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Ein (zwangsläufig unvollständiger) Versuch, das Paradox von Ich, Bewusstsein, Wirklichkeit und Tod zu entwirren

Mein erstes Sterben war sehr interessant. Es geschah auf einem „Seminar“ in einer Badewanne nach sieben Tagen ohne Flüssigkeitsaufnahme und hielt ungefähr drei Stunden an.

Es begann mit der Beobachtung, dass mein Bewusstsein langsam aus dem Körper driftete und sich, vereinfacht ausgedrückt, im Raum verteilte. Im Unterschied zu gewöhnlichen Out-of-Body-Erfahrungen oder Astralreisen war jedoch der Körper dort in der Wanne ebenso wie das Bewusstsein, das die Veränderung registrierte, nicht mehr meins; zumindest nicht mehr ausschließlich meins, sondern z. B. auch das des Wasserboilers an der Wand oder des Badezimmers oder der ganzen sichtbaren Welt, die ich wenig später, nunmehr der Wanne entstiegen, bestaunte. Genau genommen war es nicht ein Ich, das in die Welt schaute, sondern die Welt betrachtete sich aus einer bestimmten Perspektive, die zufällig den Namen Joe Romanski trug, selbst. Und als ob das nicht absonderlich genug war, schien dieses personal-unpersonale Welt-Selbst eine riesige Blase mit weiteren absonderlichen Eigenschaften zu sein, zum Beispiel der, nirgendwo eingebettet zu sein; es gab also definitiv kein Außen. Was auch bedeutet, dass es weder Himmel noch Jenseits gibt!

Alles ist Projektion

Doch es gibt noch mehr schlechte Nachrichten: Die Mystiker haben Recht. Die Blase mit all den Menschen, Autos, Fernsehern, Planeten, Galaxien und all dem Zeugs, wozu auch Gedanken und (Sorry, liebe Lass-die-Gefühle-sprechen-Therapeuten) Gefühle gehören, ist nur eine Projektion; nicht wirklich im Sinne einer letzten Wahrheit also. Im Osten sagt man Maya dazu oder auch Leerheit. Dummerweise ist diese Leerheit inklusive Ich-Transzendierung intellektuell unmöglich zu erfassen, zumindest solange nicht, wie sie nicht wenigstens einmal tatsächlich erfahren wurde. Denn Mind und Verstand inklusive Gefühle sind nur Oberflächenphänomene des Einen Bewussteins, die sich zeitweise zu einem Ich verdichtet haben. Solch ein zusammengebasteltes Oberflächen-Ich kann jedoch unmöglich die Tiefe, aus dem es hervorgegangen ist, vollständig abbilden.

Dazu kommt: In ihrem Grund ist die Welt ein Paradox, weil (überkonfessionell und abstrakt formuliert) eine Trinität aus Beobachter/Schöpfer, Beobachtetem/Schöpfung und Prozess des Beobachtens/Schöpfens. Da der Verstand immer dazu neigt, Paradoxa (früher Mysterium genannt) einseitig auflösen zu wollen (er kann gar nicht anders), haben alle Großreligionen ein Bilderverbot erlassen: Du sollst dir kein (Gedanken-)Bild machen von dieser ganzen Sache, die manche Gott nennen.

Die vollkommene Wirklichkeit hinter dem Schleier

Andererseits haben sich Abstraktionsvermögen und Komplexität des „kleinen“ menschlichen Verstandes in den vergangenen zweitausend Jahren zweifellos entwickelt. Somit ist ein Bilderverbot nicht mehr ganz zeitgemäß, denn mit ein wenig Anstrengung lässt sich auch im unvollkommenen individuellen Bewusstsein zumindest ein schemenhaftes Abbild der vollkommenen Wirklichkeit hinter dem Schleier entwickeln. Zu diesem Modell gehört als fast schon populärer Kerngedanke der „Ego-Tod“. Doch Vorsicht: Damit ist weder gemeint, dass alle egoistischen und ich-bezogenen Gedanken und Gefühle vermieden werden sollten, noch dass das Ich oder Ego etwas Negatives ist, das ausgelöscht werden muss. Es geht wie erwähnt vielmehr um Transzendenz – was in diesem Zusammenhang etwas unzulässig auf den Begriff Standpunktverschiebung verkürzt werden kann. Diese Ich-Standpunktverschiebung bedeutet, dass das falsche Ego-Ich, das Ahankara, wie es im Sanskrit genannt wird, zunächst als Konstruktion durchschaut (transzendiert) wird und dadurch immer mehr verschwindet. In der letzten Konsequenz tauchen im Nicht-Ich-Sein nur noch dann Gedanken, Gefühle usw. auf, wenn es aus irgendwelchen Gründen notwendig ist. Ist dieser „Zustand“ (der kein Zustand, keine Erfahrung, kein Gefühl usw. einer individuellen Psyche ist) halbwegs stabil, nennt man das Erleuchtung oder Befreiung (Sanskrit: Mukti).
Leider funktioniert das nicht willentlich. Logisch: Der Wille ist eine Funktion des Minds und kann sich somit nicht am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen. Bewusster Ego-Selbstmord als Flucht aus dem kleinen Ich-Gefängnis ist also unmöglich.

Auch das haben spirituelle Meister und Mystiker schon früh gewusst und dafür den Begriff der Gnade eingeführt. Befreiung aus dem Kerker der Unwirklichkeit geschieht oder geschieht nicht, und wenn sie geschieht, dann nicht als direkte Folge eines bewussten Willensaktes. Was wiederum nicht bedeutet, dass man innerhalb seines Bewusstseins nichts tun kann oder sollte. Tatsächlich gibt es jede Menge Tricks und Methoden, um es aufzusprengen. Fragen Sie jedoch auf keinen Fall Ihren Arzt oder Apotheker, sondern nur erfahrene Lehrmeister. Auch weil der Prozess des Aus- oder Durchbruchs kaum jemals ohne Probleme vonstatten geht. Im Extremfall führte er in der Vergangenheit so manchen statt in den Himmel zunächst in die Psychiatrie. Auch ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass der Prozess mit Schmerzen verbunden ist: psychisch-seelischen sowieso, doch wie in der Literatur zu lesen auch körperlichen. So war z. B. auch mein zweites Sterben ein Jahr später keineswegs ein Spaß, denn die Schicht, in die sich das Ich ein paar Stunden lang auflöste, bestand hauptsächlich aus bedeutungslosem So-sein, durchtränkt von ungeheurer Trivialität. Statt Liebe, Licht und Einheit folgte eine zweiwöchige Depression. Doch gehören auch diese Aspekte oder Energien zum Spiel und wollen erfahren werden. Das große Mysterium dabei besteht darin, dass es immer ein Weiter und Tiefer gibt, in das man hineinsterben kann. Und: Dieses Sterben ist das Ewige Leben.

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