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Die Zeiten ändern sich: Wurde früher das Internet mit dem Gehirn verglichen, ist es mittlerweile andersherum. Amerikanische Forscher meinen belegt zu haben, dass das Gehirn eine Internet-ähnliche Verschaltungsstruktur aufweißt. Das Bild der Funktion unseres Gehirns muss damit möglicherweise drastisch korrigiert werden.

Wir wissen viel, aber eigentlich wenig über unser Denkorgan. Zwar sind die einzelnen Regionen des Gehirns schon lange kartiert, aber wie sie miteinander wechselwirken, ist noch immer unklar. Die gängige Wissenschaft lehrt größtenteils, dass die einzelnen Areale unseres Gehirns hierarchisch miteinander verschaltet sind und Informationen in einer bestimmten Richtung fließen. Aber die Neurowissenschaft ist gespalten, ein ebenfalls großer Teil von Forschern geht mittlerweile von einem dezentralen System miteinander vernetzter Knoten aus.

 

Kein Oben und Unten

Mithilfe einer neuen Methode namens „Circuit Tracing“ konnten Forscher nun im Versuch mit Ratten erstmals ganze neuronale Schaltkreise veranschaulichen. Die Ergebnisse bestätigten die Theorie, dass unser Gehirn dezentral organisiert sein könnte: Statt einer geordneten Struktur fanden die Forscher ein Muster aus Schleifen. „Es ergibt sich kein Organigramm. Es gibt kein Oben und Unten darin“, erklärt Larry W. Swanson, Professor für Biologie der Universität von Südkalifornien. „Es ist noch nicht bewiesen, aber der traditionelle Weg, die Funktion des Gehirns zu betrachten, sollte neu gedacht werden. Der Teil des Gehirns, mit dem wir denken, der Cortex, ist sehr wichtig, aber er ist sicher nicht der einzige Teil des Nervensystems, der unser Verhalten bestimmt.“

Das Ergebnis könnte auch das Phänomen erklären, warum Teile des Gehirns nach Unfällen die Funktion von anderen Regionen übernehmen können. „Man kann fast jeden Teil des Internets einzeln stilllegen, trotzdem funktioniert der Rest“, so der Neurobiologe. „Auch im Nervensystem gibt es normalerweise immer alternative Signalwege. Es ist schwer zu sagen, welcher Teil wirklich absolut essenziell ist.“

Neue Ergebnisse sind sehr bald zu erwarten: Die amerikanische Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH) hat angekündigt, nun 30 Millionen Dollar für eine Kartierung des menschlichen „Connectoms“ bereitzustellen – der kompletten Entschlüsselung der gesamten Verschaltung unseres Gehirns.

Netzwerk: Symbol der Zukunft?

Auch wenn die Ergebnisse wenig Einfluss auf das tägliche Leben haben dürften, ist es doch ein weiterer Baustein in einem interessanten Paradigmenwechsel. Zeitgleich mit dem Entstehen des Internets im Äußeren kommt nun die Einsicht, dass auch unser Gehirn ähnlich organisiert ist – unbewusst hat der Mensch hier also sein eigenes Funktionsprinzip nachgebaut. Ist das Prinzip des Netzwerks vielleicht überhaupt eines der Symbole für die Zukunft? Ein Prinzip, an dem sich Wirtschaft, Kommunikation und politische Systeme gleichermaßen orientieren werden? Und gehören hierarchische Systeme damit wohlmöglich in die Schublade „überholte Denkstrukturen“? Die Zeit wird es zeigen.

 

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