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 Aggression hat in unserer Gesellschaft kein gutes Renommee, dabei werden wir in den Medien wie auch in der Politik von Aggression und ihren schlimmsten Ausdrucksformen überschwemmt. Dieser Widerspruch lähmt und macht viele krank. François Michael Wiesmann über das Potenzial in der Aggression und warum wir für einen konstruktiven und sinnvollen Ausdruck Vertrauen benötigen.

Gibt es „gute“ Aggression?

In unserer Welt ist Aggression in Verruf geraten. Aggression wird mit Gewalt, Macht, Rücksichtlosigkeit, Egoismus und Verletzung gleichgesetzt. Diese Sichtweise haben die meisten von uns kulturell und soziologisch verinnerlicht. Kaum jemand hat den gesunden Umgang damit gelernt – entsprechende Vorbilder sind selten. Dabei ist die Ambivalenz überall sichtbar: Unseren Mitmenschen, Partnern und Kollegen gegenüber dürfen wir nicht aggressiv sein, aber es gehört zum Sonntagabendvergnügen, sich ein, zwei Morde im Tatort anzuschauen, und weiterhin boomen Filme und Computerspiele, die von Gewalt nur so strotzen. Worin liegt die Faszination der Aggression, was ist ihr Kern? Und wie lernen wir einen gesunden Umgang mit Aggression?

Aggression – die Kraft des Antriebs

Aggression ist ein basaler Antrieb menschlichen Verhaltens. Sie entsteht, wenn Dinge, die geschehen möchten, nicht geschehen dürfen und wenn Dinge, die gesehen werden wollen, nicht gesehen werden. Sie erwacht, wenn im Leben für etwas Wesentliches zu wenig Raum da ist, sie ist der Ausbruch aus einer Enge. Soweit ist sie ein gesunder Impuls. Gewalttätig wird dieser Impuls, wenn er mit einem inneren Gefühl der Ohnmacht, Hilflosigkeit oder Verzweiflung und Angst einhergeht. Ihrem Wesen nach ist aber Aggression nichts anderes als die Notwendigkeit, sich den Raum zu nehmen oder den Raum zu wahren, den wir benötigen: für Neugier, für Entwicklung, für Ehrlichkeit, für Lust, für Lebensfreude.

Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit Gewalt haben viele von uns die Fähigkeit verloren, gesunde Aggression von gestauter und gewalttätiger Aggression zu unterscheiden. Die meisten Menschen bekommen einen Schreck, wenn Aggression in der Luft liegt oder gar ausagiert wird. Viele haben nicht gelernt, präsent zu bleiben, wenn Aggression mit im Raum ist – die von anderen oder die eigene. Wir schlagen entweder reflexartig zurück, flüchten so schnell wie möglich oder erstarren. In diesem Zustand können wir nicht mehr wahrnehmen, was wirklich geschieht. Wir sehen nur noch unsere inneren Filme und reagieren darauf.

Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen gesundem Zorn und aufgestauter Wut, die sich entlädt, ist aber äußerst wichtig. Ein gesunder Zorn schützt das Leben, gestaute Wut zerstört es. Wenn wir diese Unterscheidung nicht machen, verbannen wir Aggression insgesamt aus unserem Leben als nicht gewünschte Kraft, die uns Angst macht. Verdrängte Kraft ist aber nicht verschwunden. Im Gegenteil: sie läuft im Untergrund mit und taucht unkontrolliert und oft in sehr ungünstigen Momenten wieder auf. Sie äußert sich dann verzerrt – entweder versteckt hinter Verachtung, Widerstand oder Ignoranz oder komplett überzogen mit einer Härte und Brutalität, die manchmal kaum noch menschlich scheint.
 
Dass Kriege und Gewalt auf viele Menschen fast wider Willen eine große Faszination ausüben, liegt unter anderem daran, dass es in unserer Gesellschaft wenig Möglichkeiten gibt, Aggression sinnvoll zu leben. Der Krieg aber hat diese Totalität: keine Moral, keine Gnade. Entfesselte Kraft.
Können wir in unserem Leben etwas finden, wo wir unsere Kraft so rückhaltlos FÜR das Leben einsetzen, wie wir es im Krieg GEGEN das Leben einsetzen??
Keine leichte Frage, aber mit Sicherheit eine zentrale für das Thema Aggression.

Auch wenn ich mir gute Boxkämpfe anschaue, fasziniert mich genau dieser unbedingte Einsatz. Diese Männer geben 100%. Kompromisslos, gnadenlos, entschieden. Sicher: Man kann mit dieser Energie sinnvollere Dinge tun, aber bevor ich diese Behauptung aufstelle, sollte ich mir zuerst darüber klarwerden, ob ich das aus Angst eben vor dieser Energie behaupte – ob es eine Schutzbehauptung ist, weil ich diese Energie in mir selbst nicht aktiviert habe.

Aggression integrieren

Was heißt nun gesunde Aggression? Wie können wir denn diese Kraft so erfahren und leben, dass sie tatsächlich das Leben fördert?

Bei den meisten gibt es im Leben keine bewusste Erfahrung, die die positiven Seiten eines gesunden aggressiven Verhaltens deutlich gemacht hätte. Leider erfahren wir so nie die Tiefe und das Potenzial unserer Aggression – ihre erschütternde und reinigende Kraft, ihre bedingungslose Klarheit und ihre Fähigkeit, das Leben zu schützen, wo es bedroht ist.

Wer schon einmal derart in Bedrängnis geriet, dass kein Ausweg mehr in Sicht war, hat wahrscheinlich auch erfahren, wozu er in der Lage ist, wenn es ums „reine Überleben“ geht: Plötzlich wird eine andere Ebene aktiviert, die nicht mehr wirklich unter unserer Kontrolle ist, eine Art Überlebensmodus. In diesem Modus gibt es kein Mitgefühl mehr, keine Höflichkeit, keine Moral. Es gibt nur noch „raus hier“, koste es, was es wolle. Manche werden dann „zum Tier“, und unter Umständen kann das tragische Folgen haben.

Was kann es nun heißen, diese Energie zu „integrieren“, sie also nicht in blindem Reflex auszuleben, aber auch nicht zu unterdrücken? Dazu gibt es zwei wesentliche Bausteine: Zum einen Situationen zu schaffen, in denen ich gewollt und bewusst mit der Energie der Aggression in Berührung komme und die Möglichkeit habe, sie in mir zu erleben, ohne nach außen reagieren (Verteidigung oder Angriff) zu müssen. Ich kann diese enorme Kraft erfahren, aber losgekoppelt vom Reflex. Zum anderen kann ich mehr und mehr die Stellen in meinem Leben entdecken, in denen wesentliche Lebensimpulse zu kurz kommen, z.B. das Bedürfnis, gehört zu werden, oder mich kreativ auszudrücken. Hier baut sich jedes Mal Wut auf, wenn ich sie übergehe, bis sie irgendwann unkontrolliert explodiert oder mich krank oder bitter macht.

An diesen Stellen gilt es aufmerksam zu werden, immer unmittelbarer mitzubekommen, wann und warum ich sie übergehe, und was ich stattdessen brauche. Hier ist Feinarbeit und Praxis erforderlich. Mit der Entschiedenheit der Aggression kann ich hier lernen, für das zu gehen, worum es mir eigentlich geht: für mein Bedürfnis oder meine Sehnsucht.

Sich die Aggression auf solche Weise wieder anzueignen, sie wieder zu erkennen  als meine eigene Kraft und Ressource, bewirkt große Veränderung. Wir hören auf, unsere eigene Aggression auf andere zu projizieren, seien es Asylanten, Terroristen oder Ehegatten, und nutzen unsere Kraft, um selbst entschiedener zu handeln – für unsere Sehnsucht, für das Leben. Dadurch entsteht eine andere Wirklichkeit.

Die Matrix des Vertrauens

Vertrauen entsteht, wenn wir uns gesehen fühlen, gehört und unterstützt. Wenn wir das zum Ausdruck zu bringen, was in uns ist, wenn wir uns in einem Raum wiederfinden, wo die Urteile schweigen und wo keiner blind reagiert.

Vertrauen spüre ich nicht im Kopf und auch nicht nur im Herzen. Tiefes Vertrauen spüre ich in allen Zellen. Ich vertraue dann nicht nur einem Menschen, ich vertraue dem Leben. Wahres Vertrauen ist im ganzen Körper fühlbar. Es macht uns sinnlich, neugierig, mitfühlend, offen und ansprechbar. Ich fühle, dass das Leben mich trägt. Es ist eine andere Matrix. Es gelten andere Spielregeln.

In einem Klima des Vertrauens kann Aggression ein Gewitter sein, das ein unmissverständliches Signal gibt, den Raum zu klären. Aber wenn das Gewitter vorbei ist, ist es vorbei. Es bleibt kein schwelender Untergrund.

Darüber hinaus kann gut integrierte Aggression Vertrauen erzeugen. Einem Menschen, der seine Aggression und seine animalische Seite kennt und bejaht, können wir leichter vertrauen, denn sie wird nicht unbewusst oder unkontrolliert ausbrechen. Er ist in der Lage, mit Entschiedenheit für seine Anliegen einzustehen. Aggression leben zu können, wenn es nötig ist und zu wissen wie, schafft ein Klima des Vertrauens und des Friedens. Es ist immer eine Frage der Bewusstheit.

Inwieweit bist du fähig, dein Territorium zu verteidigen?
Inwieweit bist du bereit, deinen Raum zu wahren und dafür zu gehen?
Wie stark kannst du für deine Sache eintreten – ohne Abstriche, ohne Floskeln, ohne künstliche Verkleinerungen oder Nettigkeiten? Aber auch ohne Machtspielchen, Einschüchterung und Angeberei?

Mute dich zu!

Dich anderen zumuten mit deiner Intimität, mit deiner Sehnsucht, mit deiner Scham und Trauer, mit deiner Aggression – das ist Vertrauen. Nicht mehr abhauen, obwohl du verletzt werden könntest, dich an der Stelle offenbaren, wo du es noch nie getan hast, ohne die Garantie, dass es gut ausgeht – das ist Vertrauen. Es gibt einige Wachstumsbedingungen für Vertrauen. Sie sind nicht kompliziert, sie sind vom Leben selbst diktiert und können in Seminaren, in Gruppen und in der therapeutischen Einzelarbeit erlernt und kreiert werden – um schließlich auf dem Marktplatz des Lebens praktiziert zu werden.

Einen anderen Menschen fühlen zu lassen, dass hier und jetzt deine absolute Grenze ist, über die du nicht verhandelst und für die du mit allen Mitteln einstehen wirst und dabei zugleich offen zu bleiben – nicht nett oder lieb und nicht harmonisch, aber offen. Mit dieser bedingungslosen Klarheit in den Kontakt mit dem anderen zu gehen, ihn dich darin fühlen zu lassen: Das ist der Ort, wo sich Aggression und Vertrauen berühren.

Aggression ist eine Aufforderung an uns, uns tiefer mit unserer Natur zu beschäftigen und die biologischen und animalischen Kräfte wieder in unserem Leben zu begrüßen, anstatt sie auf Feindbilder zu projizieren. Diesen Kräften sollten wir einen – allerdings bewussten – Platz in unserer Lebensgestaltung geben, privat und auch gesellschaftlich. Wir werden den Schatten der Aggression nicht los, nur weil wir ihn nicht wollen. Aber unser Ausdruck kann sich verändern, indem wir die Aggression zu uns nehmen, sie durchdringen und bejahen – in der klaren Absicht, eine lichtvollere Welt zu schaffen.

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