Wie sich ein Entwicklungstrauma auf unseren Lebensweg auswirken kann und welche Heilungschancen offenstehen, erzählt uns Christine Hartmann anhand ihrer psychotherapeutischen Arbeitserfahrungen.

von Dipl. Psychologin Christine Hartmann

Als ich in meinen frühen Jahren als Psychologin TraumatherapeutInnen begegnet bin, dachte ich immer: „die sehen überall nur Trauma…alle Menschen scheinen traumatisiert zu sein…das kann gar nicht sein“. Inzwischen kann ich diese Haltung nachvollziehen. Denn in meiner Praxis begegnen mir auffällig häufig Menschen, die unter den Folgen von Traumatisierungen leiden. Allerdings fasse ich den Begriff Trauma etwas weiter. Bessel A. van der Kolk führte im Jahr 2009 den Begriff Entwicklungtrauma ein. Diese Erweiterung war erforderlich, denn auch er fand häufig bei Menschen Traumasymptome, deren Entstehung aber nicht recht in die gängigen Traumadefinitionen passen mochten.

Entwicklungstrauma – das subtile Trauma

Unter Trauma wird häufig nur das sogenannte Schocktrauma verstanden. Dieses zeichnet sich in der Entstehung meist durch ein singuläres, existentiell bedrohliches Ereignis aus. Entwicklungstrauma hingegen entsteht, nach heutigem Wissenstand, nicht nur durch gravierende oder gewalttätige Einflüsse. Sondern entwickelt sich auf eine subtilere und unterschwellige Art über einen längeren Zeitraum.

Erfährt ein Kind schon in frühen Jahren keine ausreichenden Bindungen, sondern bekommt vermittelt, körperlich und emotional nicht wirklich willkommen und angenommen zu sein; wird es zu wenig gesehen, emotional gehalten und versorgt, kann es dies regelmässig als eine Traumatisierung erleben. Schon Donald Winnicott sah das Halten als eine fundamentale Voraussetzung für die gesunde psychische Entwicklung eines Säuglings an. Halten beinhaltet dabei nicht nur das physische, sondern auch das „emotionale Halten“. Es bedeutet, dass für das Kind ein Umfeld exisitiert, in dem es mit seinen Emotionen sein darf und sich im Ausdruck dieser Gefühle gehalten und angenommen fühlt. Emotionen werden von Bezugspersonen wahrgenommen, erlaubt und (aus)gehalten. Grenzen werden liebevoll gesteckt. So bildet sich ein sicheres Umfeld, in dem das Kind eine gesunde Bindungsfähigkeit, Selbstliebe sowie ein ausgeglichenes Nervensystem entwickeln kann. Dies entspricht sicher einem Idealbild und ist wohl von niemandem hundertprozentig zu erfüllen. Ist es aber grundsätzlich oder über einen sehr langen Zeitraum nicht gegeben, kann es sich traumatisierend auswirken.

Als weitere traumafördernde Faktoren kommen regelmäßige Gefühle von Angst, Scham und Schuld sowie die übermäßige Sorge um andere Familienmitglieder hinzu. Nicht nur Vernachlässigung, sondern auch nicht altersgerechte Anforderungen und Ansprüche können solche Stressoren darstellen. Starke emotionale „Ausschläge“ kann das Kleinkind alleine nicht halten. Es braucht einen Erwachsenen, um diesen Emotionen gemeinsam zu begegnen und wieder in einen gut aushaltbaren Bereich zu bringen. So lernt das Kind nach und nach mit starken Emotionen umzugehen und sich selber zu regulieren. Dami Charf, eine bekannte Traumatherapeutin, beschreibt dies als Regulationsfähigkeit.

Der Körper trägt das Trauma mit

Solch scheinbar subtile Erlebnisse können zu Trauma-Symptomen führen, die jenen eines Schocktraumas ähnlich sind. Auf zwischenmenschlicher Ebene fällt es schwer eine erfüllte Beziehung zu führen, da sich alte Bindungsmuster wiederholen. Auf emotionaler Ebene hat man mit Angst, Schmerz, Wut und Scham zu kämpfen. Auf körperlicher Ebene mit chronischen Stresssymptomen. Darüber hinaus ist man mit Minderwertigkeitsgefühlen und einem Mangel an Selbstliebe konfrontiert.
Dass sich der Fokus zusätzlich auf diesen körperlichen Aspekt ausweitet ist relativ neu. Peter Alan Levine und Dami Charf haben diesen Zusammenhang besonders deutlich gemacht. Denn die beschriebenen Kindheitserlebnisse stellen einen enormen Stress dar. Wieviel Stress entstehen kann, alleine nur durch fehlende emotionale Resonanz im Gegenüber, veranschaulicht das „Still Face“ Experiment von Dr. Edward Tronick.

Insbesondere in den ganz frühen Jahren ist das kleine Wesen voll und ganz in seiner Existenz abhängig. Wie bei den Schocktrauma auslösenden Ereignissen (sich emotional nicht angenommen und gehalten zu fühlen), werden auch andere überlastende Situationen vom Kleinkind als existentiell bedrohlich bewertet. In diesem Fall wird der Hirnstamm, das älteste Gehirnareal, aktiviert. Hier werden die fundamentalen Reaktionen Kampf, Weglaufen und Erstarren ausgelöst. Da dies im Rahmen eines Schockerlebnisses sowie als Kleinkind in entsprechenden Familienkonstellationen, die zu Entwicklungstraumen führen, nicht möglich ist, bleiben diese Impulse quasi im Körper „stecken“. Diese immense Energiemenge wird im Körper eingefroren und teilweise bis heute von unserer Muskulatur gehalten. Dies führt nicht nur zu psychischen Symptomen, sondern auch zu starken körperlichen Symptomkreisen. Wie zum Beispiel zu einer hohen Grundspannung, woraus sich chronische Verspannungen, Fehlhaltungen im Bewegungsapparat, chronische Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und mehr entwickeln können.

Die Wirkweisen eines Traumagedächtnis

Kommt es zu solch subjektiv hochbedrohlichen Situationen, werden diese durch das implizite Gedächtnis besonders nachhaltig verarbeitet. Das heißt, es werden tiefe Verknüpfungen angelegt, welche Situationen eine Gefahr bedeuten und das ganze System in Alarmbereitschaft versetzen. Dies geschieht vollkommen unbewusst und teilweise ohne jegliche Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis. Oftmals reicht sogar eine Art Atmosphäre, auf die das System gelernt hat zu reagieren. Beispielsweise eine Atmosphäre, in der man sich ignoriert oder übergangen, schuldig oder sogar emotional ausgeliefert fühlt.

Kommt es später zu Situationen, die nur eine gewisse Ähnlichkeit haben, reagieren die traumageprägten Systeme mit sehr viel Stress. Dies geschieht oftmals ohne es willentlich beeinflussen zu können. Selbst in Momenten, in denen vollkommen klar ist, dass diese Art von Alarmbereitschaft nicht sinnvoll und angemessen ist. Pete Walker spricht von emotionalen Flashbacks, die seiner Meinung nach sehr viel häufiger vorkommen als die klassischen, in der Traumasymptomatik beschriebenen Flashbacks. Hier treten neben Stress auch die für die damalige Situation typischen Emotionen wie Angst, Verzweiflung, Wut und toxische Scham auf. Viele fühlen sich parallel minderwertig und klein. Diese Gefühle können sich im schlimmsten Fall überwältigend stark anfühlen und auch lange anhalten.

Auf körperlicher und emotionaler Ebene wird die ursprünglichen Situation abgerufen und wiedererlebt, ohne dass der willentliche Verstand eingreifen kann. Ein Nervensystem, das sehr früh im Leben starken, überlastenden Reizen ausgesetzt war, reagiert im Laufe des Lebens weitaus sensibler auf Lebensereignisse. Es kommt also auch bei alltäglichen Belastungen viel schneller in einen übererregten Bereich. Das Zurückregulieren auf ein angenehmes, ausgeglichenes Level fällt dementsprechend schwer und kann dauern.

Trauma heisst, keine echte Ruhe zu finden

Sehr typisch ist ein Wechsel zwischen einer übermässigen inneren Anspannung und einer starken Erschöpfung. Der Körper befindet sich sogar im normalen Alltag in einem stetigen Stresszustand, aus dem viele der weiteren Symptome abzuleiten sind. Schlafstörungen, Gedankenrasen, innere Unruhe, Überforderungsgefühle, depressive Phasen. Ängste, Panikattacken sowie ein Gefühl von „neben sich stehen“ oder „in Watte gepackt sein“ und „nicht mehr richtig denken können“, sind ebenfalls typisch.

Eine tiefe, authentische Entspannung findet im Prinzip gar nicht statt. Das Nervensystem ist permanent überlastet, bis es schließlich zusammenbricht. Betroffene sprechen häufig von einem „Hamsterrad“. Nach dem Kollaps stehen sie wieder auf und finden sich erneut in einer starken Anspannung wieder. Viele sind sich dessen bewusst und fühlen sich so, als würden sie auf Sparflamme laufen. Als wären sie in Wirklichkeit zu viel mehr in der Lage, müssten sie nicht ständig gegen diese Disregulation im Inneren ankämpfen.

Ein weitergegebenes Trauma

Aufgrund unserer politischen Geschichte kann Mensch davon ausgehen, dass fast alle unserer Großeltern tatsächlich schocktraumatisiert sind bzw waren. Denn die meisten haben einen, schlimmstenfalls sogar zwei Kriege miterleben müssen. Die direkten aber auch indirekten Folgen, auch für Frauen, waren definitiv hochtraumatisch. Die damalige Zeit ließ aber meist eine Aufarbeitung nicht zu. Es ist davon auszugehen, dass diese Traumatisierungen Auswirkungen auf deren Fähigkeit hatte, Wärme, Sicherheit und bedingungslose Annahme zu vermitteln.

Selber traumatisiert, hatten sie mit ihren eigenen Emotionen und Nervensystemen zu tun, mit Depressionen und anderen Spätfolgen von Traumatisierungen. So waren sie oftmals damit überfordert, ihre Kinder so zu sehen und emotional zu halten wie diese es damals gebraucht hätten. Und so trägt sich diese Prägung bis in die heutige Zeit hinein. Das wird als ein „Generationentrauma“ bezeichnet. Eine weitere interessante Frage ist, welcher Zusammenhang zwischen den Prägungen und den damals gängigen Praktiken in der Kindererziehung besteht. Beispielsweise hieß es: „schreien lassen, das ist gut für die Lunge“. Es wurde nur kurz oder gar nicht gestillt, damit das Kind früh selbständig wird. Im Allgemeinen wurde ein eher leistungsorientierter und bestrafender Erziehungsansatz umgesetzt.

Sind wir alle traumatisiert?

Nein, wir sind nicht alle traumatisiert. Wir bringen auch Faktoren mit, äußere wie innere, die einen schützen können. Wir haben Resilienzen und schützende Fähigkeiten mitbekommen oder im Aussen Unterstützung gefunden, beispielsweise durch Geschwister oder eine stabile Beziehung zur eigenen Großmutter. Und selbstverständlich gibt es auch liebevolle und haltgebende Elternhäuser.

Dennoch mache ich in meiner Praxis die Erfahrung, dass Entwicklungstrauma sehr viele Menschen betrifft. Selbstverständlich in ganz unterschiedlichen Intensitäten und individuellen Ausprägungen. Für diese Menschen bringt es große Erleichterung, dies zu verstehen und benennen zu können. Sie finden sich meist sofort in der beschriebenen Symptomatik wieder. Insbesondere mit der Erfahrung innerer großer Anspannung, die sich nicht leicht beruhigen lässt – selbst wenn kein Anlass dazu besteht.

Über den Körper lässt sich ein Trauma leichter verarbeiten

Die traditionellen Therapiemethoden zielen auf die emotionale, kognitive und optimalerweise auch auf die Beziehungsebene ab. Inzwischen entstehen immer mehr Therapiemethoden für Traumatisierungen, die die körperliche Ebene mit einbeziehen. Die bisher beschriebenen Zusammenhänge versuchen zu erklären, warum ein Trauma insbesondere auf der körperlichen Ebene verarbeitet werden kann. Die Wechselwirkung zwischen starker innerer Anspannung und Erschöpfung im Körper hat natürlich Einfluss auf die Emotionen und Gedanken. Diese Ebenen stehen in einem Zusammenhang bzw befinden sie sich in einer ständigen Wechselwirkung. Vielleicht sind aus diesem Grund die körperorientierten Therapieverfahren auf solch einem einem Vormarsch.

Wichtige Traumatherapien

Im Folgenden benenne ich drei Körpertraumatherapien, die sich meiner Meinung nach für die Aufarbeitung von Entwicklungstraumata besonders gut eignen.

Peter Alan Levine hat das „Somatic Experiencing“ (R) entwickelt und führt einige der genannten Zusammenhänge überhaupt erst in die Körpertraumatherapie ein. Somit geht er sehr spezifisch auf die Auswirkung von Trauma auf die körperlicher Ebene und den Umgang mit den entsprechenden Symptomen ein. Ursprünglich eher auf Schocktrauma ausgerichtet, lässt sich diese Thearpiemethode ebenfalls gut auf Entwicklungstrauma anwenden.

Auch Dami Charf mit ihrer Therapieform, „Somatische Emotionale Integration“ (R) reiht sich hier ein. Basierend auf Somatic Experiencing geht sie zusätzlich behutsam und differenziert auf die Beziehungsebene ein. Diese Ebene spielt insbesondere bei Entwicklungstrauma eine zentrale Rolle.

Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Heilung von Entwicklungstrauma – The NeuroAffective Relational Model (NARM)* von Heller (R) ist in dem Feld ebenfalls noch zu erwähnen. Er verbindet Somatic Experiencing mit psychodynamischen Modellen wie Bindungs- und Objekt-Beziehungs-Theorien.

Bei diesen Therapieformen werden alte, steckengebliebene Anspannung sanft entladen und das Nervensystem lernt, wieder natürlicher und ausgeglichener zu schwingen. Das heißt, nach einem angespannten, herausfordernden Moment kann es auch wieder zügig in eine Entspannung finden und innere Anspannungen abbauen. Weil genau das einem traumatisierten Nervensystemen schwerfällt, gilt es das in einem geschützten Rahmen wieder zu erlernen. Alle Therapieformen beziehen sich auf das „hier und jetzt“, die ursprünglichen überwältigenden Erlebnisse werden nicht erinnert und wiedererlebt werden. Dadurch findet keine „Retraumatisierung“ statt.

Ich hoffe, mit diesem Bericht dem ein oder anderen mitteilen zu können, dass es immer einen Weg geben kann, selbst bei sehr herausfordernden Lebensgeschichten.

 

Literatur:
Dami Charf: Auch alte Wunden können heilen, Kösel-Verlag, 2018
Laurence Heller: Entwicklungstrauma heilen, Kösel-Verlag; Auflage: 2013,
Peter Alan Levine: Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers. Unsere Fähigkeit, traumatische Erfahrungen zu transformieren, Synthesis; 1999
Pete Walker: Online- Artikel: Die Gezeichneten, Rubikon, 2019, https://www.rubikon.news/artikel/die-gezeichneten

Author: Lena

Über den Autor

Avatar of Christine Hartmann

Die Autorin
Christine Hartmann
Diplom Psychologin und Heilpraktikerin, arbeitet in eigener Praxis in Berlin. Mit Gestalt- und Körpertherapie, Traumatherapie, Energiearbeit. Die Schwerpunkte liegen unter anderem auf Entwicklungstrauma und Umgang mit Hochsensibilität.

 

Unterstütze SEIN

Vielen Dank an alle, die den Journalismus des SEIN bisher unterstützt haben.
Die Unterstützung unserer Leser trägt dazu bei, dass wir unsere redaktionelle Unabhängigkeit behalten und unsere eigene Meinung weiter äußern können. Wir sind sicher, dass unsere redaktionelle Arbeit und unsere Themenvielfalt und Tiefe den gesellschaftlichen Wandel beflügeln. Wir brauchen Deine Unterstützung, um weiterhin guten, kreativen "Lösungs-Journalismus" zu liefern und unsere Offenheit zu wahren. Jeder Leserbeitrag, ob groß oder klein, ist wertvoll. Wenn Du unsere Arbeit wertschätzt, unterstütze SEIN noch heute - es dauert nur wenige Minuten. Vielen Dank.
SEIN unterstützen

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):





Eine Antwort

  1. Marianne
    Trauma in der frühen Kindheit - im Körper zu fühlen

    Sehr dankbar habe ich die Themen aufgenommen. Die Atem- und Körperarbeit nach Prof. Ilse Middendorf „Der Erfahrbare Atem“ berührt diese Themen, Gefühle, Erlebnisse in der Einzelarbeit – und wandelt diese Stück für Stück um in den „zugelassenen Atem“. Eine tief wandelnde Arbeit, die ich selber von meinem 22 – 34 Lebensjahr für mich selber als heilend, tröstend und wandelnd erlebte. Dennoch bleibt ein Trauma für den Rest des Lebens als Daueraufgabe und lässt sich nicht löschen aus dem Gedächtnis – Verlassenheit als Schmerz ist doch noch irgendwo gespeichert – eine lebenslange Aufgabe!!!

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*