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Die spirituellen Hintergründe des Sexismus und ihre Auflösung durch die seelische Liebe. Ein Gedankengang von der Oberfläche zum Wesentlichen.

Sexismus-Tratsch: Was ist diskriminierend?

Die „Sexismus-Debatte“, die ganz Deutschland in Atem hält, wenn man den sogenannten Leitmedien glauben darf, ist zunächst eines dieser unsäglichen Geschehnisse, über die schon Henry David Thoreau vor genau 150 Jahren schrieb:
„Nicht ohne ein leichtes Schaudern vor der Gefahr bemerke ich oft, daß ich nahe daran war, die Details irgendeiner kleinlichen Affäre in meinen Geist einzulassen – Nachrichten von der Straße; und ich bin erstaunt zu sehen, wie gerne die Menschen sich mit solchem Unrat belasten – müßige Gerüchte und Vorkommnisse der unbedeutendsten Art in ein Gebiet eindringen zu lassen, das ein Heiligtum des Gedankens sein sollte.“

Die Schlagzeilen der heutigen Zeit entfremden den Geist seiner selbst und zwingen ihn auf das trivial-gewöhnliche Sinnesleben hinab. Dennoch: Steigen wir in dieses Sinnesleben hinab und von da aus wieder hinauf…
Rainer Brüderle, der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, soll einer Journalistin in einer Stuttgarter Hotelbar während eines Gesprächs über das Münchner Oktoberfest mit Blick auf ihren Busen gesagt haben: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“.

Angeblich streitet nun also ganz Deutschland über die Frage, ob dies „Sexismus“ war oder nicht. Nun, tagtäglich werden unzählige Frauen in aller Welt durch Worte und Taten – ja schon durch Gedanken! – belästigt. Dies aber ist zugleich das eigentliche Kriterium: Fühlt sich eine Frau belästigt oder nicht? Und darüber hinaus: War die Äußerung diskriminierend gemeint? Oder war sie, selbst wenn sie gar nicht bewusst so gemeint war, dennoch diskriminierend?

„Diskriminierend“ bedeutet, dass man sich innerlich über den anderen Menschen erhebt – und zwar aufgrund eines Merkmals dieses Menschen, in diesem Fall aufgrund seines Frau-Seins (aber auch die Diskriminierung z.B. zwischen Vorgesetzten und „Angestellten“ ist heute eine tägliche Realität).

Das Problem ist, dass dieses Sich-Erheben über den anderen Menschen auch empfunden werden muss. Wenn in einer Gesellschaft dieses subtile (oder auch offene) Herabsetzen des Anderen eine Normalität ist, kann es sein, dass man gar nicht mehr bewusst bemerkt, was einem vielleicht täglich geschieht – oder was man vielleicht täglich tut.

Sexismus und das Spielfeld der Geschlechter

Kompliziert wird das Feld der Begegnung von Mann und Frau nun dadurch, dass es oft auch mit einer „Diskriminierung in gegenseitigem Einverständnis“ zu tun hat. Die Begegnung der Geschlechter ist oft auch ein Machtspiel bzw. ein Feld mit ganz bestimmten Verhaltensmustern. Es geht um Signale, um Dominanz, um Stärke und Schwäche, um Verführung, Eroberung, Lockung, Ablehnung, Attraktion, Zurückweisung und Versagung, neuerlichen Reiz…

Doch die Menschen sind verschieden, und es begegnen sich oft Menschen mit einer unterschiedlichen Sicht auf dieses Feld. Beginnt der eine Mensch das typische erotisch-sexuelle Spiel, obwohl der andere Mensch dies gar nicht möchte, so verletzt der erstere unmittelbar eine intime seelische Sphäre. Wenn er, dies erkennend, nicht unmittelbar auf die andere Ebene der wirklich reinen Begegnung von Mensch zu Mensch wechselt, übt er über den anderen Menschen Macht aus und handelt nicht menschenwürdig. Menschlich wäre wirklich nur ein Verhalten, dass die durch den anderen Menschen gezogene Grenze fraglos und unbedingt anerkennen kann.

Ein Problem ist nun aber auch, dass auf diesem Felde oft ganz bewusst Reize gegeben werden – die andererseits nicht auf jeden wirken sollen. Ein starker Mann kann Frauen, die ihn „nicht interessieren“, einfach stehen lassen. Doch was macht eine Frau, die von Männern bedrängt wird, die sie gar nicht „anziehen“ wollte? Das ist das Problem: Eine Frau macht sich so attraktiv wie möglich, aber die Attraktion soll natürlich nicht auf jeden Mann wirken, vielleicht nur auf einen… Natürlich wirken die Reize dennoch auf jeden Menschen, der sie wahrnimmt. Dementsprechend behaupten manche Männer, die eine Frau gegen ihren Willen bedrängen: „Sie wollte es doch.“

Die Herausforderung in der täglichen Begegnung der polaren Geschlechter ist es also, unerhörte Reize wahrzunehmen und dennoch die Fähigkeit zu besitzen, sie als etwas wahrzunehmen, was nicht einem selbst gilt. Im Grunde geht es um eine hohe Fähigkeit der Askese – um die Fähigkeit, jederzeit dem anderen Menschen wirklich als Menschen zu begegnen. Es geht darum, dem anderen das Recht zuzusprechen, seine Leiblichkeit so reizvoll wie möglich zu gestalten und zu zeigen, ohne dass man nach außen hin darauf reagiert. Gerade unsere „hochsexualisierte“ Welt zwingt den Menschen also dazu, sein Menschentum zu entwickeln! Andernfalls verhält er sich nur wie ein biologisches, von Hormonen und Instinkten bestimmtes Geschöpf, und die „Sexismus“-Debatte wird nie ein Ende haben…

Der alternde FDP-Politiker Brüderle hat gegenüber einer jungen Journalistin eine Aussage über deren Brüste gemacht. Kann man glauben, dass unter dieser Konstellation irgendeine Frau mit einer solchen Anzüglichkeit einverstanden sein könnte? Man kann es nicht. Die Worte, die Brüderle gesagt hat, haben definitiv etwas Herabwürdigendes. Und dennoch behaupten manche Verteidiger Brüderles, seine Worte seien als „Kompliment“ gemeint gewesen! Seine Parteikollegin, Frau Leutheusser-Schnarrenberger eilte ihm verbal zu Hilfe und war sich nicht zu schade, zu sagen: „Wenn ich auch ein Dirndl tragen kann und das steht mir gut, wo ist denn da die Beleidigung?“ Mit anderen Worten: Für sie ist es kein Problem, als Sexualobjekt angesprochen zu werden – und sie beansprucht für ihre Ansicht sogar noch Allgemeingültigkeit!

Die idealistische Liebe

Die ganze Debatte ist geradezu absurd für denjenigen, der das Wesen der idealistischen, romantischen Liebe kennt. Für einen solchen Menschen wäre es völlig undenkbar, sich mit irgendeiner Anzüglichkeit über einen anderen Menschen zu stellen. Er weiß, dass er sich durch solche Worte selbst herabwürdigen würde.

Idealismus bedeutet ein Erkennen und ein Wollen des Wesens – des höheren Wesens. Dieser Idealismus ist zugleich geistiger Realismus. Er hat innige Verwandtschaft mit der pistis, dem realen „Glauben“, der ein Wissen, ein Erkennen wird. Indem ich an das Schöne, das Wahre und das Gute in einem Menschen „glaube“ und es in ihm ganz real „sehe“, rufe und berühre ich eigentlich das höhere Wesen des anderen Menschen, in dem all dies eine Realität ist… Und wo es noch nicht offenbar ist, wird es durch meinen Ruf und meine Berührung offenbar werden wollen…

Das ist es, wovon Novalis sprach, als er schrieb: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Es geht hier nicht um unwirkliche Illusionen, sondern gerade um eine höhere Wirklichkeit, die eine wirkliche Realität ist! Von ihr wird man jedoch nur dann jemals etwas ahnen und erfahren, wenn man zu dieser inneren, aktiven Tat fähig ist: Einen Menschen – oder überhaupt jede menschliche Begegnung – zu „romantisieren“, zu „idealisieren“. Es geschieht dadurch etwas Reales. Und weil dies so ist, macht die Liebe nicht blind, sondern sehend…

Wer das Glück hat, eine so reine Liebe zu erleben, dass er das geliebte Wesen innig idealisiert, empfindet durch diese Liebe zu dem einen Menschen eine erste Ahnung vom Wesen des Menschen überhaupt. Denn nicht nur das höhere Wesen eines Menschen ist so schön, dass es gleichsam wie eine milde Sonne zu strahlen und zu wärmen scheint, sondern auch das höhere Wesen der anderen Menschen, wenn es genauso tief erkannt oder im Sinne Novalis „romantisiert“ wird.

Liebe zum Schönen der Seele

Selbstverständlich sind die irdischen Verhältnisse andere. Wir sind oft gar sehr weit entfernt von demjenigen Wesen, das wir sein könnten – und tief innerlich auch sein wollen. Das ändert aber nichts daran, dass auch dieses Wesen bereits jetzt eine Realität hat – jedoch noch keine irdische, offenbar gewordene. Für das Wesen des Menschen wachen wir jedoch erst auf, wenn wir dieses Mysterium zwischen realem (!) Ideal und Wirklichkeit, zwischen aktuellem und möglichem Sein, zwischen Unvollkommenheit und Sehnsucht, zwischen Gewordensein und Werdenwollen tief auf uns wirken lassen.

Die idealistische Seele möchte in der sie umgebenden Welt das Ideelle schauen, es in das Unvollkommene mit hinein-sehen, das scheinbar nur Gewöhnliche durchsichtig werden lassen für das Vollkommenere, Höhere.

Doch die Seele hat zugleich die Aufgabe, auch sich selbst zum Idealen zu erheben, sich dem Wahren, Schönen, Guten ähnlich zu machen. Das Idealbild des Mädchens, das der Mann sucht, ist in höherem Sinne die reine Seele – nicht nur die reine Seele eines idealen Mädchens, sondern die reine Seele des Menschen. Wird die Seele des Menschen rein, ehrfürchtig und demütig (in Bezug auf das Geistige), so wird sie geistig gesehen so innig schön wie eine „reine Magd“. So schön wie eine Jungfrau, wie die Königstochter des Märchens.

Dunkel empfindet der idealistisch Liebende diese Zusammenhänge von Anfang an – hat er doch den innigen Wunsch, sein eigenes Sein so edel wie möglich zu machen, um dem geliebten Wesen würdig zu sein; seine eigene Seele so schön zu machen, wie die Seele des geliebten Wesens es schon ist. Doch gerade diese Liebe zu der schönen Seele im anderen Menschen ist in letzter Hinsicht die Liebe zu der schönen Seele an sich. Und so kann der Mensch dazu kommen, seine Seele um ihrer selbst willen zu läutern – allenfalls aus Liebe zum Höchsten, zur göttlichen Welt selbst.

Auf diesem Weg der inneren Entwicklung wird die Seele also selbst das, was sie bisher nur außerhalb ihrer selbst geliebt hat. Ist aber die Seele in dieser Weise jungfräulich geworden, kann sich das andere Mysterium ereignen, das Geheimnis der Jungfrau, die Geistgeburt.

Die zweite Geburt des Menschen

Selbstverständlich sind dies Urbilder, sie beziehen sich auf das Wesen des Menschen, wo der Unterschied zwischen Mann und Frau ganz aufgehoben ist.

Andere Aspekte des zuvor Gesagten verwandeln sich aus Sicht einer Frau entsprechend. So wie der idealistisch liebende Mann sich nach der reinen Jungfrau sehnt, so sehnt sich die idealistisch liebende Frau nach dem edlen Ritter. Dies sind Imaginationen für verschiedene Aspekte der reinen Seele. Die reine Jungfrau ist Bild für die hingebungsvolle Andacht, die fromme Ehrfurcht, die reine Unbefangenheit einer sich dem Geistigen weihenden Seele. Der edle Ritter ist Bild für Selbstlosigkeit, Treue, Mut und Standhaftigkeit.

Mehr seelisch können wir das Bild der Jungfrau und des Ritters auch auf dasjenige beziehen, was die Einseitigkeiten ausgleicht, die das gewöhnliche Sein als Mann bzw. Frau mit sich bringen: Frauen haben eher das Gefühlvolle, Intuitive ausgeprägt, Männer eher das Gedankenklare, dafür oft Abstrakte, Gefühlsarme. Auch hier sind der Ritter und die Jungfrau Imagination für das Ergänzende: Die Klarheit – und das Weiche, Zarte..

Die Seele jedes Menschen ist dazu berufen, sich zum Geiste zu erheben. Hier strebt die Seele nach Vollkommenheit, hier hören die Unterschiede auf, hier endet die Trennung in Polaritäten, hier entwickelt sich die Seele zur Ganzheit, zum vollen Umfang der in ihr angelegten, bereits als Keim vorhandenen Fähigkeiten. Die Seele wird wieder das, zu dem sie eigentlich geschaffen ist: „männlich-weiblich“. Sie wird wahrer Mensch.

Dies ist die zweite Geburt. Die Geburt aus dem Fleische macht den Menschen zu Mann oder Frau – die Geburt aus dem Geiste lässt ihn „aus Gott“ geboren werden, hier löst sich alle Einseitigkeit auf…

Der Mensch ist alle Ding: ist’s, daß ihm eins gebricht,
So kennet er fürwahr sein Reichtum selber nicht.
(Angelus Silesius)

 

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