Für fast alle Menschen stellt die Corona-Zeit eine enorme Herausforderung dar, denn viele Dinge, die vorher normal waren, sind jetzt einem Ausnahmezustand gewichen. Ganz besonders trifft das psychisch angeschlagene und traumatisierte Menschen, für die schon kleinere Veränderungen in ihrem Leben gleichbedeutend sind mit dem Wegschlagen von Krücken, mit denen sie sich bisher durchs Leben gehangelt haben. Die Traumatherapeutin Lena Grabowski berichtet von den Schwierigkeiten, aber auch von den enormen Chancen, die in dieser bewegten Zeit liegen – wenn wir bereit sind, uns unseren Ängsten und allen anderen Gefühlen in der Traumatherapie achtsam zuzuwenden, die uns jetzt noch häufiger als sonst besuchen kommen.

Bei traumatisierten Menschen haben wir es mit starken Überlebenskünstlern, doch zugleich auch mit sehr zarten Nervenkostümen zu tun, die mit diversen Symptomen zu kämpfen haben: Ängste, Hypervigilanz (gesteigerte Wachsamkeit, erhöhte Schreckhaftigkeit), Schlafstörungen, dissoziative Störungen (Abspaltung traumatischer Inhalte aus dem Alltagsbewusstsein), psychosomatische Beschwerden, Flashbacks (unwillkürliches Wiedererleben eines vergangenen Erlebnisses oder früherer Gefühlszustände), Albträume, Gefühlstaubheit, Gleichgültigkeit, Autoimmunerkrankungen und depressive Verstimmungen – um nur einige zu nennen –, die die Lebensqualität stark einschränken. Diese Menschen sind von der Corona-Krise besonders betroffen und benötigen eine besondere Zuwendung und Unterstützung.

Beispielsweise begleite ich in der Traumatherapie einen Klienten, der seit seiner Jugend aufgrund langjähriger frühkindlicher Gewalterfahrungen unter dissoziativen Störungen, Hypervigilanz und Ängsten leidet und sich seit längerer Zeit in psychiatrischer Behandlung befindet. Seine hauptsächliche Stärkung und Stabilisierung fand er bislang im Musizieren in einer kleinen Band, im Wandern in einer vertrauten Gruppe und in seiner 16-Stunden-Arbeitswoche. All dies trug ihn bis dato und sorgte zuweilen für etwas Sicherheit, verlieh ihm ein Gefühl der Teilnahme am Leben in überschaubaren, vertrauensvollen Zusammenhängen. Im Laufe des Jahres 2020 sind seine stabilisierenden Faktoren Schritt für Schritt weggebrochen. Seither leidet er wieder vermehrt und sogar an noch stärkerem Angsterleben als sonst, berichtet von Schlafstörungen und von überwältigenden Einsamkeitsgefühlen. Wie manchmal eben alles zusammenkommt, verstarb zudem vor einigen Wochen ein Verwandter, dessen Beerdigung er unter erschwerten Coronabedingungen mühsam und doch liebevoll organisierte.

Mit seinen nahezu letzten Kräften stellte er sich seinem eigenen Trauerprozess und stemmte eine irrsinnige Beerdigungsprozedur, während sich seine Symptome dem steigenden Stresslevel entsprechend verstärkten. Das alles war eine unfassbare Herausforderung für ihn.

„Büchse der Pandora“ geöffnet

Seine Überlebensstrategien, die ihm sonst die nötige Kraft verliehen, durchzuhalten und alles „durchzuziehen“, mündeten in einer tiefen Trauer und Erschöpfung. Sein Nervenkostüm wirkte zart und verletzlich. Seine Tränen sprudelten oft unaufhaltsam, sowohl in der Traumatherapie als auch zu Hause. Er fühlte sich von den Ereignissen überrollt, Gefühle von Verzweiflung und Ohnmacht drängten sich in sein Alltagsbewusstsein. So manches Mal wusste er weder ein noch aus. Neben einem Gefühl massiver Überwältigung ergriffen ihn immer wieder tiefe Einsamkeitsgefühle. Diese hatte er lange nicht empfunden. Als habe sich plötzlich eine „Büchse der Pandora“ geöffnet, wie er mir seinen Zustand beschrieb. „Aber lieber trauere ich, als ständig Angst zu haben oder gar nichts zu fühlen“, sagte er mir in einer Sitzung. Er wollte sich diesen Gefühlen tapfer stellen.

Ich erklärte ihm, dass wir in der Traumatherapie behutsam vorgehen würden, um eine Retraumatisierung zu umgehen, stabilisierten seinen Zustand – neben der psychiatrischen Behandlung – mit traumasensiblen Ansätzen. Und entwickelten gemeinsam einen neuen, für ihn realisierbaren Ressourcenplan. Statt des Musizierens, das ihm immer viel Kraft gab, begann er in Momenten ihn überrollender Einsamkeitsgefühle den gegenwärtigen Moment zeichnerisch zu skizzieren. Er setzte sich dann an seinen Lieblingsplatz in der Wohnung oder auch an einen Platz in seinem Lieblingspark und zeichnete dann alles um sich herum, das er mit seinem Sehsinn erfassen konnte. Diese Übung half ihm, sich innerlich zu konzentrieren und einen sanften Kontakt zu sich selbst und zum Augenblick zu bewahren.

Die Inhalte seiner Erinnerungen – zum Teil waren das überwältigende Momente aus seiner Kindheit – verarbeitete er in cartoonartigen Zeichnungen. Er erfand eine Heldenfigur in einer Fantasiewelt und ließ diese Erfahrungen sammeln, die seinen nicht unähnlich waren und die der Held immer wieder auf kreative Weise meisterte. Im Verlauf der Therapie konnten wir einen emotionalen Bezug zu seinem Leben und dem Erleben der Figur herstellen, was ihn tatsächlich bereicherte. Der kreative Ausdruck half ihm nicht nur in Momenten überwältigender Gefühle oder nächtlicher Schlaflosigkeit, sondern stärkte allmählich seinen Allgemeinzustand. Er fand ein Forum im Internet, in dem er sich mit anderen gleichgesinnten Zeichnern austauschen konnte, und knüpfte, wenn auch virtuell, neue Kontakte.

Auf diese Weise hauchte er seinem Leben ein wenig neuen Wind ein. Der Sprung ins kalte und tiefe Wasser (in die tieferen Schichten des fühlenden Bewusstseins) kann sicherlich erst nach einer Stabilisierung und dem Selbstsicherheit gebenden Erlangen neuer Bewältigungsstrategien erfolgen. Die Coronakrise zwang diesen Menschen auf eine sehr heftige Weise in die Knie und forderte ihn auf, alte Bewältigungsstrategien von heute auf morgen aufzugeben und – ohne dass er darum gebeten hatte – sich nun allerhand Themen in seinem Inneren und einer Traumatherapie zu stellen.

Wenn das Leben den Finger in die Wunde legt

Vor einiger Zeit meldete sich eine Frau aufgrund heftiger Angst- und Panikattacken, die mitten in der Coronakrise erstmals und dann regelmäßig auftraten. Nach einigen stabilisierenden Sitzungen verkündete sie:„Ich will nicht, dass mich eine erstickende Angst aus dem Nichts überfällt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Wissen Sie, wie schrecklich das ist, wenn der eigene Körper macht, was er will, und man keinen Einfluss auf das Geschehen hat? Wenn man die Kontrolle über das eigene Leben verliert? Ich will das nicht fühlen. Das ist fast so, als würde man sterben.“ Das war die Geburtsstunde für einen bewussten und konstruktiven Umgang mit einer uralten existenziellen Angst, bei der es um das Thema „Leben und Sterben“ ging. Während der Traumatherapie erinnerte sie sich urplötzlich daran, dass sie in ihrer Kindheit über einen sehr langen Zeitraum mit dem Thema „Krankheit und Sterben“ konfrontiert war. Ein nahestehendes Familienmitglied litt an einer Autoimmunerkrankung mit recht ungünstiger Prognose und kämpfte in vielen Krankenhausaufenthalten um das eigene Leben. Diese Person hatte viele Jahre später zwar ihre Krankheit überwunden und lebt auch heute noch.

Doch das jahrelange kindliche Erleben von Ohnmacht, Kontrollverlust und heftigen Verlustängsten hatte sich damals in der kindlichen Seele meiner Klientin tief eingegraben. Sie war – wie so viele andere Kinder auch – damals zu jung, um das Erleben rational zu erfassen und um eine angemessene Unterstützung zu bitten. Stattdessen musste sie jahrelang hilflos zusehen und eine überfordernde Situation aushalten, ohne irgendetwas dabei steuern zu können – alleingelassen mit ihren kindlichen Verlustängsten, einer erschütternden Angst vor dem Tod und dem Gefühl, keine Kontrolle über das Leben zu haben. Mitten in der Coronakrise – in Zeiten von Isolation, hitzigen Diskussionen, wirtschaftlichen Unsicherheiten und letztlich auch ausgelöst durch die Trennung von einem langjährigen Partner – brachen dann unter den Ängsten und Panikzuständen all jene schmerzlichen Erinnerungen hervor. Sämtliche kindlichen Gefühle drängten an die Oberfläche. Mit viel Feingefühl und Geduld konnten wir während der Traumatherapie aus den unzähligen Verwundungen schrittweise einen tiefen Schatz heben, der sich nun in Form von Mitgefühl für sie selbst und zuweilen auch in einem tieferen Vertrauen in das eigene Leben zeigt.

Mitgefühl und Verständnis für traumatisierte Menschen entwickeln

Mir ist bewusst, dass nicht alle Menschen bei den politischen Entscheidungen in dieser Krisenzeit die ihnen notwendige Aufmerksamkeit erhalten. Darum ist es mir ein persönliches Anliegen, innerhalb der Gesellschaft ein Bewusstsein für unsere Mitmenschen zu schaffen, das von Mitgefühl und Verständnis geprägt ist. Mit diesem Artikel möchte ich auch einen Einblick in das Erleben von Menschen mit Traumabiografien ermöglichen – vielleicht ist ja auch einer deiner Nachbarn, ein Familienmitglied oder ein guter Freund von dir davon betroffen. Wenn du einen Menschen mit einem traumatischen Hintergrund in deinem näheren Umfeld hast, begegne ihm mit Mitgefühl, möglicherweise einem freundlichen, einfachen Hilfsangebot oder auch nur mit einem Lächeln. Und wenn du selbst betroffen bist, such dir eine Traumatherapie und nimm Hilfe an. Dafür habe ich neben einem Kasten mit Tipps für mögliche akute Interventionen eine Liste von empfehlenswerten und kompetenten Krisen- und Beratungszentren und traumatherapeutisch arbeitenden Kollegen zusammengestellt sowie von Meldestellen, falls akut ein Verdacht auf Gewalt an Kindern und Jugendlichen oder auch erwachsenen Menschen besteht oder dies mit Sicherheit bereits beobachtet wurde. Denn auch die häusliche Gewalt hat während der Coronakrise leider zugenommen…

Was ist ein Trauma?

Das Wort Trauma entspringt dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt „Verwundung, Verletzung“ oder auch „Niederlage“. Und ganz ähnlich empfinden es auch viele „Überlebenskünstler“, die eine solche Verwundung erfahren haben. Sie fühlen sich in ihrer Würde verletzt, zutiefst entwertet und glauben, im Leben nichts Gutes verdient zu haben. Ein Trauma besteht aus einer Schockphase, einer Einwirkungsphase und einer Erholungsphase. Findet eine natürliche Erholung/Regeneration vom traumatisierenden Ereignis nicht statt, reden wir von Verwundung und deren Folgesymptomen. Ein Trauma kann ein einmaliges Ereignis sein wie beispielsweise ein Autounfall oder der Verlust eines nahestehenden Menschen. Oder sich als Entwicklungstrauma ereignen. Hier finden Traumatisierungen während der Entwicklung eines jungen Menschen statt und wiederholen sich erfahrungsgemäß (regelmäßige Gewalteinwirkung in jeglicher Form, Vernachlässigung, chronisch psychisch kranke Bezugspersonen etc.). Traumatische Erfahrungen können im familiären und sozialen Umfeld oder im institutionellen Bereich stattfinden.

Was tun, wenn es mir schlecht geht?

• Ressourcenpläne entwickeln: Was tut mir wirklich gut im Alltag? Eine Liste darüber anlegen, gegebenenfalls mit Unterstützung durch Freunde oder Verwandte. Möglichst viel davon umsetzen, was im Rahmen der Krise möglich ist.
• Freunden bzw. nahestehenden vertrauenswürdigen Personen evtl. von den eigenen Gefühlen erzählen und bitten, dass sie in akuten überwältigenden Situationen erreichbar sind (möglicherweise auch mal in der Nacht).
• Wer tut mir gut? Eine Übersicht schaffen: vorrangig mit den Menschen in Kontakt sein, die das eigene Leben stärken und eine aufrichtige Unterstützung sind.
• Kontakt zu dem und denen vorerst einschränken, die dem eigenen Leben aktuell nicht guttun/nicht dienen (soweit möglich).
• Ist das soziale Netz sehr gering ausgestattet, trauma- und krisenerfahrene Beratungszentren und Hilfen aktivieren bzw annehmen.
• Persönliche Genesungsbegleiter*innen „beantragen“ (über das OHG – das Opfer-Hilfe-Gesetz – und andere Fondsmittel)
• Bei gutem Kontakt zu Nachbarn im Haus / innerhalb des Kiezes: offenkundig und ehrlich um Unterstützung bitten, ohne viele biografische Details zu offenbaren (das kann sich auch ganz banal im Kartenspielen, Spazierengehen oder gemeinsamen Schauen eines Filmes ausdrücken).
• Bei guter Familienanbindung (auch wenn die Familienmitglieder weiter weg leben): regelmäßigen Kontakt suchen, eigene Bedürfnisse formulieren (was brauche ich derzeit, was tut mir gut) und um wohlwollenden Austausch bitten.
• Regenerative, rhythmische Atemübungen, die helfen, den Kontakt zu sich selbst und zum gegenwärtigen Augenblick zu stärken.
• In traumakompetenten Beratungsgesprächen Voranzeichen von dissoziativen Vorgängen analysieren lernen und mit neuropsychologischen Übungen präventiv oder akut darauf einwirken.
• Regenerative Sinnesstimulationen, die helfen, Spannungen im Nervensystem abzubauen, und auf eine sehr einfache Weise dazu dienen, den Kontakt zum Körper und zum Moment zu ermöglichen (Beispiel: Konzentrationsübungen in der Natur: Wie viele Vogelarten kann ich in diesem Moment hören? Wie riecht Erde? Wie fühlt sich kalte Luft auf meiner Haut an?).
• Zeit in der Natur verbringen.
• Kompetente Unterstützung suchen: Trauma- und Krisenzentren, Traumatherapeuten, Achstamkeitsbasierte Therapien, Humanistische Psychotherapieverfahren und all jene, die dich als Menschen und echten Überlebenskünstler sehen und würdevoll auf deinem Lebensweg begleiten!

Anlaufstellen für Traumatherapie in Krisensituationen

Beratungs- und Informationszentren:
www.gptg.eu
www.emdria.de/emdr/was-ist-emdr
www.beratungsstelle-gegenwind.de
www.traumanetz.signal-intervention.de/
www.lara-berlin.de/willkommen

Beratungszentrum für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen:
www.kind-im-zentrum.beranet.info/

Meldestellen bei Gewalt an Kindern und Frauen (Fremd- und Selbstmelder):
www.berliner-notdienst-kinderschutz.de/kinder.html
www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfsangebote.html

Berliner Kollegen:
Simon Matthias, Tel.: 0157-537 316 18
Marc Backs, Tel.: 0176-444 462 80
Wilfried Petersen, Tel.: 030-787 48 19

 

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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