Wie wir sexuelle Ungeduld loslassen können, erzählt Ilan Stephani…

Einen Erguss zum Thema Ungeduld beginne ich am besten mit einem persönlichen Geständnis: Oh ja, ich kenne Ungeduld sehr gut. Und besonders dann, wenn es um das Thema Sexualität geht. Betrachte ich meine sexuelle Biografie, zieht sich die Ungeduld, dieses Nichtabwarten- Können, wie ein roter Faden durch meine Erlebnisse. Begonnen hat es damit, dass ich zum Thema Sexualität alle Bücher las, die mir zwischen die Finger kamen. Am liebsten hätte ich alle auf einmal gelesen. Nicht nur wollte ich alles lesen – ich wollte alles wissen. Und was ich las, bewirkte, dass meine Erwartungen an den Sex erst recht explodierten. Der erste Freund, der erste Sex, der erste Orgasmus, der erste Seitensprung, der erste „Schluss“, der erste Liebhaber, …

Und als ich mich nach all dieser Action schließlich entschloss, auszuruhen, „Tantra zu machen“, weich und bewusst zu werden – tja, da konnte mir auch meine sexuelle Heilung nicht schnell genug gehen. Heute sehe ich, dass mich eine atemlose Eile durch diese Erlebnisse trieb. Eine Mischung aus Neugierde und Angst davor, etwas zu verpassen. Und ist es nicht eben diese unruhige Mischung aus Neugierde und Angst, etwas zu verpassen, die wir alle beim Thema Sex kennen? Es geht mir nicht darum, meine sexuelle Geschichte hier auszubreiten. Was sich an meinem persönlichen Beispiel aber so gut erzählen lässt, ist die sexuelle Matrix unserer gesamten Kultur: eine rastlose Ungeduld, eine ständige Suche nach der nächsten Offenbarung im Sex – nach einer Offenbarung, die wir vielleicht nie erreichen, aber die uns antreibt, die uns ablenkt vom Moment, die uns gierig macht und am Ende des Tages mit einem verschämten Frust zurücklässt.

Das Streben nach dem Besseren

Wir finden dieses Prinzip auch in konkreten sexuellen Situationen: Es gilt als völlig normal, bei sexuellen Empfindungen schon nach den noch besseren zu streben, aus Lust augenblicklich einen Orgasmus machen zu wollen und die reale sexuelle Umgebung durch Fantasien zu „verbessern“ – oder sie gleich zu verlassen und zu ersetzen. Warum tun wir das? Warum sind wir so unfähig, präsent und in der sexuellen Fülle mit dem zu sein, was uns der jeweilige Moment offenbart? Wonach gieren wir so sehr, dass es uns nie genug ist, was konkret geschieht? Warum sind wir ausgerechnet beim Thema Sex so ungeduldig, dass der durchschnittliche Sex gerade mal sechs Minuten dauert?

Wäre es bei einem potentiell lustvollen Thema nicht viel logischer, genau hier NICHT zu eilen und NICHT auf einen anderen Moment zu hoffen als auf eben DIESEN, um glücklich in seiner Ewigkeit zu baden? Wenn wir uns in dieser Weise mit sexueller Ungeduld beschäftigen, dann scheint es eindeutig, dass Ungeduld uns wegführt von unserer sexuellen Präsenz und Befriedigung. Unzählige Male habe ich in meinen Seminaren zu weiblicher Sexualität Frauen erlebt, die schuldbewusst gestanden: „Ich weiß, ich muss geduldiger sein, auch mit mir selbst, aber…“

Solche guten Vorsätze kennen wir wohl alle. Und trotz dieser Worte bleibt das Sexleben beim Alten: Wir wollen anderen Sex, besseren Sex, anders sein oder „besser im Bett“ – und zwar sofort! Jedenfalls führt keiner der guten Vorsätze, geduldiger zu werden, tatsächlich zu mehr Geduld, weder mit uns selbst noch mit unseren Partnerinnen und Partnern. Ich habe den Eindruck, dass es nutzlos ist, sich selbst der Ungeduld zu überführen und dann zu versuchen, sich mehr Geduld anzuerziehen. Es funktioniert nicht. Denn wenn solche Vorsätze tatsächlich zu mehr Geduld führen würden… dann wären wir alle schon tiefen-entspannt und seelenruhig und könnten mit dem Thema der sexuellen Ungeduld nichts mehr anfangen. Geschweige denn, dass uns noch ein Artikel dazu einfiele.

Ein neuer Blick auf die Ungeduld

Hier interessiert mich folgende Frage: Können wir unserer Ungeduld neu begegnen? Ist es nicht so, dass wir uns leicht damit tun, sie zu erkennen, und sogar ihre Ursprünge zu durchschauen meinen (unerfüllte Bedürftigkeit, Gier, Egoismus)? Und so schwer damit, sie zu ändern? Was tun? Ich schlage einen radikalen Perspektivwechsel vor, sozusagen einen Polsprung, der proklamiert: Es ist schwer, unsere sexuelle Ungeduld wirklich zu durchschauen – aber wenn wir das gemeistert haben, ist es leicht, sie zu ändern! Was heißt das? Aus dieser neuen Perspektive ist Ungeduld viel besser als ihr Ruf, und ich glaube, dass wir das Projekt sexueller Muße und Entspannung lustvoller angehen können, wenn wir diesen anderen, unkonventionellen Blickwinkel verinnerlichen. Um zu erklären, was ich damit meine, springen wir einen Moment in das Thema Erleuchtung…

Es gibt die schöne spirituelle Lehre, wie sie beispielsweise von Almaas, dem Begründer des Diamond Approach, und von dem Satsanglehrer Nomé vertreten wird, dass unsere Muster und Schwächen kein Irrweg sind, sondern vielmehr ein wohlmeinendes Abbild unserer erleuchteten Essenz – wenn auch ein wenig verzerrt. In jeder Eigenschaft unseres Egos liegt demnach ein Fragment unserer Wahrheit. Der einzige Haken an der Sache: Dieses Fragment der Wahrheit ist so weit verdreht, dass wir unser Potential zwar in dem jeweiligen Muster noch wittern können – wir können es dort jedoch niemals erreichen. Dennoch sehen wir hier, dass selbst unsere lästigsten Muster nicht deshalb hartnäckig sind, weil sie so bösartig und verbissen auf unserem Leiden beharren… sondern weil sie im Kern Recht haben! Unterbewusst wissen wir das genau und halten an den Mustern deshalb fest, weil wir davon angetan sind, wie nah wir unserer erleuchteten Essenz darin kommen können…

Übertragen wir dieses Prinzip auf unser Beispiel der sexuellen Ungeduld. Der Polsprung, den ich vorschlage, ist demnach folgender: Unsere sexuelle Ungeduld ist nicht einfach eine dumme Angewohnheit, eine Konditionierung durch Medien und Co. (obwohl sie das natürlich auch sein mag), sondern im Gegenteil ein kluges, ein intelligentes und wunderschönes Schimmern unserer sexuellen Essenz, unseres eigentlichen Potentials, unseres verlorenen sexuellen Paradieses.

Die Gier nach Lebendigkeit

Das klingt vielleicht zu schön – und sicherlich zu schräg –, um wahr zu sein. Aber nach viel Forschung mit dieser These bin ich mir sicher, dass es sich lohnt, dieser Perspektive eine Chance zu geben. Das heißt also: Wir sind gierig nach mehr, weil wir wissen, dass Sex geschaffen ist als pure Lebendigkeit – und weil wir vor dem Hintergrund unmöglich zufrieden sein können mit dem, was unsere patriarchale und religiös verängstigte Kultur an sexuellen Räumen übrig gelassen hat! Wir müssen uns die Ungeduld nicht aberziehen, wir müssen sie nicht überwinden, wir müssen nicht einmal wirklich dazulernen oder „reifer“ werden – wir können ganz einfach mit wachen, frischen Augen auf sie schauen: Sexuelle Gier bildet unser sexuelles Potential ab! „Das hier ist mir alles nicht genug!“: Wenn wir ungeduldig sind, stampfen wir auf und wüten innerlich. Das falsche Buch gelesen? Mit der falschen Frau geschlafen oder den falschen Vibrator ausprobiert? Jedenfalls stimmt schon wieder irgendetwas nicht… Genau dieses Aufstampfen und Weitersuchen ist ein Akt der Selbstliebe: eine Energie, die unserem Sexleben Intensität zutraut. Genau genommen fordert Ungeduld diese Intensität richtig ein. Egal, wie viele Jahrtausende des kollektiven Traumas, egal, wie viele Fälle von Missbrauch und Missverständnis uns prägen: Kontakt zwischen zwei Menschen IST intensiv – wenn wir es zulassen. Jede einzelne Berührung hat das Potential, orgasmisch zu sein – wenn wir es zulassen…

Das Potential von Sexualität ist das Aufstampfen der Schöpfung, das Zerreißen der Trance, vibrierender Starkstrom in unserem Nervensystem, radikal körperliche Präsenz – und tief in uns schlummert dieses Wissen als eine Erinnerung unserer Zellen. Wir können es einfach nur nicht erwarten, dahin zurückzukehren, das ist der ganze Spuk unserer Ungeduld. In einer Welt, in der sich so vieles um Funktionieren und Zwänge dreht, mag unsere sexuelle Gier und Ungeduld einer der letzten Fingerzeige sein, der uns rausführen kann aus der kollektiven Resignation, die wir uns dann als eine spirituelle Tugend einreden können.

Ungeduld ist Selbstliebe

Darum schlage ich Ihnen vor, Ihre Selbstwahrnehmung bezüglich Ungeduld neu zu schreiben und zu erkennen: Ihre Ungeduld ist Selbstliebe. Statt weniger Ungeduld von sich zu verlangen – seien Sie noch ungeduldiger! Dann entpuppt sich Ihre sexuelle Ungeduld als Highway für mehr Lebensenergie und Ekstase… Wovon wir uns dafür verabschieden müssen, ist die Angewohnheit, Gier und Ungeduld als etwas Negatives zu bewerten – stattdessen ist die Aufgabe tatsächlich, sie als bedingungslos positive Kraft zu feiern! Diesem Projekt zu Ehren habe ich folgendes Drei- Schritte-Programm entwickelt, ein körperliches Sieben-Minuten-Workout, um Ihr Verhältnis zu Gier und Ungeduld vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Sollten Sie sich jemals wieder in sexueller Ungeduld ertappen, bitte hier entlang:

Phase #1: 3 Minuten:

Hier geht es darum, dass Sie sich aus dem Alltagsstress rausbewegen und zurückfinden in einen körperlich wachen, beweglichen und kraftvollen Zustand. Stellen Sie sich dafür aufrecht und locker hin, am besten bei geschlossener Zimmertür und vorgewarnter Familie. Beginnen Sie damit, sich von Kopf bis Fuß zu schütteln, besonders in den Handgelenken und den Kniegelenken. Der Rest des Körpers wird dann folgen… Atmen Sie bewusst tief durch den Mund ein und aus – und all das gerne zu Ihrer Lieblingsmusik. Sie haben drei Minuten Zeit… um sich so zu schütteln und zu bewegen, dass Sie ein deutliches Kribbeln von Lebensenergie in Ihrem Körper spüren können!

Phase #2: 1 Minute:

Nun kommt der folgende Switch: Stellen Sie die Musik aus, hören Sie auf, sich zu schütteln und wechseln Sie die Stimmung – die Party ist zu Ende. Verbinden Sie sich nun innerlich mit allen Mustern der Gier und Ungeduld, der sexuellen Unzufriedenheit und des Nicht-Abwarten- Könnens, die Sie nur kennen. Und jetzt bewerten Sie Ihre Ungeduld aufs Negativste. „Ungeduld ist … (bitte ausfüllen) … unreif, undankbar, unerleuchtet, egoistisch, kindisch…“ Hat nicht irgendein Heiliger Gier und Ungeduld als eine der Todsünden aufgezählt? Was hier zählt, ist die körperliche Ebene, viel mehr als die emotionale oder mentale. Seien Sie eine akribische Detektivin und ein Detektiv für Ihre körperlichen Empfindungen: Was verändert sich, wenn Sie Ihre Ungeduld durch Bewertungen und Stillhalten unterdrücken? Wie atmen Sie dabei (wenn Sie noch atmen…)? Wie fühlen sich Ihre Beine an und Ihr Bauch und Ihr Kiefer? Wie sehr spüren Sie sich überhaupt noch? Ohne allzu suggestiv zu sein: Spüren Sie, wie viel Präsenz und Energie es Sie kostet, Ihre Ungeduld zu verbergen?

Phase #3: 3 Minuten:

Erlösung! Entspannen Sie Ihre Muskeln, stellen Sie die Musik wieder an und beginnen Sie damit, sich wieder zu schütteln! Atmen, Tönen, Beben und Vibrieren… Lassen Sie Ihre Ungeduld zu als pure, heftige Bewegung! Vergegenwärigen Sie sich, wonach Sie gieren, was Sie alles haben wollen und noch nie hatten – und tanzen und schütteln Sie sich in dieser Vision, was das Zeug hält! Bitte übertreiben, bis Ihr ganzer Körper davon erfüllt ist und in einem Starkstrom der Ungeduld kribbelt! Das ist das energetische Potential und das spirituelle Geheimnis, wenn Sie sich sexuell ungeduldig und unersättlich fühlen… und wenn Sie drei Minuten lang an diesem Schütteln und Kribbeln drangeblieben sind, dürfen Sie sich wie nach schockierend gutem Sex auf Ihr Bett fallen lassen und in eine verschwitzte, postekstatische Erschöpfung fallen. Was Sie hinter sich haben, eignet sich als tägliches Workout, um unseren kulturellen Anfällen von Scham und Schuldbewusstsein in Sachen Ego etwas entgegenzusetzen…

Es dauert 7 Minuten und damit länger als der durchschnittliche Sex! Weiter oben schrieb ich, dies sei ein Drei- Schritte-Programm. Eigentlich ist es ein Vier- Schritte-Programm, denn der vierte Schritt ist – wenn Sie mögen – der Sex. Der Sex mit Ihnen, der Sex mit Ihren Partnern, Ihrer Partnerin, Ihrem Partner, der Natur oder gleich dem ganzen Kosmos. So oder so – das beste Vorspiel der Welt haben Sie jetzt schon hinter sich. Und ganz plötzlich, zwischen den Körpern, in einem weichen Atemzug und aus Versehen ohne Absicht, Richtung und Selbstkritik: keine Eile mehr.

Author: Oliver Bartsch

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