Lösung – wäre das nicht eine Rückentwicklung? Erst im Laufe der Zeit verdeutlichte sich für mich ein Bild, dass ich mal versuchen werde in ein kleines Konzept zu fassen. Was ich erlebt habe, lässt sich in drei Phasen beschreiben.

Phase 1: Emotionalität – Den Emotionen ausgeliefert
In dieser Phase überwältigen einen die Emotionen und Reaktionsmuster. Die Emotionen steigen auf und beherrschen einen völlig, man ist macht- und wahllos und tut und sagt nicht selten Dinge, die man später bereut. Zwar ist es die Emotion „authentisch“ – aber nicht authentisch im Sinne der höchsten Wahrheit, sondern authentisch im Sinne emotionaler Überwältigung und völligem Bewusstseinsverlust.

Phase 2: Beobachter – Den Emotionen entschwebt
In dieser Phase hat man eine Distanz zu den Emotionen erreicht. Man kann Sie beobachten und ihren Ausdruck und ihre Empfindungen meist kontrollieren. Man kann erkennen, dass Emotionen mit einem selbst zu tun haben und erspart der Umwelt die nervigen Ausbrüche, man regelt diese Dinge immer mehr im Inneren mit sich selbst. Oftmals geht das leider bis zu einem Punkt, wo man eine spirituelle Maske trägt, die vor anderen verbirgt, was man wirklich fühlt. Eine spirituelle Schein-Identität entsteht, die sich immer mehr verfestigt. Das geht im Extremfall bis zur Dissoziation und fast immer geht damit eine gehörige Entkörperung und Flucht ins Geistige einher, die von anderen als kopflastig, unauthentisch, kalt, verstockt oder blutleer empfunden werden kann.

Phase 3: Integration – Echte Emotionen
In Phase 3 hat man gelernt, an beiden Orten gleichzeitig zu sein: Völlig im Körper, wo die Energie der Emotionen ganz bewusst in aller Gewalt und/oder Subtilität erlebt wird und gleichzeitig im leeren Raum des Bewusstseins, als ein präsenter und völlig klarer Beobachter. Aus dieser Dynamik entsteht ein authentischer, menschlicher Ausdruck: Man hat genug Abstand zur Emotion, um nicht in ihre Gewalt zu fallen und ist doch präsent und wahr genug mit ihr, um wirklich auf der körperlich-menschlichen Ebene anwesend zu sein, die Emotion ehrlich zu fühlen und sie authentisch und aufrichtig auszudrücken und zu empfinden. Dabei bleibt man sowohl innerlich, als auch mit dem Gegenüber verbunden und teilt sich klar und echt mit, ohne dabei das Mitgefühl zu verlieren.

Am Ende sind Bäume wieder Bäume

In Phase 3 habe ich wieder begonnen zu lachen, zu weinen und mit anderen wütend zu sein – aber dieser Ausdruck ist nicht das Ergebnis eines hilflosen ausgeliefert-Seins, sondern ist eingebettet in ein Maß an Bewusstheit, Leichtigkeit und Sanftmut. Der Prozess ist wie eine Spirale, die wieder an den selben Punkt zurückführt, aber auf einer tieferen-höheren Ebene.

Der Beobachter von Phase 2 fühlt sich zurecht an wie eine große Befreiung: Endlich ist man nicht mehr Spielball der Emotionen, kann Gefühle ausschalten, sachlich mit der Umwelt interagieren. Man ist frei von Gefühlen.

Aber interessanter Weise ist Phase 3 für mich eine ebenso große Befreiung gewesen: Ich habe realisiert, welches Gefängnis der Kopf-Space sein kann, wie viel Nektar, Kraft, Sinnlichkeit, Glück und Liebe ich mir vorenthielt, weil mein Geist-Sein nicht in das Mensch-Sein integriert war. Ich war wieder frei zu fühlen.

Ich habe mich viel mit Chakren beschäftigt und finde es sehr interessant, dass das Herzchakra genau in der Mitte der sieben Chakren liegt: Es ist der Mittelpunkt, in dem sich die unteren Chakren und die höheren Chakren integrieren. Genau das passiert in Phase 3: Man wird im wahrsten Sinne des Wortes herzlich, und klar, transzendent und bewusst gesellt sich zu warm, menschlich und geerdet.

In Phase 3 erlebt man eine neue Freiheit: Die Freiheit, alles zu fühlen und trotzdem präsent zu sein. Die Freiheit, Gefühle mit anderen Menschen zu teilen. Die Freiheit echt zu sein.

Authentische Emotionen

Meine persönliche Reise mit Emotionen ergibt in diesem Lichte endlich einen Sinn, der sich für mich rund anfühlt. Keine Phase war falsch, es ging um Integration, darum, ein integrierter Mensch zu werden.

Ich kann außerdem fühlen, dass Emotionen wie eine Skala sind: Je mehr wir uns erlauben, die ganze Skala zu fühlen – desto tiefer und freudvoller fühlen wir insgesamt. Es ist nicht möglich, nur ein Ende der Skala zuzulassen: Entweder man ist offen, oder man ist es nicht.

Und keine Angst – es stimmt nämlich trotzdem: Dieser Weg ist gleichzeitig Heilung. Was wir uns erlauben, wach zu fühlen, verschwindet aus dem System, die Trigger-Punkte werden mit der Zeit weniger. Aber nicht indem die Emotionen ignoriert werden, sondern indem sie mit Licht gefühlt und integriert werden.

Das geht nur, wenn man beides kann: Fühlen und gleichzeitig wach sein. Wie ein Baum müssen wir in beide Richtungen wachsen: Nach unten, in unsere menschlichen Wurzeln hinein und nach oben in unsere formlosen, lichtvollen Äste. Nur an einem solchen Baum kann die Frucht eines wirklich integrierten Menschen wachsen.

 

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2 Responses

  1. Asana
    Unterscheidung zwischen Gefühlen und Emotionen?!

    Ich denke man sollte zuerst einmal zwischen Gefühlen und Emotionen unterscheiden. Gefühle (z.B. Liebe, Freude oder Mitgefühl) entspringen dem Herzchakra, sind rein, wahr und hochschwingend. Emotionen (z.B. Wut, Ärger, Mitleid) entspringen unseren niedrigschwingenden Ängsten aus unserem Sexualchakra. Ob man die Emotionen nun herauslässt oder für sich behält, wichtig ist das man sich ihnen bewusst wird und die dahinter verborgenen Ängste ergründet, um diese dann aufzulösen. Dann hat man auch nicht mehr die entsprechenden Resonanzenergien um „mit anderen wütend zu sein“.

    Antworten
  2. Thalestria

    Danke, ich habe diese Wahrheit, die ich selbst so entdeckt habe und lebe, selten so klar und auf den Punkt gebracht gelesen. Genau um diese Integration geht es, um das Heilen alter Wunden und um die Bewusstmachung dessen, was da ist, ohne es zu verdrängen oder zu beurteilen. Danke für diesen schönen Artikel.

    Thalestria

    Antworten

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