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Sich gegenseitig oder einem anderen Menschen bewusst Schmerz zufügen – und das auch noch im Rahmen von Sexualität – das empfinden viele Menschen als abnormal. Doch das verengt den Blick auf einen Bereich zwischenmenschlichen Ausdrucks, der bei vielen von uns nur sehr flach und oberflächlich gelebt wird. Die Trainerin für Körpersensibilisierung Atma Pöschl hat auf ihrer Suche nach einem authentischen Ausdruck von Gefühlen BDSM als bewussten „Behälter“ positiver Wutkraft gefunden, mit dem sie Menschen in ihre eigene Kraft begleitet.

Wir unterscheiden in unserer Gesellschaft gern zwischen heiligem hellen und abartigem dunklen Sex. Diese Unterteilung ist unnötig und destruktiv, denn heilig kommt von heil und meint ganz. BDSM steht für die Begriffe „Bondage (Fesselung) & Disziplin, Dominanz & Submission (Unterwerfung), Sadismus & Masochismus“. Als Coach für Körpersensibilisierung interessiert mich das weder als Identität noch als cooler Lifestyle oder Maske, hinter der wir uns verstecken. Sondern: BDSM kann eine von vielen Möglichkeiten tiefer Berührung sein.

Es umfasst ein breites Spektrum unterschiedlicher Sinnesreize, Körperempfindungen und Gefühle. So mancher verwechselt BDSM mit Gewalt. In Wahrheit passiert Gewalt, wenn wir unsere Gefühle nicht lieben und anderen Menschen unsere eigenen Schmerzen um die Ohren schlagen. In vielen Familien und so mancher Religion ist das der Alltag. Im Gegensatz dazu kann BDSM lustvolles Spiel mit gleich starken Partnerinnen und Partnern sein, bewusster Austausch von Macht und intensiven Gefühlen. Jede Berührung – vom Streicheln bis zum Schlagen – kann tief berühren, irritieren, verunsichern oder auch Angst machen.

Unser Körper speichert negative Erinnerungen, friert sie ein, um weiterleben zu können, und wird dadurch gefühllos. Bei körperlicher Nähe öffnen wir uns dann wieder ein Stück und die eingefrorenen Gefühle können wieder an die Oberfläche steigen. Passiert das in einem sicheren, bewussten Rahmen und liebevollem Kontakt mit uns selbst und einem präsenten Gegenüber, geschieht Heilung. Ein wichtiger Aspekt von Heilung liegt darin, wieder (alle Gefühle) fühlen zu können.

Bewusstheit im intimen Kontakt

Als Coach für Körpersensibilisierung gilt mein Interesse der heilsamen Arbeit mit Gefühlen. Auf Wunsch integriere ich intensive Sinnesreize und Dominanz in den Rahmen achtsamer Körperarbeit und biete Seminare zu diesem Thema an. BDSM birgt spannende Möglichkeiten für persönliche Entwicklung und gemeinsames Wachstum, wenn wir es zu nutzen wissen. Heilung – im Sinne von heil und ganz werden – kann beispielsweise in einer Tantramassage durch Erleben des Gegenteils dessen passieren, was wir in der Vergangenheit erfahren haben, in einer BDSM-Session durch eine homöopathische Dosis desselben: Es ist berührend, unserem Schmerz zu begegnen.

Dem Schmerz ins Gesicht zu schauen, kann sinnlich, sexy und erotisch sein. Das Wort „Gewalt“ kommt vom althochdeutschen „waltan“ und meint die Stärke, eine Sache in ihrem Inneren zu verändern. So spielen wir mit Hingabe und Verletzlichkeit, sexueller Lust und Unlust, Freude, Traurigkeit, Angst, Schmerz und allen Nuancen der ganzen bunten Gefühlspalette. Was auch immer da ist, ist gut. Als bewusstes Tool lädt BDSM ein, heilig/ gut oder abartig/böse nicht länger abzuspalten und unser ganzes Potenzial zu leben. So wird auch die Sexualität – in Würde, Liebe und mit Bewusstheit gelebt – zu einer Quelle von Gesundheit und Kraft und manchmal auch zu einem spirituellen Weg. Schubladen wie Tantra und BDSM sind überflüssig, ungeerdete Spiritualität ebenfalls.

Gedanken zum Thema Unterwerfung

Das Wort „devot“ stammt vom lateinischen devovere ab, es bedeutet weihen, heiligen. Im Mittelalter waren jene Menschen devot, die ihr Leben dem christlichen Glauben widmeten. „Sich hingeben“ ist die Übersetzung, die der heutigen Verwendung des Wortes am nächsten kommt. Als Coach für Körpersensibilisierung begreife ich den Wunsch nach Unterwerfung als Entwicklungsmöglichkeit mit hohem Potenzial: Hinter dem Wunsch nach Unterwerfung kann eine tiefe Sehnsucht nach Hingabe liegen, hinter dem Wunsch nach körperlichem Schmerz auch ein ungelöster seelischer Schmerz.

Ich unterstütze Menschen dann dabei, ihr ganzes Potenzial freizusetzen und sich weiterzuentwickeln. „Nenne keine Empfindung klein, keine Emotion unwürdig“, meint Hermann Hesse. „Gut, sehr gut ist jede, auch der Hass, auch der Neid, auch die Eifersucht, auch die Grausamkeit. Von nichts anderem leben wir als von unseren schönen, herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein Stern, den wir auslöschen.“

Ich würde es für den Bereich Sexualität so formulieren: Erfüllende Sexualität ist kein Synonym für Harmonie, sondern authentischer Selbstausdruck im intimen Kontakt. Scham, Schuld, Angst und destruktive Wut sind unterdrückte Gefühle einer Gesellschaft, die Leid am Kreuz vergöttert, Sexualität und Aggression als stärkste Lebenskraft hingegen verteufelt.

Aggression als Lebenskraft

Wir wollen unseren Fokus auf Sexualität weiter fassen. Neben Sexualität ist Aggression die stärkste Lebenskraft. Das Wort „Aggression“ stammt vom lateinischen aggredi und bedeutet „anpacken“: Wir brauchen Aggression, um klar Nein und aus ganzem Herzen Ja zu uns selbst zu sagen, um Ziele zu haben, Entscheidungen zu treffen, Sachen auszumisten und Situationen zu beenden. Positiv verkörperte Wut sagt: Das bin ich, ich steh‘ dazu! Beziehungen kippen, wenn Aggression dominiert, aber auch dann, wenn die Wutkraft völlig fehlt – dann mangelt es häufig auch an der Lust auf Sex.

Auslöser von Lustlosigkeit, Anorgasmie, vorzeitiger und verzögerter Ejakulation ist nie unsere gelebte, immer die verdrängte Wut. Sie sitzt in unseren Genitalien, im Kiefer und Sitzbereich, Magen und Darm: Oft sind unsere körperlichen und psychischen Symptome nichts anderes als reingefressene, geschluckte, unverdaute Wut. Frauen fällt es in unserer Gesellschaft oft besonders schwer, ihre Wut zu verkörpern: Wir dürfen Angst haben und traurig sein, aber uns mal zornig zeigen!? Oh Gott, ist das hysterisch, voll peinlich. Ehre bekommt, wer die Opferrolle wählt: Opfer sind pflegeleicht in ihrer Angst, Trauer, Depression und bekommen Hilfe als Belohnung.

Aggression ist „Täterinnenenergie“, die für sich selbst sorgt, ohne fremde Hilfe zu brauchen. Das ermöglicht anderen kein Gefühl der Überlegenheit und nicht das tolle Gefühl, geholfen zu haben: Aggression macht Angst. Auch Männer unterdrücken ihre Wut oft aus Angst, gewalttätig zu sein. Auch für männliche Wut/Kraft haben wir kaum positive Vorbilder. Positive Wutkraft hat nichts zu tun mit Wut als gewalttätiger, verletzender, peinlicher, gefährlicher oder unpassender Energie, sondern mit Wutkraft als notwendiger Basis für tiefe Berührung. Es ist einfach so: Klare Neins ermöglichen Jas aus ganzem Herzen. Es lohnt sich, Nein-Sagen zu lernen, damit wir aus ganzem Herzen Ja sagen können!

Das Geschenk positiv verkörperter Wut ist echte Nähe.

Gedanken zum Thema Dominanz

Als Gegenteil von devot gilt dominant. Dominanz-Hierarchien sind bei Tieren und Menschen zu finden: Individuum A schränkt die Freiheiten von Individuum B ein und gesteht sich selber diese Freiheiten zu, was von B akzeptiert wird. Dominanz ist immer beziehungsspezifisch, zeit- und situationsabhängig.

Im BDSM bedeutet Dominanz, dass wir durch bestimmte Methoden Kontrolle über andere erlangen können, wenn unser Gegenüber die Kontrolle freiwillig abgibt. Dominanz findest du doof, das geht gar nicht!? In unserer Gesellschaft ist die Opferrolle en vogue. Wir sind gewohnt, uns hinter anderen zu verstecken, die „für uns tun“. Deshalb scheint Unsichtbarkeit oft natürlicher als Sichtbarkeit unserer Bedürfnisse. Als Coach für Körpersensibilisierung begreife ich Gefühle immer als Geschenk: Die Rolle, gegen die wir starke Gefühle hegen, zeigt die Marschrichtung an! Auf diesem Weg können ungeliebte Gefühle und Persönlichkeitsanteile lustvoll erforscht und integriert werden.

BDSM als „Behälter“ positiver Wutkraft

Auch bewusste und unbewusste Gewalterfahrungen in der Kindheit – wir alle haben sie – können Wegbereiter für lebenslanges Opferverhalten sein. Ein anderer Weg ist die Identifikation mit dem Täter, der Täterin – dann werden die nächst Schwächeren unterdrückt. Der Teufelskreis endet dort, wo Opfer aktiv werden und im Jetzt Verantwortung für ihr Leid übernehmen und wo Mächtige ohnmächtig sein dürfen. BDSM bietet spannende Möglichkeiten, nicht nur tiefsitzendem Schmerz, sondern auch dem Gefühl wahrer Stärke neu zu begegnen.

„Finde deine wahre Schwäche und gib dich ihr ganz hin“, beschreibt es Moshe Feldenkrais. Natürlich geht es nicht um Härte. Wir wollen weich sein in der Hingabe und im Führen anderer, im Eintreten für uns selbst: „Die meisten Menschen vergeuden ihre Kraft damit, persönliche Schwächen zu überwinden und zu verstecken. Selten gibt es Menschen, die sich nicht spalten, die ihre Kräfte nutzen, um ihre Schwächen ganz zu integrieren. Jede Generation hat einige wenige. Sie führen ihre Generation.“

Dieses Zitat von Feldenkrais drückt für mich große Weisheit aus. Auf meiner Suche nach authentischem Ausdruck von Gefühlen habe ich auch BDSM als bewussten „Behälter“ positiver Wutkraft gefunden. Ich habe das zwanzig Jahre hinterfragt und damit ein reflektiertes Tool – neben vielen anderen – gewonnen, mit dem ich Menschen achtsam in ihre eigene Ermächtigung begleite. Im Wutseminar lernen wir – indem wir unsere dominanten Anteile wieder in Besitz nehmen – unsere Wutkraft leicht und verspielt zu verkörpern.

Eine Großgruppenaufstellung mit verteilten Rollen lädt ein, bewusst zu fühlen, wie sich Opfer-Täter/in-Dynamiken in Gruppen auswirken und welche Rolle wir annehmen. Nicht zuletzt verwenden wir Seile – Tools der Integrativen Körperpsychotherapie – als Grenzen, weil das neue Gefühle im Umgang mit eigenen und fremden Grenzen ermöglicht. Das Seminar „BDSM/Playing by Heart“ bietet die Möglichkeit, BDSM als liebevolle Begegnung und spannende Entwicklungsmöglichkeit kennenzulernen. Gelehrt wird achtsame Berührung als Basis.

In angeleiteten und freien Sequenzen erforschen wir Haltungen authentischer Dominanz und Hingabe. Geben ehrliches Feedback: Was war gut? Was war nicht gut? Was habe ich dabei Neues über mich gelernt? Wir erfahren Intimität als das tief empfundene Gefühl „Ich fühle mich gesehen und angenommen, wie ich bin.“ So wird das Seminar zur spannenden Reise ins Herz von BDSM, zu unserer eigenen Kraft, Kreativität und Lebendigkeit. Meine Seminare schaffen einen sicheren, vertrauten Raum, wo alle Gefühle Platz haben – auch endlich mal unsere Wutkraft – und als Geschenk an uns selbst gefeiert werden können. Wir lernen, eigene und fremde Grenzen und Gefühle bewusst wahrzunehmen, wertzuschätzen und entspannt zu kommunizieren. Auch das Relaxen kommt nicht zu kurz.

Selbstermächtigung

„Erleuchtung erlangen wir nicht, indem wir das Licht imaginieren, sondern im Erforschen des Schattens“, meint C.G. Jung. Mein Angebot begreift sich als Teil einer partnerschaftlichen Kultur, in der Männer und Frauen mit ihren Herzen, Abgründen und mit den Quellen ihrer Kraft verbunden sind. Im Idealfall haben sie ihre kollektiven Schmerzkörper geheilt und miteinander versöhnt, damit sie sich in Liebe und auf einer neuen Ebene begegnen können.

2 Responses

  1. anonym
    Jaja, lebe jedes Gefühl aus...setze dir keine Grenzen...

    Da könnte ich jeden Schwachsinn nehmen und als „zu sich finden“, „im Einklang mit sich sein“ oder „in Kontakt mit allen Gefühlen sein“, „heilig/ganz sein“, „lebe Deine Gefühle und unterdrücke sie nicht“ usw. usw. darstellen. Nur mal einige Beispiele:
    Sodomie: entdecke Deine dunkle Seite und sei mit ihr im Einklang oder lebe auch körperliche Liebe jenseits der Art…(gibt übrigens den Film von Woody Allen, in dem Gene Wilder seine Frau mit einem Schaf betrügt)
    Sadismus: tobe dich lustvoll aus, aber sei dir immer deiner Verantwortung und Liebe bewusst, denn du bist Teil der göttlichen Liebe.
    Oder: die Herren im alten Griechenland waren doch jungen Knaben zugeneigt; lass dich gehen und überschreite in Liebe und Hingabe alle Altersunterschiede…
    Orgasmus der anderen Art: hänge dich mit einem Gürtel an die Türklinke und fühle in tiefer Extase jede Zelle deines Körpers oder vielleicht sogar Erleuchtung…
    Lebe deine Yang-Kraft: züchtige deine Frau, wenn dir danach ist, denn du bist das Zentrum deiner Welt (naja, Gründe könnte man wohl auch aus dem einen oder anderen Religionsbuch nehmen)
    Also wirklich, man sollte aufpassen, dass nicht jeder kranke Müll am Schluss auf irgendeine Art in positivem Licht dargestellt wird, was übrigens über das geschriebene Wort sehr gut geht. Das Falsche wird mit Argumenten, die sich ja im Grunde genommen nicht nur gut anhören (ganz sein, heilig, tiefe Berührung, breites Spektrum, Hingabe, nicht unterdrücken, etc.etc.), sondern in anderem Kontext völlig zutreffend wären, plausibel, fast schon schmackhaft gemacht und logisch erklärt. Wenn man nicht aufpasst beim Lesen, ergibt es oft irgendwie Sinn. Weshalb ich empfehle solche Text immer mehrmals durchzulesen und ab zweiten Mal das Hirn einzuschalten. (Achtsamkeit…wachsam sein..;-))
    Aber:
    wenn nun zwei so etwas in gegenseitigem Einverständnis tun wollen, so können Sie dies (von mir aus) machen…Nur hört mir in deisem Kontext bitte mit dem ganzen „entdecken, gut, heilig, grenzelos, loslassen, usw.“ auf. Muss ja nicht alles schöngeredet und salonfähig gemacht werden. Die „Schönrederei“ sollte man sich meiner Meinung nach sparen…sonst kann ein Mörder seine Mordsgelüste dem Rest der Welt nicht nur für IHN stimmig darstellen, sondern auch noch so rüberbringen, dass die anderen diese Anteile auch „entdecken“ sollen, um ganz zu sein…;-)
    By the way: ich habe selber schon Frauen erlebt, die geschlagen werden wollten während dem Sex. (habe also nicht alleine hinter dem Mond gelebt)

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  2. anonym
    Nichts für mich

    Vielleicht ist das ja was für andere. Aber als jemand, der noch immer mit seiner langjährigen Pornosucht zu kämpfen hat, ist es nichts für mich. Ich bin froh, mich langsam wieder zu einer gesunden Sexualität – ja, „gesund“ im eher konservativen Sinn – hinzuarbeiten, die nicht von unserer Pornokultur geprägt ist. BDSM scheint momentan zu sprießen, wie der Erfolg von „Shades of Grey“ zeigte. Irgendwo las ich, dass sich darin die Sehnsucht nach alten Rollenvorstellungen manifestiere, wie sie in einer Zeit, in der sexuelle Vielfalt nicht toleriert, sondern zelebriert wird, als überkommen gelten. Da könnte was dran sein.

    Seelische Schmerzen, Opfer-Täter-Dynamiken – ja, alles muss sensibel aufgearbeitet werden. Und es heißt „Liebesspiel“, aber meine Sexualität will ich dennoch gerade nicht als Spielweise für derartige seelische Verschüttungen gebrauchen… sie ist kein Spiel in dem Sinn, und in BDSM-Form vielleicht ein Spiel mit dem Feuer.

    Persönlich frage ich mich immer, wie meine Sexualität aussähe, wenn ich nie Pornos zu Gesicht bekommen hätte. Auf die Idee, BDSM zu praktizieren, käme ich sicher nicht. Davon, dass Pornos Gift für die Seele sind (wenigstens für den Konsumenten), bin ich mittlerweile überzeugt.

    Dennoch bleibe ich liberal, indem ich zugebe, dass mein Beitrag recht subjektiv ist. Letztes Jahr eröffnete mir eine Dame beim ersten Date, dass sie nicht Single, sondern in einer offenen Beziehung sei, und einige Tage später löste das bei mir einen richtigen Nervenzusammenbruch aus, bei welchem ich mich buchstäblich als „von allen guten Geistern verlassen“ erlebte und mich mit etwas konfrontiert sah, was sich wohl als Urschmerz attestieren ließe. Die Frage, inwiefern die Gefühle, die ich auf sie projizierte, angemessen oder unangemessen waren, konnte ich mir noch nicht beantworten…

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