Dieser Artikel erzählt davon, wie wir mit Enttäuschungen und Verletzungen durch Verzeihen konstruktiv umgehen können.

von El Maya

Im Leben können uns Ereignisse aus der Bahn werfen, die nahezu zerstörerisch wirken. Dir, deinen Angehörigen oder Freunden wurde etwas angetan. Das Erlebnis ist so gravierend, dass der damit verbundene Schmerz nicht zu enden scheint. Du hoffst, dass der Schuldige bestraft wird und wünschst ihm eine dunkle Zukunft? Die Tat kannst du ihm auf keinen Fall verzeihen, dann dafür leidest du viel zu sehr? Doch ist diese Haltung für dich und deine mentale Gesundheit förderlich?

„Verzeih mir!“, ist ein Satz, der vielen Menschen nur schwer über die Lippen kommt. Doch wenn dein Gegenüber gnädig ist und dir verzeiht, fühlst du dich besser. Doch was bedeutet es eigentlich zu Verzeihen? Und ist eine Entschuldigung im Prinzip nicht dasselbe? Muss es nicht zunächst eine Entschuldigung geben, damit überhaupt verziehen werden kann? Entschuldigen kann sich jeder, wenn er den Wunsch verspürt. Damit möchte man sich des Schuldvorwurfes entledigen.

Wer sich entschuldigt, benötigt allerdings noch die Annahme seines Wunsches von dem Betroffenen. Das heisst, die Entschuldigung wird erst dann wirksam, wenn diese auch angenommen wurde. Deshalb sind die Formulierungen auch meistens so ausgerichtet, dass sie zugleich eine Antwort verlangen. „Ich entschuldige mich bei dir. Nimmst du meine Entschuldigung an?“, wäre eine mögliche Variante.

Verzeihen ist auch ohne Entschuldigung möglich

Die Vergebung hingegen ist nicht darauf angewiesen, dass der Schuldige eine Befreiung seiner Schuld beantragt. Verzeihen ist ein mentaler innerer Prozess, der von dem Betroffenen selbst beschlossen wird. Jemanden zu verzeihen, kann, muss aber nicht mündlich ausgesprochen werden. Du kannst also jemanden verzeihen, ohne dass der Schuldige überhaupt davon Kenntnis erlangt. Die Vergebung ist grundsätzlich ein Beschluss, der von dem Betroffenen, dem der Schaden zugefügt wurde, getroffen wurde.

Allgemein scheint das Verzeihen eine höhere Akzeptanz der Schuldabnahme zu symbolisieren. Denn dem Verzeihen geht voraus, dass sich der Betroffene intensiv mit dieser Absicht beschäftigt hat. Und diese Form der Vergebung kann auch ohne eine Entschuldigung vorab erfolgen.

Entschuldigungen hingegen werden schon mal akzeptiert, um einen Frieden sicherzustellen. Besonders bei familiären Angelegenheiten ist das der Fall. Dabei werden Entschuldigungen angenommen, obwohl man mit dieser Entscheidung nicht konform geht. Familiäre Belange erhalten in dem Fall eine höhere Priorität. Auch in Beziehungen werden gelegentlich halbherzig Entschuldigungen angenommen. Der Erhalt der Partnerschaft ist dann wichtiger.

Doch manchmal scheint es so, als sei es unmöglich, dem Schuldigen zu verzeihen. Warum ist das so? Der Schmerz, den der Leidtragende erfahren hat, möchte kompensiert werden. Der Schuldige soll also genauso leiden wie du. Er soll mit seinem schlechten Gewissen leben und darunter leiden. Der sehnsüchtige Wunsch des Schuldigen von dieser Last befreit zu werden, wird ihm versagt. Es ist also auch eine Form von Bestrafung, die damit erfolgt.

Unverzeihlichkeit und die mentalen Folgen

Viele Menschen glauben, dass sie sinnvoll und gerecht handeln, wenn sie die Vergebung verwehren. Im gewissen Sinne ist es auch eine Form von Selbstjustiz, die damit ausgeübt wird. Doch viele wissen nicht, was ein Festhalten an Wut, Groll und Hass bedeutet. Du wirst dich davon nie befreien können, sofern du nicht in der Lage bist, zu verzeihen. Selbst Jahre später nach dem Ereignis trägst du diese negativen Schwingungen noch mit dir herum. Manche Menschen verhärten innerlich regelrecht und werden dadurch verbissen. Sie verlieren an Lebensfreude und Leichtigkeit. Wer nicht verzeiht, schadet sich also am Ende nur selbst.

Extremfälle von Rache und Vergebung

Im Extremfall bleibt es nicht dabei, zu beschliessen, dem Schuldigen niemals zu verzeihen. Die emotionale Verletzung und der Schmerz sind derart präsent, dass Rachegefühle entstehen. Und in einigen Fällen wird die Rache real umgesetzt.

Beispielhaft dafür ist der Fall Bachmeier. Im Jahre 1981 erschiesst Marianne Bachmeier den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter Anna im Gerichtssaal. Der Fall ging in die Geschichte ein als Paradebeispiel von Selbstjustiz. Wir dürfen uns nun fragen, ob Frau Bachmeier glücklich geworden ist. Ist der Schmerz über den Verlust ihrer Tochter verschwunden, nachdem sie den Täter erschoss? Fakt ist, dass Marianne Bachmeier im Jahre 1996 an Krebs verstarb. Ob sie jemals einen inneren Frieden gefunden hat, bleibt dahingestellt.

Das Gegenbeispiel stellt Dianne B. Collard, dar, deren Sohn im Jahre 1992 erschossen wurde. Die Amerikanerin sah von einer Rache ab und verzieh dem Mörder. In einem Interview gab sie kund, dass die Vergebung für sie eine innere Heilung bedeutete. Sie wurde frei von der Verbitterung und war endlich in der Lage um ihren Sohn zu trauern. Dabei erklärte sie, dass für sie die Vergebung nicht mit einem Gefühl gleichzusetzen ist, sondern eine Willensentscheidung war. Sie hat sich bewusst dafür entschieden, den Groll und die Verbitterung abzulegen. Vermutlich hat sie festgestellt, dass diese Vorgehensweise für ihre künftige Lebensqualität hilfreich ist. Dabei half ihr der Glaube, um sich für die Vergebung und gegen die Rache zu entscheiden.

Vergeben und Verzeihen radiert die Tat nicht aus

Viele Menschen glauben, dass mit dem Verzeihen die Tat für ungeschehen erklärt oder relativiert wird. Doch darum geht es nicht beim Verzeihen. Und es ist auch nicht möglich, etwas zu verleugnen, was augenscheinlich stattgefunden hat. Verzeihen bedeutet, dass du selbst dich dazu bereit erklärst, deinen Groll, Hass oder die Wut abzulegen. So kann es manchmal zu Missverständnissen kommen, wenn einem ehemaligen Freund eine Tat verziehen wird. Dieser glaubt, dass mit dieser Vergebung auch gleichzeitig die freundschaftliche Ebene wieder aktiv ist. Doch das ist nicht immer der Fall und auch manchmal nicht möglich.

Wenn ein Vertrauensbruch Auslöser für einen Streit war, der verziehen wurde, kann eine erneute Freundschaft sich als schwierig gestalten. Durch das Verzeihen baut sich nämlich nicht automatisch das Vertrauen auf. Und es stellt sich die Frage, ob das noch gewünscht ist. Denn wer solche Erfahrungen macht, kann zu dem Entschluss kommen, den Schuldigen prophylaktisch aus dem eigenen Leben zu verbannen. Denn die Sorge, dass sich ein solches Szenario wiederholt, ist übermächtig präsent.
Auch Dianne B. Collard hat dem Täter zwar vergeben, wird aber mit ihm vermutlich nie eine Freundschaft führen können. Die Schwere der emotionalen Verletzung ist zu gross, als dass man diese überwinden könnte. Auch die Bestrafung, die der Täter im Gefängnis verbüssen muss, hält Dianne B. Collard für richtig. Denn der Akt der Vergebung ist ein mentaler Vorgang und bedeutet nicht, dass die Tat als nichtig erklärt wird.

Wie kann ich das Verzeihen lernen?

Viele Menschen haben ein Problem damit zu verzeihen. Je schwerwiegender die emotionale oder auch die körperliche Verletzung, umso mehr hadern die Betroffenen damit, zu verzeihen. Einige möchten gerne verzeihen, wissen aber nicht, wie sie das Thema angehen können. Zunächst einmal musst du dir darüber klar werden, dass das Erlebte mit dem Verzeihen nicht dirket revidiert wird. Das, was geschehen ist, ist eine Tatsache. Du kannst daran nichts mehr ändern. Und die Fakten bleiben auch, wenn du verzeihst. Aber es wäre ein Akt der Gnade, wenn du vergibst.

Dabei kannst du dir die Möglichkeit einräumen, dass der Täter unglaublich unter seiner Tat und seinem Gewissen leidet. Das mag dein Ego im ersten Moment befriedigen, doch dieses Gefühl ist auch nicht von reiner Natur. Denn es grenzt an eine Schadenfreude, wenn du in diesem Gefühl eine Befriedigung suchst. Doch schon bald wird dir klar, dass dir diese negativen Gefühle zu keinem besseren Leben verhelfen.

Die Auswirkungen von Groll

Das gleiche gilt, wenn du glaubst, dem Täter darf es in keinem Fall besser ergehen als mir. Im Gegenteil: Er muss noch mehr leiden als ich und darf auf keinen Fall von einem negativen Gefühl entlastet werden. Auch mit dieser Wahrnehmung bewegst du dich in einem niedrigen Schwingungsniveau. Befreie dich also zunächst von diesen destruktiven Emotionen, die dich nicht weiterbringen. Sie sorgen nur dafür, dass die niederen Energien bei dir bleiben und sich nicht entfernen. Erlöse die Rachegefühle oder Schadenfreude, die deine Objektivität beeinflussen.

Manchmal ist der emotionale Schmerz, den du fühlst, das einzige, was geblieben ist. Wer verzeiht, gibt diesen Schmerz ab. Der Fall Bachmeier macht dies deutlich. Das Kind ist gestorben und wird nie wieder ins Leben zurückkehren. Die Verbindung zwischen Mutter und Tochter scheint durch den Schmerz über den Tod hinaus erhalten zu bleiben. Manchmal glaubt man auch, dass die Liebe verschwindet, wenn man den Schmerz loslässt. Doch das ist erfahrungsgemäß nicht der Fall.

Die Liebe bleibt wenn wir loslassen

Ähnlich verhält es sich bei trauernden Personen. Diese entwickeln manchmal ein schlechtes Gewissen wenn sie spüren, dass die Trauer nachlässt. Indirekt vermuten sie, mit nachlassender Trauer die Liebe zum Verstorbenen zu verlieren oder zu revidieren. Der Trauerschmerz aber hält die Verbindung und Liebe aufrecht, die zu der verstorbenen Person besteht. Doch das ist ein Trugschluss. Denn der andauernde Schmerz, der festgehalten wird, richtet sich nur gegen dich selbst. Du bist derjenige, der darunter leidet, sonst niemand. Wer wieder ins Leben zurückfindet und wieder Lebensfreude empfinden kann, merkt, dass auch dann noch die Liebe existiert.

Wenn du dir bewusst machst, dass die Liebe auch ohne Trauergefühle immer bleiben kann, kannst du loslassen. Dann kannst du auch die Bereitschaft entwickeln zu verzeihen. Spirituelle Methoden können zudem unterstützend wirken, wenn du es alleine nicht schaffst. Von Traumreisen bis hin zu Blockadenlösung bieten Hypnosetherapeuten und spirituelle Lehrer ihre Dienste an.

Referenzen /Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Bachmeier

https://www.swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/eine-mutter-verzeiht-dem-moerder-ihres-sohnes-19250435.html

Author: Redaktion

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