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Herbst und der beginnende Winter laden ein, sich einem Thema zuzuwenden, das sonst auf eine merkwürdige Weise zwar allgegenwärtig ist, aber gleichzeitig völlig verdrängt wird: dem Tod und dem Sterben. Die Natur lädt uns ein, uns mit dem Ende zu befassen. Dem Ende von allem?

Allgegenwärtig ist der Tod, da keine Nachrichtensendung, keine Zeitung ohne die Meldung von meistens gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen, von Unglücken, Katastrophen, Kriegen und Morden auskommt. Im inneren Erleben, im Planen des nächsten Tages oder des ganzen Jahres kommt der Tod dagegen nicht vor. Fast scheint es so, als ob die anderen sterben könnten, aber nicht man selbst.
Das wichtigste Buch des tibetischen Buddhismus ist „Das Buch vom Sterben.“ In allen spirituellen Traditionen gibt es Meditationen über den Tod.
„Stell dir vor, du weißt, dass du in einem Tag (in 6 Stunden, in einer Stunde) sterben musst, was würdest du noch tun? Welche Gefühle würdest du erleben?“
Oder: „Stell dir vor, du wärest jetzt gestorben. Welcher Satz soll auf deinem Grabstein stehen, der Satz, der dein Leben auf ehrliche Weise ausdrückt?“
Oder: „Stell dir vor, du würdest jetzt sterben. Wenn du auf dein Leben zurückblickst, was hat wirklich gefehlt? Was hast du nicht erreicht, was dir wichtig gewesen wäre, so dass du darüber trauerst?“

Stell dir vor, du bist gestorben…

Von einem meiner Lehrer, Leland Johnson, der die Gestalt-Therapie mit einer spirituellen Perspektive verband, lernte ich folgende existentielle Übung: „du stellst dir vor, du bist jetzt gestorben. Dann stell dir vor, du bist dein bester Freund oder Freundin und deine Aufgabe besteht darin, eine Grabrede zu halten, eine ehrliche Rede über den Toten und sein Leben. Wenn die Rede geschrieben ist, suchst du ein anderes Gruppenmitglied aus, das deine Freundin oder deinen Freund vertritt. du legst dich auf den Boden und kannst jetzt deiner Grabrede zuhören. Öffne dich dabei allen Gefühlen, die hochkommen. Nachdem die Rede zu Ende ist, entdecke erst, wofür du weiterleben willst, bevor du wieder aufstehst.“ Auch die Aufstellungsarbeit nach Hellinger kann für dieses Thema gut genutzt werden. Hellinger sagte einmal: „Für mich ist in der Psychotherapie, da wo es nicht nur um Symptome geht, sondern um grundlegende Orientierung, einer der ersten Vorgänge, dass ich jemandem helfe, sich dem Ende zu stellen und dem Tod ruhig ins Auge zu schauen. Das ist eine …. Haltung voller Kraft.“

Energievergeudung: den Tod verdrängen

Das ist das erste, worum es geht: Sich dem Tod und dem körperlichen Ende zu stellen, führt zu einer Haltung voller Kraft. Das hat zwei Gründe: Es hört die Verdrängung auf, die soviel Energie und Kraft vergeudet. Der Mensch geht dem inneren schwarzen Loch, der Angst vor dem Nichts und dem Tod aus dem Weg. Diese Verdrängung kostet viel Kraft. Die Langeweile, diese nagende Unruhe, zeigt dies sehr deutlich: Das Nichts-zutun-Haben könnte eigentlich Gelassenheit und Frieden auslösen, ja, wenn da nicht im Inneren gerade diese Angst vor eben dieser Leere wäre. Anstatt der Unruhe auf den Grund zu gehen, sucht der Mensch die nächste Aktivität. So führt die Verdrängung des Todes zur Getriebenheit und Gehetztheit, auch gesellschaftlich zur immer größeren Produktion von materiellen Dingen, zum immer Mehr, Weiter, Größer. Dadurch versucht er, seiner Sterblichkeit aus dem Weg gehen. Nicht wirklich, aber bis zum nächsten Projekt. So leidet die Natur unter dieser rastlosen Produktivität und wird der Tod des Planeten forciert, weil der Mensch seinen eigenen Tod verdrängt. Sich dagegen dem Tod und allen Gefühlen, der Angst, dem Schmerz und der Trauer zu stellen, führt zum Frieden und zu einer Haltung voller Kraft.


„Jetzt ist es für jeden möglich, aufzuwachen und seine wahre Natur zu erkennen, es ist nicht nur einigen wenigen, großen Seelen vorbehalten.“
Eli Jaxon-Bear

Die Frage ist: Was stirbt?

Zweitens: vom Standpunkt des Todes und der Endlichkeit wird deutlicher, was zählt und wirklich wichtig ist. Die Vergeudung der Zeit hört auf und gleichzeitig die Langeweile. So ist die Aufforderung zu verstehen „Carpe diem“, ergreife diesen Tag. Das hat mit tiefer Verantwortlichkeit zu tun und gleichzeitiger vollständiger Zuwendung zum Leben, das immer jetzt ist.
Dies war gewissermaßen der existenzielle Blick. Die spirituelle Perspektive führt noch tiefer. Es ist die Suche nach der inneren Befreiung, nach wirklicher Lebendigkeit und Freiheit. Es ist die Suche nach Frieden und Zuhause-Ankommen. Egal, ob es Aufwachen, Befreiung, Selbst-Verwirklichung oder Erleuchtung genannt wird, immer ist es dasselbe Ziel. Es ist die Frage, wer du wirklich bist. Die Frage, was stirbt und ob es etwas gibt, was nicht stirbt. Lebendigkeit heißt, sich ganz der Gegenwärtigkeit hinzugeben, da das Leben immer gegenwärtig ist, während die Gedanken über Vergangenes und Sorgen über Zukünftiges immer die Phantasien des Kopfes sind. Leben ist jetzt. Aber sich dem Jetzt ganz zuzuwenden, heißt nicht nur zu spüren, zu sehen, zu hören und zu fühlen, was ist, sondern auch, der Bodenlosigkeit zu begegnen, die sofort erfahrbar ist und Angst macht, Angst vor dem Nichts, die Angst zu sterben. Meistens sagt dann jemand: „Es ist unheimlich.“ „Die Leere erschreckt mich“. Oder „Es ist nichts. Es hat keinen Boden“.
Sterben heißt, keine Zukunft zu haben. Es gibt keinen Plan, keinen Wunsch mehr, kein Ziel. Dann ist die Gegenwärtigkeit vollkommen. Deswegen sagen die Mystiker: „Stirb, bevor du stirbst.“ Das ist das, was Krishnamurti nennt: „Dem Augenblick sterben.“

„Wenn wir das Leben wirklich verstehen, dann verstehen wir auch den Tod“
Jiddu Krishnamurti

Das Sterben annehmen: Hingabe an das Leben

Ohne dem Tod und der Angst vor dem Tod zu begegnen, gibt es keine wirkliche spirituelle Transformation und keine innere Befreiung. Eli Jaxon-Bear sagt: „Der Preis ist, dass du bereit bist zu sterben. Das hat nichts zu tun mit Sterben wollen, weil einem das Leben zuviel ist.“ Diese Bereitwilligkeit bedeutet Hingabe. Es ist ein Fallen ins Bodenlose. Es wird genau so erfahren, wie manche Menschen das Nahtoderleben berichten. Es gibt die innere Enge, in die gefallen wird, die Enge weitet sich, das Fallen wird zum Fliegen und Schweben, und Du erkennst, Du bist dieser unendliche Raum, nichts existiert außerhalb. Wenn du dem Tod so vollständig begegnet bist, dann erfasst dich diese tiefe Gelassenheit. Dann ist jeder Augenblick ein Geschenk, völlig neu, frisch, voller Leben. Auch gilt das Wort: Wer auf dem Grund des Ozeans war, der fürchtet sich vor Pfützen nicht.
In einem Vortrag am 21. November und dem Wochenendseminar 22. – 23. November können viele Übungen kennengelernt werden und Du kannst Dich dem eigenen Tod und dem inneren bodenlosen Raum annähern oder ihm begegnen.

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