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Moral und Ethik, so hieß es lange, seien gesellschaftliche Konventionen. Vielleicht legt die gesellschaftliche Konditionierung aber auch vielmehr fest, wie sehr wir uns davon entfernen. Eine neue Studie legt zumindest Nahe, dass wir nicht als moralisch „unbeschriebenes Blatt“ auf die Welt kommen, sondern Babys Handlungen schon von Geburt an beurteilen können.

Die Studie an der Yale University hat nach Ansicht der Studienleiter ergeben, dass Babys schon ab dem sechsten Monat moralische Urteile fällen können – was die Forscher zu der Annahme führte, dass wir wohlmöglich mit einem „fest verdrahteten“ moralischen Kodex auf die Welt kommen.

Vorliebe für Hilfsbereitschaft ist angeboren

Freud ging davon aus, dass wir unsere Reise ins Leben als „amoralische Tiere“ starten und erst durch die Erziehung lernen, überhaupt in moralischen Kategorien zu denken. Die neue Studie sollte jedoch nachweisen, dass Babys von Geburt an zwischen Hilfsbereitschaft und destruktivem Verhalten unterscheiden können – und eine starke Vorliebe für Hilfsbereitschaft zeigen.

In einem Experiment wurde den Babys zwischen sechs und zehn Monaten wiederholt ein Puppenspiel gezeigt. Ein roter Ball versucht darin einen Hügel zu erklimmen und wird dabei zuweilen von einem gelben Dreieck unterstützt, das ihm hilft, den Hügel hinaufzukommen, indem es ihn von hinten schiebend unterstützt. Abwechselnd dazu wird der rote Ball von einem blauen Quadrat den Berg wieder hinunter gezwungen. Nach sechs Durchläufen wurden den Babys die Spielzeuge hingelegt, woraufhin sie eines auswählten. Eine überwältigende Mehrheit (über 80%) wählte die hilfreiche Figur. Studienleiter Prof. Bloom betont, dies es sei alles andere als ein subtiler Trend „so gut wie alle Babys entschieden sich für den good guy.“

Ähnliche Experimente wurden mit einem Stoffhund durchgeführt, der versucht eine Kiste zu öffnen und dabei von einem Teddy unterstützt und von einem anderen gehindert wird – mit demselben Ergebnis.

Moralisches Urteil oder Projektion?

Ob darin wirklich ein moralisches Urteil zu erkennen ist, bleibt fraglich. Über den Grund ihrer Vorliebe können die Baby schließlich keine Auskunft geben. Einige Forscher behaupten das Gegenteil: Baby sehen Dinge vielleicht einfach lieber den Berg hinaufgehen, als herunter und sind außerdem neugierig, was in der Kiste ist. Ihre Vorliebe sei also rein egoistisch. Es seien lediglich die Moralvorstellungen der Studienleiter, die dem Ergebnis eine ethische Dimension gäben.

Studienleiter Paul Bloom glaubt nicht an diese Interpretation und ist sich sicher:

„Eine wachsende Zahl von Beweisen legt nahe, dass Menschen von Beginn an einen rudimentären moralischen Sinn haben. Mit Hilfe von gut konzipierten Experimenten können sie schon im ersten Jahr des Lebens Schimmer von moralischem Denken, moralischen Urteilen und moralischen Gefühlen sehen. Ein gewisser Sinn von Gut und Böse scheint uns in den Knochen zu stecken.“

Auch er weißt jedoch darauf hin, dass wirklich moralisches Handeln tiefen Einsichten zu verdanken sei und Sozialisation in diese Richtung durch diese Erkenntnisse nichts von ihrer Wichtigkeit verliere. Sie tragen aber zu dem Bild bei, dass auch viele andere Studien zeichnen: das Bild eines von Natur aus guten und kooperativen Menschen, der erst durch äußere Umstände zu einem Egoisten gemacht wird.

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Eine Antwort

  1. Norbert Kaltenbach

    Tolle Forschung.
    Natürlich sind „moralische“ Grundbegriffe bereits im Menschlein enthalten. Dazu müßten die Forscher nur auf einen Spielplatz und die Kids beobachten. Bis etwa zum dritten Lebensjahr (ziemlich exakt) sprechen Kinder Ihre Wünsche in der dritten Person an. Das eigene „Ich“ wird in dieser Zeit entdeckt. Unabhängig von Rasse, Kulturkreis, usw. Es geschieht immer etwa um den dritten Geburtstag.
    Schon oft beobachtet –
    zwei Kinder sitzten zusammen im Sandkasten. Das erste Kind hat einen Lutscher (oder Spielzeug). Das zweite Kind nimmt dem ersten Kind diesen Lutscher ab. Das erste Kind beginnt zu weinen. Nach kurzer Zeit beginnt das zweite ebenfalls zu weinen und läßt (meist) den Lutscher/Spielzeug fallen.
    Wissenschaftlich heißt das nun „fest verdrahteter moralischer Kodex“
    Aha.
    Ich nannte es bisher „Gewissen“.
    Fazit –
    für Sandkastenbeobachtungen und gesunden Menschenverstand gibt es keinen Titel
    Das ist nun aber auch wirklich nicht nötig

    Mit freundlichem Gruß

    Norbert Kaltenbach

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