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Bernd Kolb über die Geschichte hinter den Fotografien der Ausstellung Atman in Berlin

 

Meine Reise begann da, wo ich mein erstes tiefes spirituelles Erlebnis hatte – auf Bali. Dort, in der stockdunklen Meditationshöhle eines balinesischen Schamanen mitten im Dschungel, fühlte ich zum ersten Mal die Verbundenheit aller Geschöpfe der Natur mit mir selbst. Im reinen »Nichts« fühlte ich das »All«.
Zum ersten Mal war ich wunschlos glücklich.

Es war eine Erfahrung jenseits von Geburt und Tod, diesseits der Welt, wie ich sie bisher noch niemals wahrgenommen hatte. Aber wie bei vielen dieser Erfahrungen versagt eine Beschreibung mit Worten. Dies sagt schon Laotse im großen Buch des Tao (übersetzt: »der Weg«), der ältesten chinesischen Weisheitslehre, im ersten Satz: »Das Tao, das man beschreiben kann, ist nicht das wirkliche Tao.«

Die Erfahrung auf Bali hatte in mir wieder den Entdeckergeist geweckt, der mich schon ein Leben lang begleitete. Mit fünfzehn hatte ich Siddhartha von Hermann Hesse gelesen. Obwohl ich damals wohl eher nur »geahnt« als wirklich verstanden hatte. Doch wurde der Satz: »Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman, gab es einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte?«, ohne dass ich es zuvor wusste, zum Leitstern meiner Expedition.

Während dieser langen Reise hatte ich viele wirklich unbeschreibliche Erlebnisse, die meine Sicht auf das Leben tiefgehend erweitert haben. Begleitet wurde ich von meiner Kamera, die vieles von diesem Unbeschreiblichen zu sehen bekam. Erst im Laufe meiner Reise begriff ich, dass es diese Bilder sind, die am eindrücklichsten erzählen, was so schwer nur in Worte zu fassen ist.

Es sind Bilder dieser wundervollen Menschen, die ich auf meiner Suche nach den alten Weisheitstraditionen Asiens traf. Achtsamkeit, Respekt und Offenheit waren meine Leitplanken. Ich wollte herausfinden, was diese Menschen so tief zufrieden erscheinen ließ. Sie luden mich ein, nahmen mich auf und teilten ihre Weisheit mit mir. Zeit spielte dabei keine Rolle – ich hatte sehr früh bereits sämtliche Planungen über Bord geworfen. Es war meine Intuition, der ich folgte, und alles fügte sich. Oft war es nur ein leises Gefühl, ein Augen-Blick, der mich anzog.

Manchmal mitten aus einer Menschenmenge, wie beispielsweise des Mädchen aus Nepal auf dieser Seite. Am Krishna-Geburtstagsfest war ich auf dem Durbar Square in Kathmandu. Es waren dort sicher 5.000 Menschen zum Feiern und Tanzen versammelt. Aus etwa fünfzig Metern Entfernung schaute sie mich an, und ich spürte ihren Blick in meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, sah ich sie inmitten des Trubels auf einer Treppe sitzen. Wie von einem Magneten angezogen, ging ich auf sie zu. Das alles geschah wie selbstverständlich. Wir begrüßten uns mit dem landesüblichen Namaste, dem traditionellen Gruß der Hindus, der etwa so viel bedeutet wie: »Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.«

Bilder frei von Absicht

Genau das, was diese Geste aussagt, fühlte auch ich. Fremde, aus scheinbar unterschiedlichen Welten, die sich voller Vertrauen, Respekt und »Zu-Neigung« begegnen und Nähe zulassen. Sie erzählten mir ihre Geschichten, ihre Beobachtungen, ihre Sicht auf die Welt und stellten auch mir viele neugierige Fragen. In solchen Situationen entstanden viele dieser Bilder, auf einer Ebene des Gefühls und des absoluten Gewahrseins.

Die meisten Aufnahmen habe ich mit siebzig Zentimeter Abstand vom Gesicht meines Gegenübers gemacht. Dies ist der Mindestschärfeabstand meines Objektivs. Ich war also innerhalb des berühmten »Sicherheitsabstands«, der Komfortzone von einem Meter Radius, den wir normalerweise Fremden gegenüber wahren. Aber nichts war fremd in diesen Augenblicken, die Nähe fühlte sich wohlig und vertraut an, sicher für beide Seiten, sonst wären solche Aufnahmen gar nicht möglich.

Oft saßen wir viele Stunden, manchmal Tage zusammen. Nicht selten gaben wir uns lange die Hand, um uns tief und innig zu spüren. Ich mag mich an jede einzelne dieser Begegnungen gerne erinnern, jede davon hat mein Herz berührt. In dem Augenblick, in dem ich diese totale Verbundenheit intensiv fühlte, drückte ich auf den Auslöser. Die Kamera wurde dabei nebensächlich, sie existierte gar nicht mehr. Aber sie hielt fest, was das bloße Auge alleine nicht sehen konnte. Die Bilder sind keine »Schnappschüsse«, sondern sie entstanden in dem von mir und meinem Gegenüber gefühlten Einssein. Ohne Kalkül, frei von Absicht.

Deshalb ist das Kennzeichnende der von mir porträtierten Menschen nicht ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Religion oder Kultur, sondern ihr ganz individueller Moment des Gewahrseins. Hunderten von Mönchen, Schamanen, Sadhus oder Priestern bin ich begegnet – aber fotografiert habe ich nur wenige. Denn lange nicht allen Begegnungen wohnte dieser magische Moment inne.

Beobachtung ohne Denken

»Im Wesen von Beobachtung – seiner wahren Bedeutung – gibt es kein Denken; da gibt es kein Zentrum eines ›Ichs‹, das ›dich‹ anschaut«, sagt Jiddu Krishnamurti in seinem Buch Der Spiegel der Liebe. Genauso war es.

Die Menschen, deren Fotos in der Ausstellung zu sehen sind, haben in ihrem Alltag Rituale der Stille, der Leere. Das Ego-Bewusstsein rückt in den Hintergrund. Sie sind fast noch wie Kinder, offen, neugierig, fröhlich und freundlich zu Fremden. Sie streben nicht gierig nach Hab und Gut. Sie haben schon alles Materielle, was sie zum glücklichen Leben brauchen. Ihr Auskommen erhalten sie durch eigene Landwirtschaft, Handwerken, einfachen Handel oder, im Falle der Mönche oder Schamanen, durch Zuwendungen und Spenden, die sie fürs Heilen oder Segnen erhalten, ohne es zu verlangen. Sie haben wenige Pläne, und somit sind sie meistens im Gewahrsein der Gegenwart. Sie sind nicht abgelenkt durch Fernsehen oder Internet. Sie müssen keine Erwartungen von außen erfüllen. Die Wirklichkeit ist einzig die des Augenblicks, ihres Seins. Die tiefe Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens macht sie zufrieden. Sie sind »bei sich selbst«, ihrem »wahren Selbst«, dem Atman.

Die meisten von ihnen können nicht sagen, wie alt sie sind. Sie feiern keine Geburtstage, und die Alten erinnern sich schlicht nicht mehr, in welchem Jahr sie geboren wurden. Der Grund dafür ist einfach: Es zählt der Moment. Gepaart mit dem Bewusstsein von Existenz, die nicht mit der Geburt beginnt und nicht mit dem Tod endet. Das Leben als ein Kapitel von vielen, in dem die Seele, das Atman, Erfahrungen sammelt und mehr und mehr zur Vollkommenheit reift, bis sich der »ewige Kreislauf« des Lebens wieder schließt.

Meditatives Leben

Dieses Bewusst-Sein hat einen wesentlichen Einfluss auf das Sein. Im Westen glauben wir, wir sind unser Körper und haben eine Seele, im Osten sind die Menschen die Seele und haben einen Körper. Allein dieses Selbstverständnis ist ein fundamentaler Schlüssel zum Glück, hält es doch die Gier im Zaum, nach überflüssigen materiellen Reichtümern zu streben, die man für den inneren Wohlstand nicht braucht. Alle porträtierten Menschen praktizieren täglich eine Art von Meditation.

Die einen formlos im An-nichts-Denken. Beispielsweise bei der Handarbeit im Rhythmus ihrer monoton wiederkehrenden Handlungen, einem Mantra gleich. Beim spirituellen Tanz, der einzig und allein aus dem inneren Gefühl heraus die Bewegungen entstehen lässt. Beim Bestellen der Reisfelder, das sich nur am Rhythmus der Natur orientiert. Andere tun dies in einer rituellen Meditationspraxis: die Mönche, die Schamanen oder die Sadhus, die mehrere Stunden am Tag gezielt in die Versenkung gehen, um in ihrem wahren Selbst zu sein. Dies ist die Quelle, aus der sich diese Zufriedenheit schöpfen lässt.

Deshalb ist Weisheit kein Dogma, keine Religion, kein akademisches Wissen, sondern eine Lebenspraxis, die jedem von uns möglich ist. Einfachheit, Langsamkeit und Stille sind der Balsam für die Seele. Während dieser Begegnungen war immer ein besonderes Licht oder mehr ein Leuchten, das auf diesen Bildern zu sehen ist, die oft bei Dunkelheit aufgenommen wurden. Ich benutzte niemals Kunstlicht, keinen Blitz, keine Lampe, ich gab niemals »Regieanweisungen «. Ich griff nie ein in die gegebene Situation. Ich fotografierte nur das, was in diesem Moment wirklich war. Ich sah mein Motiv nicht, ich fühlte es.

Mit den Augen der Seele sehen

»Es gibt ein Auge der Seele, mit ihm allein kann man die Wahrheit sehen«, drückte es der griechische Philosoph Platon einst aus. Das Phänomen ist also keineswegs neu, es ist jedem möglich, solche Erfahrungen zu machen. Aber es ist schwer geworden in einer Zeit, in der uns das Blendwerk der verführerisch glitzernden Konsumwelt immer mehr erblinden lässt. Heute gehe ich davon aus, dass diese Intensität des tiefen wechselseitigen Einlassens der Seelen in den Bildern gespeichert ist. Eine Art »Geist«, der jedem Betrachter zugänglich wird, wenn er sich genauso wie ich auf sein Gegenüber auf den Bildern einlässt.

Diese Art von »Sehen« kann man nur mit dem Herzen gut, wie es Antoine de Saint-Exupéry den »kleinen Prinzen« sagen lässt. Jeder Mensch hat diese Gabe, jeder ist mit jedem verbunden. Wer sich zuwendet, sich einlässt und sein eigenes Herz öffnet, erlebt diese Erfahrung. In der entstehenden Verbindung erspürt er nicht nur sein Gegenüber, sondern sich selbst, sein wahres Selbst, das Atman. Erschrecken Sie nicht, wenn beim intensiven Betrachten »merkwürdige« Dinge geschehen. Vielleicht wird sich nach einer gewissen Zeit Ihr Gegenüber im Bild »verändern «, es wird »lebendig«, dreidimensional, beginnt, sich zu bewegen, oder verändert gar sein Gesicht. Aus einem Mann kann plötzlich eine Frau werden, aus einem Kind ein Greis.

All das sind die vielen Facetten unseres Atman. In jedem von uns gibt es diese vielfältigen Aspekte unseres Selbst. Wir sind mit allem und allen verbunden. Das habe ich intensiv gefühlt, in jeder einzelnen Situation, in der diese Aufnahmen entstanden sind. Sie können das im kontemplativen »Betrachten« selbst erleben.

Hermann Hesses Siddhartha war eine der wichtigsten Inspirationen meiner Jugendzeit. Als ich das Buch nach mehr als dreißig Jahren wieder las, wurde mir klar: Auch meine Reise war eine Reise zu mir selbst. All die wundervollen Menschen, denen ich begegnete, waren meine Wegweiser.

Ganz bei sich und doch gleichzeitig tief mit mir und allem verbunden. So wie das Atman allverbunden ein Teil des Brahman, des Göttlichen, des Alls, der Weltseele ist. Für mich schloss sich ein Lebenskreis. Meine erste, fast noch kindliche Berührung mit dem Atman mündete in dieser Ausstellung, wie ein Bächlein in den Fluss und dieser in den Ozean.

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