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In der gängigen Psychotherapie spielen Gefühle eine große Rolle. Die Wahr-Nehmung unserer Gefühle und die Möglichkeit ihres sicheren Ausdrucks innerhalb des stabilen Rahmens einer Therapie steht im zentralen Mittelpunkt der meisten Therapieformen, die wir kennen. Gemeint sind hier jedoch vor allem Gefühle wie Wut, Trauer, Freude, Angst oder Liebe. Es gibt jedoch ein Gefühl, das bisher viel zu wenig Beachtung findet: die Scham, denn Trauma und Scham hängen oft zusammen.

Von Christine Seidel

Das Wort „Scham“ bedeutet von seinen sprachlichen Wurzeln her „zudecken, verschleiern, verbergen“. Das sagt schon viel über die Scham aus. Ein Mensch schämt sich und möchte etwas von sich verbergen. Die Scham ist ein soziales Gefühl. Sie tritt immer im Kontext zu anderen Menschen auf. Das heißt, ich schäme mich, weil ich etwas von mir gezeigt habe, was ich nicht zeigen wollte. So werde ich vielleicht während eines Vorstellungsgesprächs, in dem ich souverän wirken wollte, rot und zeige mich verlegen. Das kann wiederum dazu führen, dass ich mich über mein Verhalten ärgere und mir dieses gerne anders gewünscht hätte. Solange ich mich trotz des Rotwerdens als Mensch mag und gut finde und mich nicht selbst verurteile, sondern mich nur für das Rotwerden (Verhalten) schäme, ist im Grunde alles in Ordnung. Schwierig wird es, wenn besagtes Beispiel dazu führt, dass ich mich als Person schlecht und falsch fühle, also mich als Ganzes. Oder wenn ich aufgrund des einmaligen Rotwerdens beschließe, entsprechende Situationen künftig zu meiden, in denen ich mich schämen könnte. Dann sprechen wir von krankhafter Scham.

Trauma und Scham

Wir unterscheiden also zwischen gesunder und krankhafter Scham. Die Herausbildung gesunder Scham kann als Sozialisierungsversuch angesehen werden, um ein bestimmtes Sozialverhalten beim Kind auszubilden, damit das Kind lernt, sich und andere vor Schaden zu bewahren. Dieses Lernen beginnt zirka im zweiten Lebensjahr des Kindes. Nehmen wir an, das Kind möchte an die heiße Herdplatte greifen und würde sich damit Schaden zufügen. Dann würde die Mutter, wenn sie das sieht, sehr schnell handeln, das Kind wegnehmen und schimpfen bzw. ihm sehr eindringlich klar machen, dass es sich wehtun könnte und dass es auf keinen Fall an die heiße Herdplatte greifen darf.

Das kleine Kind würde sich erschrecken und vor Angst ganz starr werden. Es weiß nun, dass es das unter keinen Umständen tun darf. Wenn die Mutter nach dem Vorfall wieder liebevoll zum Kind ist, es in den Arm nimmt, ihm sagt, dass sie es lieb hat, kommt das Kind aus seiner Erstarrung heraus, es fühlt sich wieder lebendig und geliebt. Es entsteht eine gesunde Scham. Das Kind lernt dabei, dass sein Verhalten (Herdplatte anfassen) nicht richtig ist und es dies zukünftig lassen soll. Da die Mutter sehr heftig reagiert hat, wird das Kind sich das einprägen und entsprechendes gefährliches Verhalten unterlassen.

Durch das liebevolle Interagieren der Mutter mit dem Kind nach dem Vorfall lernt das Kind zu differenzieren: „Ich bin okay, meine Mama hat mich lieb, ich soll nur nicht an die heiße Platte fassen.“ Das heißt, das Kind fühlt sich in seinem Kern bestätigt und geliebt. Beschimpft die Mutter das Kind nach der Situation mit der Herdplatte jedoch weiter, zum Beispiel mit den Worten: „Nie kann man dich mal eine Minute alleine lassen, immer machst du sofort Unsinn. Du bist ein böses und ungezogenes Kind“, dann entsteht bei dem Kind das Gefühl, es sei selbst nicht richtig. Erfährt das Kind öfters solche Situationen, in denen es derart in Frage gestellt wird, dann entsteht eine krankhafte Scham.

Das heißt: Bei gesunder Scham geht es immer um ein Verhalten, was als falsch bewertet wird, der Mensch als solches ist völlig in Ordnung. Bei krankhafter Scham fühlt sich der ganze Mensch falsch – ja, vielleicht sogar vernichtet. Unsere Art von Scham wird durch die Menschen geformt, die uns am nächsten sind – vor allem durch die Eltern.

Gesunde Scham als Grenzwächter unseres inneren Raumes

Eine natürliche, gesunde Scham möchte immer den inneren Raum, den sehr intimen Körperraum des Menschen, schützen, also alles, was wir innerhalb unseres Körpers empfinden. Dazu gehören auch die eigenen Gefühle. Wir wollen selbst bestimmen, wer Zugang zu diesem Raum hat. Tritt die gesunde Scham auf, dann wissen wir, dass jemand aus der Öffentlichkeit uns zu nahe gekommen ist, ohne dass wir das wollten. Die Scham kann dann ein Warnsignal sein und entsprechende Schutzmaßnahmen einleiten. Beispiel: Jedes Kind sollte von seinen Eltern lernen, dass es selbst bestimmen kann, wer es umarmt oder küsst und ob es das möchte, also Zugang zu seinem inneren Raum/Körperraum hat. Es weiß dann sehr genau, wenn die eklige Tante es anfasst, dass es das nicht zulassen muss. So errötet es vielleicht, schämt sich und versteckt sich hinter seinen Eltern. Die Scham tritt hier also als gesunder Grenzwächter auf.

Gesunde Scham versus krankhafte Scham

Tritt Scham nicht nur kurzzeitig und als Grenzschutz unseres Körperraumes auf, sondern immer wieder und über eine lange Zeit, unvermittelt und bei allen möglichen Kontakten mit anderen Menschen, dann sprechen wir von krankhafter Scham. Es ist zu vermuten, dass die eigenen Grenzen dieses Menschen massiv und immer wieder verletzt wurden und dieser Mensch vielleicht sogar heftigen Beschämungen durch andere ausgesetzt war. Beispiele für krankhafte Scham:

• Ein Mädchen wird von den Klassenkameraden immer wieder als fett beschimpft. Ihr Körperraum, ihre Empfindungen und Gefühle wurden über Jahre verletzt. Später, als erwachsene, junge und hübsche Frau geht sie nicht gerne ins Schwimmbad. Wenn sie jemand anschaut, wird sie rot und schämt sich. Die Blicke erinnern sie zu sehr an ihre Schulzeit, sie hält sie nicht aus. Sie fühlt sich heute noch beschämt und fängt an, das Schwimmbad zu meiden.

• Ein Junge wird von seiner Mutter sexuell missbraucht, seine Körpergrenzen, sein innerer Raum sind damit massiv verletzt. Er nimmt seinen gesamten Mut zusammen, geht zu seinem Lieblingslehrer und offenbart sich. Dieser schaut ihn ungläubig an, der Lehrer kennt die Mutter als intelligente und zuvorkommende Frau. Er kann sich solches nicht vorstellen, es würde seine Wahrnehmung und sein Weltbild vollkommen in Frage stellen, also bezichtigt er den Jungen der Lüge, wird ärgerlich, schickt ihn fort und wirft noch hinterher, dass er solchen Unsinn nie wieder von ihm hören möchte.

Die Folge ist eine dauerhafte, geradezu immerwährende Scham des Jungen, auch als er schon erwachsen ist. Denn die Erfahrung des Jungen ist: „Ich habe mich gezeigt, mich offenbart, über etwas berichtet (den Missbrauch durch die Mutter), über was ich mich sowieso schon total schäme (Verletzung Körperraum) und was ich nicht abwenden konnte – und bin damit heftig abgewiesen und als falsch verurteilt worden.“ Seine Schlussfolgerung daraus: „Mit mir stimmt etwas nicht“ (wiederum Scham), „Mein Lehrer glaubt mir nicht“ (ebenfalls Scham).

Das heißt, es kommt zu einer Verkettung verschiedener Schamerfahrungen, die gar nicht mehr auseinanderzuhalten oder mit dem Verstand zu durchdringen sind. Die Konsequenzen, wenn der Junge erwachsen ist, können diverse sein. Vor allem ist da die scheinbare Grunderfahrung, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmt. Nähert sich ihm später ein Mensch, zeigt ihm Liebe und bewirkt auch bei ihm eine Öffnung, dann wird das schnell unerträglich für ihn, denn durch die Öffnung des inneren Raumes stößt er gleichzeitig auch die Tür zu den gesamten alten Schamerfahrungen wieder auf. Die Folge: Der inzwischen junge Mann kann nur noch flüchten und bricht die Beziehung ab.

Scham in der Traumatherapie

Trauma und Scham hängen oft zusammen. Scham ist für viele Trauma-Arten ganz typisch und setzt die oft bei einer Traumatisierung empfundene Hilflosigkeit fort. Der Betroffene verurteilt sich und seine Reaktion auf die traumatischen Ereignisse, obwohl diese außerhalb seiner persönlichen Kontrolle lagen. In der Traumatherapie taucht Scham regelmäßig vor allem bei einem Thema auf: sexueller Missbrauch. Es ist immer der Fall, dass sich der Mensch, dem ein solcher Übergriff passiert ist, schämt – eben weil sein Körperraum und seine Grenzen massiv verletzt wurden und/oder weil er sich benutzt und wertlos fühlt.

Leider bleibt es nicht bei einer gesunden Scham, sondern meistens ist es so, dass das Opfer sich schämt, dass ihm „sowas“ überhaupt passieren konnte, es nicht besser achtgegeben hat, es hätte doch die Zeichen sehen und wissen müssen, was daraus entstehen würde. Damit geht die betroffene Person von ihrer Wut und einer gesunden Abgrenzung gegen den Täter weg und beschuldigt sich selber. Wut und Aggressionen werden dann gegen sich selbst gerichtet. Die Folge ist eine massive Scham über sich selbst.

Besonders schlimm ist es, wenn Kinder zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden. Denn hier benutzt der Täter Scham als Macht- und Kontrollinstrument gegen das Kind. So wird dem Kind oft die Schuld am Missbrauch zugewiesen: „Ja, wenn du dich immer ankuschelst an mich, dann kann ich nicht anders…, ja, wenn du dich so anziehst…“. Dem Kind wird also klar suggeriert, dass es selbst dran schuld sei, dass der Täter sich an ihm vergreift. Das Kind schämt sich und fühlt sich schuldig, es begreift für sich, dass mit ihm etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung ist, dass es selbst daran schuld sei, dass ihm der Übergriff passiert. Damit hat der Täter es in der Hand. Eine andere Form des bewussten Einsetzens von Scham ist ebenfalls eine massive Realitätsverdrehung beim Kind durch den Täter. Dieser droht, wenn das Kind sich wehrt oder Hilfe holen möchte, damit, das Geschehene einer nahestehenden Person wie der Mutter zu erzählen, die dem Kind danach sowieso nicht mehr glauben würde. Auch hier wird mit Scham als Macht- und Kontrollinstrument gearbeitet.

Steckenbleiben im Schuldigsein

In der Folge bleibt das Kind in seiner Scham, seinem Schuldigsein, in seiner Macht- und Hilflosigkeit, in seinem scheinbaren Falschsein stecken. Ein Wehren, ein Hilfeholen ist ihm nicht mehr möglich. Wenn dieses Kind erwachsen ist, wird es weiterhin das Gefühl haben, mit ihm wäre ganz grundsätzlich etwas nicht in Ordnung. Die Sätze des Täters, die Aggression, die Beschimpfungen sind nun selbst in ihm als sogenannte „Täterintrojekte“ abgespeichert. Das heißt, das Opfer hat das Verhalten, das Glaubenssystem des Täters übernommen und begreift es als sein eigenes. Täterintrojekte sind nicht ohne Weiteres zu identifizieren, sie wirken im Verborgenen und zerstören den Betroffenen von innen heraus.

Wesentlich für die Heilung ist es hier, die entsprechenden Täterintrojekte zu finden und zu identifizieren, also die Persönlichkeitsanteile, die sich mit den Täterintrojekten identifizieren und – wie bereits der Täter – gegen den ganzen Menschen handeln. Das Opfer muss begreifen, dass das aggressive Verhalten/ Denken/Empfinden nicht sein eigenes ist, sondern zum Täter gehört. Damit kann es abgekoppelt und dem Täter zurückgegeben werden. Allein das verändert schon sehr viel.

Begreift die betroffene Person in der Traumatherapie ihre Überwältigung und die damit verbundene Hilflosigkeit, dann entsteht ein erstes Verständnis davon, dass sie in der damaligen Situation gar nicht anders handeln konnte – eben weil eine Traumatisierung immer zu schnell und zu viel ist. Sie begreift, dass es keinen Grund zum Schämen gibt, und wird ermutigt, die unter der Scham liegenden Impulse, wie Aggressionen und Verteidigungsreaktionen, zu vollenden. Sie erlebt nun ein „Ich kann“, statt eines „Ich kann nicht“. Sie erlebt ihre eigene angeborene, lebendige Kraft.


Achtung: Neue Gruppe: „Psychoedukation bei Traumafolgestörungen“, vierzehntägig, ab dem 4.4.2017, 18-19.30, 35 € pro Abend

Eine Antwort

  1. Karin Karina Gerlach
    Das menschliche Ur-Trauma

    Das menschliche Ur-Trauma ist die unbewusst angenommene Körperidentität. Es ist eine logische Folge der in der Kindheit schmerzlich angenommen (ur-teilenden) Gedanken. Sie suggerieren uns eine Trennung, die in Wahrheit nicht existiert. Am ur-sächlich schmerzlichen Trennungsgedanken „Ich“ klebt automatisch Schuld und Scham. Hier wird gedanklich auch zwischen Opfer und Täter getrennt. Ohne eine selbst bewusst durchgeführte Gedanken-Überprüfung gibt es keine Lösung vom Ur-Schmerz, also auch nicht von der Scham. Durch die heilige/heilsame Anerkennung der Spiegelung löst sich die angenommene schmerzlich empfundene Trennung und damit Schuld-Zuweisung und Scham. Das ist gleichermassen Erwachen aus dem Ur-Traum-a „Ich“, was Ankommen in der Wirklichkeit des Seins bedeutet, das Liebe ist.

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