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Wir haben den Carrotmob in Berlin sowohl über Twitter, als auch für fast eine Woche auf unserer Startseite beworben und dem Thema ja auch einen sehr postitiven Artikel gewidmet. Leider gibt es aber im Zusammenhang mit den Carrotmobs doch einige Missverständnisse, die mal angesprochen werden müssen.

Die Carrotmobs, wie sie heute existieren, sind natürlich nicht mehr als ein symbolischer Akt, der für das Thema des strategischen Konsums sensibilisieren soll. Die Veranstaltung selbst, wie sie in San Francisco oder Berlin stattgefunden hat, ist nicht mehr als eine Imageveranstaltung für LOHAS-Trottel, die nicht nur unsinnig, sondern sogar kontraproduktiv ist. (sorry für die Polemik, aber es macht so einen Spaß)

 

Die Aktionen setzten am völlig falschen Ende an

Das Ziel der Carrotmobs kann langfristig nur sein, an die Hersteller direkt heranzutreten. Da im Moment aber nur verhältnismäßig wenig Leute mobilisiert werden können, muss das Verfahren halt erstmal im Kleinen simuliert werden – und das ist ja auch ok.

Ein Späti ist aber natürlich eigentlich die denkbar bescheurtste Adresse für so eine Aktion. Denn die negativen Auswirkungen der Produkte entstehen ja keineswegs im Laden, sondern in der Herstellung und dem Transport. Ob der Mulikulti-Mann sich jetzt eine Energiesparbirne in die Lampenfassung dreht oder nicht, steht etwa im Verhältnis Furz zu Tornado. Natürlich ist es wünschenswert, dass auch die Läden umweltfreundlicher werden – nur um welchen Preis? Man sollte doch versuchen, die Gesamtbilanz der Aktion im Auge zu behalten.

Denn durch den massiven Einkauf der verkauften Produkte, wird der Hersteller des Produktes ja belohnt und seine gängige Praxis damit gutgeheißen. Deshalb ist ein Späti die absolut falsche Wahl für einen Carrotmob, weil 80% der dort verkauften Waren eben ganz, ganz großer Unsinn sind. Wenn das jetzt schon nachhaltiger Konsum sein soll, dass 400 Leute sinnlos Coca Cola und Nestle-Schokoriegel einkaufen, damit der Kiosk um die Ecke einen Geräteklasse-A-Kühlscharnk kriegt, dann aber gute Nacht! Vor allem animiert eine solche Aktion dazu, Dinge zu kaufen, die ich eigentlich gar nicht brauche – und das ist stumpfer Konsum sinnloser Güter, guter Zweck hin oder her.

Nicht besonders kreativ von den Berliner Veranstaltern, das Prinzip aus San Francisco 1:1 zu übernehmen. Ein Späti lockt natürlich damit, dass dort jeder „irgendwas kaufen kann“ – aber kaufen ist ja kein Selbstzweck bei dieser Aktion. Warum wurde nicht ein Laden ausgewählt, dessen generelle Ausrichtung etwas unterstützenswerter ist?

 

Carrotmob Vs Boykott

Carrotmobs werben damit, Boykott wäre gestern. Der Fehler in der Carrotmob-Denke ist aber der, dass es auf der Vertriebsseite eben doch der Boykott ist, der den Unterschied macht: Nur wenn ich ein Produkt NICHT kaufe, setze ich ein Zeichen, dass ich mit den Herstellungsbedingungen nicht einverstanden bin – und nicht dadurch, dass ich mir sinnlos die Taschen damit vollstopfe. Erst wenn ich mit dem Hersteller direkt reden kann, macht das Carrotmob-Verfahren überhaupt Sinn, denn dann kann ich ihm eine Absatzsteigerung als Belohnung für eine Verhaltensänderung in Aussicht stellen.

Sollte jemand glauben, dass die Aktion in der Form, wie sie jetzt läuft, irgendeinen Sinn ergibt, könnte Nachdenken sehr hilfreich sein. Denn selbst wenn der Ladenbesitzer die ganze Außenfassade mit PV-Modulen tapeziert, kann er den Schaden, den er durch den Verkauf von Schrottartikeln anrichtet, nicht wieder gutmachen.

Manche Produkte kann man guten Gewissens einfach nicht kaufen – und da fällt dummerweise fast alles rein, was Spätis so im Programm haben. Erst wenn die Menschen sich weigern, den angebotenen Unfug weiter zu konsumieren und den Herstellern massiv die Umsätze wegbrechen, kann sich was ändern. Und wir brauchen dafür bewusste KonsumentInnen, die gezielt Dinge kaufen oder eben nicht kaufen, weil sie sich über die Herstellungsbedingungen dieser Konsumgüter im Klaren sind. Ich kann doch nicht an einem Carrotmob teilnehmen und danach zu McDonalds oder zum Döner-Mann essen gehen, das ergibt einfach keinen Sinn. Boykott war nicht gestern, sondern ist so „heute“, wie es nur geht.

Auch ist konsumieren nicht unbedingt mehr „sexy“ als Boykott – wer kreative Anregung braucht, kann sich mal in Herrn Lobos Vorschlägen zum kreativen Boykott umsehen.

 

Verhältnismäßigkeit

Ein anderer Punkt ist die Verhältnismäßigkeit des Nutzens einer solchen Aktion. Denn wenn man ihren rein symbolischen Charakter aus den Augen verliert, ist sie nicht mehr als Augenwischerei. Als spaßiger Event, der verdeutlichen soll, dass Konsumverhalten durchaus einen direkten Einfluss hat, sind Carrotmobs ein tolles Werkzeug. Und vielleicht entwickelt sich daraus ja auch eine Bewegung, die das Konsumverhalten von vielen Menschen strategisch bündelt, um so die Hersteller zu beeinflussen. Aber eben nur mit diesem Ziel vor Augen macht das Ganze überhaupt Sinn.

Und vielleicht fällt den Leuten ja auch in Zukunft was Vernünftigeres ein, als einen Späti leerzukaufen …

Vor allem aber sollte man sich erstmal den wirklich wichtigen Dingen widmen. Ich möchte das Thema nicht überstrapazieren, aber allein durch den Wechsel der Bank kann ein ungleich höherer Effekt erzielt werden. Nehmen wir an, 400 Leute kaufen für 10€ was beim Späti ein, so dass dieser 4000€ Umsatz macht, wovon er 1400 € für den Umbau des Ladens verwendet. Hätten aber alle 400 Teilnehmer ihr Konto bei einer ganzheitlichen Bank, und sagen wir 1000€, die monatlich darüber laufen, hätten wir aufgrund der Mindestreserve-Regelung einen Effekt von mindestens 4 Millionen (je nach Geschäftspraktik der Bank auch erheblich mehr), die direkt z.B dem Bau von Energieanlagen oder Ähnlichem zu Gute kommen. Nun schließt sich das ja nicht gegenseitig aus, aber ich würde wetten, dass unter den Teilnehmern des Carrotmobs einige Menschen waren, die ihr Konto wohlmöglich bei der Deutschen Bank haben – und da fragt man sich dann schon, was in solchen Köpfen eigentlich vor sich geht.

Fleischkonsum ist ein weiterer Punkt: Wenn ich bei einem Carrotmob eine handvoll Bifis kaufe, ist es mit der CO2- und Öko-Bilanz eben schon gelaufen – diese Verhältnismäßigkeiten sollte man im Auge behalten, sonst wird das Ziel der Aktion spektakulär verfehlt.

 

Was Carrotmobs sind und nicht sind

Aus meiner Sicht haben Carrotmobs, oder sagen wir einmal strategische Konsumentenbündnisse trotzdem ein enormes Potenzial. Ich glaube aber sogar, dass nicht die Absatzsteigerung in diesen Tagen das Ausschlaggebende ist, sondern das Image. Firmen sind ganz verrückt nach „viralem Marketing“ und Verbraucherempfehlungen. Im Einführungsvideo ist von der „grünen Zahnbürste“ die Rede – ein perfektes Beispiel, denn bei einem so beliebigen Produkt könnte der Imagezuwachs einen erheblichen Unterschied machen. Wenn ich zwischen einer Zahnbürste und einer komplett mit Solarenergie hergestellten Zahnbürste wählen kann, nehme ich doch Letztere.

Der Carrotmob ist für Firmen also vor allem als PR-Multiplikator interessant – denn dass der Carrotmob für Firmen eine zahlenmäßige Relevanz als Kunde erreicht, ist eher unwahrscheinlich. Die Carrotmobber durchziehen aber verschiedenste reale und virtuelle Netzwerke – und da wollen die Firmen eben gerne Gesprächsstoff sein. Wenn man einen Zahnbürstenhersteller also zur ersten grünen Zahnbürste überreden will, sollte man diesen wahrscheinlich hauptsächlich damit ködern, dass er eine PR-Kampagne bekommt, wie er sie noch nicht gesehen hat. Eine Kampagne nämlich, die gar keine ist, sondern das freiwillige Weiterempfehlen unter Konsumenten – die beste Werbung auf der Welt. So können Hersteller lernen, dass sie viel besser mit den Konsumenten zusammenarbeiten und deren Wünsche erfüllen, statt zu versuchen, sie durch Werbebombardement gefügig zu machen.

Ich sehe den Carrotmob also vor allem als einen medienwirksamen, symbolischen Akt, der den Herstellern signalisieren soll: Wir wachen auf! Und der sie daran erinnert, dass die Zeit, in der wir dazu manipuliert werden konnten, jeden Dreck zu kaufen langsam aber sicher vorbei ist. In Zukunft werden es die Konsumenten sein, die entscheiden, wie die Produkte, die sie kaufen hergestellt werden. Damit das möglich ist, muss erstmal die Kommunikation zwischen Hersteller und Konsument wieder in Gang kommen, denn die lief bisher nur in eine Richtung und der Konsument wurde nicht als gleichwertiger Gesprächspartner anerkannt. Diese Anerkennung wiederzugewinnen, ist Teil des Auftrags der Carrotmobs, die das Konsumenteninteresse bündeln und dadurch hörbarer machen.

Bewusst konsumieren ist aber auch im privaten heute keine Option mehr, sondern Pflicht. Und jede Kaufentscheidung ist immer Boykott und Belohnung zugleich, da ich mich stets zwischen Produkten entscheide.

 

 

 

4 Responses

  1. David Rotter

    Hallo kreativkiez,

    das mit den Trotteln ist natürlich nicht so ganz ernst gemeint, sondern ist eine ganz platte und durch den Nachsatz ja auch gleich ironisch gebrochene Provokation – manchmal macht mir sowas Spaß und ich schäme mich noch nicht mal dafür. Ein kleiner Stich ins Ego regt außerdem zum aufmerksamen Lesen an.

    LOHAS sind natürlich nicht pauschal Trottel, übersehen aber scheinbar in manchen Fällen die eigentliche Ursache der Probleme – und mehr möchte ich dazu auch gar nicht sagen.

    Das mit der „Schwachsinnsschleuder“ ist natürlich eine ausgemachte Frechheit von dir! 🙂 Aber klar: es gibt auch unter unseren Lesern, Autoren und Kunden solche, die das kritsche Denken lieber anderen überlassen. Der schlechte Ruf, den Esoterik in dieser Hinsicht hat, fällt ja auch tatsächlich schon fast nicht mehr in die Kategorie Vorurteil … aber viellicht wird das eine oder andere, was heute noch Schwachsinn heißt auch bald schon ganz anders wahrgenommen – die Erde war ja auch mal eine Scheibe. Es bleibt spannend.

    Wir bemühen uns sehr, eine aufgeklärte Spiritualität zu fördern, bei der Rationalität und transzendente Erfahrungen als sich nicht ausschließend erkannt werden – aber wir werden auch keine Zensur verüben. Und mehr will ich auch dazu nicht sagen.

    Gruß
    David

    Antworten
  2. KreativKiez

    Hi,

    ich war bei der Aktion dabei, insofern weiß ich auch nicht um was für einen Späti genau es sich handelt; ich dachte es wäre ein Laden mit Öko-Bezug, und nicht irgendein Standard-Späti.

    Ich finde die Idee gut, aber sie muss natürlich an einem sinnvollen Ort mit sinnvollen Produkten stattfinden.

    Das kann man ja beim nächsten mal optimieren.

    Warum LOHAS Trottel sind erschließt sich mir daraus aber dennoch nicht

    Ausserdem würde ich aufpassen, wenn ich Trottel-Bezeichnungen durch’s Netz schleudere (stimmt nicht, mache ich selber ständig, gibt ja auch so viele), vorallendingen wenn ich auf der Webseite einer durchaus als Schwachsinnsschleuder bekannten Werbepostille namens „sein“ veröffentliche ;]

    Wenn du wirkliche Trottel sehen willst kuck mal in die Kleinanzeigen eurer Zeitung 🙂

    http://kreativkiez.blogspot.com/

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  3. Ingo

    Hi David – danke für den langen kritischen Artikel, ich habe einen ähnlichen Standpunkt wie Du, aber es scheint einen besonderen Trend zu geben: Menschen, die sich bisher wenig engagiert haben und kaum Erfahrung haben wie man solche Aktionen macht, finden im Internet Ideen und setzen die projektartig um.
    Bei aller Kritik, der carrotmob scheint viele ad-hoc zu interessieren und wurde enorm gut „weitergesagt“. Eigentlich müssten geübte Aktivisten mehr über das Internet lernen, um auch Menschen, die sich nicht eh damit schon befassen mit ins Boot zu holen. Gleichzeitig müssten kollaborativ Aktionsformen im Internet weiterentwickelt und verbessert werden. Das geht nur mit der gesammelten Erfahrungen anderer Aktivisten…
    ..vielleicht kann die Socialbar.De dazu ein Werkzeug sein. Gruß, ingo

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  4. alex

    Hi David, danke für den Artikel! Ich stimme dir bei vielen Punkten zu, auch wenn es sich (bei der Polemik) nicht wirklich lohnt auf alles einzugehen. Ich denke auch, du hast den Sinn der Aktion gut begriffen. Es wäre natürlich klasse, wenn es bei dir nicht nur bei den Worten bleibt, sondern wenn du dieses auch gut umsetzt bzw. bei den entsprechenden Leuten als konstruktive Kritik einbringst. Lg, alex

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