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Von Anita Timpe

Gefühle wie Wut und Aggressionen sind für viele Menschen ein Problem. Es fällt ihnen schwer, sich diese Gefühle einzugestehen und erst recht, sie zu zeigen. Dabei ist Wut ein ganz normales Gefühl, sie wird jedoch im Gegensatz zu anderen Emotionen wie Freude oder Trauer negativ bewertet. Mit ihr umzugehen, fällt uns schwer, weil wir dazu erzogen wurden, dass sie etwas Destruktives ist, das es zu vermeiden gilt.

So haben wir gelernt, unsere Wut zu fürchten, sie abzulehnen, sie gegen uns selbst oder an die falsche Person zu richten. Wir haben gelernt, uns so zu verhalten, dass unsere Wut wirkungslos bleibt, und zu verleugnen, dass es überhaupt Gründe gibt, wütend zu sein. Dabei kann man lernen, mit Wut umzugehen wie mit anderen Gefühlen auch. Es sind uns bisher allerdings nur zu wenige Modelle für einen konstruktiven Umgang mit Wut bekannt.

Wie entsteht Wut überhaupt?

Angesichts der zunehmenden Radikalisierung, des Terrors und der Gewalt in der Welt fragt man sich, woher so viel Wut kommen kann? Wut entsteht, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, wenn wir angegriffen werden, wenn wir uns gekränkt, verletzt, ohnmächtig und hilflos fühlen, wenn wir abgelehnt und verlassen und unsere Bedürfnisse permanent enttäuscht werden.

Ärger ist eine Vorstufe von Wut. In unserem Alltag gibt es viele Situationen, in denen wir uns ärgern, ob es nun der rücksichtslose Autofahrer im Stadtverkehr ist oder der Nachbar, der bis tief in die Nacht laut Musik hört. Jeder hat so etwas schon erlebt und weiß, wie anstrengend es sein kann. Häufen sich solche Situationen, ohne dass wir die Möglichkeit haben, uns zu entlasten, nimmt die innere Anspannung zu und irgendwann braucht es dann nur noch einen kleinen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Neben der Wut, die sich aus Alltagssituationen entwickelt, existieren in uns meistens auch tief verschüttete Aggressionen, die aus Kindheitserfahrungen stammen. Kinder, die lieblos behandelt, verlassen, geschlagen oder missbraucht werden, machen die traumatische Erfahrung von absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht. Dieses erzeugt eine Menge an innerer Wut, die im Organismus gespeichert bleibt und sich später an ganz unpassenden Stellen entladen kann. Hinterher können wir uns dann nicht mehr erklären, warum wir so ausgerastet sind.

Wie gehen wir mit Wut um?

Da Wut eine starke, explosive Emotion ist und auch verletzend und zerstörerisch sein kann, ist es wichtig, sorgfältig mit ihr umzugehen und sie nicht blind auszuagieren. Wenn wir wütend sind, sollten wir deshalb als Erstes überprüfen, ob wir sicher genug sind, unsere Wut auf angemessene Weise auszudrücken, das heißt, ohne unser Gegenüber und uns selbst zu verletzen. Wenn wir uns nicht sicher fühlen, ist es wichtig, einen Abstand zur Situation herzustellen und und uns an einen geeigneten Ort, an dem wir ungestört und allein sind, zurückzuziehen. Dort können wir mit Hilfe von Atem- und Körperübungen die Wut zulassen, bis wir wieder klar und geerdet sind. Hilfreich können in dieser Situation auch folgende Fragen sein: Was hat mich wütend gemacht? Welches unerfüllte Bedürfnis steckt hinter meiner Wut? Ist meine Wut angemessen, steht sie im Verhältnis zu dem, was mein Gegenüber gesagt oder getan hat?

Nachdem wir auf diese Weise mit unserer Wut umgegangen sind und uns wieder in der Lage fühlen, dem Auslöser der Wut respektvoll gegenüberzutreten, können wir den Konflikt auf angemessene Weise klären.

Da uns am häufigsten die Menschen wütend machen, die uns am nächsten stehen und mit denen wir leben – unsere Partner, die Kinder, die Eltern – lohnt sich der Einsatz, einen guten Umgang mit der Wut zu entwickeln, um unsere Beziehungen nicht zu gefährden, sondern sie zu erhalten.

Wenn sich sehr viel Wut angestaut hat, so dass wir keine Regulierungsmöglichkeiten mehr haben und bei jeder Kleinigkeit explodieren, ist eine therapeutische Unterstützung notwendig.

Wann ist unsere Wut schädlich, wann ist sie gut für uns?

Wenn wir unsere Wut permanent unterdrücken, kann das zur Folge haben, dass auch andere Gefühle wie Freude und Liebe nicht mehr frei fließen können. Gehen wir jedem Konflikt aus dem Weg, drohen unsere Beziehungen oberflächlich zu werden und zu stagnieren, weil dann kein tieferer Kontakt mehr stattfinden kann. Viele seelische und körperliche Krankheiten sind die Folge von verdrängten Aggressionen, zum Beispiel Depressionen, Migräne, Autoimmunkrankheiten. In unserer Alltagssprache geht aus einigen bekannten Redewendungen hervor, wie schädlich es ist, Ärger und Wut permanent zu unterdrücken. Hier ein paar Kostproben: die Nase voll haben, eine Wut im Bauch haben, da kommt einem die Galle hoch, der Ärger schlägt einem auf den Magen, den Frust in sich hineinfressen etc.

Ein Mensch, der seinen Ärger und seine Wut akzeptiert und diese Gefühle angemessen und „gewaltfrei“ zum Ausdruck bringt, nimmt sich selbst ernst und erfährt, dass er etwas bewirken und verändern kann. Wut hilft uns, Grenzen zu setzen und fehlenden Respekt und Angriffe abzuwehren. Sie signalisiert uns, wann andere zu viel für uns sind oder wir zu viel für andere, so dass es unserer persönlichen Entwicklung schadet. Sie gibt uns die Kraft, für unsere Interessen einzutreten und unser Leben nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Wir können das Potential unserer Wut als Ausgangspunkt von Veränderungen nutzen.

 


Seminare zum Thema „Wohin mit meiner Wut?“
Die nächsten Seminartermine sind vom 18.-20. November 2016 und vom 10.-12. Februar 2017 in Berlin.
Info und Kontakt unter Tel.: 030-25 97870 oder anitatimpe@iptb.de

 

Literaturtipp:
Anita Timpe: „Ich bin so wütend – Nutzen Sie die positive Kraft Ihrer Wut“, Bod 2014.

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