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Die Illusion einer freien Wahl


“Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist”, orakelt eine alte Volksweisheit. Demnach sind unsere Beziehungen kein Zufall: Wir ziehen genau die Partner an, die zu unseren eigenen psychischen Strukturen passen.

Viele Menschen haben in ihrer Kindheit irgendein Drama erlebt, welches schmerzhafte Eindrücke in ihrer Psyche hinterlassen hat. Da sie es damals nicht verarbeiten konnten, haben sie es verdrängt. Doch gerade Verdrängtes beeinflusst aus dem Unbewussten heraus unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen – so lange, bis das einstige Geschehen wieder gefühlt und integriert worden ist. In der Regel sind verdrängte Inhalte aber auch noch für Erwachsene so beängstigend, dass sich Widerstände gegen eine Bewusstmachung regen. Eine Form dieser Abwehr ist die Projektion. Die verdrängten Anteile werden hierbei nach außen projiziert.
Das bedeutet: Wir können einige unserer – vor allem ungeliebten – Anteile nicht wahrnehmen, sondern wir “entdecken” diese  vielmehr bei einem anderen Menschen. Womöglich empören wir uns über dessen Verhalten – vollkommen blind dafür, dass uns gerade jene Eigenschaft selbst zu Eigen ist.
Als “Leinwand” für solche Projektionen eignet sich besonders der Partner in einer Paarbeziehung.
Von daher könnte jeder Partner in seiner Spiegelfunktion sehr zu unserer Selbsterkenntnis beitragen. Denn bei ihm können wir am ehesten all das erkennen, was wir bei uns selbst nicht wahrzunehmen vermögen.

Die fiktive Kontaktanzeige

Mit einer einfachen Übung lassen sich wichtige Informationen über die eigene Person gewinnen, die die oben aufgestellte Behauptung verständlich machen. Hierzu müssen als erstes all die Eigenarten aufgelistet werden, die beim Partner am meisten stören. Man kann diese Liste auch mit den als abträglich erlebten Eigenschaften früherer Partner ergänzen. Hat man auf diese Weise eine ausreichende Anzahl missliebiger Eigenschaften zusammengetragen, so kann man damit nun eine fiktive Kontaktanzeige formulieren. Hier ein extremes Beispiel:

Ich suche einen Partner, der unzuverlässig ist und sich gehen lässt. Er sollte möglichst aggressiv sein und wenig Interesse für mich zeigen. Vor allem sollte er liebesunfähig sein.

Die betrübliche Erkenntnis dieser Übung ist, dass man genau die Anzeige, die durch die Übung entstanden ist, ursprünglich einmal tatsächlich aufgegeben hat. Nicht mit Tinte auf Papier und natürlich auch nicht bei einem Zeitungsverlag. Vielmehr hat man unbewusst nach einem Partner Ausschau gehalten, dessen spezifisches Verhalten einen Reifegrad widerspiegelt, der ungefähr dem eigenen entspricht. Denn eine Beziehung kommt nur mit Partnern zustande, die sich auf einem annähernd ähnlichen Entwicklungsniveau befinden. Anderenfalls würde sich die Beziehung schnell wieder auflösen. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die Partner in einer Partnerschaft hinsichtlich ihrer psychischen Reife immer “ebenbürtig” sind, auch wenn sich dies ganz unterschiedlich äußern mag.
So unerfreulich das Ergebnis dieser Übung für manche auch immer ausgefallen sein mag, so ist die damit einhergehende Erkenntnis doch sehr förderlich: Denn sobald sich jemand dieser Zusammenhänge bewusst wird, beginnt bei ihm bereits ein Veränderungsprozess. Solange diese Bewusstwerdung noch nicht möglich ist, wird er – trotz aufrichtig gemeinter gegenteiliger Beteuerungen – immer wieder entsprechende Partner anziehen. Der Mensch kann es nämlich keineswegs kontrollieren, in wen er sich verliebt und wen er sich als Partner “auserwählt”.

Partnerwahl ist keine Partner-Wahl

Die Bezeichnung “Partnerwahl” ist grundsätzlich irreführend, denn nach den derzeitigen Erkenntnissen gründet sich diese “Wahl” auf keine freie, bewusste Entscheidung. Vielmehr sind an der “Wahl” eines Partners im Wesentlichen unbewusste Mechanismen beteiligt. Im Kindesalter werden wir auf das Bild der uns nahestehenden Menschen geprägt. Dadurch reagieren wir unser ganzes Leben lang auf Menschen, die diesem Bild ähneln.
Spätestens seit Konrad Lorenz aufgrund seiner bekannten Studien mit Graugänsen und Enten die Auswirkungen früher Prägung bei Lebewesen nachweisen konnte, wissen wir, dass bestimmte Merkmale von Menschen, auf die wir unser erstes – sexuelles – Interesse richten, auch später mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Anziehung auf uns ausüben werden. Das bedeutet, dass meist nach einem Partner Ausschau gehalten wird, der von der psychischen Struktur her den Eltern gleicht.
Auch die eigenen psychischen Strukturen – sowie die damit verbundenen unbewussten Konflikte – spielen eine zentrale Rolle. In erster Linie fühlen wir uns immer dann zu einem fremden Menschen hingezogen, wenn er uns in irgendeiner Hinsicht gleicht. Wenn der andere in uns etwas berührt und somit eine Resonanz auslöst, entsteht das Gefühl der Gewissheit: Das ist er! Das ist die Person, auf die ich immer gewartet habe.
Häufig wird auch ein Partner “gewählt”, der in Bereichen, in denen eigene Tendenzen zur Entfaltung drängen, bereits entwickelter ist. Denn sobald ein Partner die eigenen Ideale bereits verwirklicht hat, übt er damit eine Vorbildfunktion aus. Bislang noch latente Eigenschaften können durch die Verbindung mit ihm müheloser an die Oberfläche gelangen. In diesem Fall hat der Partner die Funktion eines “Entwicklungshelfers”.

Die Fähigkeit sensibler Wahrnehmung

Äußere Merkmale der Partner spielen meist eine untergeordnete Rolle. Wir haben zwar ein eingespeichertes Raster, nach dem wir beispielsweise Gesichter beurteilen. Doch im Wesentlichen reagieren wir auf psychische Komponenten. Diese nehmen wir unbewusst durch die Signale auf, die andere aussenden. Hierbei wird eine untrügliche Intuition wirksam. Mit unserem sensiblen Wahrnehmungsapparat können wir fast augenblicklich alles von unserem Gegenüber wahrnehmen. Bereits beim ersten Zusammentreffen werden in kürzester Zeit alle relevanten Informationen in Erfahrung gebracht. Der erste Eindruck erweist sich deshalb oft als erstaunlich treffsicher. Wir sind uns gar nicht darüber im Klaren, dass es uns tatsächlich möglich ist, in den ersten Minuten nicht nur Vordergründiges, sondern den ganzen Menschen zu erfassen. Sein Sprechverhalten, seine Körpersprache und seine Reaktionen bilden insgesamt eine Melodie, auf die wir schneller reagieren, als wir sie gedanklich erleben und in Worte fassen könnten. Der Beweis dafür sind Partnerschaften, die aufgrund von “Liebe auf den ersten Blick” entstanden sind. Sie unterscheiden sich in keiner Weise von jenen, die aus einer allmählich entstandenen Verliebtheit hervorgegangen sind.

Konfliktlösung durch Bewusstheit

Wer die Mechanismen gegenseitiger Anziehung erkannt hat, bleibt nicht länger in gegenseitigen Schuldzuweisungen gefangen. Im Falle eines anhaltenden Paarkonflikts kann sich fortan jeder die Spiegelfunktion des Partners vor Augen halten und sich daran erinnern, dass durch das Verhalten des Gegenübers lediglich eigene innere Anteile gespiegelt werden. Mit diesem Wissen brauchte niemand mehr seinen Partner anzufeinden.
Schließlich würde man denjenigen für unzurechnungsfähig halten, der plötzlich sein Spiegelbild beschimpft, nur weil es ihm zeigt, dass er etwas auf der Nase hat, was dort nicht hingehört. Bei einem “richtigen” Spiegel ist man froh, durch die von außen kommende Information die Möglichkeit zu erhalten, willkommene und unwillkommene Aspekte eines ansonsten unsichtbaren Bereichs wahrnehmen zu können.
In gleichem Maße müsste sich jeder der Spiegelfunktion seines Partners bewusst werden. Diese Bewusstwerdung würde eine momentan noch unvorstellbare Wandlung in Paarbeziehungen bewirken. Statt sich über den Partner zu beklagen, würde man ihn plötzlich mit anderen Augen sehen, in dem jeweiligen Wissen, dass dieser mit seinem Verhalten wichtige Informationen über die eigene Person bereithält. Auch wenn einem diese nicht immer gefallen.


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Ihr neues Buch: Der andere ist nicht die Hölle. Wie Paare dem Himmel näherkommen, ist im September 2007 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Darin beschäftigt sich die Autorin mit den drei wesentlichen Beziehungsgruppen: Himmel – Hölle – Zwischenreich. Hierbei handelt es sich um Seinszustände, in denen sich in der Regel jeweils zwei gleichartige Partner zu einem Paar zusammengefunden haben. 
Über das Internet bietet Barbara Kiesling Paarberatung an.

Kontakt über:
www.paar-beratung-online.de

 

 

 

 

Foto Paar: Fabian Scheidler

2 Responses

  1. Ela

    Der Partner als Spiegel, dieser Bericht hat mir gerade die Augen geöffnet! Ich frage mich seit Wochen, warum sich mein Partner in den letzten Wochen so verändert hat und so abweisend zu mir ist, obwohl er beteuert, mich zu lieben. Dieser Bericht liefet mir wichtige Erkenntnisse und versetzt mich in die Lage zu verstehen, was dies höchstwahrscheinlich in ihm ausgelöst hat. Vielen herzlichen Dank, vielleicht gibt es doch noch eine Chance für uns, ich werde es auf jeden Fall nicht unversucht lassen;-)

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