Warum es immer um die Liebe geht und was die Welt im Innersten zusammenhält, erklärt uns Christa Spannbauer

Die Evolution der Liebe

Die Liebe ist das faszinierendste Phänomen, das die Evolution des Lebens auf dieser Erde hervorgebracht hat. Sie ist es, die den Einzelnen, das Paar, die menschliche Gesellschaft und letztlich die gesamte lebendige Welt im Innersten zusammenhält. Davon ist der Neurobiologe Gerald Hüther überzeugt. Anders als die meisten seiner Kollegen aus der Sozio- und Evolutionsbiologie erblickt er in der Liebe weniger einen genetischen Instinkt, ein Planspiel der Hormone zum Arterhalt der Spezies, als vielmehr das Wunder der Evolution, deren schöpferische Kraft bislang Getrenntes miteinander verbindet und unablässig Neues gestaltet. Die Liebe zeigt sich als die entscheidende Triebfeder für die Entwicklung und Transformation der Menschheit.

Die Herausforderungen der Liebe

Doch seien wir ehrlich: In der Liebe müssen wir noch viel lernen. Wir erwarten viel von ihr und wissen wenig über sie. Zugleich waren die Hoffnungen und Erwartungen, die an sie herangetragen werden, noch nie so groß wie in der Gegenwart. Nahezu Unmögliches soll sie leisten: Unendliche Glücksgefühle, emotionale Geborgenheit und ewige Lust soll sie uns bescheren. Im Partner wird nicht nur die Erfüllung der Liebe, sondern auch die Sinnerfüllung des eigenen Lebens ersehnt. Die Idealisierung der Liebesbeziehung, so der Paartherapeut Hans Jellouschek, nimmt damit fast schon religiöse Ausmaße an. Wodurch jede Partnerschaft heillos überfrachtet wird. In den überzogenen Ansprüchen, die der Partnerliebe für das persönliche Glück beigemessen wird, sieht der Therapeut die Hauptursache der Krise, in die viele heutige Beziehungen geraten.

Lieben lernen

Dass die wichtigste Aufgabe des Menschseins darin liegt, sich in der Kunst des Liebens zu schulen, darauf wies der Philosoph Erich Fromm in seinem gleichnamigen Weltbestseller hin. Ist es doch die Liebe, die den Menschen zu seinem wahren Selbst führt, die Mauern einreißt, die ihn von seinen Mitmenschen trennen und die ihn schließlich seine Bestimmung in der Welt erkennen lässt. Nein, eine leichte Kunst ist das nicht. Zumal die Liebe genau das einfordert, was uns Menschen so schrecklich schwer fällt: das Loslassen. „Was du liebst, lass frei“, verlangte bereits der weise Konfuzius vor 2500 Jahren. Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn insgeheim glauben wir doch alle, dass der geliebte Mensch uns gehört und dass es seine Aufgabe ist, unsere Wünsche zu erfüllen. In unserer materialistischen Zeit haben wir die Liebe zum Besitztum erklärt. Wir wollen sie haben und wir wollen, dass sie uns alleine gehört. Wir stecken sie in eine „Beziehungskiste“, und wehe, der Partner wagt es, aus dieser herauszulugen oder gar herauszuspringen. So wird Liebe zum Zweckbündnis, zum Tausch – geschäft: „Wenn du mich liebst, dann liebe ich dich auch.“ Ein solches Denken aber entspricht nicht dem Wesen der Liebe. Denn Liebe stellt keine Bedingungen. Sie verschenkt sich. Sie ist ein Kind der Freiheit. Und als ein solches scheut sie die Enge. Sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, mit denen wir sie festhalten wollen.

Visionen der Liebe

In geradezu kindlicher Manier glauben wir häufig, dass es in der Liebe in erster Linie darum ginge, geliebt zu werden. Doch die Liebe ist eine Aktivität, die im Geben ihre Erfüllung findet. Im Schenken der Liebe erlebt sich der Mensch als überströmend, lebendig und mit dem Strom des Lebens verbunden. Eine Erfahrung, die den jungen Goethe ausrufen ließ: „Und doch, welch Glück, geliebt zu werden. Und lieben, Götter, welch ein Glück!“ Wäre es daher nicht an der Zeit, die Liebe aus der Enge zu befreien, in die wir sie hineingetrieben haben? Denn die Liebe ist immer schon größer als der Einzelne oder das Paar. Ihr ist es gänzlich fremd, sich in der Zweisamkeit zu verbarrikadieren. Vielmehr ermöglicht sie den Liebenden, gemeinsam neue Räume zu betreten, die ihnen alleine verschlossen blieben, und schenkt ihnen Erfahrungen, die ihnen alleine nicht möglich wären.

Die Liebe ist auf Transformation angelegt und weitet den Raum für Wachstum und Entwicklung. Miteinander und aneinander wachsen die Liebenden und reifen hinein in eine größere Liebe. Gemeinsam schaffen sie Neues und bringen dies in die Welt. Wenn wir wahrhaft lieben, sind wir frei. „Liebe und tue, was du willst“, konnte deshalb der Kirchenvater Augustinus sagen. Dies ist kein Aufruf zu hemmungslosem Egoismus, sondern Ausdruck des bedingungslosen Vertrauens in die Kraft der Liebe. Einer Liebe, in der die Partnerschaft zur Keimzelle einer mitfühlenderen Gesellschaft wird. Sie wacht nicht eifersüchtig über das Herz des anderen, sondern öffnet das Herz für die Welt. „Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben. Wenn ich zu einem anderen sagen kann: ‚Ich liebe dich‘, muss ich auch sagen können: ‚Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt, ich liebe in dir auch mich selbst“, erkannte Erich Fromm. So führt die Partnerliebe zur fundamentalsten Art der Liebe, der Nächstenliebe, die sich in der tätigen Fürsorge und Achtung für unsere Mitmenschen und dem Wunsch ausdrückt, dass alle Menschen glücklich sein mögen.

Lust und Liebe

Wer Liebe zu verschenken vermag, wer sich einem anderen Menschen hingeben kann, wer bereit ist, sich im Anderen zu verlieren, um sich selbst zu finden, taucht ein in das Mysterium der Liebe. Nirgendwo sonst erleben wir dies so intensiv und mit all unseren Sinnen wie in der sexuellen Vereinigung mit dem Geliebten. In der seelisch-körperlichen Hingabe an einen anderen Menschen lösen sich die Grenzen unseres Ichs auf und machen die Vereinigung mit einem Du möglich. Zwei Menschen werden in der erotischen Ekstase über sich selbst hinausgetragen und erfahren sich als Teil eines größeren Ganzen. Eine kosmische Versöhnung im Kleinen nannte dies Walter Schubart in seinem Buch Religion und Eros: „Zuletzt treibt die Geschlechterliebe den Menschen der Gottheit in die Arme und löscht den Trennungsstrich aus zwischen Ich und Du, Ich und Welt, Welt und Gottheit.“

Dass dieses fast schon religiöse Heilsversprechen, das in der Moderne an die Sexualität herangetragen wird, eine Beziehung im Alltag aber auch reichlich überfrachten kann, liegt nahe. Der Anspruch an die Sexualität war noch nie so hoch wie heute. Sie gilt als wichtigster Signifikant einer erfüllten Liebesbeziehung und ihr lustvoller Vollzug als Beweis der emotionalen Verbundenheit der Partner, der immer wieder aufs Neue erbracht werden muss. Vielleicht sind die hohe Trennungsrate und der Trend zum Single-Leben ein Hinweis darauf, dass wir damit ein letztlich unstillbares Begehren in die Welt gesetzt haben.

Die Heimkehr der Liebe

In das Herz eines jeden Menschen, so sagen die Sufis, legte Gott in seinem Schöpfungsakt einen göttlichen Funken. Diesen göttlichen Funken zu finden, ihn zu entfachen und zum Brennen zu bringen, so dass er den ganzen Menschen mit seinem Feuer erfasst, bis dieser völlig in Liebe versinkt und sein Wesen aufgeht in allumfassender Liebe – darin erblicken die Liebesmystiker des Islam die wahre Berufung eines jeden Menschen. Wer einmal vom Geschmack dieser Liebe gekostet hat, den kann nichts mehr davon abhalten, ihrem Ruf zu folgen. Denn in uns allen brennt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren, dem Unendlichen, dem Göttlichen. Wir sehnen uns nach Vereinigung und Verschmelzung mit diesem Urgrund, aus dem wir kommen und in den wir zurückkehren. Jede weltliche Liebe ist letztlich Ausdruck der Sehnsucht nach Heimkehr, ein Trennungsschmerz, der nicht aufhören wird, bis wir zurückkehren in die Einheit. Je tiefer die spirituelle Einheitserfahrung des Menschen ist, umso größer seine Liebe. Denn diese ermöglicht es, im anderen sich selbst zu erkennen. Aus dieser Erfahrung erwächst ein universales Mitgefühl, das alle Menschen einschließt. Deshalb wohl kam der Zen-Meister Willigis Jäger zu der Schlussfolgerung: „Was wir am Ende unseres Lebens in Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und unsere Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem die Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.“

Author: Oliver Bartsch

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