Es begann eigentlich mit einer guten und sinnvollen Idee: der Einrichtung einer zentralen Prüfstelle für Präventionskurse. Doch dieser Weg scheint in einen bürokratischen Dschungel zu führen und die Prüfstelle sich zu einem marktbeherrschenden Instrument zu entwickeln. Miriam Datt, erfahrene Yogalehrerin und Organisatorin des Berliner Yogafestivals, schildert aus ihrer Sicht, welche massiven Eingriffe in die Yoga- Szene Deutschlands das neue Genehmigungsverfahren darstellt.

Davon hat jeder schon einmal gehört: Die öffentlichen Krankenkassen fördern Yogakurse ihrer Versicherten. Aber: Diese tolle Serviceleistung spaltet die Szene der Yogalehrenden in zertifizierte – vermeintlich bessere – und nichtzertifizierte – vermeintlich schlechtere – Lehrkräfte.

Zentralisierte Genehmigung

Das Sozialgesetzbuch Fünf schreibt fest, dass Krankenkassen präventive Maßnahmen unter Beteiligung der Versicherten fördern. Die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen hat dazu den sogenannten „Leitfaden Prävention“ erstellt. Seit dem 1. Januar 2014 gibt es nun eine zentrale Prüfstelle, die Präventionskurse auf Förderfähigkeit prüft. Die Abwicklung läuft vollständig online über ein Portal. Die Plattform ermöglicht es, in kurzer Zeit und zentralisiert eine entsprechende Prüfung durchzuführen, die dann für alle Kassen gültig ist. Früher musste man bei der Krankenkasse der Kursteilnehmer direkt eine Zertifizierung beantragen – für jede Kasse einzeln, ein enormer Aufwand.

Ist jetzt alles besser? Im Grunde also ein guter Gedanke, der vieles vereinfachen sollte. Die Vereinheitlichung hat aber, trotz der Erleichterung, nicht nur Gegenliebe erzeugt. Denn: Förderfähig sind Kurse, die der Stressbewältigung und Entspannung dienen, wie zum Beispiel Hatha-Yoga. Eine Fußnote in der Satzung weist allerdings darauf hin, dass: „bewegungs-, workout- […] orientierte Maßnahmen sowie Maßnahmen mit therapeutischer oder weltanschaulicher Ausrichtung […] ausgeschlossen“ sind.

Ein starker inhaltlicher Eingriff, der ganzheitliche Ansatz des Yoga (es sind ja nicht nur körperliche Ertüchtigungen) und die Yoga-Philosophie fallen völlig weg. Für Unmut sorgt darüber hinaus aber vor allem eine Formalie: Die Ausbildung der Lehrkräfte muss 500 Stunden umfassen – nun plötzlich zusammenhängend über einen Zeitraum von zwei Jahren, was traditionsgebundene Ausbildungsmethoden und -zeiten aus dem Raster fallen lässt. Nach der Vorgängerfassung war es noch möglich, aufeinander aufbauende Ausbildungen einer Richtung zeitlich zusammenzufassen.

Gut ausgebildete, seit Jahren praktizierende und lehrende Yogalehrer/ innen sehen sich jetzt in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Denn gerade Lehrer/innen, die im traditionellen Kontext ausgebildet sind, werden von der Prüfstelle nicht anerkannt. Lehrer/innen in der Tradition von Swami Sivananda oder auch Kundaliniyogalehrer/innen nach Yogi Bhajan können sich beispielsweise nur mit erheblichem Aufwand und mit kostspieligen zusätzlichen Kursnachweisen zertifizieren lassen.

Bekannte Ausbildungsinstitute, wie beispielsweise Yoga Vidya oder die internationalen Sivananda-Yoga-Vedanta- Zentren, müssen sich diesem Diktat der Prüfstelle beugen und bieten nun Module an, mit denen man die Grundausbildung weiter zu einer zertifizierungsfähigen „hinentwickeln“ kann. Wie so ein Kurs dann aussieht, beschreibt Nils H. aus Berlin, der ihn gezwungenermaßen mitgemacht hat: „Ein Haufen gut ausgebildeter Yogalehrer sitzt da und lassen einen Vortrag eines BDY-Lehrers über sich ergehen, der nur Geld und Zeit kostet und faktisch keine Neuigkeiten bietet.“

Qualitätssicherung oder Marktabschottung?

Qualitätssicherung ist immens wichtig und notwendig. Unter dem Überbegriff der Qualitätssicherung erscheinen die Ansprüche an die Yogalehrenden allerdings überproportional hoch im Vergleich mit anderen Präventionsangeboten, die ebenfalls stark mit dem Körper arbeiten. So wird man anerkannte/r Qigong- Lehrer/in bereits mit 300, Rückenschullehrer/ in mit 60 und Nordic Walking-Trainer/in mit nur 24 Unterrichtseinheiten – objektiv betrachtet wirkt dies etwas unverhältnismäßig. Noch etwas, was vielen Yogalehrenden der verschiedenen Schulen und Stilrichtungen übel aufstößt: Der BDY (die Interessensgemeinschaft „Bund der Yogalehrenden Deutschland“) vertritt zwar nur einen Teil der Lehrer/innen, wird im Leitfaden der Krankenkassen aber plötzlich als zentraler Fachverband genannt.

In auffallender Übereinstimmung mit der Formulierung im „Leitfaden Prävention“ kann im BDY Mitglied werden, wer eine zweijährige Yogalehrausbildung mit mindestens 500 Unterrichtseinheiten abgeschlossen hat. Das stößt bei vielen Yogalehrenden Vermutungen an, dass der Bund durch Absprachen seinen Mitgliedern den Weg freiräumt. Ein Blick auf die Finanzen gibt eine mögliche Erklärung: Eine BDY-Ausbildung kostet 10.500 € aufwärts, bei Yoga Vidya wird man Yogalehrer/ in für 5.880 €, Kundaliniyogalehreradepten müssen 2.750 € mitbringen.

Ausschluss von Yogalehrern

Warum braucht also ausgerechnet der Yogalehrer eine zweijährige Ausbildung? Eine staatliche Prüfung, die diese Klausel rechtfertigen würde, gibt es nicht. Lehrkräfte, die unter Umständen schon erheblich mehr Ausbildungsstunden ansammeln konnten, allerdings nicht im Block, bleiben außen vor. Die Zentrale Prüfstelle Prävention nimmt also auf dem Wege der Zertifizierung gefühlt nicht nur massiv Einfluss auf die Gestaltung von Kursen (Weltanschauungsausschluss), sondern auch auf den Zulauf von Schülern über die Zertifizierung selbst und auch auf den Markt der Ausbildungsanbieter über die Richtlinien der kooperierenden Einrichtungen. Wer sich mit dem Gedanken trägt, heutzutage eine Yogaschule zu eröffnen, kommt an dem Marktfaktor Ausbildung nicht vorbei, denn nur durch die Yogastunden selbst lässt sich beispielsweise ein Übungsraum in Berlin kaum finanzieren. Krankenkassenzertifizierte Ausbildungskurse soll nun aber nur jemand anbieten können, der vorher auch selbst so eine zugelassene Ausbildung absolviert hat, und so schließt sich der Kreis der Auserwählten.

 

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