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Wer seine Achtsamkeit schult, wird feinfühliger für seine Bedürfnisse – eine wunderbare Grundlage für ein zufriedenes Leben. Trotzdem scheint eine spirituelle Ausrichtung noch kein Garant für eine erfüllende Partnerschaft zu sein. Ralf Sturm zeigt, wie die Yoga-Philosophie helfen kann, in Beziehung konstruktiv mit Herausforderungen umzugehen.

 

Das Wort Yoga geht auf die Wurzel „yug“ zurück, was soviel wie „verbinden“ bedeutet. Vielleicht ist Yoga deshalb gerade heute so populär: Weil wir trotz Facebook und Twitter immer noch einen ungestillten Wunsch nach spürbarer Verbindung mit anderen Menschen haben. Wenn es so viele Menschen mit demselben Wunsch gibt, müsste eigentlich niemand mehr allein sein. Trotzdem scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, wonach Partnerschaften in spirituellen Beziehungen immer wieder in Frage gestellt werden. Ständige meditative Nabelschau mit Fragen wie: „Tut mir das noch gut, mit ihm/ihr zusammen zu sein?“ oder „Ist er/sie mein Seelenpartner?“ ist aber oft der Tod einer lebendigen Beziehung.

Vor zweieinhalbtausend Jahren erklärte Patanjali in seinen Yoga-Sutras, wie man mit der Lenkung der Achtsamkeit mehr über seine wahre Natur erfahren kann. Oft wird die Technik aber missverstanden. Statt Empfindsamkeit zu entwickeln, werden manche Meditierende einfach nur empfindlich. Dann wird manches, was der andere sagt, als Belastung oder gar als Angriff empfunden. Im schlimmsten Fall möchte man sich dann ganz von der vermeintlich feindseligen Außenwelt zurückziehen, um sich nur noch dem Yoga zu widmen – auch wenn man damit gleichzeitig jegliche Chance zu wirklicher Verbindung verhindert.

Dabei kann ein geschicktes Benutzen der traditionellen Techniken jede Beziehung und Partnerschaft bereichern, wenn man die Bodenhaftung behält. Das Wort „Chakra“ zum Beispiel klingt zunächst nach Geheimwissen. Das System der Energiezentren im physischen und feinstofflichen Körper ist jedoch auch ganz praktisch im Alltag der Liebe spürbar.

Muladhara Chakra – Das Wurzel-Zentrum
Ein stabiles Wurzelchakra zu haben bedeutet, sich gut um seine Wurzeln zu kümmern. Wie viel Zeit nehmen wir uns für unsere Erdung, regelmäßige Mahlzeiten und einen gesunden Schlaf? Unser Umgang mit dem eigenen Körper ist Spiegel und Grundlage für alle weiteren Begegnungen mit unserer Umwelt.

Swadhisthana Chakra – Das Sakral-Zentrum
Von einer stabilen Basis aus begeben wir uns in den Fluss des Lebens. Wenn wir uns sicher fühlen, haben wir die Möglichkeit, unsere Gefühle wahrzunehmen und anderen zu zeigen. Das manifestiert sich in spielerischer Lebensfreude und kulminiert in der sexuellen Begegnung.

Manipura Chakra – Das Nabel-Zentrum
Das Nabelchakra ist unser vitales Zentrum, von dem aus wir unser Feuer strahlen lassen wie eine Sonne. Mit der Konzentration auf unseren Bauch bekommen wir ein Gefühl für unseren Selbstwert. Wir können gesunde Grenzen setzen und die Grenzen anderer respektieren.

Anahata Chakra – Das Herz-Zentrum
Erst dann kommen wir in die Lage zu lieben, ohne bedürftig zu sein. In emotional schwierigen Momenten hilft uns das Element der Luft, wenn wir tief ein- und ausatmen. Das aktiviert den Herzraum, und unsere Liebesfähigkeit hilft uns, Situationen anzunehmen, wie sie sind.

Vishuddha Chakra – Das Kehl-Zentrum
Das Element des Raumes trägt den Klang, mit dem wir mit unserer Umwelt in Kontakt sind. Respektvolle und wertschätzende Kommunikation beginnt, wenn wir unser Herz fühlen. Auf diese Weise laden wir auch unser Gegenüber ein, sich selbst als gesund und ganz wahrzunehmen.

Ajna Chakra – Das Stirn-Zentrum
Zwischen den Augenbrauen trainieren Yogis eine Wahrnehmung, die frei ist von Einfärbung durch vergangene Eindrücke. Auf diese Weise findet man auch neue Wege, mit Schwierigkeiten umzugehen.

Sahasrara Chakra – Das Kronen-Zentrum
Über dem Scheitel sitzt den Schriften nach unsere Verbindung zum Zustand der Einheit. Aber es gibt keine Erleuchtung ohne Herz. Und kein Herz ohne Wurzeln. Es gibt möglicherweise keine Abkürzung zu Gott, nur den Weg über das Mensch-Sein und das Miteinander.

Im besten Fall sorgt man also zunächst tatsächlich gut für seine eigenen Wurzeln. Dann ist Raum, Gefühle wahrzunehmen und auszuleben und sich in der Welt zu zeigen und durchzusetzen. Wenn man präsent geworden ist, kann man Liebe schenken anstatt sie zu fordern – und durch die eigene liebevolle Kommunikation auch andere Menschen bereichern. Wenn wir uns auf diese Weise um die Außenwelt gekümmert haben, wird schließlich der Weg nach innen offen.

Gibt es dann noch Streit in der Partnerschaft? Wenn wir uns angegriffen oder unsicher fühlen, atmen wir bewusst zum unteren Ende der Wirbelsäule. Das bringt bereits Stabilität. Überwältigende Gefühle werden durch Atmung in den Beckenraum harmonisiert. Möchten wir uns in einer Auseinandersetzung behaupten, konzentrieren wir uns auf den Bauch. So wird der Weg zum Herzen frei. Dann verstehen wir, was unser Partner uns vielleicht auf seine eigene sehr „poetische“ Weise vermitteln wollte. Der Physiker Werner Heisenberg sagte einmal sehr schön: Verstehen bedeutet, sich daran zu gewöhnen.


Abb: © DeoSum – Fotolia.com

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Über den Autor

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ist Yogalehrer und Therapeut. Er arbeitet in der Presseabteilung des Seminarhauses Yoga Vidya e.V., Bad Meinberg.

Mehr Infos

Literatur:
Swami Sivananda, Die Wissenschaft des Pranayama, Oberlahr, 1995
Sukadev V. Bretz, Die Kundalini-Energie erwecken, München, 2007

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