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Eine kurze Autobiographie

Die Ignoranz und Angst, die mit dem Thema Sex verbunden waren, weckten als junges Mädchen mein Interesse. Als ich dann herausfand, wie toll Sex ist, machte er mich verrückt. Ich verlor meine Jungfräulichkeit mit 17 Jahren und dachte: „Das ist toll, jeder sollte das kennen. Wie kommt es, dass dafür nichts getan wird?“

Ich verbrachte viele Jahre damit, in Manhattans ‚perversen’ Sex-Clubs eine Menge sexueller Dinge zu erforschen ebenso wie in meinen Rollen in hunderten von Hardcore XXX-Filmen, durch die ich einen fast legendären Status erreichte und Titel erhielt wie „Mutter Theresa des Sex“, „Shirley MacLaine des Schmutzes“ und „Renaissance-Frau des Pornos“. Als Exhibitionistin, die für alles zu haben war, posierte ich für alle Sex- und Fetischmagazine, die es gab. Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich sehr kreativ und offen war. So war meine Arbeit als Pornostar und Prostituierte mehr als purer Sex. Ich glaube, dass alle Prostituierten heilig sind, aber eine heilige Prostituierte zu sein, bedeutete für mich, mir der heilenden Aspekte der Sexualität bewusst zu sein. Ich achtete mich, meine Arbeit und meine Kunden sehr. Ich fühlte mich als Lehrerin, Mutter, Liebhaberin und Heilerin.

So habe ich mich zu einer „Post-Porno-Modernistin“ entwickelt und gestalte meine eigene Marke feministischer und sexueller Medienprodukte. Meine damaligen Ein-Frau-Shows waren z. T. autobiographisch, z. T. eine Parodie auf die Pornoindustrie, teils Sexualkunde und auch sexual-magische, eks-tatische Rituale. Sie waren kontrovers, kraftvoll und populär und ein fortschrittlicher Weg, um die heiligen und heilenden Aspekte der Sexualität zu verbreiten.

Wenn ich im Zustand sexueller Ekstase bin, fühle ich die höchste Einheit, fühle ich mich am meisten mit dem verbunden, was ich wirklich bin – meinem göttlichen Selbst. Ich fühle größten Frieden und größte Liebe. Ich war in Ashrams, ich habe spirituelle Übungen gemacht und fühlte mich nie so spirituell wie in sexueller Ekstase. Nach 22 Jahren, in denen ich mein Leben dem Sex und der sexuellen Arbeit gewidmet hatte, bin ich zu einer Expertin geworden. Ich habe 300 Artikel über dieses Thema verfasst und ein Buch mit dem Titel „Annie Sprinkle: Post Porn Modernist“ veröffentlicht. Ich produzierte und führte Regie bei Videos, einschließlich des lesbischen Klassikers „Der Schlampen- und Göttinnen-Video-Workshop” oder „Wie werde ich zur Sex-Göttin in 101 einfachen Schritten“.
Ich wurde von Museen, Universitäten und Heilzentren zu Vorträgen und Trainings eingeladen, auch von so angesehenen Institutionen wie der Columbia-Universität, dem Museum of Modern Art und dem Wise Woman’s Center, New York University.

15.jpg Als sich mein Liebhaber nach der Hälfte meiner Karriere mit AIDS infizierte, änderten sich meine Ansichten über Sex radikal (obwohl ich nie angesteckt wurde). Dadurch, dass ich Safer Sex praktizieren musste, erkannte ich, dass es nicht nur um das Zusammenkommen zweier Körper geht und um die elektrisierende Umarmung der Genitalien, sondern auch um den Austausch von Energie. Die Konsequenz war, dass ich meine Arbeit darauf ausrichtete, Heilung, Wohlbefinden und spirituelles Wachstum durch meditative sexuelle Vereinigung zu erzielen. Ich durchlief eine Metamorphose zu der multidimensionalen Inkarnation Anya, deren Ziel es war, zur Quelle der orgiastischen Energie vorzudringen, und die von den Archetypen der heiligen Prostituierten und der Göttin inspiriert wurde.

 1990 lernte ich Dieter Jarzombek kennen, das war ein großer Schritt für mich. Die Arbeit mit ihm eröffnete mir so viele tiefe und spirituelle Einsichten, dass eine ganz neue Ebene (göttlicher) Realität auftauchte. Es war, als hätte er mich durch ein Tor in meinem Herzen geführt, das ich mir vorher nicht erträumt hätte.
Auf der Suche nach neuen Wegen, wie ich mein Wissen teilen und für mehr Frieden und Liebe arbeiten könnte, interessierte ich mich für die akademisch wissenschaftlichen Bereiche. 2002 erhielt ich meinen Ph.D. (Doktor der Philosophie) in Menschlicher Sexualität beim Institute for Advanced Study of Human Sexuality in San Francisco. Jetzt bin ich geprüfte Sexologin und der erste Pornostar der Geschichte, der einen Ph.D. hat. Das Thema meiner Dissertation war „Bereitstellung von Bildungsmöglichkeiten für erwachsene Industriearbeiter“.

Zur gleichen Zeit verliebte ich mich in Beth Stephens. Das Lieben und Leben mit ihr eröffneten mir völlig neue Seins-Qualitäten. Mit ihr erschuf ich das Love Art Laboratory, in dem wir multi-disziplinäre Projekte über das Thema Liebe realisieren wie Theater, Vorträge, Performances, visuelle Kunst, Gedrucktes und Hochzeiten. Dieses Projekt war unsere Antwort auf die Gewalt, den Hass und die Bewegung gegen die homosexuelle Ehe. Das Leben mit Beth und unsere gemeinsame Arbeit sind eine ständige Quelle der Lust, Inspiration und Erleuchtung für mich.
Und ich erforsche immer noch die göttliche und heilende Kraft des Sex – bin immer noch begeistert von diesem Universum an Energie, Liebe und Weisheit …

Übersetzung: Susanne Matthiesen, Calumed e.V.

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