Ängste als Schlüssel – ein Virus erfordert eine neue Haltung zu mir selbst

von Berit Julie Friz

Ein Virus geht um die Welt und verändert unseren Alltag. Es geht um Leben und Tod und um die Frage, wie wir uns selbst und andere vor Ansteckung und Krankheit schützen können. Damit einher geht die Angst, etwas falsch zu entscheiden, nicht richtig zu machen und damit schuldig 
zu werden. Vor dem Virus sind wir Opfer, mit dem Virus sind wir Täter.

Gibt es einen richtigen Weg damit umzugehen? Ich weiß es nicht. Und merke einmal mehr: Wir sind Menschen. Aus Fleisch und Blut und mit vielen Gedanken. Wir wissen, dass wir nichts wissen und müssen uns entscheiden – wem wir glauben, an was wir glauben, wie wir uns verhalten, wie aufmerksam wir sind und nach welchen Vorgaben wir handeln. Sind es politische Maßgaben oder eigene Werte? Woher haben wir sie und wie verändern sie ich in unserem Umfeld?

Wie können wir sicher gehen, dass unsere demokratische Gesellschaft zusammenhält und wir tatsächlich einen Weg finden, auf dieser Erde noch weitere Jahrzehnte und Jahrhunderte zu leben? Sagt ein Planet zum anderen Planet: „Hey, wie geht’s? „Och, nicht so gut.“ „Wieso?“ „Ich habe Mensch.“ „Du, keine Sorge, das geht vorbei.“

Und bis es vorbei geht, sind wir eben Mensch

Es gibt zwei Arten auf das Leben zu schauen: mit ANGST oder mit LIEBE. Derzeit regiert in unserer so privilegierten Welt eher die Angst. Sehr nachvollziehbar – gab es in den letzten hundert Jahren doch kaum eine Situation, in der wir wirklich in Lebensgefahr waren. Also müssen wir uns neu einrichten in dieser Gedankenwelt: Dass wir als Mensch krank werden können, dass wir sterben können, obwohl wir dachten, alles richtig gemacht zu haben. Wenn wir diesen Gedanken wirklich zulassen und uns ihm hingeben, können wir den einzelnen Tag wieder als Glück und mit LIEBE betrachten. Als einen Tag mehr als Gast auf Erden. Im vollen Bewusstsein unserer Endlichkeit.

Ich weiß: Diese reflektorische Gedankenarbeit ist nicht allen möglich. Nicht denen, die um ihr Geld kämpfen, die um Essen kämpfen, die sich vor Gewalt schützen müssen, die psychisch im Dunklen leben. Um sie müssen wir uns kümmern. Sie brauchen unsere Unterstützung, unsere Worte, unsere Solidarität. Denn das einzige, was uns als Menschen verbindet, ist die Kommunikation. Auch sie schützt nicht vor Krankheit und Gewalt. Aber der Austausch mit Menschen ist der einzige Weg, sich im Mensch-Sein zu verbinden und damit nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander zu leben.

Und in einer Krise gestützt zu sein. Und genau hier gibt die deutsche Politik derzeit ein ziemlich gutes Beispiel ab. Sie ist weniger um ihre jeweilige Legislaturperiode besorgt, als vielmehr um Konsens bemüht. Das gibt Hoffnung. Denn wirkliche Kommunikation fängt da an, wo ich bereit bin, meine eigene Wahrheit zumindest temporär völlig aufzugeben und dem ANDEREN zuzuhören und – ohne das Gesicht zu verlieren – zuzugeben, dass sich die eigene Meinung verändert hat. Einige Politiker:innen machen uns das gerade vor.

Ängste als Schlüssel

Aber woher kommt diese Spannung beim Einzelnen, diese Wut bei den Demonstrationen, diese verbale Gewalt in Social Media Kanälen – von welcher Seite auch immer. Warum machen mir die Ansichten der Anderen Angst? Ganz einfach: Weil ich sie nicht kenne! Und dieses NICHT-ERKENNEN des anderen, das Unverständnis des fremden Wollens macht mich unsicher.

Ängste als Schlüssel: Angst hat eine wichtige Funktion. Sie ist ein Signal, das uns auf Gefahren aufmerksam macht. Wir reagieren auf unsere eigene Angst? Mit Fluchgedanken. Wir wollen sie lieber nicht sehen, benennen und schon gleich gar nicht als Muster verifizieren. Dabei liegt in der eigenen Angst der Schlüssel. Wenn wir sie verstehen, wissen woher sie kommt und uns nicht dagegen wehren, sondern vielmehr wohlwollend anerkennen, dass sie nun einmal da ist – dann können wir sie letztlich überwinden und auch den anderen, das Gegenüber mit dessen individueller Angst sehen und begreifen.

Wir haben als Kind schon ganz unterschiedliche Ängste gehabt. Vor Hunden oder vor Spinnen, vor bestimmten Menschen oder hohen Bäumen, vor Geistern oder dem nächsten Unglück. Und wie sind wir als Kinder damit umgegangen, mit diesen Sorgen – oder besser: Wie wurde damals mit uns umgegangen? Wurden wir vor unseren Ängsten geschützt, wurde uns alles wortreich erklärt, mussten wir uns unseren Ängsten stellen oder durften wir langsam an ihnen wachsen? Wenn wir uns uns selbst als Kind vorstellen, wie würden wir uns jetzt sehen? Haben wir uns und unsere Ängste schon verstanden? Wissen wir, woher sie kamen und was wir damals mit ihnen gemacht haben? Oder haben wir uns eine Maske angeeignet, die uns vor uns selbst schützt. Wie kommen wir nun wieder in den Kontakt? Vor allem mit uns selbst?

Von Social Distancing zu neuem Kontakt

Physical Dstancing ist gerade an der Tagesordnung. Social Distanicing hieß es zunächst, aber so zeigt es sich nicht. Wenn wir innerhalb von Familien merken, dass wir ganz unterschiedlich mit Angst umgehen, dann birgt das viel Konfliktmaterial. Wenn wir auf engem Raum miteinander leben, sind wir den Ängsten des Anderen ausgesetzt, lassen uns anstecken, müssen uns aktiv abgrenzen, finden den Boden nicht, auf dem wir angstfrei miteinander sprechen.

Wir sind gefordert, uns täglich neu zu fragen: Was ist unsere Situation jetzt? Wie wollen wir uns heute verhalten, was ist unser Bedürfnis in diesem Moment. Die Krise birgt damit die Chance, näher an uns selbst heranzurücken, uns mit unseren Sorgen vertraut zu machen, unsere Muster zu erkennen und damit zu mehr Selbst-Verständnis im Umgang mit Krankheiten zu kommen. Und das ist genau das Ziel meiner Arbeit als Heilpraktikerin.

Oft werde ich gefragt: Und was mache ich nun mit meiner Erkenntnis über mich? Werde ich durch die Arbeit an mir selbst nicht immer empfindlicher, sensibler, verletzbarer und ungeschützter? Und ich antworte: Ja und Nein. Ja, du wirst sensibler, weil du sensibel bist, weil du verletzlich bist. Und wenn du das weißt, kannst du dich besser schützen. Wenn du dich selbst erkennst, dann weißt du, was dir gut tut und kannst dem Gegenüber auch genau das lassen, was ihm gut tut. Der Weg nach Innen ist der Weg zu mehr Verständnis für sich selbst und damit zu einem gesünderen, lebendigeren Alltag.

Also fordere ich euch auf: Erkennt eure Bedürfnisse, sprecht über eure Ängste als Schlüssel, macht sie euch und eurem Gegenüber klar, so dass er sie versteht, nehmen und vielleicht verwandeln kann. Voraussetzung dafür ist, dass sich euer Gegenüber auch so zeigen kann, wie ihr euch selbst gezeigt habt. Verwundbar, unsicher, auf neuem Terrain: Einfach nur Mensch. Dann hätten wir aus der Krise etwas gelernt. Ängste als Schlüssel: Dann wäre aus SOCIAL DISTANCING ein NEUER KONTAKT zu uns selbst und damit auch den anderen entstanden. Indem wir uns selbst besser erkennen, verstehen wir auch die Ängste die anderen. Das ist Ziel der inneren Arbeit und Kommunikation mit uns selbst. Und nur so ist auch im Äußeren ein gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich.

Über den Autor

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arbeitete lange Jahre als PR-Beraterin in der Agentur-Welt. Als Expertin für Kommunikation entwickelte sie Kampagnen mit Etat-Verantwortung für Unternehmen, politische Verbände, Vereine, Stiftungen und Privatpersonen. Heute ist sie Heilpraktikerin, Supervisorin und Coach. Sie ist überzeugt von der wichtigen Arbeit an der äußeren und inneren Gesundheit und therapiert Menschen mit Hilfe der Homöopathie, Leibarbeit und systemischen Sturkturaufstellungen.

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2 Responses

  1. Raimar Ocken
    Nicht der Virus ist das Problem, sondern unser Umgang damit

    Ein Virus hat keine Fortpflanzung (Sexualität) und kein Stoffwechsel, also lebt er nicht. Er hat keine Absichten, keine Bedürfnisse, keine Boshaftigkeit … und verändert auch nicht die Welt. Er wird von Menschen benutzt, um die Welt zu verändern.
    Angst ist ein schlechter Ratgeber. Er reduziert Lebewesen auf: Flucht, Kampf oder Totstellen. Da entstehen auch keine sonderlich guten Ideen und Erkenntnisse.

    Antworten
  2. Silvia
    Und an welches Angstmuster hält die Autorin noch fest?

    Liebe Frau Friz,
    toller Artikel, bis zum Absatz: „Und in einer Krise gestützt zu sein. Und genau hier gibt die deutsche Politik derzeit ein ziemlich gutes Beispiel ab. Sie ist weniger um ihre jeweilige Legislaturperiode besorgt, als vielmehr um Konsens bemüht. Das gibt Hoffnung. Denn wirkliche Kommunikation fängt da an, wo ich bereit bin, meine eigene Wahrheit zumindest temporär völlig aufzugeben und dem ANDEREN zuzuhören und – ohne das Gesicht zu verlieren – zuzugeben, dass sich die eigene Meinung verändert hat. Einige Politiker:innen machen uns das gerade vor.“
    Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr.
    Vielleicht sollte Sie auch da mal ihre eigene Angst anschauen, warum sie hier so etwas schreiben.
    Es gibt im Mainstream nur eine Wahrheit und alles andere ist sofort Verschwörung. Unsere lieben Politiker laufen alle gemeinsam in eine einzige Richtung. Konsens, wo denn bitte schön?
    Haben Sie Kinder? Wissen Sie eigentlich was sich da tagtäglich in den Schulen abspielt?
    Es ist das eine am Schreibtisch zu sitzen und schöne, bedeutungsvolle Worte zu schwingen und dann in einen echten Schritt in die Realität zu machen.
    Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber vermutlich ist bei Ihnen und aus ihrer Sicht eben die Richtung, die die Politik gerade einschlägt die richtige und aus der Position heraus, ergeben Ihre Worte auch für Sie und die restlichen Schlafschafe der Republik Sinn.
    Welches Muster wiederholt sich denn bei Ihnen gerade, fragen Sie sich das auch? Oder wird überhaupt hinterfragt? Klingt leider überhaupt nicht so, eher nach: die Marschrichtung ist bekannt und innerhalb dessen tue ich so, als ob ich hinterfrage….
    Viele denken das sie nicht auf der Seite der Angst sind, aber auf der Seite der Liebe sind sie auch nicht. Das ist Pseudoliebe. Aus Liebe zu euch Bürger sind diese ganzen Maßnahmen eben nötig, aus reiner purer Liebe.
    Völlig klar.
    Nein, tut mir wirklich leid, aber der Satz hat den schönen Artikel gesprengt und leider für mich den ganzen Inhalt zur Frage gestellt. Authentisch und wahrhaftig ist was anderes.

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