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Die politische Bedeutung der Sexualität

Als der US-Konzern Enron vor zwei Jahren das indische Elektrizitätsmonopol kaufen wollte, schickten seine Strategen eine 26-jährige blonde Frau mit Minirock in den Verhandlungsmarathon. Ihre Verhandlungspartner hatten überhaupt keine Chance, sie wurden über den Tisch gezogen, das indische Volk muss die Konsequenzen tragen. Rebecca Wall wurde nachher gefragt, ob sie ihre Reize absichtlich eingesetzt hatte. Sie sagte ungerührt: Ja, natürlich.

Eros ist eine Weltmacht. Ob sie im Sinne der Ignoranz genutzt wird wie oben oder im Sinne einer umfassenden Humanität, kam schon immer auf die Stellung der Frauen an. Nehmen wir zum Beispiel Babylon. Dort wurde der König durch das Ritual der Heiligen Hochzeit inthronisiert. Der angehende Herrscher auf Zeit musste sich als würdig erweisen, indem er Inannas Stellvertreterin sinnlich und zärtlich liebte. Nur ein Mann, der reif und vital genug ist, eine starke Frau sinnlich zu lieben, galt als in der Lage, mit Macht umzugehen, ohne zu herrschen. Nur der Mann, der das weibliche Begehren ehrt und nicht fürchtet, erfährt, wie sich der Leib in Frieden verausgaben kann und wie man die Lebensenergien zum Strömen bringt – ohne Gewalt.

Heute vermählen sich Herrscher nicht mehr mit dem Eros, sondern mit dem Kapital. Sexualität dagegen gilt als Privatangelegenheit.
Was für ein Wahnsinn! Gibt es etwas, das weniger privat wäre als Sexualität? Sexualität ist Gaias tiefster Traum. Ihr Traum von zwei gleich starken Hälften Mann und Frau, zwischen denen sich das Leben entfaltet. Sexualität ist die Art, wie die Natur arbeitet. Erde und Himmel, Licht und Materie, Meer und Ufer, Bewegung und Stillstand, Yin und Yang. Männlich weiblich. In diesen polaren Gegensätzen und ihrer gegenseitigen Anziehung und Abstoßung spannt sich das Magnetfeld des Lebens auf. Steht dieses Magnetfeld, sind also beide Pole gleich stark, dann strömt Energie hinein.

Sexualität ist eine schöpferische Macht

Sie bedient sich unserer Polarität als Frauen und Männer, um zu fließen. Eros ist Anziehung über alle Gegensätze hinweg, der Versuch des Lebens, Trennungen zu überwinden in einer Kultur, die auf Trennung beruht. Die Macht dieser Anziehung ist gewaltig. Wir nehmen an ihr Teil, wenn wir spontan Lust empfinden – in einer völlig unpassenden Situation. Wir nehmen an ihr Teil, wenn uns auf einmal schüchterne Röte übergießt – ebenso wie in Onaniephantasien, bei denen wir gegen alle Paragraphen von Anstand und Menschenwürde verstoßen. Ist Eros also eine Schwäche?
Nein, er ist eine Weltmacht. Wer ihm gemäß zu leben lernt, befindet sich in tiefer Resonanz mit dem Leben. Es ist jederzeit möglich, die sexuelle Wahrnehmung einzuschalten. Machen wir das Experiment, jetzt. Wir werden z.B. wahrnehmen, wie unanständig die Gegenstände geformt sind, die sich um uns befinden, wie zweideutig fast jeder Satz ist, den wir sagen. Wir werden bemerken, dass Frauen und Männer im Raum sitzen, dass wir selbst Frau oder Mann sind, und schließlich die unsichtbaren Fäden des erotischen Interesses sehen, die sich im Raum aufspannen. Und da geht es schon los! Auf einmal ist man nicht mehr neutral. Wer in die sexuelle Wahrnehmung eintritt, verliert seine Coolness. Sexuell werden heißt, ein Risiko einzugehen.
Sexualität ist eine Macht, aber keine, die auf sicherem Stand beruht, sondern auf wackelnden Knien. Sexuell potent im umfassenden Sinne können wir nur werden, wenn wir lernen, beiseite zu treten und die kosmische Kraft wirken zu lassen. Wer hingegen lernen musste, nur durch eigene Kraft und Kontrolle durch die Welt zu gehen, muss das wieder verlernen. Er muss wieder lernen, sich hinzugeben. Nicht leicht zu schlucken für den kontrollierten Machtmenschen!
So vehement dieser Starkstrom des Lebens ständig durch uns durch fließen möchte, so kräftig wendet unsere Kultur einen Großteil der Kraft dazu an, diese Grundtatsache zu leugnen und die Dinge in den Griff zu kriegen. Verdrängung ist die Basis für unser gesellschaftliches Zusammenleben und unseren Umgang mit allem Lebendigen; Ignoranz gegenüber dem Starkstrom des Lebens.
Nichts gegen Sublimierung. Als produktive Umlenkung der sexuellen Energien ist sie ein Kulturgewinn. Kochen mit erotischer Energie ist wunderbar; die stärksten Kunstwerke entstehen so. Sublimierung erlaubt, ein erotisches Leben zu führen auch in Zeiten, in denen wir keinen Sex machen.

Die Verletzung des Eros

Frei fließende Sexualität braucht gleich starke Pole, sie braucht Freiwilligkeit, Partnerqualität. Wenn aber ein Geschlecht seine Identität verliert, wenn es so verletzt wird, dass es verstummt, kann diese Energie nicht fließen. Das ist geschichtlich geschehen. Frauen wurden mit Gewalt ihrer Identität beraubt. Die Frau ist nicht mehr bei sich zu Hause, sie lebt in einer fremden Welt. Die polare Kraft wurde zerstört, die Sexualität verletzt. Das trifft auch den Mann. Welche Männer können in Ruhe und Zärtlichkeit den Starkstrom der sinnlichen Liebe erfahren? Jeder Mann kennt die ein oder andere Form der Impotenz – vielleicht da, wo er gerade am liebsten können würde. Der Mann hat seine Fähigkeit verloren, das Weibliche mit seinem Körper zu lieben und zu verehren, sagt der australische Meditationslehrer Barry Long. Er hat dadurch seine wahre Autorität verloren. Die Liebe zur Frau sieht er als einzige Autorität, die der Mann über sie haben kann. Das ist die reale Situation aller Männer, auch derer, die regieren, die über unser Leben entscheiden. Wo der Starkstrom der Sexualität, diese friedliche Form, große Energien durch uns hindurch zu leiten, nicht fließen darf, sucht der Leib nach anderen Möglichkeiten, Energie zu verausgaben. Er findet sie in der Gewalt. Gewalt ist die Eruption blockierter Lebensenergien. Gewaltphantasien sind ein starkes Aphrodisiakum – bei Männern und Frauen! Die Unfähigkeit der Geschlechter, sich zu lieben, der Geschlechterkampf, ist die untergründige Realität, die heimlich die Bahnen vorbereitet, denen die Politik und äußeres Geschehen dann folgen. In Kriegen und Ekszessen wird diese untergründige Realität dann entfesselt.

Wer für den Frieden ist, muss den Krieg in der Liebe beenden

Nicht nur Kriege, auch Politik und Wirtschaft heute wären so nicht möglich, wenn Sexualität als fliessende Kraft zwischen zwei gleich starken Polen nicht so lange und so komplett ignoriert worden wäre. Der heutige Kapitalismus beruht auf der Entwürdigung der Quellen des Lebens, die ursprünglich heilig waren und zur Göttin gehörten: Die Erde und die Schöpfung, die Frauen und die Sexualität. Im Patriarchat wurden die heiligen Dinge für schmutzig erklärt. Seitdem werden sie als Sache behandelt und beliebig ausgebeutet – ihr Reichtum bildete den Mehrwert, die Basis jedes wirtschaftlichen Wachstums. Patriarchalen Kapitalismus kann man auch definieren als die Weigerung, die partnerschaftliche Qualität des Lebens zu akzeptieren.
Wie mag das aus Sicht anderer Kulturen ausgesehen haben? In Neuseeland stehen überall im Land Tikkis, riesige geschlechtslose Götterdarstellungen der Maori. In Museen aber finden sich Bilder der ersten Tikkis: Gigantische Phalli bei den Männern, die Frauen hatten eine Vagina. Die schamhaften Engländer hatten den Steingöttern die männlichen Genitalien abgehackt. Die Maori haben dann auch selbst nur noch geschlechtsneutrale Tikki hergestellt. Ich vermute, dass ihnen diese merkwürdige Ablehnung der Urtatsache des Menschen als das Geheimnis von Kriegerkraft, von Macht und Brutalität erschienen sein musste. Und damit hatten sie gar nicht so unrecht.
Die Globalisierung ist die letzte Stufe des Kapitalismus. Wir erleben den zeitgeschichtlichen Versuch, eine Welt ohne Eros schaffen, eine geschlechtsneutrale, in Laboratorien generierte Welt, in der es keine Pole, kein Gegenüber gibt, eine klinisch saubere, computerisierte, sinnlich verarmte Welt, in der sich niemand mehr aufs Glatteis seines Begehrens begeben muss.
Dieser Versuch geht einher mit einer ununterbrochenen Berieselung durch sexuelle Symbole durch Medien und Werbung, mit einem ständigen aufgeladenen Gerede über Sex in der Öffentlichkeit – während die tatsächliche Lust sinkt, wie die neuen Sexualreports beweisen. Ich suche den Virus, den wir in dieses System schleusen können. Wie wäre es mit Eros als subversivem Kulturimpuls? Nein, das stelle ich mir nicht so vor wie bei Rebecca Wall. Sie handelte nicht im Namen ihrer Macht, sondern als Sklavin eines Systems, das – wie sie sicher noch erfahren wird – bestimmt nicht ihren Interessen entspricht. Nein, ich stelle es mir subtiler vor und gleichzeitig mächtiger: eine politische Bewegung mit Menschen, die den Eros bei sich tragen in Form von sinnlicher Freude und sinnlichem Wissen. Orte auf der Erde, wo eine freudige Atmosphäre zwischen den Geschlechtern erfahrbar ist. Wo man riechen, schmecken, sehen kann, dass ein anderes Leben möglich ist – auch sexuell.
Ich glaube nicht, dass wir die heilige Hochzeit wieder installieren. Aber wir sollten dafür sorgen, dass in den politischen Schaltstellen Menschen sitzen, die die partnerschaftliche Qualität des Lebens kennen, die das andere Geschlecht lieben und verehren. Friedensarbeiter und Politiker brauchen die Visionskraft, die aus Kenntnis, Liebe und Zärtlichkeit für das andere Geschlecht kommen.
Bei allem, was es zu tun gibt, um die Sexualität zu heilen, können wir davon ausgehen, dass die Göttin mithilft. Die sinnliche Liebe ist ihr Traum. Je besser er geträumt wird, desto eher können wir eines Tages an ihre Stelle das göttliche Paar zu setzen: Göttin und Gott.

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