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Alles auf diesem Planeten verläuft entlang einer evolutionären Entwicklung, die mit der Ausbildung von Daumen noch lange nicht aufgehört hat. Über die Evolution des Bewusstseins wurde mittlerweile viel geschrieben, hier soll ein Blick auf einen anderen Aspekt dieses Prozesses geworfen werden, der mindestens ebenso wichtig ist: unsere Gefühle.

Es scheint, dass zusammen mit unserem Bewusstsein nicht nur unser Verständnis wächst, sondern auch unsere Fähigkeit zu fühlen. In diesem Prozess lösen sich nach und nach emotionale Muster und Blockaden und öffnen schließlich einen Raum ganz neuer Empfindungen. Nicht nur im Vergleich von Mensch zu Tier oder von Erwachsenem zu Kleinkind, sondern auch im Laufe unserer eigenen, bewussten Weiterentwicklung erschließen sich dabei immer wieder ganz neue Gefühls-Welten.

The Big Six

In ihrem sehr interessanten Artikel „Five emotions you never knew you had“ auf Newscientist.com stellte Jessica Griggs die Frage, ob sich die Grundemotionen nicht vielleicht mit der Zeit ändern oder zumindest erweitern – ein Gedanke, der durchaus spannend ist und sich hervorragend als Ausgangspunkt dieser Erkundung eignet.

Laut Psychologie gibt es, unabhängig von den Tendenzen des Einzelnen, einige Grundemotionen, die uns als Menschen besonders ausmachen. Wenngleich keine Einigkeit über die genaue Anzahl und Zusammenstellung dieser illustren Runde besteht, können sich die meisten Forscher doch auf sechs Emotionen einigen:

Freude, Trauer, Wut, Angst, Überraschung und Ekel.

Es sind diese Emotionen, die jeder Mensch unabhängig vom kulturellen Hintergrund mit den selben Gesichtsausdrücken und Lauten ausdrückt und die uns alle seit frühester Kindheit begleiten – universelle und verhältnismäßig „grobe“ Emotionen eben, die aber eine besondere Rolle in der evolutionären Entwicklung des Menschen spielten. Spielten – das ist Vergangenheit. Wie aber sieht es heute aus? Griggs hat da eine interessante These:

„Die Zeiten haben sich geändert. Unsere Vorfahren mussten vielleicht täglich Angst haben, um vor Raubtieren fliehen, Wut, um Feinde zu besiegen und Ekel, um Krankheiten zu vermeiden. Aber wir leben in einer subtileren Welt, in der andere Gefühle in den Vordergrund getreten sind. Es gibt viele Anwärter. Habgier, Scham, Langeweile, Depressionen, Eifersucht und Liebe zum Beispiel könnten die Inbegriffe der Moderne sein. Doch einige noch sonderbarere Emotionen könnten heute zunehmend Bedeutung haben.“

Neue Emotionen

Diese „noch sonderbareren Emotionen“ benennt sie mit Erhobenheit (die emporhebende Emotion), Interesse (die neugierige Emotion), Dankbarkeit (der Beziehungs-Booster), Stolz (die Emotion mit den zwei Gesichtern) und Verwirrung (die es-ist-Zeit-etwas-zu-ändern-Emotion).

Das ist auch aus spiritueller Sicht eine sehr interessante These. Gibt es tatsächlich eine kollektive Entwicklung der Emotionen? Auch in vielen spirituellen Richtungen spielt die Überwindung von Angst und Wut einerseits und die Ausrichtung auf Erhobenheit und Dankbarkeit andererseits eine große Rolle. Dass wir uns in einer Zeit der Verwirrung befinden, ist wohl ohnehin Konsens und überdies ja auch gar nicht mehr zu übersehen. Sind wir gerade dabei, einen kollektiven emotionalen Schritt als Menschheit zu tun?

Für Griggs geht es aber natürlich um etwas anderes, denn sie verfolgt einen eher soziologisch-evolutionären Ansatz. Für sie spielen die „neuen Emotionen“ heute deshalb eine Rolle, weil sie eben für das Gelingen des Lebens eine entscheidende Rolle einnehmen – gerade so, wie der Ekel unsere Vorfahren vor giftiger Nahrung bewahrt hat und Überraschung neue Erkenntnisse verstärkend ins Bewusstsein rief. Man könnte also sagen, dass Emotionen erstens eine adäquate Überlebens-Antwort auf die gesellschaftliche Zeitqualität darstellen und außerdem vielleicht einen individuellen und kollektiven Bewusstseinsprozess ausmachen.

Die Evolution der Emotionen – Von der Emotion zum Gefühl

Sowohl für uns als Einzelne als auch für uns als Spezies scheint es also so etwas wie eine Evolution der Emotionen zu geben – gerade so, wie sich auch unsere intellektuellen Konzepte zum Begreifen der Außenwelt weiterentwickeln, wäre dies eine Entwicklung hin zu einem immer feineren und tieferen Fühlen unseres inneren Wesens.

Während die sechs Grundemotionen der Psychologie sehr grobe, überwältigende, körperliche und instinktive Emotionen sind, handelt es sich bei den von Griggs vorgeschlagenen neuen sechs schon um sehr viel feinere, sozusagen „geistigere“ Emotionen.

In einem anderen Artikel, der gerade auf Sein.de erschienen ist (Mit Emotionen richtig umgehen), wird in diesem Zusammenhang eine offenbar wichtige Unterscheidung gemacht: nämlich die zwischen Emotionen und Gefühlen. Der Autor macht dort eine interessante Aussage: „Gefühle sind Eure Lehrer, während Emotionen Eure Kinder sind.“

„Emotionen“, so heißt es dort, „sind im Wesentlichen Explosionen des Unverständnisses, die Ihr ganz klar in Eurem Körper spüren könnt. Gefühle, auf der anderen Seite, sind von einer ganz anderen Natur und werden auch anders wahrgenommen. Gefühle sind ruhiger als Emotionen. Sie sind das Flüstern der Seele. […] Emotionen reißen Euch immer aus dem Gleichgewicht. Gefühle, auf der anderen Seite, bringen Euch tiefer ins Gleichgewicht“

Während Emotionen, die „Explosionen des Unverständnisses“ also immer mit Verspannungen und mitunter dramatischem Ausbrüchen einhergehen, sind Gefühle sehr viel feinere Empfindungen, die ihren Ursprung auch auf anderen Ebenen haben.

Könnte es sein, dass sich die Evolution der Emotionen entlang dieser Entwicklung abspielt? Von den überwältigenden, aber lebenserhaltenden Grundemotionen in unserer Kindheit, hin zu den feinen Empfindungen der Seele? Auch nach der Chakren-Lehre macht dies Sinn, denn viele Traditionen nehmen an, dass sich die emotionalen Zentren in der Bauchgegend befinden, während sich das Zentrum des Fühlens im Herzen entfaltet. Das Herz ist der Punkt an dem das menschliche und göttliche sich fühlend begegnen, erst hier sind wirkliche Liebe und authentisches Selbst-sein zu Hause.

Plutchiks Rad der Emotionen

Eine schöne Veranschaulichung, wie eine solche Verfeinerung der Emotionen aussehen könnte, bietet vielleicht Plutchiks Rad der Emotionen – auch wenn dieser es sicher nicht so gemeint hat.

Plutchik Emotionen

Plutchiks Rad der Emotionen: Ivan Akira / Wikimedia

Ausgehend von den Grundemotionen finden wir hier nach außen verlaufende Abschwächungen dieser Emotionen und solche Empfindungen, die nach Ansicht Plutchinks eine Kombination verschiedener Emotionen sind. Das Modell lässt sich zu einem 3-D-Objekt falten, bei dem alle äußeren Emotionen in einem einzigen Punkt zusammenlaufen.

Plutchik

Das Modell soll hier nicht überstrapaziert werden, ich halte zumindest Plutchinks Kombinationen für fragwürdig, aber meine These ist, dass die Entwicklung der Emotionen tatsächlich so ähnlich ablaufen könnte: Von den Grundemotionen ausgehend verfeinert sich die bewusste Empfindung immer mehr, wir lernen mehrere Emotionen zugleich und Kombinationen von ihnen wahrzunehmen und zu unterscheiden – bis wir schließlich mit der Öffnung des Herzens einen ganz neuen Bereich betreten.

Die Emotionen der Seele

Unter Umständen – und das scheint die Erfahrung vieler Menschen zu sein – gibt es tatsächlich noch eine sehr viel feinere Form des Empfindens, die nicht mehr in die Kategorie Emotion gehört. Diese neue Ebene der „Gefühle“ erschließt sich aber andererseits vielleicht erst dann wirklich, wenn eine entsprechende emotionale Reifung bereits geschehen ist. Zwar wird auch davon berichtet, dass der Übergang in diese neue Ebene durch ein radikales Loslassen inmitten einer Krise geschehen kann (etwa Byron Katie oder Eckhardt Tolle) – sehr viel üblicher scheint jedoch der fließende Übergang zu sein: Unsere Emotionen führen uns zu einer immer bewussteren Wahrnehmung unseres Herzens, die schließlich ein Loslassen in feinere Ebenen ermöglicht.

Was ist dieser Bereich? Die meisten, die sich auf einem inneren Weg befinden, werden ihn gut kennen und dieses „Flüstern der Seele“ schon manches mal vernommen haben: Intuition, Glückseligkeit (Bliss), Frieden, objektlose Liebe, Raum, Stille – mit all dem ist auch ein Fühlen verbunden, Emotionen sind es jedoch ganz sicher nicht. Betreten wir hier nicht einen ganz neuen Bereich? Und ohne den Worten zu viel Konzept zuzumuten: Ist dies das Gebiet der Seele, unser fühlendes Selbst?

Unwandelbarer Frieden

Der Grund, warum wir hier vielleicht von unserem Selbst sprechen können, ist ein besonderes Merkmal dieses Bereichs: seine Beständigkeit. Während Emotionen ständig kommen und gehen und tatsächlich scheinbar mehr durch uns hindurchreisen, als das sie wirklich zu uns gehören, scheint der Bereich des Friedens bei näherer Betrachtung den unwandelbaren Hintergrund unseres Seins zu bilden. Viele spirituelle Therapieformen haben gemeinsam, dass sie durch das akzeptierende Fühlen und Loslassen der Emotionen zur Entdeckung dieses unveränderlichen Hintergrundes führen. Paradoxerweise wird er dabei zu gleichen Teilen entdeckt oder sogar „erarbeitet“, wie auch erkannt wird, dass er eigentlich immer vorhanden war und lediglich verdeckt wurde. Er kann also nicht im eigentlichen Sinne verloren gehen, denn er ist uns tatsächlich „näher als unser Atem“ – und doch scheint der Zugang mitunter nicht möglich.

Das immer feinere Wahrnehmen der eigenen Innenwelt, dass uns letztlich selbst kleine Kontraktionen in unserem Energie- und Nervensystem spüren lässt, das Loslassen und bewusste So-Sein mit den was ist, öffnet den Zugang zu diesem Raum jedoch immer weiter, er wird von uns bewusst erschlossen, lässt uns eintauchen in die Weite und Größe, die wir selbst sind. An einem bestimmten Punkt bleibt dieser Raum als subtile Empfindung hinter allem, was wir erleben. Und wenn dieser natürliche Zustand schließlich nicht mehr als Erfahrung interpretiert, sondern als Teil des Selbst erkannt ist, dann wird Frieden der Kontext, in dem auch alle Emotionen sich abspielen.

Das faszinierende dieser Reise ist, das sie bei uns endet. Dieser Raum des Friedens ist nicht etwas, das wir betreten – er ist etwas, dass wir sind. Eigentlich sind wir nirgendwo hingereist, wir haben nur aufgehört uns wegzubewegen und haben das Hier in seiner ganzen Weite zugelassen.

2 Responses

  1. CHRISTIan LIEBErherr

    Hallo
    Möchte kurz mEINen WEG beschreiben.
    Um zu den eigenen Gefühlen zu Kommen hilft *Innenschau*, wenn möglich täglich praktizieren. Persönlich empfehle ich dies durch *Allein sein*, denn da werden wir automatisch vom Selbst angezogen (in meinem Fall: habe autodidaktisch Yoga praktiziert, ohne fremdeinflüsse). Mit der Zeit beruhigen sich die Emotionen, welche uns vom sEIN ablenken. Irgendwann beginnt sich das innere SEIN auszudehnen und das Gefühl von FRIEDEN, zufrieden wird zur Ausstrahlung und beeinflusst Umgebung & Geschehnisse. Glaube, dass der zentrale Punkt darin besteht, Zeit & Ort zu haben, wo ich ganz einfach mit mir Selbst sein darf.
    Voraussetzung: Wettbewerbs-Prägungen aufgeben, den wahrer ER-folg kommt vom SELBST und lässt sich nicht erzwingen, nur hingeben, wie zum einschlafen. CHRISTIan LIEBErherr

    Antworten
  2. Klaus

    Bewusstseinswandel: die Evolution der Emotionen
    oder: von der Emotion zum Gefühl

    Hallo David,

    Deinen Artikel finde ich interessant. In der Weise, wie ich meine Wahrnehmung-Welt mit ihren Gefühlen und Emotionen entdeckte, eröffnete sich in mir eine Erkenntnis.

    Unsere Gefühle spiegeln sich in der Mimik, Gestik und dem Leuchten unserer Augen wieder. Diese in jedem von uns ruhende Lebensenergie möchte mit und über unseren Gefühlsreichtum kreativ gelebt werden.

    Doch je mehr dieser vitale energetischer Lebens-Fluss durch die Eltern gebremst wird, umso stärker wird diese Lebensenergie gedrosselt, was wiederum sich zu Glaubensmustern ausbildet, die wir dann immer mehr aus unserem Gedächtnis verdrängen.

    Hierbei entstehen Emotionen, die verwebt sind mit erstarrten Gefühlen und mit Glaubensmustern (Urteilen) – zu einer scheinbar neuen, festen Einheit.

    Diese Emotionen sind als Spannungsmuster in den Clastern der Atome in den einzelnen Zellen vielschichtig gebunden. Hieraus entwickelt sich ein geschlossenes Denk-, Wahrnehmungs- und Glaubenssystem, was sich im Spannungsbereich der Emotionen mitteilt.

    In meinen Wahrnehmungsbeobachtungen entdeckte ich, wie diese fortschreitenden seelischen Verhärtungen sich auch wieder öffnen und lösen können, wenn eine gnadenvolle Situation das innere Herz zum Schwingen bringt.

    Doch allermeist denken wir Menschen, wenn wir gebeten werden, in uns hinein zu fühlen und dieses Gefühl mitzuteilen. Im täglichen Leben ist es hilfreich, die mit Gefühlen aufgeladenen Denkmatrizen sprachlich hervor zu bringen.

    Doch wir vergessen allermeist dabei, dass dies nur Krücken sind, die wir in uns als künstliche Gefühle vorgaukeln lassen. Das marktwirt-schaftliche Wertesystem unterstreicht diese gepriesene Künstlichkeit, um uns austauschbare und sinnentlehrte Werte und Produkte anbieten zu können.

    Tatsächliches Erfühlen unsere flüchtigen Gefühle ist dagegen jeweils Ergebnis-offen. Hierbei geht es um einen Schwingungsraum, bei dem die unterschiedlichen Gefühle – im eigenen Körper – als ein Gemisch aus unterschiedlichen Empfindungsmustern wahrnehmungsmäßig erfahren werden.

    Auf der Webseite http://www.seelencoaching2012.de
    habe ich einiges zusammengetragen, was die Bereiche Wandel 2012, Bewusstsein, Gefühle erfühlen, Gewahrsein, innere Integration und Auflösung von Glaubensmustern umfasst.

    Mit freundlichem Gruß

    Klaus

    ..

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