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Über die Beziehung von Emotionen, Erleuchtung, individuellem Selbst und Gott

Von Simône von der Werth

Erleuchtung ist ein großes, mystisches, sagenumwobenes Wort. Projektionen, Konzepte, Vorstellungen und Erlösungswünsche sind mit diesem Wort verbunden. Von Rationalisten wird der damit assoziierte Zustand eher belächelt, von spirituellen Suchern oft als höchstes göttliches Ziel angestrebt.

Emotionen wirken dagegen wenig geheimnisvoll: Jeder kennt sie, sie sind äußerst menschlich und irdisch. Manche sind freudvoll oder ekstatisch, andere erscheinen leidvoll, überflutend, lästig und mitunter peinlich und deplatziert. Gibt es trotzdem einen Zusammenhang zwischen Erleuchtung und Emotionen? Und wenn ja: Wie hängen sie zusammen? Im Gefolge dieser Fragen tauchen weitere auf: Widersprechen sich Individualität und Gott? Steht das persönliche Selbst der Non-Dualität im Weg? Muss man irgendetwas Menschliches transzendieren, um spirituell/ erleuchtet zu sein oder zu werden? Sind Emotionen ein spiritueller Störfaktor? Oder eine unumgängliche Durchgangspforte auf dem Weg zu Erleuchtung? Bilden sie vielleicht sogar unsere tiefste spirituelle Essenz?

Über Fischernetze, Wasser und Eimer

Ein weiser, erleuchteter Lehrer sagte einst, man könne Wasser nicht mit einem Fischernetz einfangen. Bedeutet das, dass Wasser nicht real ist? Oder könnte es auch einfach nur heißen, dass ein Fischernetz ein unpassendes Mittel ist, um Wasser einzufangen? Wenn ja, könnten wir es ja mal mit einem Eimer probieren.

Das Fischernetz aus diesem Gleichnis ist unser Mentalkörper, der das Sein in Raster unterteilt und dabei nie das Wesentliche zu fassen bekommt. Er zerstückelt das pure Sein und unsere unkonditionierte, ursprüngliche Emotionalität in einzelne Dualismen; dieses und jenes, Gutes und Schlechtes, ich und du. Er macht aus der Einheit der Realität einzelne Teile. Er gibt Dingen Namen und bezieht sich dann auf diese eigentlich nackten Dinge zunehmend so, als wären sie dieser Name.

Wasser ist in dem oben genannten Bildnis das Sein; es symbolisiert unsere Essenz, das Göttliche, und es ist auch ein Sinnbild für Emotionen. Also besagt das Gleichnis, dass unser Verstand niemals erfassen kann, wer wir in der Essenz sind. Buddha würde begeistert und gelassen zustimmen.

Und der Eimer? Der Eimer bildet ja in diesem Bild jenes Instrument, mit dem das Wasser (also unsere Essenz), greifbar wird, während es mittels Fischernetz (Mentalkörper) nicht erfassbar ist. Könnte es sein, dass jenes innerseelische Instrument unser Emotionalkörper ist?

Heimat Emotionalkörper

Was, wenn der Sitz des persönlichen Selbst nicht im Verstand ist? Was, wenn er im Emotionalkörper beheimatet ist? Und was, wenn Emotionen nicht nur einen weiteren unbeständigen Dualismus darstellen, sondern unsere spirituellmenschliche Essenz bilden? Was, wenn es deine tiefste, heilige, bunte, saftige, lebendige, liebesvolle, leidenschaftliche Gefühlswelt ist, von der du dich aber schmerzhaft ent-identifizierst, um endlich nicht mehr zu leiden? Was wäre, wenn wir in Essenz aus Emotionen gemacht sind?

Das Göttliche ist in Essenz Liebe – darin scheinen sich etliche spirituelle Lehrer einig zu sein. Liebe ist eine Emotion! Kein Gedanke. Kein Bewusstseinszustand. Keine Energie. Liebe ist eine Emotion. Und wenn wir Kinder des Göttlichen sind, dann liegt es doch eigentlich ziemlich nahe, dass auch wir aus Emotionen bestehen! Aus ihnen gemacht sind. Dass sie unsere Quelle und Wurzel bilden, das Spirituellste und Realste, was wir jemals in uns finden werden. Emotionen sind der Webstoff unserer Seele. Sie sind das, was uns göttlich macht.

Und, mal ganz non-dual betrachtet: Es gibt keine guten versus schlechten Emotionen. Es sind einfach Emotionen! Es gibt stromaufwärts und stromabwärts gelegene Emotionen, ja. Es gibt geheilte Essenzemotionen und verwundungs- basierte Emotionen, die auch tendenziell persönliche Probleme und ungesunde Handlungen nach sich ziehen können. Klar, überall! Oder karussellartige Gedankenmuster. Natürlich! Es können sich kilometerdicke Knoten in unseren Emotionalkörpern bilden, um Schmerz und Angst abzuwehren. Grand-Canyon-mäßige Schluchten und Abgründe in unseren Herzen können uns davon abhalten, in jedem Moment zu fühlen, dass wir aus Liebe gemacht sind. Selbstverständlich! Das ist der traurige Standard in unserer Welt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir aus Liebe, also aus Emotion, gemacht sind. Was ich da aufgezählt habe, heißt einfach nur, dass etliches im Weg steht, diese Liebe direkt zu erleben, zu fühlen und zu verkörpern.

Die vier Seelenängste

Die emotio-spirituelle Lehre von Heart Dialogue, aus deren Perspektive dieser Artikel verfasst ist, beruht auf dem Ansatz, dass vier wesentliche seelische Urängste uns davon abhalten, in jedem Moment des Seins direkt erleben, fühlen und verkörpern zu können, dass wir in der Essenz aus Liebe bestehen.

Bildlich gesprochen könnte man sagen: Es sind die verwundungsbasierten Knoten in unserem Emotionalkörper, die Kontraktionen in unserem Willenskörper (assoziiert mit persönlichem Willen, Macht und Manifestationskraft); die vernebelnden Schleier in unserem Visionskörper (assoziiert mit Bildern, Symbolen, Ideen, Dritte-Auge-Wahrnehmungen und Visionen) und die dualisierenden Raster, Filter, Boxen und Konzepte in unserem Mentalkörper, die uns davon abhalten, uns in jedem Moment des Seins als persönliche Verkörperung jener Liebe zu erkennen, aus der wir alle gemacht sind. Sie blockieren uns, jene pure, unschuldige, wilde, bunte, stille Freude zu fühlen, die allemwas- ist zutiefst innewohnt und es durchströmt. Sie verhindern, dass wir jenes klare, unverzerrte, prä-konditionierte Bewusstsein erleben, das alleswasist als das erkennt, was es wahrlich ist, nicht als das, wie wir es benennen oder wozu wir es benutzen.

Was wäre, wenn unser menschliches Leiden einzig dadurch entsteht, dass wir bisher in einer Welt leben, die weder erkennt noch unterstützt, dass wir primär emotionale, sekundär willens-basierte, tertiär mentale/denkende und quartär physisch handelnde Wesen sind? Wenn es unsere innere Natur darstellt, Realität in dieser inner-seelischen Reihenfolge wahrzunehmen und zu beantworten (obwohl uns unsere Emotionen und unser Wille vor einer emotio-spirituellen Tiefenerforschung natürlich zu fast hundert Prozent unbewusst sind und wir lediglich unsere Gedankenmuster und Handlungen bewusst kennen), dann sind sowohl Ursache als auch Ausdruck von unserem Leiden jene vier Seelenängste. Und an diesen Ängsten sind wir vollkommen unschuldig; sie sind schlicht und einfach Folge unserer Seelengeburt. Diese Seelenängste wohnen jeder Seele inne, bis sie geheilt werden.

Die Angst davor, als fühlendes Individuum zu existieren

Im Kontext der Heilung der ersten Seelenangst beschäftigen wir uns mit allen persönlichen, emotio- und psychodynamischen Themen und Traumata dieser und vergangener Inkarnationen. Hier geht es um die gefühlte Bewusstwerdung all unserer Strategien, Abwehrmechanismen, Widerstände und Anhaftungen an all die Dinge und Inhalte, an die wir uns so klammern, weil unsere Herzen auf die eine oder andere Weise hungrig geblieben sind.

Wir fühlen uns durch all diese „harten“ Schichten und Knoten hindurch, bis wir zu den verwundeten, traumatisierten Emotionen tief im Unbewussten vordringen. Zu jenen prä-konditionierten, nackten Emotionen, die sich als blanke Verzweiflung, jähe Wut, herzzerreißender Schmerz, panische Angst, tiefe Hoffnungslosigkeit oder fundamentale Wertlosigkeit zeigen können. Diese Emotionen heilen, wenn sie bei einem anderen Menschen im Herzen landen können, wenn du also das Erleben hast, dass jemand mit dir durch deine ganz persönliche Hölle geht, durch die dunkelsten Kapitel und Abgründe, zu deinen finstersten Schatten, die alles andere als freundlich und sozial-kompatibel sind. Dann, wenn sich das Unkontrollierte, Pure, Prä-Konditionierte nackt zeigt und in einem anderen puren, ungeschützten Herzen landen kann, beginnt Heilung. Wenn du fühlen kannst, dass jemand anderes fühlt, was du fühlst und warum du so fühlst, wird dein hungriges Herz mit persönlicher Liebe genährt.

Zusätzlich zu den Wesens-basierten Geschlechts- unabhängigen Psycho-emotionalen Themen gibt es auf dem Pfad dieser ersten Seelenangst etliche geschlechtsspezifische Strategien und Wunden zu heilen; Themen, die dein individuelles Mannsein/Frausein betreffen und wie du dich damit fühlst und es verkörperst.

Wir ordnen sämtliche Wesens-bezogenen Themen dem Emotionalkörper zu und die meisten Geschlechts-spezifischen Strategien und Wunden dem Passionskörper (assoziiert mit Leidenschaft, Begeisterung, Kreativität, Selbst- Ausdruck, LebensLust, Erotik und Sexualität). Wenn diese beiden Seelen- Körper durch die Heilung der entsprechenden Strategien und emotionalen Verwundungen immer durchlässiger werden, kann man schließlich, im vollständig durchgefühlten Zustand, von der Erleuchtung des Emotionalkörpers und des Passionskörpers sprechen. Dies geht einher mit bzw. zeigt sich in einem tief verankerten Gefühl von persönlicher, individueller Gutheit im Wesenskern und einem köstlichen Selbstwert bezogen auf das jeweilige in dieser Inkarnation gewählte Geschlecht.

Die Angst davor, als Individuum auslöschbar zu sein

Die zweite Urseelenangst bezieht sich auf das, was das Gleichnis vom Fischernetz & Wasser beschreibt: Da wir mit unserem Verstand nicht erfassen und beantworten können, wer wir sind, lebt in unserer Tiefe die zumeist fast vollkommen unbewusste Angst davor, nicht zu existieren. Bei zunehmender Heilung kann dieser Prozess in der Erleuchtung des Mentalkörpers münden, was dem klassischen zen-buddhistischen Erwachen entspricht.  In Heart Dialogue ordnen wir diese Erleuchtung allerdings nicht der tiefsten Realität zu; diese Form von Erleuchtung macht lediglich ein Viertel der Gesamterleuchtung und -heilung der Seele aus.

Tragischerweise benutzen manche spirituell Suchende diesen Pfad als Flucht vor sich selbst und ihren menschlichen Emotionen, als Erlösung von persönlichem Leiden. Wir sortieren persönliches Leiden ausschließlich in das Dharma (Synonym für Heilungspfad) der 1. Urseelenangst: Denn für persönliches Leiden braucht es ein menschlich-bezogenes Herz, in dem dieses Leiden landen kann; es braucht persönliche Liebe, um heilen zu können; keine universelle Liebe oder gar Transzendenz. Die Mentalkörpererleuchtung geht vor allem mit einer permanenten Bewusstseinsveränderung einher und hat mit Emotionen insofern gar nichts tun. Diese Erleuchtung macht die Welt nackter; sie löscht die Filter, Konzepte und Analysen des Mentalkörpers, so dass es zwischen dem Erfahrenden und der Erfahrung keinen Unterschied mehr gibt.

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Die Angst davor, dass der eigene Wille und der göttliche Wille einander ausschließen

Das Dharma der dritten Urseelenangst ist mit unserem Willenskörper assoziiert. Auf diesem Heilungspfad fühlen wir in all unseren Schritten und Entscheidungen des Lebens in die Frage hinein, ob unser individueller, menschlicher Wille und unsere persönliche Macht im Widerspruch zu Gottes Wille und Macht stehen. Dafür wurden in der spirituellen Geschichte schon verschiedenste Lösungsmöglichkeiten ausprobiert: Manche Menschen haben sich dem Willen Gottes untergeordnet. Sich willenlos hingegeben. Andere schwimmen mit dem Dao (mystischer Begriff für transzendente, höchste Wahrheit in östlichen spirituellen Traditionen), um sich Seinem Willen nicht in den Weg zu stellen.

Was aber, wenn unser persönlichmenschlicher Wille mit all unseren menschlichen Wünschen nie das Problem war, sondern einzig die noch ungeheilten, unbewussten Emotionen eine Form von Willen erzeugen, die nicht in Ausrichtung mit unserer tiefsten spirituellen Essenz steht? Was, wenn unser Wille in dem Moment automatisch Schöpfers* Willen entspricht, wenn unsere Emotionen geheilt sind? Da wir primär emotionale und sekundär willensbasierte Wesen sind, steht unser persönlich-menschlicher Wille ganz von selbst in direkter Ausrichtung mit der Liebe und mit dem Göttlichen, wenn wir unsere persönlich-menschlichen Emotionen so tief heilen, dass einzig eine gesunde Form von Liebe übrig bleibt. Auf diese Weise müssen wir niemals irgendetwas unterdrücken, transzendieren oder überwinden.

Bei zunehmender Heilung dieser Urseelenangst kann es zur Erleuchtung des Willenskörpers kommen. Dies kann man mit herkömmlicher Gottesrealisation vergleichen, aber es ist sehr viel mehr als das. Zum einen, weil jeder Moment mit dem Persönlich-Menschlichen begonnen wird und im Göttlichen mündet, bis es schließlich kein „ich hier und Gott dort“ mehr gibt, sondern du im Schöpfer aufgehst und der Schöpfer durch dich du ist. Zum anderen, weil das scheinbare Entweder-Oder und jede Verdrehung hinsichtlich der natürlichen Hierarchie zwischen Liebe und Macht, Emotionen und Wille heilt, so dass mit der Erleuchtung des Willenskörpers stets persönlicher Wille und persönliche Macht im demütigen Dienste deiner Liebe und deiner geheilten Emotionen stehen und du deine individuell größte Version von dir leben und verkörpern kannst, während du in Herzensausrichtung mit Schöpfer bist.

Die Angst davor, ein bedeutungs loser Molekülhaufen zu sein

Die vierte Urseelenangst besteht davor, jenseits dieses einen Lebens auf der Erde keine spirituelle Existenz und Heimat zu haben und ein Molekülhaufen ohne tiefere, seelische Bedeutung zu sein. Zu diesem Dharma gehören alle möglichen Themen des magischen Kosmos und feinstofflicher, energetischer Welten. In Abwesenheit eines natürlichen Zugangs dazu entsteht in Menschen das Gefühl von Verlorenheit, Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit, welches in die Panik mündet, dass es außerhalb dieses Lebens auf der Erde nichts anderes gibt und mit dem physischen Tod alles vorbei ist. Wieder andere (einige von jenen, die leichten Zugang in diese Welten haben) flüchten sich dorthin, um entweder dem irdischen Leben (1. Urseelenangst) und/oder der noch tieferen Angst davor, gar nicht zu existieren (2. Urseelenangst) zu entfliehen.

Die Heilung der 4. Urseelenangst kann in die Erleuchtung des Visionskörpers münden, was vor allem zu einem Erleben des sprichwörtlichen Himmels auf Erden führt. Es gibt dann kein „hier Erde, dort Himmel“, kein „hier Körper-Materie, dort feinstoffliche Welten“ mehr, sondern du bewegst dich hier, in irdischen Gefilden, „wie im Himmel“ (deiner Seelenheimat) als primär fühlendspürendes Wesen in letztendlicher physischer Manifestation deiner SeelenForm und bist dir dieser Seelenhaftigkeit innerhalb des physischen Universums auch in jedem Moment bewusst. Dies beinhaltet eine AllEinsSeins-nahe Wahrnehmung von dir selber im Kontext von allem anderen.

Während die 1. Urseelenangst psycho-dynamischer Natur ist, bewegen sich die anderen drei Urseelenängste in existentiell-spirituellen Dimensionen und sind demnach weitestgehend unbewusst, bevor man ihnen nicht mit einer radikalen Selbsterforschung auf die Schliche gekommen ist. Häufig zeigen sie sich aber subtil im alltäglichen Gefühlsleben – zum Beispiel in Form von Depression, Leere, Überforderung oder Sinnlosigkeit.

Ein widerspruchsfreier Platz für alles Menschlich-Spirituelle

Diese vier Urseelenängste mit den dazugehörigen Dharmas bilden ein übergeordnetes emotio- spirituelles Bild, in dem alles Menschliche und Spirituelle seinen widerspruchsfreien Platz findet – kein Zustand muss jemals überwunden oder transzendiert werden! Je tiefer wir uns durch diese spirituell-existentiellen Fragen hindurchfühlen, desto mehr können wir erleben und fühlen, dass wir in Essenz aus Liebe bestehen, auch all unsere Schutzmechanismen letztendlich aus Liebe bestehen und unser persönliches Menschsein, unser Selbst, das Heiligste und Spirituellste an uns ist, weil es letztendlich in seiner geheilten, essenzhaften Form Gott verkörpert.

emotionen-martinan-fotoliaDu musst erst ganz jemand sein und du musst es lieben, dieser einzigartige Jemand zu sein und ganz in deiner einmaligen, bunten Individualität und regenbogenartigen Vielfalt erblühen, emotionen-martinan-fotoliabevor die zweite Urseelenangst, nämlich die davor, in deiner Individualität vernichtbar und auslöschbar zu sein, überhaupt voll in dir aufsteigen kann. Du musst deine eigene persönliche Macht und deinen Willen gesundet haben und genießen. Du musst darin aufgehen, hier auf Erden deine Wünsche gestalten, manifestieren und verkörpern zu wollen, bevor die Angst davor, dass dein Wille nicht Gottes Willen entsprechen könnte, aufsteigen kann. Du musst zunächst ganz in dieser Welt sein wollen, ganz Mensch sein, im Irdischen genussvoll gedeihen, bevor die Angst davor, dabei deinen spirituellen Ursprung zurückzulassen, sich voll zeigen kann.

Und dann, ganz am Ende der Reise, wenn alles zusammenkommt, wird endlich erlösend fühlbar und verkörperbar, dass Menschsein und Spirituellsein noch nie ein Widerspruch war, sondern von unseren geheilten Seelenessenzen aus ganz Mensch zu sein das Spirituellste überhaupt ist. Unsere Essenzen bestehen aus mannigfaltigen, individuellen Formen von Liebe. Und Liebe ist eine Emotion!

*der YangAspekt des Göttlichen Wesens, der alle Seelen und sämtliche Schöpfung in Einklang mit dem Göttlichen Yin erschaffen hat, aus dem sich unser individuelles Seelenbewusstsein speist und mit dem wir folglich ewiglich persönlich-seelisch verbunden sind.

 


Im Herzen eines anderen Menschen landen

Wenn wir als Kinder nicht als jene einzigartigen, bunten Individuen gefühlt, wahrgenommen und beantwortet werden, die wir sind, bleibt ein quälender Herzenshunger in uns zurück, der sich im Erwachsenenleben als innere Leere, Wertlosigkeit, Angst, Verzweiflung oder Sinnlosigkeit zeigt. Viele Menschen versuchen, diesen persönlichen Hunger durch spirituelle Praktiken zu transzendieren, um ihn nicht mehr ertragen zu müssen. Oder sie suchen in der universellen Liebe spiritueller Lehrer oder gleich direkt im Göttlichen Antworten auf diesen Hunger.

Was aber, wenn dein Herzenshunger danach, von einem Gegenüber damit gefühlt zu werden, was du fühlst, wie du es fühlst und warum du es genau so fühlst, etwas sehr Richtiges und Gutes an dir ist, nichts „Unspirituelles“? Was, wenn dein Herz völlig Recht damit hat, sich danach zu sehnen, sich vollständig und ohne Restsicherheits-Abstand oder Kontrolle öffnen zu dürfen? Sich innerlich nackt und ungeschützt in jemand anderen hinein fallenlassen zu können? Was, wenn du keinen Aspekt deiner Menschlichkeit transzendieren oder überwinden musst, um spirituell zu sein? Wenn eine (therapeutische) Bezugsperson ihre eigenen energetisch-mentalen Abwehrmechanismen und die darunter liegenden emotionalen Wunden so tief geheilt hat, dass keine oder kaum noch energetische Schutzbarrieren um ihr Herz herum bestehen, die die Emotionen oder Abwehrstrategien eines Gegenübers abwehren, aufhalten oder verzerren, gibt es in diesem Gegenüber eine geheilte Erfahrung davon, dass Emotionen unsere göttliche Quelle ausmachen und wir in unserer Essenz-Emotionalität unzerstörbar sind. Und dass zu fühlen, was auch immer wir fühlen, während wir es fühlen, uns nicht vernichtet, sondern – im Gegenteil! – in unsere natürliche Gutheit hinein heilen lässt.

emotionen-argus-fotolia-comBerührbare Herzverbindung

Ein derart ungeschütztes Herz eines Begleiters kann sich deiner gefühlten Realitätswahrnehmung vollständig öffnen, so dass du spüren kannst, dass die Bezugsperson fühlt, was du fühlst. So kommt eine pure, berührbare Herzverbindung zustande – ohne Schutz- oder Verzerrungsfilter seitens des Begleiters dazwischen und ohne Konzepte darüber, wie du sein solltest. Es gibt einzig den Fokus, dass du so tief wie möglich DU sein darfst, weil das schon immer die allerbeste Version von dir war.

Gefühlt zu werden geht weit über Empathie oder Mitgefühl hinaus, bei welchen immer noch energetische Schutzschichten zwischen den eigentlich nackten Herzen bestehen. Gefühlt werden bedeutet, im Herzen des anderen landen zu können, weil das Gegenüber sich dafür öffnet, dich total zu fühlen. Es ist die Bereitschaft eines Begleiters, sich von allem, was du fühlst, mit dir gemeinsam das Herz zerreißen zu lassen. Persönlichmenschlich, nicht im Kontext universeller Liebe! Durch diese ungeschützte Herzoffenheit des Begleiters für deine aktuelle Realität kannst du die Erfahrung machen, dass ein anderer Mensch keine Scheu davor hat, in aller Tiefe zu fühlen, was du fühlst, und das macht die Realität letztendlich für dich selber sicher – unabhängig davon, ob sie gerade schön oder schrecklich ist. Dadurch kannst du selber deine stetig wachsende Kapazität in dir entdecken, alles zu fühlen, was auftaucht, ohne irgendetwas zu verdrängen, dosieren, kontrollieren oder gar transzendieren zu müssen.

Die meisten Menschen sind überrascht, wie viel unbewusster Widerstand und Abwehr unterhalb des Wunsches nach Heilung, innerem Wachstum und spiritueller Tiefe in ihnen lebt. All das kann nun ans Tageslicht kommen: Ob du nun Gott und die Welt hasst, dich für alle möglichen Ungerechtigkeiten rächen willst oder Angst hast, wahnsinnig zu werden. Vielleicht kommst du auch mit Feindseligkeit oder tiefer Langeweile oder einem dicken, fetten „Nein!“ im Herzen herein. Oder mit dem festen Entschluss, nie wieder irgendetwas Essentielles von dir zu zeigen.

Widerstand ist doch beziehungsfähig

Wenn deine Abwehrstrategien eine Weile die Erfahrung machen, dass sich jemand kristallklar, ungeschminkt und persönlich auf sie bezieht, indem er sich emotional-energetisch mit ihnen verbindet, ihnen in der inneren Haltung ähnlich wird, sie Herz-basiert (nicht auf der Verhaltensebene!) spiegelt, mit ihnen zu ihren eigenen Bedingungen und Regeln und innerhalb ihrer eigenen Grenzen in Beziehung geht, ohne dass du irgendetwas tarnen, maskieren, schönreden, vertuschen, mit Höflichkeit kaschieren oder durch Transzendenz auf Abstand halten musst, kommt gefühltes Bewusstsein und Bewegung in all deine bisherigen Linsen-Verzerrungen und Projektionen auf die Realität. Die Abwehr kann sich in jenen warmen, von Liebe getragenen Herzraum des Begleiters hinein entfalten und entspannen. Sie kann die Erfahrung machen, dass Widerstand sehr wohl beziehungsfähig ist, wenn man sich nur wirklich auf ihn einlässt. Und das Vertrauen erlangen, dass dann, wenn der Begleiter herzverbunden in Beziehung bleibt, wenn du dich mit deinen „unangenehmen Seiten“ zeigst, ihm auch die tieferen, verwundeten oder rohen, Emotionen, die von jenen Widerstandsseiten ja geschützt werden, „zuzumuten“ sind.

Pure, nackte Emotionen wie Schmerz, Verzweiflung, Panik, Wut, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht oder Scham tragen einen gemeinsamen Hunger in sich: nämlich die Erfahrung zu machen, in eine erwachsene, (stellvertretend elterliche) Bezugsperson emotional hinein- kollabieren zu können, ohne selber Verantwortung und Kontrolle in diesem Moment halten zu müssen. Sich also vollständig in das Herz und das Energiefeld der Bezugsperson fallen lassen zu können und zu merken, dass sie gehalten sind. Dies kann nur dann wirklich tief zustande kommen, wenn der Begleiter absolut nichts von dem Klienten braucht; wenn er also selber emotional so tief gesättigt ist, dass der Klient sich in diesen Zustand der Fülle hinein entspannen kann.

Die Abhängigkeit heilen

Obwohl sich viele Menschen (heimlich) danach sehnen, so etwas zu erfahren, macht es fast ebenso vielen Menschen Angst – vor allem vor (emotionaler) Abhängigkeit. Und das ist genau die paradoxe Krux: Denn exakt dadurch, dass dein Herz ausreichend genährt (also gefühlt) wurde und du wirklich „nackt“ und ungeschützt in eine Bezugsperson hineinkollabiert bist, heilt deine Abhängigkeit anderen Menschen gegenüber. Exakt dadurch wirst du innerlich immer mehr zu deiner ganz eigenen inneren Heimat.

In unserer Kindheit ist diese Abhängigkeit etwas ganz Natürliches. Doch dadurch, dass wir als Kinder nicht vollständig gesehen, gefühlt, beantwortet und gehalten wurden, konnte diese gesunde Abhängigkeit nicht zum Abschluss kommen und wir bringen sie mit ins Erwachsenenalter. Es ist von daher sehr gut nachvollziehbar, dass so viele Menschen bei Gott oder Engeln oder im Nichts der NonDualität nach Liebe, bedingungsloser Annahme oder Erlösung suchen.

Was aber, wenn es möglich wäre, diesen Herzenshunger zum Abschluss zu bringen? Sämtliche emotionalen Bedürfnisse so tief zu nähren und zu heilen, dass du endlich wirklich erwachsen und frei sein kannst? „Frei“ nicht in einem Sinne von pseudo-autark und unabhängig, sondern so frei, dass du es wagen kannst, dich wirklich tief einzulassen, ohne dich dabei jemals selbst zu verlieren! Dich vielmehr selbst auf eine Weise, die emotional ewiglich und unzerstörbar ist, zu finden. Deine einzige wirklich permanente „Heimat“ des Seins, in deiner eigenen ständigen Veränderlichkeit ewiglich zu sein, ganz natürlich in dir zu erfahren. Verletzlich und nackt und unzerstörbar.

Auf diesem köstlichen Boden persönlichen Sich-wertvoll-Empfindens kann dann wirklich emotional reife, selbst-basierte Spiritualität vertieft werden. So ein tief genährtes Selbst steht Spiritualität niemals im Weg; es bildet vielmehr das Fundament dafür.

 


Bildnachweise zu den Fotos im Text:
Paar: Abb: © nenetus – Fotolia.com
Rotes Herz: Abb: © Argus-Fotolia.com
Herbstlaub: Abb: © Martinan – Fotolia.com

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