Yoga – das ist nicht nur eine wirkungsvolle Körperarbeit, sondern ein ganzheitlicher spiritueller Weg. Iris Disse gründete nach einer Forschungsreise durch Indien zum Thema Tantra und Yoga die Durga´s Tiger School, in der tantrisches Wissen vermittelt wird. Kern der Yogalehrerausbildung ist das traditionelle Kaula Tantra Yoga. Diese Yogaform hat auf den ersten Blick nichts mit Sexualität, aber viel mit Meditation zu tun – man lernt, mühelos aus der Tiefenentspannung in die Asanas (Yogastellungen) zu fließen. Dieses „Nicht Tun im Tun“ lässt sich auch auf den Alltag übertragen: Aus einfachem Sex wird bewusster Sex. Das Herz fließt über, und ein heiliger Raum entsteht. Ein Erfahrungsbericht von Iris Disse

In Indien treffe ich auf das traditionelle Kaula Tantra Yoga, und es ist eine Offenbarung: Plötzlich weiß ich, wie ich auf dem tantrischen Yogaweg weiterforschen kann. Ich entdecke meinen eigenen Körper neu, den Fluss meiner eigenen Energie. Ich sehe, wie meine Gedanken und meine Weltsicht meinen Körper formen und beeinflussen. Was ist Arbeit, Anstrengung? Was ist Freude? Wenn ich davon ausgehe, dass meine Muskeln es lieben, sich zu bewegen, entsteht Freude – dafür sind Muskeln da!

Wenn allerdings meine diktatorische Anweisung nach vorne prescht: „Jetzt hopp ins Asana, streng dich an!“, dann überlagert dies die Freude meiner Muskeln. Aber wenn ich dann wieder bewusst mein inneres Kind einlade, bekomme ich Zugang zu dieser Freude – und es strengt nicht an. Plötzlich kann ich die absurde Forderung „Bleib entspannt in deinem Asana“ umsetzen. Meine Körperintelligenz übernimmt. Keiner muss mir von außen sagen, wie das Asana aufgebaut wird. Jeden Tag versteht mein Körper auf einer tieferen Ebene, worum es geht, und in mir entsteht Vertrauen in mich. Ich weiß immer mehr, mit jeder Zelle, dass ich meine Wahrheit leben kann. Meine Prägungen mit ihren Zerrspiegeln „Du solltest… du müsstest… so nicht…“ weicht.

Das Krokodil und der Sex

Im Makrasana, dem Krokodil, liege ich auf dem Bauch, die Arme nach vorne gestreckt, Handflächen zusammen. „You are alert und relaxed, du bist wach und entspannt, wie das Krokodil“, höre ich die Anweisung des Lehrers. Ich kann ganz tief in mir sein und gleichzeitig bewusst wahrnehmen, was um mich herum vorgeht, wer noch im Raum ist. Die Geräusche meines Atems, der Atem der anderen. Wieder zu Hause. Meine neu gewonnene Gelassenheit verändert unsere Liebe. Ich bin jetzt freier in mir, zu Hause in meinem Körper. Mein alter Liebesfilm, der meinen freien Forschergeist umnebelte, sobald ich meinen Partner begehrte, wird schwächer. Ich brauche unsere Liebe nicht mehr daran zu messen, wie ich sein sollte, wenn ich liebe. Wie er sein sollte, wenn er mich liebt. Wie Leidenschaft sein sollte… eine sanfte Revolution hat stattgefunden. Wenn wir uns früher sexuell begegneten, fiel ich oft einfach in ihn hinein mit meinem Sein, wobei ich den Kontakt zu mir selbst verlor. Heute denke ich an das, was ich beim Krokodil gelernt habe, dem Makrasana: Ich bin erst mal ganz bei mir und dann erst und doch gleichzeitig bei ihm. Ich kann jetzt präsent bleiben in dem, was wirklich gerade abläuft zwischen uns. Und das ist einfach stark.

Orgasmus im Shavasana

Er und ich, wir liegen vor unserem Kamin eng umschlungen, das Feuer brennt, Wärme auf unserer Haut. Er hat seinen Lingam in meiner Yoni. Wir bewegen uns kaum. Atmen zusammen. Wir schauen uns in die Augen, ohne etwas zu wollen, einfach präsent sein. Sich entspannen, meditieren beim Liebemachen. Alles, was ich beim Kaula-Tantra-Yoga gelernt habe, fließt jetzt mit unserem tantrischen Wissen ineinander: So wie ich mich entscheiden kann, zu meditieren oder Yoga zu machen, kann ich mich entscheiden, mit dem Geliebten jeden Tag zusammen zu sein und im Liebesakt gemeinsam zu meditieren. Ich bin nicht davon abhängig, dass „es“ spontan passiert. Der Mythos der Spontanität ist in unserem liebesfeindlichen Alltag, in dem alles, aber auch jede Minute verplant wird, meist ein Liebestöter – da ist einfach keine Zeit mehr übrig, dass sich entspanntes Liebemachen entfalten kann. Körper erzittern. Mit dem Atem werden wir durchlässig, es strömt. Wie sexy. Da ist es wieder, das Licht.

Durch die Tantra-Yogapraxis kann mein Körper auch in der sexuellen Spannung entspannt bleiben. So spüre ich mehr. Ich kann ganz in mir sein und von dort aus dem Geliebten begegnen. Das schafft Intimität. „I am alert and relaxed, like a crocodile“, sage ich, und mein Liebster muss lachen bei der Vorstellung, mit einem Krokodil Liebe zu machen. … keine Zeit für Erklärungen – Jetzt.

Termine:
28.6.-22.7.2018 und 1.-22.7.2019:
Yoga-Lehrer-Ausbildung je 200 Stunden im ZEGG/Belzig

Author: Oliver Bartsch

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