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Drei Fragen, die befreien

Naikan heißt „Innenschau“ und wurde von Ishin Yoshimoto vor etwa 50 Jahren in Japan entwickelt. Es ist ein sanfter und doch äußerst wirkungsvoller Weg der Selbsterkenntnis, der meditative und psychologische Aspekte vereint.

Inspiriert durch das Buch „Naikan – Versöhnung mit sich selbst“ von Gerald Steinke und Claudia Müller-Ebeling machte ich mich vor drei Jahren auf den Weg nach Tarmstedt bei Bremen ins Stammhaus von Naikan in Deutschland, um mir sieben Tage lang in Stille und geschütztem Rahmen drei Fragen zu stellen: 1. Was hat eine Person (Mutter, Vater, Partner) für mich getan? 2. Was habe ich für diese Person getan? 3. Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet? Mit vier anderen Teilnehmern befand ich mich in einem Seminarraum. Jeder von uns prüfte sich hinter einem Wandschirm zu diesen Fragen. Erforscht werden Fakten und Tatsachen, keine Emotionen, Interpretationen oder Erklärungen. Hier saßen wir 15 Stunden am Tag in beliebiger Position, nahmen dort auch die äußerst liebevoll zubereiteten Mahlzeiten ein. Alle 90 Minuten kam Gerald Steinke, der Naikan-Leiter, zu jedem von uns, öffnete behutsam den Wandschirm, verneigte sich, erkundigte sich, woran wir uns bezüglich der Fragen erinnern konnten, hörte zu, ohne zu kommentieren oder zu bewerten, bedankte und verneigte sich erneut und schloss den Wandschirm. Nur wenn wir uns bezüglich der Fragen verirrten,

z. B. die sogenannte vierte Frage stellten „Was hat die betreffende Person uns angetan?“, die bewusst ausgelassen wird, griff er regulierend ein. Durch diese vorgegebene Struktur kann der Verstand zur Ruhe kommen und das Rad endloser selbstquälerischer Gedanken zum Anhalten gebracht werden. Nach einer Woche – die durchaus recht emotional verlaufen kann – haben wir eine andere Sichtweise auf uns und unser Leben gewonnen.

 

Ein radikal anderer Blickwinkel

Als Psychologin habe ich mich im Laufe meiner Berufspraxis mit vielerlei Methoden beschäftigt. Diese Erfahrungen möchte ich auch keineswegs missen und manches davon ist zum beständigen Handwerkszeug geworden. Insbesondere galt meine Suche transpersonellen Verfahren, da ich wusste, dass langfristig gesehen psychische Gesundheit nur dann erreicht werden kann, wenn die spirituelle Wesenhaftigkeit des Menschen genügend Beachtung findet. Auch langjährige Meditationserfahrung hatte mein Leben reicher gemacht und mich sensibler und gewährender im Umgang mit mir selbst und anderen werden lassen. Und doch nagte ein beständiger Schmerz und ein schwer zu greifendes Gefühl, nicht im Frieden mit dem sein zu können, wie es war, in mir. Die Naikanpraxis ermöglichte mir, einen radikal anderen Blickwinkel einzunehmen und Denk- und Verhaltensmuster von außen anzuschauen und schließlich zu verlassen. Das Gefühl, Opfer gewesen zu sein oder Schuld zu haben, wandeln sich in eine Kraft, die es ermöglicht, voll und ganz Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ungeachtet dessen, was wir „hinter“ uns haben. Zunächst war ich skeptisch, wie lange dieses Gefühl von Frieden und sehr viel mehr Leichtigkeit in meinem Leben anhalten würde, doch nach drei Jahren kann ich sagen, dass hier etwas in mir geschehen ist, das mir auch in erneuten schwierigen Situationen ermöglicht, mit einem Gleichmut und einem Vertrauen in die heilsame Kraft jeglichen Schicksals, liebevoll meinen eigenen Schwächen und denen meiner Mitmenschen zu begegnen.

 

Das Gute im eigenen Leben sehen

Unsere Wahrnehmung und auch unsere Erinnerung sind immer selektiv. Wir behalten viel leichter die schmerzlichen und negativen Dinge. Positives wird leicht vergessen oder mit Worten wie „Das ist doch selbstverständlich“ abgetan. Im Naikan prüfen wir die Fakten, ohne etwas zu bewerten oder auszuschließen. Nahezu alle Naikan-Praktizierenden berichten von der überraschenden Entdeckung, wie reich ihr Leben gewesen ist und wie viel Gutes ihnen widerfahren ist. Das ist keine Schönfärberei, im Gegenteil, der gewohnte Filter von Schlechtfärberei in Form von Beklagen, Rechtfertigungen, depressiven Verstimmungen u. ä. wird weggelassen, statt dessen kann das Leben ganzheitlich wahrgenommen werden.

Naikan hat in den 20 Jahren, seit die Methode in Deutschland Einzug gehalten hat, viele Kooperationspartner gewonnen. Es wird seit vielen Jahren erfolgreich im Strafvollzug eingesetzt. Justizministerien, kirchliche Einrichtungen, Schulen, Suchthilfeträger, Stiftungen, Universitäten, Kliniken und das Management haben bereits den Schritt in die Pionierarbeit gewagt. Näheres unter http://www.naikan.de.

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