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Keine Götter neben mir …



Fetisch – ein verruchter, oft abfällig belächelter Tabubereich, hinter dem sich in Wahrheit eine immense Grauzone befindet, die sich bis in die alltäglichsten Schlafzimmer zieht. Bondage? Die Fesselung des Partners? Die meisten schrecken zunächst sofort vor dieser Vokabel zurück. “Ieeh… Ich? Nein… Niemals…, aber meine Freundin, die fessele ich manchmal … nur ein wenig mit dem Bademantelgürtel…”

Nicht nur Lack, Leder, Gummi, schöne Stiefelchen oder die Füße selbst treiben die Menschen um. Fetischgegenstände können in Verbindung mit dem sexuellen Aspekt spirituell, fast sakral besetzt werden. Der Mensch hat die Neigung, um alles, was ihn emotional bewegt, Riten zu schaffen, an denen er festhalten kann. Aber abgesehen von dem (durchaus realen) Klischee des großen Firmenmanagers, der sich vor dem geistigen Burnout nicht mittels Meditation rettet, sondern anbetend vor den Füßen einer dominanten Frau, seiner Göttin, liegt und sich so von jeglicher alltäglichen Bürde befreien und gänzlich ins Nirvana der reinen Gefühlswelt fallen lässt, bietet diese gesellschaftlich tabuisierte Welt noch tausend andere Facetten.

Der Fetisch wird gesellschaftsfähig

Für manche ist es ein bloßes Hobby, für viele wiederum bietet der Fetisch, oder der Raum, den sie sich dort schaffen, eine fast religiös anmutende Freiheit des Geistes. Der geliebte, angebetete, Erfüllung verheißende Fetisch (und oft in diesem Zusammenhang auch kontrollierter und lustvoller Schmerz) bietet Halt, Geborgenheit und absolute Hingabe – wenn man ihn, und das ist ja immer im Leben so, mit dem richtigen Partner ausübt. In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben vermehrt Aspekte der immens großen und durch unzählige Subkulturen geprägten Fetischwelt ihren Weg in den Mainstream unserer Medienwelt gefunden. Jugendliche tragen daran orientierte Kleidungsstücke, und immer öfter spielt die Werbeindustrie mit diesen Motiven. Werbeikonen, gekleidet in eng geschnürte Korsetts, Frauen, die diabolisch lächelnd eine Zigarette rauchen und gleichzeitig mit engelhafter Verheißung ihren Fuß in den Nacken des am Boden Knieenden drücken, Models in bizarren Kostümen aus Lack und Leder…

Japanisches Bondage – keine neumodische Erfindung

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Softes – also harmloses – Bondage ist scheinbar für viele Neulinge der erste Schritt in die große Welt der ausgelebten Sexualität oder zum Aufpeppen des langweilig und unscheinbar erscheinenden Liebeslebens. Neben den allgemein bekannten Fesselungstechniken des Bondage, die so ziemlich jeder kennt (und deren “Instrumentarium” zum Teil auch heimlich besessen wird) wie zum Beispiel (Plüsch-)Handschellen, Fesselriemen usw. existiert in Japan eine seit dem Mittelalter bekannte Tradition der Fesselung, “Shibari” genannt. Shibari bedeutet soviel wie “binden” bzw. “weben”. Diese erotische Form der Fesselung hat sich aus einer jahrhundertealten militärischen Fesselkunst, dem sogenannten “HojÙjutsu” (die Kunstfertigkeit des mit dem Seil Bindens) entwickelt. Ursprünglich wurde diese Fesseltechnik von den Samurai genutzt, um Feinde außer Gefecht zu setzen, sie ruhig zu stellen, verschnürt transportieren zu können, aber auch zur Folterung und teils wohl auch zur Hinrichtung. Es entwickelten sich sogar verschiedene Schulen (“ryu”) mit unterschiedlichen Stilen. Mit der Komplexität der Fesselungen wuchsen auch die Fertigkeiten, sich aus solchen Konstrukten zu befreien, zum Beispiel durch absichtliches Auskugeln der Schultergelenke oder Ähnliches.

Auch gesellschaftliche Aspekte nahmen hierauf Einfluss, so wurden Gefangene je nach sozialem Stand mit verschieden Seilfarben und Fesselungen versehen. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Anwendung der komplizierten Knotenkunst und fand ihren Eingang in die Schlafzimmer Japans. Der menschliche Leib wird umfasst, gefesselt nicht nur im physischen Sinn. Es existieren unterschiedlichste Shibari-Techniken, angefangen bei simplen Knoten bis hin zu Ganzkörperkunstwerken mit Aufhängung der gefesselten Person. Die Fesselung dient auch zur Betonung primärer und sekundärer Geschlechtsorgane. Traditionell werden hierzu immer noch – meist rote – geölte Hanfseile genutzt.
Japanisches Bondage ist keine neuzeitliche Erfindung unserer von platter Pornographie heimgesuchten Sexualkultur. Im Shibari ist die Hingabe, der Genuss, natürlich auch die Gier und das Ertragen von Schmerzen mit künstlerischer Ästhetik und Kunstfertigkeit verwoben.
Übrigens, so ungewöhnlich ist der Schmerz auch in unserer christlich geprägten Kultur nicht, diente die (Selbst-)geißelung doch in früheren Zeiten dazu, das Fleisch zu reinigen. 

Weiterführende Links und Quellen:
www.bondageproject.com
www.datenschlag.org
http://de.wikibooks.org/wiki/Shibari
http://de.wikipedia.org/wiki/Shibari

Fotos: Matthias T. J. Grimm – www.bondageproject.com

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