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Interview mit Paul Lowe in Berlin am 17. Mai 1999

Der Friede beginnt in uns allen

Liv: Den Krieg im Kosovo als Beispiel vor Augen: Was ist momenten auf unserem Planeten los und wie steht es mit unserem Zusammenleben? Wie siehst Du, Paul, unsere Situation?

Paul:
Ich bin kein Experte, was die aktuellen Weltgeschehnisse angeht. Mein allgemeiner Eindruck ist, daß momentan nichts geschieht, das auf dem Planeten Erde nicht schon immer oder zumindest in den letzten 3000 Jahren geschah. Der Ausdruck, den ich in den Nachrichten höre, ist „ethnische Säuberung“. Ich interpretiere das so: Eine religiöse Gruppe löscht eine andere aus, weil sie mit ihr nicht übereinstimmt, und sie nimmt ihnen Land und Besitztümer weg – nichts anderes, als was passierte, als die Engländer nach Australien kamen. Sie löschten so viele Aborigines aus wie sie konnten. Genauso löschten sie auch so viele der Ureinwohner Amerikas aus, wie sie konnten. Und so machten es die Russen, so machten es die Chinesen, die Deutschen, die Niederländer, die Spanier, die Franzosen. Meine Sicht der Dinge ist, daß der Mensch die Chance und Einladung dazu hat, auf einer unbegrenzten Zahl von Ebenen des Bewußtseins, oder wie man auch sagen könnte von Schwingung, zu leben. Die unteren Ebenen sind persönliches Überleben und die Auslöschung von Rivalen. Und diese  Strategie scheint die Mehrheit auf dem Planeten Erde momentan zu verfolgen.
Selbst die sogenannten spirituellen Führer liegen miteinander im Kampf. Die Atmosphäre von Liebe auf unserem Planeten, von ursprünglicher, wahrer Liebe, von bedingungsloser Annahme scheint äußerst selten zu sein.

Liv: Wenn wir uns die Historie ansehen – findest Du, daß wir etwas daraus gelernt haben?

Paul: Die frühen Azteken, die Mayas, die Bewohner von Mu und Atlantis – es heißt, daß sie friedvolle, liebevolle Menschen gewesen sind. Demnach hätten wir uns zum Schlechteren entwickelt und nicht zum Besseren. Ich ging nach Afrika, um dabei zu helfen, Menschen vor dem Verhungern zu bewahren, doch sie hatten immer mehr Kinder je mehr Essen sie bekamen. Es war hoffnungslos. Bis ich eines Tages zu folgendem Schluß kam: Ich kann tun, was ich tun kann. Und dann fand ich heraus, daß das einzige, was ich für die Welt tun kann, ist, so klar wie möglich zu werden.
Und Klarsein definiere ich als wirklich liebevoll, von Natur aus nicht verurteilend und in völliger Annahme zu sein. Der Weg dorthin, den ich gefunden habe, ist, mir meiner eigenen Urteile bewußt zu werden. Und nicht meine Urteile zu verurteilen. Meine Wut ging, als ich akzeptierte, daß ich wütend war und nicht über meine Wut wütend wurde. Die bedingungslose Annahme kam, als ich akzeptierte, daß ich mir selbst gegenüber nicht akzeptabel bin. Und wie Du weißt, sehen nur wenige von den Tausenden von Menschen, zu denen wir über die Jahre hinweg Kontakt haben, daß dies ein angemessener Weg ist, und die – mit einem etwas altmodischen Begriff ausgedrückt – reinigen sich selbst. Und zwar durch Annahme dessen, wer und was sie sind – nicht durch Therapie, nicht durch Meditation, nicht durch irgendeine Technik. Soweit ich das sehen kann, funktioniert nichts, nichts funktioniert auf diesem Planeten. Den einzigen Frieden und die einzige Liebe, die ich sehe, fängt beim einzelnen Individuum an. In diesem Zustand von Harmonie miteinander zu leben und uns gegenseitig zu unterstützen, wenn wir über unsere Ich-Bezogenheit hinausgehen und anfangen, uns selbst anzuschauen und für uns selbst Verantwortung zu übernehmen, uns gegenseitig mitzuteilen und offen zu sein mit anderen Menschen – solange all dies nicht geschieht, wird sich keine größere Veränderung auf dem Planeten ergeben.

Liv: Was können wir als Individuen in der jetzigen Situation tun – außer zuzuschauen, was die Politiker oder andere Autoritäten tun, und uns hilflos damit zu fühlen?

Paul: Ich denke nicht, daß irgendjemand unter uns etwas tun kann, außer – und das ist auch das Thema im neuen Buch „In Each Moment“ – so bewußt, so präsent und bedingungslos annehmend zu sein, wie wir nur können, und zwar „in jedem Moment“. Unsere gesamte Struktur einschließlich unserer Religionen und unserer spirituellen Praktiken ist, so wie ich es sehe, darauf angelegt, daß jede einzelne Person zu fühlen vermeidet, wer und was sie in jedem Moment ist. Und ich sehe keine Alternative dazu, rücksichtslos und absolut ehrlich zu sich selbst zu sein und sich zu sagen, „Ich habe Urteile, ich habe negative Phasen. Ich bin nicht bedingungslos. Das ist, wie und wer ich bin.“ – und sich das anzusehen, es zu erleben und es nicht zu ändern. Wenn du das ändern möchtest, ist das ein Urteil. Es ist nur das Urteil, das das Urteil ändern möchte. Es ist nur das Ego, das ohne Ego sein möchte. Du kannst es also nicht ändern, bis du in einen Zustand der Hilflosigkeit kommst und weißt, dir bleibt nichts, als es anzunehmen. Und in dem Moment der Annahme geschieht die Transformation. Nein, du kannst die Welt nicht ändern. Aber – du kannst vielleicht der Person auf der Straße helfen, die offensichtlich in Not ist in diesem Moment, oder dich um einen alten Menschen kümmern, der Hilfe braucht. Es ist also keine Entweder/Oder-Entscheidung. Es geht vielmehr darum, auf eine Situation zu antworten, die auf dich zukommt.

Liv: Ein Punkt, auf den ich gerne noch eingehen möchte, ist Aggression. Es heißt, daß sie Teil des Menschen ist. Wie siehst Du das?

Paul: Wenn du jemandem etwas verweigerst, was ihm von Natur aus gegeben ist, baut sich eine Energie in ihm auf und das Gefühl, sie ausdrücken zu müssen. Wenn er die Energie jedoch ausdrückt, wird er sich schuldig fühlen. Mit diesem Schuldgefühl geht er dann zu den Autoritätspersonen und fragt nach Vergebung. Und das ist der Kreislauf von Macht. Wenn du also jemandem Sex verbietest, kreierst du eine gewaltige Frustration, eine Zerstörungskraft. Sie löst leidvolle Gefühle aus, auch wenn die Person selbst sich dessen gar nicht bewußt ist. Und da kommt jemand und sagt, „Schau, hier unser Nachbarvolk, das sind schlechte Menschen. Wir müssen losziehen und sie auslöschen.“ Diese Energie ist Teil des Menschen, doch sie ist in einem Ungleichgewicht.

Liv: Das bedeutet also, wenn die Energie in uns fließt und es keine Form von Unterdrückung gibt, z.B. der sexuellen Energie, dann gäbe es keinen natürlichen Drang zu aggressivem Verhalten in uns?

Paul: Wenn dein Leben im Fluß ist und es keine Unterdrückung gibt, wenn du dich zu jemanden hingezogen fühlst und die andere Person auch dich attraktiv findet, dann würdet ihr so lange miteinander sein, wie es für euch beide stimmig wäre. Und ihr müßtet nicht erst heiraten und in einer frustrierenden Situation bleiben. Alles wäre in einem natürlichen Fluß. Wenn dann jemand kommt und sagt, „Hör zu, wir ziehen los und töten unsere Nachbarn!“ – weshalb würdest du das dann tun wollen? Falls es also keine Frustration gäbe, kann ich mir vorstellen, gäbe es auch keine Aggression. Aber es ist mehr als nur das, du wärst gar nicht in der Lage, jemanden als deinen Feind zu sehen. Wenn du eine bestimmte Schwingungsebene erreichst, erkennst du, daß niemand von dir getrennt ist.

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