Wie wir uns dem Herzen beugen.

Von Elisabeth Penselin & Christoph Konradi

Als wir in den letzten Wochen in eine innere Auseinandersetzung mit dem Thema des Krieges kamen, stellte sich uns die Frage: Was haben wir selbst mit Krieg zu tun? Und: Wie steht es um dieses Thema in unserer Partnerschaft? Nicht, dass wir uns offenkundig bekriegen und ständig streiten. Doch diese kleinen subtilen Nadelstiche und Unterlassungen des Alltags – sind das nicht bereits erste Spuren des Sich-gegenseitig-Bekämpfens? Wir konnten sehen, wie schwer es uns manchmal fällt, uns dem Herzen zu beugen, so dass plötzlich der eigene Partner zum Feind wird…

Die meisten von uns glauben doch, es ginge darum, für etwas zu gehen, sich stark zu machen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, dafür zu kämpfen – und nicht, sich zu beugen, zu unterwerfen und zu fügen! Oder? Und was hat „sich beugen“ überhaupt mit Partnerschaft zu tun?

Der Duden übersetzt „sich beugen“ auch mit „nicht länger aufbegehren“. Dies könnte missverstanden werden. Wir befürchten, uns zu beugen bedeutet, dass wir dem Partner gegenüber klein beigeben müssen, aufgeben, uns unterordnen, unsere Bedürfnisse verdrängen.

Wie wäre es aber, wenn es stattdessen um die Erinnerung an das Herz in uns geht? Uns dem Herzen gegenüber zu beugen? Der Liebe? Und dies auch in Beziehung. Welche Herausforderung das ist, möchten wir gern mit dir an zwei Beispielen aus unserem eigenen Leben teilen. 

Die eigenen Idealbilder – Nadelstiche im Miteinander

Elisabeth: Mein Kopf steckt voller Bilder, wie etwas zu sein hat. Oft sind mir diese erst völlig zugänglich, wenn sie nicht erfüllt werden: „Ah, ich wusste gar nicht, wie sehr ich an dieser Vorstellung hing!“ In letzter Zeit nehme ich in meinem Beziehungsalltag dieses Phänomen immer mehr wahr und beobachte auch bei anderen Paaren, wie zerstörerisch Idealbilder wirken. „Mein Wunsch ist es…“ – das klingt ja noch recht nett und harmlos. Und wenn das offen ausgesprochen ist, dann gibt es uns als Paar ja schon mal die Chance, zu schauen, ob und wie es gehen kann oder eben auch nicht. Doch wie oft spreche ich meine Wünsche nicht aus? Teils vor mir selber nicht – und vor dem anderen auch nicht. Doch diese Angewohnheit ist nicht so harmlos, wie sie aussieht. Sie ist sehr machtvoll und zerstörerisch.

Da gibt es zum Beispiel den Wunsch (und Anspruch), dass mein Partner mir heute auf eine bestimmte Art Aufmerksamkeit zukommen lässt, zum Beispiel, indem er mir Zeit schenkt. Nicht ausgedrückt lebt diese Idee machtvoll im Untergrund. Nun geschieht das Gewünschte aber nicht. Es beginnt in mir zu brodeln…. Vielleicht entlädt es sich sofort oder ich trage den Groll noch einige Stunden unausgesprochen mit mir herum. Ich erinnere mich an eine Situation vor kurzem, in der das so war. Ich „wusste“, dass er wieder mal keine Zeit für mich haben würde. Das innere Drama war im vollen Gang, frustriert verließ ich das Haus und ging auf der Arbeit meinen Dingen nach. Mein Partner bekam in meinem inneren Dialog das Gesicht eines Staatsfeindes, der mir nicht gut tut… Da erhielt ich eine Messenger-Nachricht: „Ich würde heute für uns kochen. Magst du mitessen?“ Oh, was nun? Damit hatte ich nicht gerechnet… Die kaltherzige Drama-Queen in mir würde die Einladung am liebsten ausschlagen. Und überhaupt… Doch mir wird klar: diese Einbahnstraße der Empörung und Ansprüche wird zunehmend langweilig, weil sie immer nach dem gleichen Muster abläuft. 

Was bleibt mir anderes übrig, als das zu sehen, mich zu entschuldigen und mich zu beugen. Und plötzlich merke ich, da ist Liebe. In mir. Im anderen. Doch ich versperrte ihr den Weg. Weil sie nicht so fließt, wie es meine Idee war. Vielleicht mäht der Partner heute den Rasen als seinen Beitrag für das gemeinsame Leben, statt mir die Füße zu massieren. Eventuell darf ich auch lernen, mich zu beugen, mir selbst und meinem Stolz gegenüber und meinen Wunsch offen zu äußern: „Hast du Lust, mir heute die Füße zu massieren?“ Vielleicht antwortet er dann: „Heute nicht, aber wir können uns gern für morgen Abend verabreden.“ Dann habe ich wieder die Wahl, zu grollen, weil ich es mir anders (sprich: heute!) gewünscht habe, oder ich  lasse mich auf diese Erfüllung ein, auch wenn sie nicht wie vorgestellt geschieht – und  verzichte damit auch auf einen Moment bedeutungssüchtigen Dramas. Auf jeden Fall gehen die Alltagssituationen nicht aus, in denen ich immer eher erkennen kann, welche Nadelstiche ich mit meinen Bildern und Idealen in mir selbst und in meiner Beziehung setze.

Christoph: Um aus Beugen kein Konzept zu machen, finde ich es gleichzeitig wesentlich zu lernen, wie ich unterscheiden kann, ob ich mich dem Herzen beuge oder wieder nur der Idee von Geliebt-werden-Wollen oder um Anerkennung zu bekommen. Denn es macht keinen Sinn, sich einem anderen Ego zu beugen, um sein eigenes zu befriedigen. Das hat nichts mit Frieden zu tun. Aber was befriedet mich wirklich? 

Liebe Partner

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Was lässt mich still werden und lauschen? 

Christoph: Mir hilft es, mich meinem Eigenwillen zu beugen. Ihn mir einzugestehen und zu akzeptieren, dass er da ist. Dieser kleine Schritt ist oftmals eine erste Berührung, die mir wieder die Augen öffnet. Ich erinnere mich an eine Situation beim Kochen, um bei einem ähnlichen Beispiel wie dem von Elisabeth zu bleiben. Ich koche gerne für uns am Mittag. Alles ist vorbereitet, das Essen ist fertig – und es dauert und dauert und sie kommt nicht nach Hause. In mir baut sich Zorn auf. Ich frage mich, warum ich das gemacht habe? Warum sie nicht kommt! Und der Zorn nimmt überhand in mir.

Natürlich kann man sauer darüber sein, wenn jemand zu spät kommt, aber ich spüre, dass etwas an meiner Reaktion überhaupt nicht im Verhältnis zur bestehenden Situation steht. Es gibt diesen einen Moment, in dem ich tatsächlich glaube, dass die Situation mich bedroht, und ich mich verloren fühle. Fast als ob es ums Überleben geht. In diesem Moment ist der Partner zum Feind in mir geworden. Das Ganze hat einen bestimmten Geschmack, und da ich ihn mittlerweile kenne, halte ich inne. Ein jüngerer Teil in mir (der Christoph mit 4 Jahren) zeigt sich und die stille Aufmerksamkeit, die ich ihm und mir als Erwachsenen schenke, tut uns gut. Es wird ruhig in mir. Ich bin wieder beim Kochen angekommen. Und ich bin allein damit. Aber dieses Alleinsein ist nicht mehr bedrohlich, wie noch einen Moment zuvor. Es ist bewusst und mich durchströmt eine tiefe, stille Freude. Ich atme und freue mich auf das gemeinsame Essen. 

Das hier ist einer dieser Momente, in denen eine alte Wunde in uns berührt wird – wie das Gefühl, uns verloren, allein und ungeliebt zu fühlen. Eine Wunde, die wir so sehr versucht haben zu beschützen. Die wir bereit sind auf Teufel komm raus zu verteidigen. An die wir niemanden heranlassen wollen, letztlich nicht mal mehr uns selbst, um uns so nicht nochmal fühlen zu müssen. So führen wir schließlich Krieg gegen uns selbst und glauben, dass jemand anderes schuld daran ist. So wird aus einer harmlosen Situation eine Bedrohung und derjenige, um den es geht, wird zum Feind, vor dem wir uns schützen müssen.

In der Kampfkunst gibt es eine Regel, die ich gelernt habe auf meinem inneren Weg anzuwenden: Komme dem Gegner, deinem Feind, ganz nah! Mit dem Gegner ist der unbewusste Teil in mir gemeint. Wenn ich diesem nicht begegne, dann treibt er im Untergrund sein Unwesen und beherrscht mich. Komme ich ihm nah, habe ich die Chance, ihn zu sehen und zu entlarven. Auf die Situation beim Kochen bezogen: Wäre ich dem Gegner (also meinem unbewussten Zorn) ferngeblieben, hätte ich mich den ganzen Tag in einem unbewussten Zorn und innerem Wutgemenge aufgehalten. Um daraus auszusteigen, half mir, innezuhalten und sanft mit mir und dem Zorn zu sein. In diesem Kontakt mit mir ist der andere nicht mehr schuld daran, dass ich mich verloren gefühlt habe, und Zorn bekommt seinen natürlichen Platz, indem ich zu Elisabeth sagen kann: „Bitte melde dich das nächste Mal, wenn du später zum Essen kommst.“

Elisabeth: Wenn Zorn mir in dieser Klarheit begegnet, dann empfinde ich ihn nicht als Angriff, sondern als Chance, in dem Moment genau zu lauschen, was mir diese Qualität darüber sagen will, wo ich mich auch verrannt habe. Es ist oft unangenehm, mich dem zu beugen, aber es hilft mir, mit dem Wesentlichen in mir in Kontakt zu bleiben.

Wie schnell aus einem Freund ein Feind wird, zeigt sich in solch kleinen Beispielen aus dem Beziehungsalltag. Sich dem Herzen zu beugen, ist für uns ein wesentlicher Schritt für Frieden in uns. Wie das Beugen aussieht, dafür gibt es kein Rezept. Jede Situation ist neu und fordert uns auf, genau hinzuschauen. In unseren Beispielen haben wir vor allem eine Form des Beugens beschrieben, das Nachgeben und Fließen. In einem anderen Fall braucht es vielleicht eine andere Form des Beugens gegenüber dem Herzen, nämlich Klarheit und Entschlossenheit. Für uns ist das ein tägliches Ausprobieren, was es braucht, um die Feindbilder zu entkräften. Für unser Zusammensein hilft uns, mit dem inneren Krieg ehrlich und in Mitgefühl zu sein.

Elisabeth Penselin & Christoph Konradi begleiten als Seminarleiter Paare, die miteinander wachsen wollen. Sie bieten gemeinsam das Auszeit-Seminar EhrlichZeit in der Natur auf Rügen an. Weitere Infos unter Tel.: 038424 – 228 826 oder kontakt@ehrlichzeit.de

www.ehrlichzeit.de

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