Beziehungen bieten ein großes Potenzial zur Heilung unserer Psyche, denn unsere tiefsten psychischen Wunden sind in Beziehung, im Kontakt mit anderen Menschen entstanden. All unsere verdrängten Gefühle von Nicht-gesehen-Werden, von Abgelehnt-Werden, von Falsch-Sein werden im Kontakt mit einem anderen Menschen wieder lebendig. Wenn wir gelernt haben, dem damit zusammenhängenden Schmerz nicht mehr auszuweichen, sondern ihn zu fühlen, wachsen wir daran und kommen immer mehr in Frieden mit der gesamten äußeren Welt. Sich auf Beziehung wirklich einzulassen und durch unsere inneren Höllen hindurchzugehen, ist eine Art von Friedensarbeit, wie sie unsere momentane Zeit dringend braucht. Ein Plädoyer für ein Leben jenseits von Schuldzuweisungen und Projektionen.

von Katharina Breuer

Was wäre, wenn du mit deinem Partner oder deiner Partnerin gemeinsam durch die Hölle gehen könntest? Wenn er oder sie dich in den tiefsten Schmerzpunkten treffen, die größten Traumata auspacken, die ältesten Wunden aufreißen würde – und du NICHT vor ihm/ihr (bzw. vor dir selbst) weglaufen würdest? Was wäre, wenn du bleiben würdest und in voller Ehrlichkeit und Selbstverantwortung in diesen Spiegel blicken würdest, den dein Partner oder deine Partnerin dir vorhält? Denn ja, dein Partner ist dein Spiegel. Immer. Er spiegelt dir all das, was du in dir selbst verdrängst, nicht annimmst, ablehnst, verurteilst, alles, wofür du dich schämst und schuldig fühlst, und alles, was du dir selbst nicht zu fühlen, tun und denken erlaubst.

Kennst du dieses Gefühl, wenn du dich verliebst und dein Gegenüber so sehr bewunderst für das, was er kann/ist/tut? Eigentlich sind das deine Talente und Potenziale, die du noch nicht zu dir gerufen hast. Und wenn ihr euch dann das erste Mal streitet und deine Partnerin plötzlich wie der schlimmste, selbstsüchtigste, unehrlichste, manipulativste Mensch der Welt wirkt? Auch das sind deine Eigenschaften, die du in dir selbst nicht sehen willst und die du deshalb nach außen projizierst. Du wirst staunen, wie viel liebevoller dein Partner auf einmal ist, wenn du dir selbst eingestehst, dass du nicht perfekt bist.

Liebe tut weh

Nirgendwo kommen unsere tiefsten Schmerzpunkte, Sehnsüchte, Ängste und Schatten so schnell und so unausweichlich an die Oberfläche wie mit einem Menschen, den du liebst. Wie sollte es auch anders sein? Wir alle haben in unserer Kindheit, in vergangenen Leben, in unserer Ahnenreihe erlebt, dass Liebe wehtut. Dass wir uns besser nicht voll einlassen, weil wir sonst verlassen werden, wenn es am schönsten ist. Oder dass wir uns lieber nicht mit unserer vollen Größe, Stärke und Präsenz zeigen, weil wir sonst zu viel sind. Oder dass wir besser unsere Bedürfnisse nicht äußern, weil wir doch ohnehin abgewiesen werden. Und so weiter und so fort. Meistens sind diese Ängste und Annahmen uns eher unbewusst als bewusst. Wir beschäftigen uns scheinheilig mit unserer Spiritualität, mit „Non-Attachment“, „Licht und Liebe“ und „bedingungsloser Akzeptanz“ – und unser spirituelles Ego wächst und wächst.

Und kaum spricht unser Partner ein falsches Wort, steigt diese unerklärliche Wut in uns auf und all die unterdrückten Emotionen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und alten Verletzungen entladen sich in einer gewaltigen Explosion – woraufhin wir schnell mal eine Runde meditieren, um uns daran zu erinnern, dass wir doch alle eins sind und Wut eine ganz schlimme Emotion ist. Leider – oder zum Glück – bringt das nicht sonderlich viel. Denn solange wir etwas weghaben, ignorieren oder unterdrücken wollen, so lange wird es sich auf anderen, unbewussten und meist sehr viel schmerzhafteren Wegen an die Oberfläche schleichen. Diese Gefühle, Eigenschaften, Gedanken, Sehnsüchte, Ängste und so weiter sind schließlich aus einem Grund da. Sie gehören zu dir – nur zu dir. Und erst, wenn du sie voll und ganz zu dir nimmst, in der vollkommenen Akzeptanz dessen, dass sie vielleicht für immer an deiner Seite wandeln werden, wirst du in deinen Beziehungen – auch in der Beziehung zum Leben generell – die Liebe und Erfüllung erfahren, nach der du dich sehnst. Solange du nicht bereit bist, die dunklen Verliese im Kerker deines Unterbewusstseins zu beleuchten, solange wird dein Partner/das Leben es für dich tun. Das ist eines der kosmischen Gesetze. Du ziehst genau das an, was du brauchst, um dir deiner selbst bewusst zu werden – und deine Schatten gehören genauso zu dir wie dein Licht.

Die Spiegelung annehmen

Deswegen… das nächste Mal, wenn du dich mit deinem Partner streitest, wenn du dich zurückgewiesen oder ungeliebt fühlst, frage dich: Was ist mein Anteil hierbei? Passt meine Reaktion zu der aktuellen Situation oder vermische ich gerade die Vergangenheit mit der Gegenwart? Wann habe ich diese Emotion schon einmal gefühlt? Was möchte hier geheilt werden? Dir diese Fragen zu stellen, führt dich zurück in deine Selbstverantwortung und direkt zum Kern deiner selbst. Gleichzeitig ist es eine hohe Kunst, die volle Selbstverantwortung zu übernehmen. Es ist so einfach, unserer Partnerin die Schuld für unseren Schmerz zu geben.

Es ist so viel leichter, auf unseren Partner wütend zu werden, als unsere eigene tiefe Verletzung zu fühlen, so viel einfacher, zu projizieren und unsere Partnerin verändern zu wollen, anstatt unsere eigenen Wunden zu versorgen und uns selbst in all unseren Emotionen zu halten. Aber was einfach ist, ist nicht immer richtig. Du wirst erst dann eine wirklich erfüllende Partnerschaft führen können, wenn du bereit bist, dir selbst zu begegnen und genau in deinen Schmerz hinein und durch ihn hindurchzugehen Es gibt keinen anderen Weg in die Heilung als mitten in den Schmerz hinein – und letztlich sind Partnerschaften der größte und wirksamste Heilungsraum überhaupt. In deinen Schmerz hineinzugehen, erfordert eine Menge Mut. Es erfordert, dass du dein Menschsein voll und ganz annimmst. Als Mensch machst du Fehler, und du bist nicht so perfekt, wie du gerne sein würdest.

Und erst, wenn du deine eigene Unvollkommenheit annehmen und feiern kannst, beginnst du, deinen Partner zu lieben, statt ihn zu brauchen. Was du in deiner Partnerin ablehnst, ist letztlich das, was du in dir selbst noch nicht liebevoll umarmt hast. Deine Eifersucht, wenn dein Partner mit einer anderen Kontakt hat, entspringt deiner eigenen gefühlten Unzulänglichkeit. Die Angst, dass deine Partnerin dich verlassen könnte, ist letztlich nur eine Erinnerung daran, dass du selbst mehr bei dir bleiben darfst. Eine Partnerschaft berührt dich dort, wo dich niemand sonst berühren kann. Und das tut weh, weil wir diese Intensität gar nicht mehr gewohnt sind und weil wir nicht gelernt haben, uns in unserem Schmerz zu halten. Aber genau darin liegt das größte Geschenk. Das nächste Mal, wenn du dich von deinem Partner hintergangen, verraten, im Stich gelassen fühlst, erinnere dich daran, dass das deine Gelegenheit ist, die Gefühle aus deiner Kindheit, die du damals nicht fühlen konntest, JETZT zu fühlen und zu heilen.

Alles, was du als Kind nicht fühlen konntest, was zu groß, zu schmerzhaft, zu intensiv für dein kleines Ich gewesen wäre, kommt in einer Partnerschaft noch einmal an die Oberfläche. Aber nicht, um dich zu bestrafen, und erst Recht/recht nicht, weil dein Partner so ein schlechter Mensch ist. Sondern FÜR dich. Damit du das Fühlen jetzt nachholen und für dein kleines Ich da sein kannst. Wenn du es schaffst, bei dir zu bleiben, wenn es so sehr wehtut, wenn du durch deine persönliche Hölle gehst, statt dich im Opfersein zu suhlen und im Außen nach einem Retter oder Täter zu suchen, bist du bereit für eine Beziehung der neuen Zeit.

Beziehungen – Wahrhaftigkeit statt Konvention

Eine solche Beziehung steht auf dem Fundament der reinen Selbstverantwortung. Sie basiert auch nicht auf Konvention, sondern auf Wahrhaftigkeit, nicht auf Projektion, sondern auf Achtsamkeit, und nicht auf Brauchen, sondern auf Liebe. Wenn du eine Beziehung der neuen Zeit führst, erkennst du, dass dein Partner nicht dafür da ist, deine Bedürfnisse zu erfüllen, deine alten Traumata zu heilen oder wieder gutzumachen, was deine Eltern dir nicht geben konnten. Denn das kannst nur du allein. Deine Partnerin kann lediglich an deiner Seite sein, dir Halt und Unterstützung bieten, und vor allem eines tun: dich lieben. Bedingungslos. Viel wichtiger ist allerdings, dass du das selbst tust. Bedingungslos lieben. Meine Partnerin und ich, wir führen so eine Beziehung der neuen Zeit.

Wir nennen sie das „Experiment der achtsamen Wahrhaftigkeit.“ Wir sind gemeinsam durch die Hölle gegangen, haben Situationen miteinander erlebt, die den Szenen eines Psychothrillers sehr nahe kommen – und sind miteinander geheilt, sind gewachsen, und unsere Verbindung ist stärker als je zuvor. Wir blieben einander treu, selbst als unsere schlimmsten Traumata uns um die Ohren flogen und alle um uns herum sagten, wir täten einander doch nichts Gutes und sollten uns besser trennen. Aber tief in uns wussten wir, dass hinter all den vergossenen Tränen und verzweifelten Schreien eine unendlich große Belohnung auf uns wartete: eine Beziehung voll bedingungsloser Liebe, in der wir beide die dunkelsten Schatten der jeweils anderen gesehen hatten und wussten: „Sie bleibt. Sie verlässt mich nicht. Sie liebt mich so, wie ich bin. In all meiner Dunkelheit und in all meinem Licht.“ Dieser Artikel ist ein Appell an dich.

Gib nicht auf. Egal, was andere sagen, egal, wie dunkel es gerade ist, egal, wie groß deine Fluchtimpulse sind – wenn du unter alledem Liebe fühlst, wenn da eine unerklärliche Hoffnung ist und dieses Gefühl, dass diese ganzen Probleme in deiner Beziehung doch eine reine Lüge sind… vertrau darauf. Das soll natürlich nicht heißen, dass du dich missbrauchen lassen oder in einer Beziehung bleiben sollst, die dir schadet. Gar nicht. Vertrau auch da auf dein Gefühl, nur auf dein Gefühl. Ist es eine Beziehung, für die es sich lohnt, durch deine persönliche Hölle zu gehen? Wenn ja: Du musst da nicht allein durch. Meine Partnerin und ich haben uns da viel zu lange allein durchgekämpft und immer weiter verstrickt. Und so viel hat sich gelöst, als wir endlich unseren Stolz und unsere Eitelkeit überwunden und uns Hilfe im Außen gesucht haben. Eine Person, die unseren Prozess, so dunkel er auch war, begleitet hat. Heraus aus unserer persönlichen Hölle innerer Abwehrmechanismen und Isolation in eine friedvolle, glückliche Verbindung mit der Welt.

Eine Antwort

  1. Raimar Ocken
    Ein Spiegel liebt nicht

    Den Prolog zum Artikel finde ich sehr treffend.
    Dann hört es auch schon auf.
    Der Partner/die Partnerin ist nicht dazu da, Therapeut zu sein. Der ist allerdings oft notwendig, als neutrales und gefühlvolles Gegenüber helfend zu wirken, wenn Traumata bearbeitet werden sollen/müssen.
    Sich verlieben oder eine Partnerschaft haben, hat immer etwas mit besitzen (wollen) zu tun. „Spiegeln“ geht dann nicht, denn ein Spiegel gibt nur das wider, was in ihn hineingegeben wird. Er interpretiert nicht, bewertet nicht, beurteilt nicht usw. Der Spiegel will auch nichts.
    Spiegeln macht nur Sinn, wenn jemand darum bittet gespiegelt zu werden, neutral, vorurteilsfrei, nicht bewertend usw.

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