Fühlen hat ganz viel mit dem Element Wasser zu tun, dem weichen Anteil in uns, der alles berührt und genauso berührt sein darf. Wenn wir uns vielleicht nur so ein bisschen berührbar – so weit wir es eben schon können – auf den folgenden Text der Therapeutin Henriette Stärk einlassen, kann er uns einen Eindruck davon vermitteln, wie wir unsere alten Wunden mit dem Herzen fühlend heilen können – um in unsere Kraft und Liebe zu kommen und surfen zu lernen auf den Wellen der Gefühle! Denn Fühlen lernen ist Leben…

Vor 26 Jahren, mein Sohn ist gerade neun Monate alt. Er wacht auf, sein Körper und insbesondere sein Kopf sind sehr heiß. Ich spüre, er hat Fieber. Er weint, stöhnt, wacht schließlich auf und gibt mir durch sein lautes Weinen zu verstehen, dass er mich braucht. Ich setze mich im Bett auf und nehme ihn auf den Arm. Nach einer kleinen Weile atmet er ruhiger. Es scheint ihm gut zu tun, dass ich ihn halte und bei ihm bin. So entscheide ich, seine Temperatur nicht zu messen, denn es sieht so aus, als ob er sich mit dem Fieber in meinen Armen entspannen kann. Ich bleibe einfach da und im Kontakt, renne nicht weg, um das Fieberthermometer zu holen, sondern atme mit ihm, spüre ihn, wie er halb schlafend und halb wach vor sich hinstöhnt. Ich empfinde Freude und Dankbarkeit in meinem Herzen, für ihn da sein zu dürfen. Liebe erfüllt mein ganzes Sein. Er schläft wieder ein. Wenn ich versuche, ihn abzulegen, wacht er auf und weint. So sitze ich die ganze Nacht mit ihm und mache Yoga, indem ich sitzend und bewusst atmend mein Nervensystem runterfahre und entspanne, so, als würde ich schlafen. Ich fühle und genieße einfach die Nähe mit ihm. Am anderen Morgen starte ich ganz glücklich und erfüllt von der Nacht in den Tag. Auch mein Sohn ist wieder gut gelaunt und spielt entspannt vor sich hin. Es liegt ein Zauber in der Luft, während ich Frühstück mache und er seine Welt weiter erkundet…

Fühlen und Fülle

Wenn ich das Wort „Fühlen“ auf meiner Zunge zergehen lasse, kommt mir die Verwandtschaft mit dem Wort, „Fülle“ in den Sinn. Es weist mich weiter zu dem Wort „voll“. Fühlen hat also mit Ganzheit, mit Vollständigkeit zu tun. Zur etymologischen Wurzel des Wortes „fühlen“ schauend, erhalte ich Begriffe wie „tappen“ und „tasten“ oder „betasten“, „erkunden“ und „schmeicheln“. Das sind Worte, die den Bedeutungsstamm des Wortes „fühlen“ erweitern. Fühlen ist also etwas geschmeidig Fließendes, etwas Sanftes, sich Schlängelndes und Anschmiegendes – etwas Erfüllendes. Es ist eine erkundende, erforschende und erkennende Kraft. Man gewinnt dabei eine Information, die der Berührung im Jetzt entfließt, wie meine innere Stimme mir erklärt. Es handelt sich um etwas, das sich bewegt. Ja, Fühlen ist Energie in Bewegung. Ein optimaler Träger von Energie ist Wasser. Es weist schlängelnde und anschmiegsame Bewegungen auf (während es sozusagen fühlt). Wasser umfängt alles, benetzt und umschließt den ganzen Gegenstand, sobald er nass wird. Wasser berührt nicht nur oberflächlich, sondern dringt ein in alle Ritzen und ertastet jede Einbuchtung. Wasser dringt in die Tiefe und durchdringt das zu Berührende. Wasser ist sanft, geschmeidig und in ständiger Kommunikation mit den äußeren bzw. inneren Formen.

Seine Bewegung im Moment ist seine Antwort auf alle berührten Umstände und Begebenheiten. Diese Antwort ist also wach, aufnehmend, geschmeidig schwingend und das haltend, was augenblicklich ist. Die Wellen des Wassers können dabei in ihren Extremen auch stürmisch aufbrausen, in die Tiefe reißen und auf der anderen Seite genauso erstarren und einfrieren. Es besteht die Möglichkeit, im Meer der Emotionen und des Selbstmitleids zu ertrinken und dabei noch andere mit hineinzureißen in dieses verschlingende Gefühlschaos.

Fühlen lernen – das Land der Mitte

Zwischen extremer emotionaler Hitze und starkem emotionalem Einfrieren gibt es auch ein Land der Mitte – ein mittiges Strömen. In dieser Mitte werden wir wieder an Land gespült und „reiten“ auf den Wellen der Emotionen. Der Kampf, die jahrelange Anstrengung, das Weglaufen haben ein Ende, eine neue Haltung hält Einzug: Wir (ver)trauen uns, stehen zu bleiben, verwurzelt in der Präsenz des Augenblicks, und lernen surfen auf den Wellen unserer Seelenbewegungen. Hier ein paar Eindrücke aus meiner ganz persönlichen Erfahrung eines solchen inneren Raumes: „In der Präsenz des Augenblickes finde ich meinen wahren Halt, die Mitte meines Seins – mein göttliches Selbst. Sobald ich bereit bin, dem Unbekannten zu folgen, erlange ich Sicherheit und kann mir erlauben, mich von der Intensität des Emotions-Flusses mitnehmen zu lassen – und der gefühlten Fülle entgegengehen. Die Energie führt mich in ein Land, das noch im Schatten liegt, dunkel, kalt, verleugnet und verdrängt. Nun, da ich dort bin, tauchen die ersten Strahlen aus meinem bewussten Dasein ins Dunkel.

Das Erstarrte beginnt in dieser Berührung durch die wärmenden, fühlenden Strahlen des bewussten Seins zu schmelzen. Das Schmelzen fühlt sich an wie ein Öffnen, es tut weh. Die Lichtstrahlen des Bewusstseins decken auf, bringen ins Bewusstsein, was nicht sein durfte. Erkenntnisse finden zusammen. Lebenskraft kehrt zurück in den einen Fluss. Es stellt sich dar wie ein Heimholen des verloren Geglaubten – Versöhnung mit dem eigenen seelischen Selbst! Die eingefrorene Selbstliebe findet wieder ihren Lauf. Sie erfüllt und nährt mich von innen. Schönheit erfüllt mich, ich spüre die neue alte Ordnung, zu der ich Stück für Stück zurückfinde. Ich beginne, mich selbst wieder zu vereinigen und in mir Brücken zu bauen, wo Dämme mich trennten und schützen sollten. Ich spüre eine neue Freiheit für mein Leben. Freude erfüllt mich. Ich halte den Schlüssel zu einem Leben ohne Angst in meinen Händen.“

Bewusst fühlen lernen

Wasser ist sehr empfänglich für Informationen, es trägt sie weiter und enthält eine Art von Bewusstsein, das das Ertastete übersetzt, leitet und verbreitet. Wasser ist reinigend, nimmt alle Informationen mit sich, die nicht an ihrer richtigen Stelle sind. Es ordnet also die Dinge neu und schiebt sie an ihre stimmig-richtigen Plätze. Diese Äquivalenzen zum Wasser erläutern sehr schön, was ein Fühlen im Gleichgewicht – ein „Mit-dem-Herzen-Fühlen“ – bedeutet. Bilder in Verbindung mit dem Wasser veranschaulichen das Erläuterte: Wenn Wasser einfriert,wenn Seelenbewegung erstarrt, ist kein wirkliches Fühlen möglich. Es ist zu kalt. Wenn wir uns verlieren, uns von uns selbst abwenden und ablenken, die Wärme unseres Herzens vergessen, weil die Angst, in tiefster Gefühlsintensität zu sterben, zu groß wird und wir mit all der Überforderung alleine sind, dann suchen wir Halt, ein Stück Identität in diesem Selbstverlust. Wir wissen aber nicht, wo wir diesen Halt innerlich finden können. Um dieses Nichtwissen zu vermeiden, klammern wir uns im Außen fest, an Menschen, Umständen, Suchtmitteln, Unterhaltungsmitteln, … Wörtern … Gedanken, Emotionen im Innern…..und entziehen uns dabei die Liebe zu uns selbst. Wir trennen uns von einem Teil unserer Lebenskraft, von unserem augenblicklichen Seelenkontakt ab, wir „spalten“, wie man in der Psychologie so schön sagt.

Diese unangenehme intensive Seelenantwort, die meist auf traumatische, unverdaute, ungefühlte Erfahrungen unserer Kindheit zurückgeht, schieben wir so ins Unbewusste zurück – in einen Raum, den wir mit den Strahlen unseres Bewusstseins nicht betreten können und in dem diese von mir abgelehnte Kraft im dunklen Schattenreich vor sich hin dümpelt. Irgendwann ist dieser Teil dort so gut verpackt, dass wir uns tatsächlich nicht mehr erinnern, dass es ihn überhaupt gibt. Sein Urgrund wurzelt in früheren Erfahrungen. Wir würden den Weg zurück zu diesem verdrängten Anteil niemals finden, wenn das Leben selbst uns nicht ständig darauf aufmerksam machen würde. Es ruft uns und teilt uns auf verschiedene Weise mit, dass da etwas Unverbundenes im Dunklen vor sich hinfault. Dieses Etwas ist in der Tiefe allerdings nicht unverbunden, denn es gibt nichts Wirkliches, das tatsächlich von uns getrennt ist. Wir glauben zwar, weil nicht bewusst erkannt, dass diese Energie aus dem Blick und damit weg ist – das stimmt jedoch nicht. Aus dem Unbewussten und dem Unterbewusstsein strömen unerkannt, automatisch und subtil Informationen in unser Denken, Handeln und Fühlen, die aus diesem vermoderten Reich kommen und wie Gift auf unser Leben wirken. Gift, das uns schadet, Beziehungen schwer macht, aber auch gleichzeitig den Weg zur Heilung weist, wenn wir bereit sind, innezuhalten und innerlich den Weg zurückzuverfolgen.

Die Kraft der Zusammenführung

Es gibt also eine Kraft, die viel stärker ist als unser kleines Alltagsbewusstsein, von dem wir denken, dass es unsere Identität ausmacht. Diese eine Kraft will uns wieder vereinen, zusammenführen, will uns in uns selbst vereinigen. Darauf folgend will sie uns in eine gefühlte und gefüllte Ganzheit mit allem Lebendigen führen, die bis in den Kosmos hineinreicht. Diese Eine Lebenskraft schickt uns daher lebenslänglich Botschaften – in Träumen, durch Symptome, Krankheiten, Unfälle, Niederlagen, Beziehungsspiegelungen und andere zwischenmenschliche Herausforderungen. Jede Botschaft ist eine Gelegenheit, eine Einladung, Fühlen lernen, tiefer zu schauen, wacher zu werden und dabei einen bewussten Selbsterkenntnisprozess in Gang zu setzen, der uns in eine bewusst erlebte Einheit führt.

Gefangen im Überlebenskampf und in der Angst zu sterben, halten wir uns jahrelang an den Rändern unseres inneren Abgrundes fest und ziehen uns mit letzter Kraft immer wieder hoch, bis wir irgendwann von diesen aberwitzigen und erschöpfenden Wiederholungen und Abhängigkeiten die Nase voll haben und bereit sind, andere Wege und Möglichkeiten zu (ver)suchen: „Was wäre, wenn ich springe, wenn ich loslasse und mich fallen lasse, mich mitnehmen lasse in die Tiefe dieser Energie und sie einfach in mein Bewusstsein lasse? Wenn ich ihr neugierig und offen folge, ohne gleich gedanklich wieder wegzuspringen – ganz egal, wie unangenehm es sich gerade anfühlt. Vielleicht bringt mich das um, aber vielleicht auch nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es mich nicht umbringt, ist relativ hoch, da im Moment keine wirklich lebensbedrohliche Gefahr lauert….. Den einen ausgetretenen Pfad, die eine Halteschnur loslassend, ergieße ich mich in ein neues Gefäß. Wach und gespannt hineinlauschend warte ich darauf, was passiert. Es ist dunkle Nacht, ich falle und fliege zugleich. Während ich weiter in die Tiefe falle, entspanne ich mich immer mehr. Ich habe mich entschieden und es fühlt sich jetzt schon viel leichter an als das Hängen am alten Haltegriff. Ich entscheide, mit allem offen und präsent zu bleiben, komme, was wolle. Bei dieser innerlich gedachten Bereitschaft fließt etwas Wärme aus meinem Herzen. Ich freue mich. Meine Seele freut sich. Ich spüre die Liebe zu meiner Seele wieder, sie war immer da – jetzt ist sie aus der tauben Enge wieder erwacht, befreit und fühlbar. Sie ist wieder flüssiger Fluss. Ich spüre tief in mir einen bestätigenden Wohlklang, während ich weiter meiner Seele und ihrer unangenehmen schmerzlichen Bewegung folge. Sie zeigt mir Bilder als Baby unter widrigen Umständen, allein und verlassen. Voller Mitgefühl und Hingabe kümmere ich mich um die Kleine in mir.“

Nichts bleibt unberührt

Das Fühlen im Gleichgewicht ist sanft fließend wie Wasser, es berührt alles, dringt tief und lässt nichts unberührt. Wasser reinigt, und das tut auch das Fühlen aus der Mitte, es leert uns, macht uns frei und beweglich und füllt uns an mit der Energie der Leerheit. Damit öffnet diese Energie den Raum für das göttliche Sein, das immer in uns währt. Fühlen lernen überträgt Bewusstseinsinhalte. Inhalte, die unser Bewusstsein erweitern und uns mit der Essenz unseres Seins verbinden. Fühlen bildet Brücken und verbindet Körper, Geist und Seele in Ganzheit und Vollkommenheit. Fühlen lernen ist ein Kommunikationsmittel. Es verbindet uns mit unserer Seele, ihrem Weg und ihrem Ruf, der wünscht, sich durch unseren Körper materiell irdisch und leichtflüssig zu verkörpern. Wenn das Baby auf die Welt kommt, ist es noch ganz offen und verbunden mit der Ewigkeit, aus der heraus es sich gerade verkörpert hat. Dieser reine und frische kleine Körper ist durchdrungen von Seelen- und Fühlkraft. So durchlässig und offen, dass jedes künstlich laute Geräusch oder jede hastige schnelle Bewegung unmittelbar eine Fühl- und Seelenreaktion auslöst. Das Baby beginnt zu schreien, seine Stimme, sein Körper reagieren mit Angst und Schmerz.

Zu dieser Zeit hat es noch nicht das lösende Weinen gelernt und drückt mit klagend rufender Stimme und körperlichem Zusammenziehen seine emotionale Not aus. Wie schon am Anfang erläutert, ist das körperliche Empfinden ganz eng verwoben mit der seelischenergetischen Reaktion des Kindes – es ist in Wahrheit untrennbar. Die seelische Not und die körperliche Enge als Reaktion auf die Umgebung brauchen Mitgefühl und Verständnis, damit die Gefühlsenergie frei fließen kann, um dann wieder zu landen im Augenblick, der ganz neu und frisch auf uns wirkt und das Fühlen lernen beginnen kann. Wenn das Baby nach einer Notsituation in mütterlichen/ väterlichen Armen Halt erfährt und sich in friedvoll-stiller Bewusstseinskraft gehalten fühlt, öffnet sich der Körper des Babys aus der Schutz- und Abwehrhaltung, bereit, sich halten zu lassen, anstatt sich in sich selbst festzuhalten und zu verkriechen.

Sobald Energie ins Fließen kommt und der Körper weich sowie die sich ausdrückende Stimme des Babys harmonischer wird, ist wieder Liebe und Wärme im Spiel. Nun entlädt sich die Energie der seelischen Not, die in der Angst zu sterben so leicht erstarrt, und fließt in der sich allmählich wieder aufbauenden Sicherheit zurück zum Zentrum, zum Herzen. Aus dem heraus öffnet sich der Körper – und das Leben in jedem Augenblick – wieder neu. Diesen Prozess als Mutter mit meinem Sohn zu begleiten war das Allerschönste und Intimste in meinem Leben (und der Beginn dieses Textes nur ein ganz kleiner Teil davon). Das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, das sich in seiner Todesangst mir hingibt, rührt ganz tief und lässt als Nebenwirkung Liebe in Fülle auf beiden Seiten fühlbar fließen. Wenn die Entscheidung klar ist, dem Ungewollten und Unbequemen nicht mehr den Rücken zu kehren, ihm sich sogar mit sanftem, offenem Herzen anzunähern, taucht irgendwann die Frage auf: Wer bin ich – und wer bist du? Bin ich vielleicht diese Größe und Schönheit, die aus meinem Herzen strömt, sobald ich ihre Existenz und ihre Macht ErInnere? Danke für das Lauschen und Fühlen lernen gemeinsam mit mir.

Über den Autor

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arbeitet mit körperzentrierter Herzensarbeit (Safi Nidiaye), eine Fühl- und innere Kindarbeit, um alte Wunden mit dem Herzen fühlend zu heilen. Sie bietet SelbstLiebeRetreats für Frauen an („Das Erblühen deiner Weiblichkeit“), Körper-, Atem-, Bewusstseins- und Fühlarbeit, Geistige Wirbelsäulenaufrichtung, schamanische Ritualarbeit (z. B. zur Zeit der Rauhnächte), tantrische Berührung, Paararbeit, Schoßkraftyoga für Frauen im Haus Lebenskraft Potsdam

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Tel.: 0176-473 083 10

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