„Die Hoffnung stirbt zuletzt…“ weiß der Volksmund – und durch alle Generationen und Gruppen, selbst spirituell sehr weit entwickelte, hält sich dieser Gedanke tapfer. Entsteht doch schon mit dem „Ich bin“-Gedanken – mit der „Es gibt mich“-Erfahrung, die sich ab dem zweiten, dritten Lebensjahr langsam und unbemerkt einstellt – die zu diesem Zeitpunkt noch unbewusste Hoffnung, von den Eltern geliebt zu werden… dafür, dass man einfach nur existiert und eben genau so ist, wie man ist.

von Mario Hirt

Das geht immer gehörig nach hinten los und der „Ich bin falsch“-Gedanke, der zwangsläufig aufkommt, weil dieses allumfassende und bedingungslose Ja der Eltern unmöglich ist, wird dadurch kompensiert, dass man sein Verhalten ändert, Erwartungen erfüllt und sich nicht mehr so zeigt, wie man man eigentlich ist. Dieser Verhaltenswechsel wird wiederum inspiriert durch die Hoffnung. Sie bezieht sich, nach wie vor unbewusst, diesmal darauf, dass man, wenn schon nicht geliebt, dann doch wenigstens gesehen wird und ein bisschen Anerkennung bekommt, nämlich für das, was man weiß, kann oder hat. Das Leiden, das dadurch entsteht, ist unvorstellbar groß und bestimmt das komplette Erleben. Das tägliche Drama eben… So wird der Körper groß, er er-wächst aus dem Kind-Sein ins vermeintliche Erwachsen- Sein – und mit der Intensität des Leidens wächst leider auch die Intensität der Hoffnung. „Durchhalten“ ist angesagt.. „Nicht aufgeben, du schaffst das“, „Irgendwann, da werd` ich gesund, reich, berühmt, sexy, kurzum: glücklich und erfüllt sein…“ . Je mehr es wehtut, sorgenvoll oder ausweglos erscheint, desto größer wird die Hoffnung auf einen guten Ausgang. „Am Ende ist alles gut, und wenn’s noch nicht gut ist, ist’s noch nicht am Ende“ lässt einen, dem Esel gleich, der die Karotte am Stock über seinem Kopf trägt, unaufhaltsam vorantraben – in der Hoffnung, sie irgendwann zu erreichen und anknabbern zu können.

Die Sucht nach der elterlichen Liebe

Je schneller der Trab, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit (sagt man uns), sie auch schneller zu bekommen. Die Folge: Die Zeit wird immer schnelllebiger, die Sehnsucht danach, doch endlich geliebt zu werden, die Sehnsucht nach dem Gefühl der Erfüllung, der Wunsch, die Suche endlich beenden zu können, anzukommen (wo auch immer) wird immer stärker und intensiver, und deswegen rennen wir förmlich durch unser Leben der (elterlichen) Liebe hinterher… ohne jemals innezuhalten und das Geschehen zu überdenken und eventuell der Erkenntnis Raum zu geben, dass wir selbst diese Liebe per se sind und in Wahrheit nichts brauchen. Denn die Liebe ist immer da und es gibt uns als ein getrennt von anderen (und dieser Liebe) existierendes Wesen nur gedanklich, nur illusorisch.

Doch Leben heißt eben Hoffen. Und wie aus Kindheitstagen erinnert und unhinterfragt übernommen, lässt einen die Hoffnung auf „Irgendwann werde ich geliebt und mir geht‘s endlich gut“ wahre Meisterleistungen in allen Lebensbereichen vollbringen. Egal welchen Bereich man betrachten mag, ob Kunst, Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medizin, Religion, Esoterik, Spiritualität etc. – überall schlummert die Hoffnung, in jeder Handlung und jeder Idee. Sie ist nicht nur der emotional durchtränkte Antrieb für alles, sondern anscheinend auch die einzige Kraft, die die Power hat, uns davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, alle Qualen und Anstrengungen auf sich zu nehmen und durchzustehen bzw. nach dem Hinfallen immer wieder aufzustehen. Die Hoffnung scheint oft das Einzige zu sein, was einen noch weiter leben, weiter kämpfen und nicht aufgeben lässt. Bist du hoffnungslos, dann bist du verloren…

Mit jedem neuen Partner, jedem neuen Job, jedem angeschafften materiellen Gut, jeder Krankheit, die besiegt bzw. geheilt werden soll, jedem Gefühl, welches in der spirituellen Selbsterfahrungsszene qualvoll ausgefühlt und ausgelitten wird, schwingt die Hoffnung mit, irgendwann in der Zukunft mal glücklich zu sein.

Endlose Suche im Außen wie im Innen

Das wird jedoch niemals eintreten. Entweder ich bin es jetzt oder nie! Die Erfüllungssuche im Außen und die Selbstergründung im Innern bleiben immer erfolglos und immer unendlich. Sie hören niemals auf! „Man kann sich‘n Wolf fühlen, da ist niemals innerer Frieden… niemals… es hört niemals auf… ist niemals gut… Wenn ich denke, ich bin durch, kommt schon das Nächste und ich fange gefühlt wieder bei null an…immer und immer wieder…Was kann ich tun?“ fragte mich vor kurzem eine „Hardcore- Sucherin“, wie sie sich selbst bezeichnet. Was kann man tun? Mal abgesehen davon, dass man in Wahrheit gar nichts tun kann, auch wenn es sich so anfühlt, könnte man sich erstmal eine Frage stellen. Die Frage, ob es überhaupt, wie sagt man so schön, in der Verstandeswelt „zielführend“ ist, die Hoffnung erst ganz zum Schluss sterben zu lassen? Was wäre, wenn wir sie nicht als Letztes, sondern gleich hier und jetzt sofort sterben lassen? Denk ein paar Minuten darüber nach, meditiere darüber, lass die Frage komplett von dir Besitz ergreifen.

Was bleibt ohne die Hoffnung? Was bleibt, wenn all dein Bemühen, mit der Welt und vor allem mit dir selbst klar zu kommen, eventuell erfolglos ist und bis zum Ende deiner oder aller Tage erfolglos bleibt? Welche Gefühle aus Kindheitstagen spült das in dir hoch? Was ist in deiner gedanklichen Entstehungszeit, deiner Kindheit entstanden und seitdem durch das „eselige Karottenstreben“ immer verdrängt worden? Traurigkeit, Wut (weil ohnmächtig), Angst? Je mehr zur Seite geschobene ungefühlte Gefühle in dir verborgen sind, desto größer ist die Macht der Hoffnung in deinem Leben.

Die diversen Hoffnungen des Mario H.

Auch im leidvollen Leben und Streben nach Sinn und Erfüllung des Mario H. aus B. spielte die Hoffnung schon von klein auf eine große Rolle. Da er, bedingt durch seine Körperform und die Identifikation mit dieser („ich bin dick“), schon in Kindergarten- und Schulzeiten als Außenseiter mit allem und jedem konfrontiert wurde, was „hänseln und greteln“ konnte, wuchs der Ansporn und die Hoffnung, irgendwann auch mal einen schlanken und gutgebauten Körper zu haben und gemocht, anerkannt und vielleicht sogar geliebt zu werden. Aus der Ahnungslosigkeit hinein in eine Abnehm-und Zunehmkarriere mit Gewichtsschwankungen von über 80 Kilogramm war vom Binge-Eating-Syndrom bis zu Bulimie-Ansätzen absolut alles an extremsten Erfahrungen vertreten. Erstaunlicherweise stellte sich das ersehnte Erfüllungsgefühl aber auch nicht in den Zeiten ein, in denen das Ziel eines gutgebauten Körpers erreicht war und die Frauen plötzlich nicht nur den guten Zuhörer und Versteher schätzten.

In den anderen Lebensbereichen, sowohl privat als auch beruflich, prägte die immerwährende Hoffnung ebenfalls alle Höhen und Tiefen. Jeder Lebensbereich wurde bis aufs Äußerste ausgereizt, seien es Arbeit, Hobbys (einige Übrigbleibsel, wie zum Beispiel die Geschichte des „Mari´O Polo“, findet man auf meinem YouTube-Kanal) Sport, Sex, Alkohol, Rauchen, Reden und Alles-verstehen-Wollen – nichts brachte das erhoffte innere Erfüllungsgefühl. Selbst als in der tiefgreifenden spirituellen Krise das weltliche Streben im Außen ein allumfassendes Ende fand und die Reise nach innen startete, konnten die neu gewonnenen Erkenntnisse über die Funktionsweise der menschlichen Psyche mit manch einer Katharsis nicht die Hoffnung auf „Irgendwann hab ich´s“ stoppen.

Da halfen weder schamanische, energetische, geistige, neurolinguistische, pathophysiognomische, krankheitsdeutende Heilmethoden noch indianische Vergebungs- und Heilungszeremonien, Schwitzhütten, Reinigungszeremonien mit Meisterpflanzen und gefühltem monatelangem Nächtedurchweinen sowie tausende kleine Tode sterben. Bis irgendwann, völlig ungewollt und ungewusst, die Schöpfung den “Ich-Gedanken“, die Identifikation mit Körper und Lebensgeschichte ad absurdum führte und damit dem gedachten Mario den Mario, die Hoffnung und absolut alles andere nahm.

Wahre Lebendigkeit statt endlosem Leiden

Das führt zurück zur Frage: Was wäre, wenn die Hoffnung nicht zuletzt, sondern zuerst stirbt? Stirbt die Hoffnung zuerst, wartet wahrhaftige Lebendigkeit, stirbt sie zuletzt, stirbst DU bis dahin jeden Tag aufs Neue in mannigfaltigem Leid. Mit der Hoffnung, die in Wahrheit nichts weiter als ein Kontrollversuchs-Gedanke ist, stirbt die Kontrolle an sich. Der denkende Mensch, der sich als getrennt von der Quelle, als Individuum, als „Ich“ mit Persönlichkeit, Charakter, Schwächen und Stärken und erinnerungswürdiger Lebensgeschichte erfährt, denkt erstmal, dass er die Kontrolle über sich und sein Leben hat. Das ist jedoch nur oberflächliches, unhinterfragtes, falsches Wissen, das von anderen übernommen wurde, die es ebenfalls unhinterfragt übernommen haben (genannt Ahnenreihe) – sie hatten ja keine Ahnung. Dieses vermeintliche Wissen, das sich – genau betrachtet – nur als Glaube entpuppt, hält uns in einer unendlichen und ewigen Leidensschleife – so lange, bis die Schöpfung etwas anderes vorsieht. Ich muss nur alles richtig machen und dann wird‘s „hoffentlich“ schon mit Glück und Erfüllung klappen. Und wenn‘s noch nicht so ist, dann muss ich eben noch intensiver und mehr machen. Dabei kann man „zwischen den Zeilen gelesen“ die Wahrheit schon erkennen: Wir haben keine Ahnung, ob unser Denken und Tun das „Richtige“ ist.

Wir versuchen es, hoffen es, nach bestem Wissen und Gewissen, müssen uns aber eingestehen, dass wir eigentlich keinen Schimmer haben, was uns wirklich glücklich macht und dauerhaft erfüllt, und dass wir auch keinen Einfluss haben, ob es überhaupt gelingt. Wir können zwar unser „Bestes“ in vollster Hoffnung tun, aber wie das Leben darauf reagiert, liegt nicht in unserer Macht. Sobald die Hoffnung stirbt und damit die allumfassende Kontrolllosigkeit bewusst wird, ist absolut klar, dass ich weder der Denker meiner Gedanken noch der Täter meiner Taten bin und die Schöpfung sich in diesem Realitäts-Traum so entfaltet, wie sie es soll. Und diese Schöpfung ist das, was du bist… essentiell – nicht materiell… Von daher dient das gedankliche Vorhandensein der „Hoffnung“, genauso wie alles andere auch, deiner Selbsterkenntnis, die deinen Verstand auf die einzige lohnende Frage zurückwirft: „Wer bin Ich?“

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

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bekam nach jahrelanger erfolgloser spiritueller Suche das größte Geschenk – das komplette Erwachen aus der Ich-Illusion. Er starb und überlebte ohne einen Überlebenden. Seitdem gibt er regelmäßig Satsang, spricht in Einzelsettings und veranstaltet mehrmals jährlich Retreat-Wochen. Auf seinem Youtube-Channel gibt es immer wieder neue kostenlose Wachmacher-Videos und bei Facebook und Instagram ist er mit nahezu täglich neuen Posts vertreten. Was kann Mario dir geben? Nichts… wozu auch – du hast bereits von allem viel zu viel. Zu viel „falsches“ Wissen über dich und die Welt und in dir zu viele ungefühlte Emotionen. Diese Kombination lässt dich unentwegt leiden. Von daher kann er dir nur alles nehmen – bis absolut nichts mehr übrig bleibt. Durch seinen Lebenslauf ist er ein Weltenwanderer, der sowohl in der Psychotherapie, im Schamanismus, in den energetischen Heilmethoden als auch im Advaita- Vedanta zu Hause ist und so das Existenzdenken von jeglichem Ich ad absurdum führen kann.

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